Wenn Vergnügen zum Horror wird
Bestimmt kennen viele von uns ein Buch, dass eigentlich zu schrecklich zum lesen ist, aber zu gut, um es nicht zu lesen. Für mich ist das „Der Zirkusbrand“ von Stewart O’Nan. Nach einem Deep Dive zum Thema ...
Bestimmt kennen viele von uns ein Buch, dass eigentlich zu schrecklich zum lesen ist, aber zu gut, um es nicht zu lesen. Für mich ist das „Der Zirkusbrand“ von Stewart O’Nan. Nach einem Deep Dive zum Thema berühmte Brandkatastrophen, landete ich irgendwann beim Zirkusfeuer von Hartford 1944 und dem damit empfohlenen Buch.
Stewart O’Nan schreibt eigentlich Romane und auch wenn das hier ein Sachbuch ist, merkt man dem Schreibstil das Talent des Autors deutlich an. Der wollte mehr über die Tragödie seiner neuen Heimatstadt erfahren und das es kein Buch zu dem Thema gab, begab er sich selbst auf Recherche und konnte so auch viele Augenzeugenberichte mit einfließen lassen.
Der Tag rund um den titelgebenden Brand wird aus so vielen Sichtweisen und in so vielen noch so kleinen, scheinbar unbedeutenden Details beschrieben, dass man förmlich in die Geschichte hineingezogen wird. Plötzlich ist man mittendrin, an diesem heißen Julitag. Man spürt die Hitze, riecht die stickige Zirkusluft, hört die fröhliche Musik.
Das Buch begleitet vor, während und nach dem Brand Retter, Überlebende und Hinterbliebene, sowie die Ermittler, aber auch die Zirkus-Crew. Man erhält einen wahnsinnig echten und emotionalen Einblick aus ganz verschiedenen Perspektiven und staunt, wie unterschiedlich und ja, auch tapfer die mit am schwersten Betroffenen mit der Situation umgehen. Bis Mitte der 90er Jahre behandelt das Buch die Nachwirkungen des Brandes, der bis heute unvergessen bleibt.
Dabei umgibt den Zirkusbrand auch zwei bis heute ungeklärte Mysterien. Ein kleines Mädchen, das trotz nur weniger Brandwunden bis heute nicht eindeutig identifiziert werden konnte und ein kleiner Junge, der zunächst überlebte, im Krankenhaus aber verschwand.
Als Stewart O’Nan den Rat bekam, doch einen Roman aus dem Material zu machen, hatte er schon Recht als er sagte, das müsse er gar nicht. Die Realität ist mitreißender, als es ein Roman je könnte.
Das Buch enthält außerdem eine Vielzahl von Fotografien und Plänen, sowie eine Auflistung einiger Familien, auf deren Schicksal besonders eingegangen wird.
Zum Schluss hat mich auch dieses mal wieder ein wenig der Abschiedsschmerz begleitet. Das klingt seltsam, aber man hat eine gewisse Anzahl von Überlebenden durch so viele emotionale Momente begleitet, dass es einen ganz melancholisch werden lässt, wenn man daran denkt, wie viele Jahrzehnte inzwischen vergangen sind und dass die meisten wahrscheinlich gar nicht mehr leben.
Für mich ist es ein Buch zum mehrmals lesen, zum recherchieren, aber vor allem zum weiterempfehlen. Und nun muss ich endlich mal mehr von Stewart O’Nan lesen. Ich habe da schon ein Buch Blick….