Komplex, multiperspektivisch und sehr bewegend
Der Roman begleitet die tschetschenische Familie Ibragimov und spannt einen Bogen von den 1980er-Jahren bis in die jüngste Vergangenheit. Im Zentrum stehen Adam und Marina mit ihren Kindern und Enkelkindern ...
Der Roman begleitet die tschetschenische Familie Ibragimov und spannt einen Bogen von den 1980er-Jahren bis in die jüngste Vergangenheit. Im Zentrum stehen Adam und Marina mit ihren Kindern und Enkelkindern sowie Adams Bruder und dessen Sohn.
Der Fokus des Romans liegt auf den historischen und politischen Geschehnissen, die sehr detailliert erzählt werden. Die Zeitspanne reicht von der gewaltsamen Deportation der Tschetschenen nach Kasachstan unter Stalin in den 1940er-Jahren bis hin zu den Jahren um 2014, in denen Ramsan Kadyrow Tschetschenien mit eiserner Hand beherrschte.
Besonders beeindruckend ist die Vielstimmigkeit des Romans. Er fängt die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der tschetschenischen Gesellschaft ein und vermittelt ein tiefes Verständnis von Kultur, Werten, Traditionen und Rollenbildern sowie davon, wie diese sich im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Es werden Generationenkonflikte sichtbar gemacht, die Ausbreitung des radikalen Islamismus nachgezeichnet und immer wieder verdeutlicht, wie sehr unterschiedliche Interessen und Einflüsse, sowohl innerhalb Tschetscheniens als auch von außen, im Hintergrund maßgebliche Veränderungen bewirkt haben. Es werden die Tschetschenienkriege beleuchtet, die Anschläge im Moskauer Theater sowie in der Schule von Beslan und vieles mehr.
Der Schreibstil ist klar und gut lesbar, die Handlung spannend und fesselnd, vor allem, je näher sie der Gegenwart rückt. Die Charaktere bleiben zwar eher angedeutet, aber dennoch immer zugänglich und berührend. Manchmal hätte ich mir dennoch gewünscht, tiefer in die Figuren eintauchen zu können, um manche Entscheidungen noch besser verstehen zu können.
Der Autor arbeitet äußerst differenziert: Er zeigt Widersprüche auf, lässt verschiedene Perspektiven nebeneinanderstehen und gibt Einblicke in die Denk- und Gefühlswelt ganz unterschiedlicher Akteur*innen: von tschetschenischen Unabhängigkeitskämpfern, jungen russischen Wehrdienstleistenden bis hin zu überzeugten Dschihadisten. Dabei verknüpft er fiktive Figuren mit historischen Persönlichkeiten und stützt sich auf eine bemerkenswerte Recherchearbeit. So entsteht ein facettenreiches Bild, das die historischen Entwicklungen nachvollziehbar macht, ohne Urteile zu fällen. Die Deutung bleibt den Lesenden überlassen.
Insgesamt hat mich die Lektüre tief erschüttert und sehr nachdenklich gemacht. Der Roman bietet einen multiperspektivischen, komplexen und tiefen Einblick in die Geschichte und Gegenwart Tschetscheniens.