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16,90
inkl. MwSt
  • Verlag: Oktober Verlag
  • Themenbereich: Belletristik - Thriller / Spannung
  • Genre: Krimis & Thriller / Krimis & Thriller
  • Seitenzahl: 333
  • Ersterscheinung: 04.11.2019
  • ISBN: 9783946938484
Ulrich Land

Hölderlins Filmriss

Schwaben-Krimi mit Rezepten
Tübingen 1807. Im beschaulichen Städtchen sind drei unnatürliche Todesfälle in verdammt kurzer Folge zu beklagen. Ein Drucker, ein Verleger, ein Fremder. Mord und Totschlag. Oder sind es vier Fälle? Der Schlosserlehrling etwa auch? Und was haben die Toten mit der Verskunst Hölderlins zu schaffen? Jenes Dichters, der sein Dasein am Rande des Wahnsinns in einem Turmzimmer fristet und traumschöne Poesie verfasst – und inhaltsleere Briefe an die Mutter.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.12.2020

Hölderlin - Geisteskranker Dichter auf Abwegen?

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Was für Verstrickungen sind denkbar, wenn ein amtlich attestierter Geisteskranker in eine Mordreihe verwickelt ist? Und wie erklärt sich die Anziehungskraft einer historischen Persönlichkeit? In Ulrich ...

Was für Verstrickungen sind denkbar, wenn ein amtlich attestierter Geisteskranker in eine Mordreihe verwickelt ist? Und wie erklärt sich die Anziehungskraft einer historischen Persönlichkeit? In Ulrich Lands Roman ist diese Figur der berühmte Dichter Johann Christian Friedrich Hölderlin – nicht ganz zufällig wegen seines 250. Geburtsjubiläums.

Wir schreiben 1807, Ort ist natürlich Tübingen, und innerhalb kurzer Zeit werden drei Morde begangen.
Auf spektakuläre Weise finden zunächst der Drucker Bell und kurz darauf der Verleger Murr den Tod. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht in dem beschaulichen Städtchen, so dass sich Schreinermeister Zimmer verpflichtet fühlt seinem Schützling Hölderlin von den Morden zu berichten. Wohl ist ihm dabei nicht, denn er befürchtet, dass die Botschaft die labile Verfassung des Dichters vollends aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Dieser wurde erst vor kurzem aus der Universitätsklinik mit der Diagnose unheilbarer „geistiger Verrückung“ entlassen und ihm, Zimmer, zur Pflege anvertraut.
Der befürchtete seelische Zusammenbruch bleibt jedoch aus, stattdessen verlangt Hölderlin nahezu despotisch, umgehend nach seinem Studienfreund Isaac von Sinclair zu schicken. Noch bevor der Freund eintrifft, geschieht ein weiterer Mord. Und eben diesen dritten Mord beobachtet Hölderlin vom Fenster seines Turmzimmers aus.
Kaum eingetroffen, stellt Sinclair im Auftrag seines Freundes Nachforschungen an und stößt auf Hinweise, dass dieser ihn nicht nur aus bloßer Neugier auf die Mordfälle angesetzt hat. Nachdem er zu ersten Erkenntnissen gelangt ist, fordert Sinclair:

„Friedrich, ich will´s jetzt wissen, jetzt! Will wissen, wen du in dem Toten im Stocherkahn glaubst, erkannt zu haben!“

Schweigen auf der Bettkante.

„He he, ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht mit offenen Karten spielst.“

Beharrliches Schweigen.

„Pass mal auf, alter Junge, ich weiß es eh. Aber ich will, dass du´s mir sagst!“

Von Sinclair war zwei Schritte näher gekommen.

Hölderlin sah ihn mit großen Augen an. Und schwieg.
Von Sinclair ging in die Knie, hockte sich auf die Fersen, damit dieser blödsinnige Höhenunterschied zwischen ihnen ausgeglichen war. „Wovor, Fritz, hast du Angst?“, stocherte er im Nebel. Hölderlins Augen flatterten, die Pupillen zitterten. Seine Lippen bebten, als wollten sie irgendwas loswerden, brachten aber kein Wort heraus. Aber Sinclair ließ ihn nicht aus dem Blick.“
(S. 136 f.)

Währenddessen laufen die offiziellen Ermittlungen nur äußerst schleppend und unmotiviert an. Sinclair jedoch stellt sich zunehmend die Frage, ob sein Freund eine bedeutsamere Rolle als nur die des Zeugen einer Mordtat einnimmt, denn diese steht offenbar mit dessen Vergangenheit in Verbindung.

Bis hier hin klingt das alles erstmal nach einer klassischen Kriminalgeschichte, die Ulrich Land seiner Leserschaft serviert. 1956 in Köln geboren, lebt Land inzwischen als freier Schriftsteller in Freiburg. Er schreibt Lyrik, Erzählungen, Essays und hat mittlerweile annähernd 40 Hörspiele und mehr als 60 Funkfeatures für verschiedene ARD-Sender verfasst. Mehrfach wurden seine Radiosendungen ausgezeichnet.

Hölderlins Filmriss ist bereits Lands achter Kriminalroman – mit einem auktorial erzählten und spannenden Plot ausgestattet, in den vor allem ein tragisches Lebensereignis Hölderlins eingewoben ist. Es ist die zwar erwiderte, aber unerfüllte Liebe des Dichters zu Susette, der Ehefrau seines Dienstherrn Gontard. Als die Liaison aufgedeckt wird, muss Hölderlin umgehend das Haus der Frankfurter Bankiersfamlie verlassen. Nur kurze Zeit später stirbt Susette – der nächste Schlag für Hölderlin.
Aufgrund seines zunehmend auffälligen Verhaltens wird er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, doch die neumodischen Behandlungsmethoden schlagen nicht an. Und so gelangt der Dichter in das Haus des Schreinermeisters Zimmer und bezieht dort das berühmte Turmzimmer, den Dreh- und Angelpunkt der fiktiven Kriminalgeschichte.
Diese wird nicht durchgängig erzählt, sondern alternierend unterbrochen. Zum einen durch den Briefwechsel zwischen Hölderlin und dessen Mutter, zum anderen durch Einschübe, die gänzlich außerhalb der primären Erzählung angesiedelt sind.
Beinahe analytisch beschäftigt sich dort ein nun in der Gegenwart zu verortender Ich-Erzähler mit der Deutung von Hölderlins Lyrik und dem Dichter selbst. Aber er erinnert zum Beispiel auch Lebenssituationen, in denen der Poet für ihn eine – mal mehr und mal weniger – bedeutsame Rolle gespielt hat, und reflektiert auch die von Hölderlins Krankheit auf ihn ausgehende Anziehungskraft.
Hin- und herschwankend überlegt er:

„Bleibt, blieb und ist mir ein Rätsel – wie vieles, was mich an Hölderlin so fasziniert. An diesem Grenzgänger. Vermutlich genau das, dass er stets auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn entlangstolperte. Entlangschlafwandelte. – Nein, vermutlich eher nicht. Von traumwandlerischer Sicherheit keine Rede. Vielleicht, kann durchaus sein, dass ihn die Anfälle, die Schübe, die Attacken plötzlich überkamen, aus heiterem Himmel, dass sie sich nicht ankündigten, ihn von jetzt auf gleich, aber stets volle Breitseite trafen.

Aber er war sich dessen bewusst. Bewusst, dass er entgleiste. Vermutlich konnte er sich der Störfeuer aus dem Nichts nicht erwehren, aber er wusste es. Er litt darunter. Das weiß ich. Litt zumindest so lange darunter, bis er begriff, dass das Aus-der-Reihe-tanzen durchaus auch Mittel zum Zweck sein konnte.“ (S. 83)

Der Roman entspricht also einer Collage verschiedener Erzähltechniken. Im Anschluss an die kriminalistische Erzählung, die Briefe und Reflexionspassagen bildet eine Rezeptsammlung der schwäbischen Küche, deren Gerichte vermutlich bereits Hölderlin aufgetischt wurden, den Abschluss.

Überzeugend an diesem Roman ist nicht allein die Kriminalgeschichte, die zunächst im Vordergrund zu stehen scheint. Vielmehr ergibt sich der Gehalt durch ihre Verknüpfung mit den reflexiven Einschüben, welche sich zunächst durch optische Differenzierungen im Layout unterscheiden und auch sprachlich weit auseinander fallen, nämlich einerseits durch den historischen Sprachduktus, in welchem der Krimi erzählt wird, andererseits durch die teils stakkatohafte Gegenwartssprache in den reflexiven Textpassagen. Durch letztere werden schlüssige Erklärungen dafür geliefert, weshalb der fiktive Hölderlin der Kriminalgeschichte auf eine spezielle Weise dargestellt wird – nämlich gar nicht so wirr, wie man zunächst annehmen möchte. Nicht geistige Entrückungen, sondern die Sprachlosigkeit gegenüber seinen Mitmenschen stellt offenbar Hölderlins weitaus größeres Problem dar. Innerhalb der Kriminal-geschichte weist hierauf vor allem der inhaltslose Briefwechsel mit der Mutter hin, deutlich wird der Komplex aber erst durch die Betrachtung aus der zeitlichen Distanz.
Auf sehr eindrucksvolle Art regt Ulrich Lands Roman dazu an, sich mit Hölderlin noch stärker auseinandersetzen zu wollen.

Wem diese Kost nicht reicht, dem bietet der Roman noch einen Nachschlag: die traditionellen schwäbischen Rezepte, womit noch einmal eine humoristische Pointe hineingebracht wird. Es bleibt dem Leser überlassen, ob er sich einfach nur mit der Küche Tübingens vertraut machen möchte, oder ob er sich auf eine kulinarische Sinnesreise begibt, die ihn möglicherweise näher an den Mann heranführt, dessen literarisches Schaffen bis heute viel berätselte Legende geblieben ist.

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