Gute Idee, nicht ganz geglückte Umsetzung
Mir ist das Buch wegen seines knalligen Titels aufgefallen und da Thema "Frauen in der DDR" auch in den Medien präsenter wird, habe ich reingelesen. Ich finde den Titel ein bisschen irreführend, denn ich ...
Mir ist das Buch wegen seines knalligen Titels aufgefallen und da Thema "Frauen in der DDR" auch in den Medien präsenter wird, habe ich reingelesen. Ich finde den Titel ein bisschen irreführend, denn ich habe die Frauen im Buch nicht kämpferisch als "anders" empfunden, sondern als Menschen, die Umbrüchen ausgesetzt sind. Für mich hat das Buch deswegen vor allem eine melancholische Note.
Worum geht es?
Das Buch verzeichnet 13 Porträts verschiedenener Frauen, die einen Bezug zur DDR haben und aus Ostdeutschland stammen. Die meisten sind in den 60er geboren, wenige sind Ende der 80er bzw. in den 20ern geborgen und haben die DDR eher durch ihre Folgen miterlebt.
Das Buch orientiert sich dabei an einer "oral history", die Autorin hat die Personen also frei erzählen lassen und das dann unter der zentralen Fragestellung zusammengefasst und eingeordnet.
Wie hat mir das Buch gefallen?
Eine Bewertung fällt mir schwer, denn wie so oft: Das Thema ist gut und wichtig, mit der Gestaltung bin ich nicht ganz glücklich.
Die Autorin hat es geschafft, sehr unterschiedliche Frauen zu vereinen. Manche Geschichten und Gedanken haben mich bewegt. Ich fand faszinierend, wie sehr "der Osten" auch in der jüngeren Generation nachwirkt und wieviel aufgearbeitet werden muss. Das Buch kann ein guter Ansatz sein, mit anderen ins Gespräch zu kommen.
Besonders erstaunt hat mich das Rollenbild. Denn auch in der DDR hat sich die Frau um Haus, Herd und Kinder gekümmert - und es wurde erwartet, dass sie Vollzeit arbeitet. Auch der Zusammenhalt innerhalb des Betriebes wurde deutlich. Und es fällt auf, dass die Eltern der Frauen den Staat oder Teile davon kritisch sahen, aber gern darin liebten. Sie gaben an ihre Kinder eine teils kritische Meinung wider, aber auch das Bewusstsein, dass man manche Dinge nur im Privaten sagen durfte.
Die Autorin hat es gut geschafft, den Frauen Raum zu geben, aber immer wieder auf das zentrale Thema zurückzukommen.
Mein großes Problem ist der Erzählstil. Die Autorin lässt die Frauen nicht in der Ich-Form erzählen, sondern sie erzählt nach. Manchmal sind direkte Zitate eingefügt oder Worte in Anführungszeichen gesetzt, wenn die Frauen etwas als besonders ungewöhnlich empfanden. Fragen der Autorin an die Porträtierten werden ohne Anführungszeichen gesetzt. Das lässt die Autorin als Fragestellerin unauffälliger wirken, verschleiert aber auch ein Stück ihren Einfluss. Ich spürte beim Lesen einen klaren Tonfall, der weniger sachlich war, sondern eher Mitgefühl zeigte. Das hat dazu geführt, dass ich die Portätierten eher als Leid-Tagende ihrer Vergangenheit empfand. Ich fand das sehr traurig. Ich vermute, dass die Dankbarkeit gegenüber den Personen war und der Wunsch, ihre Geschichte mit Respekt zu behandeln.
Dieser Respekt wird positiv deutlich, wenn die Autorin bei einem Gefängnisaufenthalt und einer Krankenschwester im Altenheim auf schlimme Details verzichtet, um dem Voyeurismus keinen Raum zu geben. Das fand ich wirklich gut, denn das hätte abgelenkt.
Ein weiteres Problem des Buches ist, dass es Ähnlichkeiten der Frauen gibt: Viele haben ein problematisches Verhältnis zu den Eltern, oft zum Vater, die besonders Leistung fordern. Sie sind ein Stück gefangen in ihrem Umfeld. Viele Frauen fanden die DDR grundsätzlich gut, nur die Umsetzung und Ungleichheit nicht. Hier überschneiden sich die DDR und das Zeitgeschehen - was war System, was war gesellschaftlicher Konsens, in Ost und West? Die Frauen wollten oft weg, aber nicht wirklich ausreisen. Sie empfanden den "Westen" als zu laut und sind selten dort geblieben. Sie haben mit ihrem Beruf gehadert - sie haben ihn gern gemacht, hatten aber Probleme. Die meisten Frauen sind Arbeiterinnen, es gibt nur zwei Künstlerinnen. Ich hätte mir Frauen gewünscht, die gern im "Westen" lebten, die politisch engagiert oder "alternativ" waren. Es sind 13 sehr unterschiedliche Frauen, aber mir fehlten Gegengewichte, Gegensätze.
Mir fehlten im Buch auch manche Erklärungen; Infokästchen oder weiterführende Informationen wären schön gewesen. Besonders, wenn man der jüngeren Generation angehört. Man versteht das Buch, aber ich hatte einige Stellen, die ich gern ausführlicher gehabt hätte. Z.B. die Unterschiede im Theaterbetrieb, oder anderes. Allerdings ist jedes Porträt ca. 20 Seiten lang, ich denke, dass es nicht ins Konzept gepasst hätte, manchen Frauen deutlich mehr Platz zu geben.
Ich begrüße auch, dass es keine aktuellen Bilder der Porträtierten gibt, sodass die Anonymität gewahrt ist. Kinderfotos sind enthalten. So kann man sich wundervoll auf die Geschichten konzentrieren. In einem Fall geht die Anonymität aber so weit, dass kaum Fakten zur Familie oder andere Ankerpunkte vorhanden sind. Bei dieser Person hatte ich große Problem, sie greifen zu können.
Fazit
Das Buch ist keine schlechte Wahl und man kann viel mitnehmen. Es ist aber auch nicht so umfassend, wie ich gedacht habe. Wirkliche Erkenntnisse habe ich wenige gewonnen.