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Evy_Heart

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.02.2021

Dann ist es zu früh (zu früh)

Career Suicide
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Ich hatte das Buch angefordert, weil auch ich eine typische Gossip-Leserin war, die Tokio Hotel nur aus den Medien kennt und immer ein bisschen belächelt hat - zu laut, zu berühmt, zu viel geschminkt. ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil auch ich eine typische Gossip-Leserin war, die Tokio Hotel nur aus den Medien kennt und immer ein bisschen belächelt hat - zu laut, zu berühmt, zu viel geschminkt. Und dann waren plötzlich Bills Haare ab, die Musik elektronischer und alles wirkte gewollt. Hinzu kam noch der Rummel, der um das Buch veranstaltet wurde - es gibt nur wenige bekannte Medien, die keine "Rezension" darüber geschrieben haben. Ich war gespannt, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Erkenntnisse am Anfang: Was die Band in 5 Jahren erlebt hat, wieviel sie gearbeitet hat, das würde sich kaum jemand freiwillig antun. Dass sie das in einer Zeit getan hat, in der man sich normalerweise ausleben kann, macht es umso bitterer. Ich musste aber auch feststellen: Für eine Biografie ist es wohl noch zu früh. Kaulitz konnte sich erst mit Anfang, Mitte 20 von dem Trubel lösen und zu einer Persönlichkeit werden und ich merkte, dass viele Dinge noch zu nah sind, um reflektiert darüber zu sprechen. Daher ist besonders das letzte Drittel sehr oberflächlich.

Fakt ist aber auch: Es hat mich bewegt.

Worum geht es?

Um Bill Kaulitz. Weniger um Tokio Hotel, weniger um Kunst, manchmal um die Beziehung zu Bruder Tom. Überwiegend um Bill.

Das titelgebende Thema "Karriereselbstmord" wird immer wieder aufgegriffen und ist ein loser, roter Faden. Prägnant ist das Thema "Freiheit"

Inhalt

Im ersten Drittel erzählt Kaulitz von seiner Kindheit in der Wendezeit, was ich sehr interessant fand. Die Beziehung zu seiner Mutter ist tief und die Angst, sie zu verlieren, war groß. Genauso wie die Angst, später wieder am Existenzminimum leben zu müssen. Gleichzeitig erweisen sich die Brüder in Kombination als erstaunlich - sie ecken überall an, schaffen es aber durch geschickte Kooperationen, durch den Schulalltag zu kommen.

Zum Nachdenken gebracht hat mich, dass sich Kaulitz in der Schule, aber auch im Montessori-Kindergarten, nicht frei genug fühlte - ich vermute, dass die Methoden damals noch anders waren. Heutzutage gibt es Einrichtungen, die Kinder teilweise individuell fördern können. Allerdings ist Kaulitz' Schlussfolgerung "Für mich ist die DDR eh eines der größten Verbrechen" - ziemlich drastisch. Ich denke, dass manche Taten des Staates Verbrechen darstellen können, besonders, was die Überwachung und die Einschränkung mancher Rechte betrifft. Andererseits war die Intention damals nicht, der Bevölkerung zu schaden. Hinzu kommt der Generationenkonflikt - während die Eltern im System aufgewachsen sind und es ein Stück akzeptiert haben, sahen die Kinder die Folgen der Wende und den beginnenden Kapitalismus. Es ist eine These, über die man herrlich diskutieren kann. Sie zeigt aber auch, dass mangelndes Reflexionsvermögen eine Schwachstelle des Buches ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass das ein Teil von Kaulitz' Persönlichkeit ist - geradlinig, immer nach vorn, wenig zurück.

Komischerweise findet die Mutter später kaum noch statt - nachdem Tokio Hotel durchgestartet waren, erfahren wir nur wenig. Auch das ist ein roter Faden.

Schwierig fand ich, dass Kaulitz ausführlich erzählt, dass er und seine Mitschüler sich ausprobiert haben. Und dass manche Mädchen mit sehr vielen Jungs rumgemacht haben - ich hatte an einer Stelle das Gefühl, dass er das belächelt oder ein bisschen negativ findet.

Eine weitere intensive Zeit mit vielen Infos war Tokio Hotel - mir war gar nicht bewusst, dass alle von der Situation überfordert waren und selbst die Eltern, von denen man als Außenstehender denkt, dass sie ihre Kinder schützen, die Brüder nicht schützen können, weil sie keine Erfahrung haben. Das, was als Spaß beginnt, wird schnell zum öden Alltag, in dem genau das fehlt, was Kaulitz so wichtig ist - Freiheit. Nicht vor die Tür gehen zu können, keine Erfahrungen machen dürfen, aus Angst, dass die Presse davor erfährt, das stelle ich mir schrecklich vor.

Interessant war, dass Kaulitz weder sein Aussehen noch seine Sexualität oder sein Gender thematisiert - er wollte Kunst machen und rechtfertigt sich nicht. Ich fand das gut, weil es zeigt, wie nebensächlich das ist.

Negativ in der Tokio Hotel-Passage fand ich, dass er erwähnt, die Verträge mit der Plattenfirma seien teilweise sittenwidrig gewesen, aber das nicht ausführt. Außerdem spielen nach dem Zusammenbruch aufgrund der Zysten auf den Stimmbändern die anderen Jungs der Band keine Rolle mehr.

Das letzte Drittel beschäftigt sich mit dem Fall und Wiederaufstieg. Hier kippte die Stimmung für mich ein bisschen. Einerseits entdeckt sich Kaulitz selbst, was ich toll fand, und er behält dabei seine Bescheidenheit. Ich dachte, dass er jetzt endlich erwachsen werden darf. Andererseits hoffte ich, mehr über ihn als Künstler zu erfahren. Die Begegnungen mit Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop waren Lichtblicke, die aber schnell verschwanden, weil die Passagen so kurz sind. Ich hatte gehofft zu lesen, was Kaulitz bewegt, außer die Angst zu scheitern und andere zu enttäuschen. Leider gab's dazu wenig.

Ich habe aber Respekt davor, dass die Brüder ihr erstes eigenes Album fast allein auf die Beine gestellt haben - Musik machen ist nicht leicht.

Auf den letzten 30 Seiten implodiert das nicht-vorhandene Reflektieren - ja, man kann ihn wirklich arrogant finden; ich glaube aber, dass er manches verschweigt. Mich hat total irritiert, dass die Band nach dem Comeback-Album ein ähnliches Presse-Pensum erfüllt wie früher. Und anstatt zu gucken, wie man das bewältigen kann, ohne im nächsten Burn-Out zu landen, meckert Kaulitz darüber, wie langweilig das ist und wie anstrengend, wenn man verkatert zu Interviews erscheint. Weil er jetzt Party im Berghain macht. Und wie gut es ihm gelungen ist, immer die Fassade aufrecht zu erhalten. Ich habe mich gefragt, wie hart das Leben sein muss, wenn man nichts anderes zu tun hat, außer Party zu machen.

Dafür gibt's nette philosophische Sprüche über das Leben.

Das Thema Liebe kommt immer wieder auf, bleibt aber leider an der Oberfläche.


Schreibstil und Optik

Kaulitz schreibt sehr flüssig, geradlinig, nahbar. Ich empfand das Buch nicht als verkrampft erzählend, nicht als jemand, der unbedingt eine Botschaft vermitteln will, sondern wie jemand, der einfach nur plaudert. Manchmal duzt er den Leser, was ich unnötig fand. Aber ich sehe das als Mittel, um Nähe zum Leser herzustellen - das kann gefallen.

Probleme hatte ich mit den Zeitsprüngen, die besonders im letzten Drittel zunehmen. Beim Thema "toxische Beziehung" setzt Kaulitz mehrmals an, bricht aber immer wieder ab. Ich verstehe, dass das zu belastend ist, um darüber zu reden, vor allem öffentlich. Aber ich hätte es besser gefunden, wenn er die Beziehung nicht angesprochen hätte - denn das fördert die Neugier des Lesers und lenkt davon ab, was Kaulitz eigentlich zu sagen hat.

Und ja, Kaulitz spart nicht mit vulgären Ausdrücken. Kann man erregend finden, kann man abstoßend finden. Ich fand's unnötig, aber nicht extrem störend. Immerhin hat man mit 300 Seiten seinen Jahresvorrat an "lecken", "saugen", "kotzen" verbraucht.

Sehr benutzerfreundlich ist, dass die Fotos nach den Kapitelüberschriften gesetzt sind, nicht als extra Anhang, und dass sie unabhängig von der Schriftgröße sind - ich hatte keine Probleme bei der Darstellung als E-Book. Auch die Quellen sind direkt im Text angegeben.


Fazit

"Career Suicide" war weder so oberflächlich, wie ich anfangs gedacht hatte, noch so tiefgründig, wie ich in der Mitte gehofft hatte. Letztlich fand ich die Passage der Kindheit am stärksten. Sie zeigt, dass Kaulitz ein sensibler Mensch ist, der sich und vor allem andere beschützen will und von vielen Ängsten getrieben ist. Ein Mensch, der immer voran will, in die Praxis will, der sich aber schnell eingeschränkt fühlt. Letztlich ist Bill Kaulitz ein Mensch wie jeder von uns. Das hat das Buch immerhin gezeigt. Ich war trotzdem nicht komplett glücklich damit. Aber es war eine intensive Erfahrung und ein Buch, das im Gedächtnis bleibt.

PS: Das Vorwort hätte man sich sparen können. Künstlerisch abgehackte Bandwurmsätze, deren Inhalt schwer zu erfassen ist, waren weder gut noch passen sie zum Buch.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.02.2021

Tolles Setting, aber vorhersehbar

Die Jägerin
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Ich hatte das Buch angefordert, weil ich mir Spannung erhoffte, eine selbstbewusste Frau, die mit List an ihr Ziel kommt, die Verbrecher zur Strecke zu bringen. Elegant sind im Buch vor allem die Klamotten, ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil ich mir Spannung erhoffte, eine selbstbewusste Frau, die mit List an ihr Ziel kommt, die Verbrecher zur Strecke zu bringen. Elegant sind im Buch vor allem die Klamotten, wirklich spannend, wie ich es von einem Krimi erwarte, ist der Text nicht. Dafür überzeugt das Setting.

Im Englischen heißt das Buch "War Widow", was nicht nur ein gutes Wortspiel ist, sondern auch auf eines der Hauptthemen verweist. "Die Jägerin" verheißt Spannung, die nicht da ist.

Rezi enthält Spoiler!

Worum geht es?

Billie Walker war im Zweiten Weltkrieg Reporterin in Europa und hat ihren Mann verloren. Im Jahre 1946 hat sie die Detektei ihres toten Vaters übernommen und hält sich mit Scheidungsfällen über Wasser. Als Nettie Brown ihren Sohn vermisst, sieht alles nach einem klaren Fall aus. Doch bald häufen sich die Zufälle und auch Billie bleibt nicht verschont.

Der Text wird dabei meist aus Billies Sicht erzählt, einige Szene auch aus der Perspektive des vermissten jungen Mannes.

Schwerpunkte

Sydney: Das Buch spielt in Australien, das ich bisher nicht mit dem Krieg in Verbindung brachte. Es zeigt, wie sich die Stadt verändert hat und dass der Reichtum der Oberschicht schwindet, dass alles nur Schein ist. Gleichzeitig befinden wir uns am Beginn einer wirtschaftlichen Krise. Hinzu kommt, dass die Stadt überflutet ist von Kriegsheimkehrern, die körperlich und seelisch verletzt sind und nun ihren Platz suchen. Von Frauen wird erwartet, dass sie die Jobs, die sie während des Krieges von den Männern übernommen haben, aufgeben und "zurück an den Herd" kehren. Außerdem hat sich die Medizin im Laufe der Jahre weiterentwickelt - Soldaten können besser behandelt werden als zehn Jahre zuvor. Ich finde den Handlungsort und die Zeit sehr interessant, denke aber, dass Leute, die damit vertraut sind, nicht soviel Neues lernen.

Frauen: Billie ist keine Ermittlerin, die eine männliche Rolle übernimmt, sondern (feminine) Kleidung ist ihr wichtig und sie wehrt sich mit den Waffen einer Frau z.B. einer Hutnadel. Allerdings wird sehr häufig erwähnt (und nur selten gezeigt), dass sie als Frau im Beruf nicht ernst genommen wird. Das war etwas nervig. Das Thema "Liebe" spielt eine Rolle, aber es ist keine Liebesgeschichte. Das hat mir gefallen.

Aufbau und Spannung

Die Geschichte lebt von der Umgebung, wird aber gebremst von den ausführlichen Beschreibungen. Überspitzt formuliert: Bis ich herausgefunden habe, welche Farbe die Blumen auf der Tischdecke auf dem Tisch in der Mitte des Wohnzimmers der Verdächtigen haben, habe ich bereits vergessen, wer gerade spricht und was er sagt. Es fühlte sich nicht langatmig an, aber das, was auf 307 Seiten passiert, hätte man auch in 150 erzählen können.

Der Perspektivwechsel auf das Opfer gibt dem Text Spannung, und es gibt eine Verfolgungsjagd. Auf dem Höhepunkt fehlte mir jedoch das Überraschungsmoment. Es gibt noch ein Nachleuchten, aber ich habe nicht mitgelitten.

Der Täter und das Motiv sind bekannt: Ein Nazi, der in der Verwaltung eines KZ saß und den Schmuck und die Gemälde seiner Opfer nach Australien geschafft hat, wo er sich damit, und mit dem Missbrauch junger Aborigine-Mädchen, sein Leben finanziert. Für mich war das nicht spannend, das WIE wäre es gewesen.

Immerhin ist das Krimi-Noir-Feeling vorhanden.


Fazit

Für mich ist das Buch als Krimi langweilig, auch wenn ich die Umgebung mag. Das Potential für Fortsetzungen ist da, einige Fragen sind noch offen. Aber ich fand die Stimmung nicht mitreißend.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 06.02.2021

Ein Gregor macht noch keinen Lehrer

Der Mathelehrer und der Tod
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Ich hatte das Buch angefordert, weil ich einen humorvollen Cosy-Krimi lesen wollte und das Thema "Bildung" derzeit sehr präsent ist. Letztlich war es ein Roman, der an seiner Hauptfigur krankt.

Rezi enthält ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil ich einen humorvollen Cosy-Krimi lesen wollte und das Thema "Bildung" derzeit sehr präsent ist. Letztlich war es ein Roman, der an seiner Hauptfigur krankt.

Rezi enthält Spoiler!

Worum geht es?

Um einen Mathe-Physik-Lehrer, der aus dem Fenster gestürzt ist. Und einen Deutsch-Geschichts-Lehrer, der sich in sein Spiegelbild verlieben würde, wenn er einen Spiegel aus dem passenden Jahrhundert finden würde.

Die Hauptfigur

Ich glaube, Gregor Horvath darf man hassen und das habe ich getan. Ich tat es jedoch nicht mit Freude und ich bin mir nicht sicher, ob es an der Figur liegt oder am Handwerk. Denn Gregor ist mit seiner Vorliebe für alte Klamotten und alte Musik so deutlich, dass es langweilig wird. Wenn er nicht gerade über den Täter spekuliert, beschreibt er sich selbst und seine Besonderheiten - man sieht ihn aber selten daran an seiner Umwelt scheitern. Ganz im Gegenteil: Mit den Schülern kommt er gut klar, mit einer Viererclique besonders. Feinde hat er nicht. Er mag starke Gefühle nicht, woran auch seine Beziehung zerbrochen ist. Vergleicht man Gregor mit ähnlichen Figuren wie den Sherlock-Darstellungen in "Sherlock" und "Elementary", dann fällt auf, dass Gregor weder besonders intelligent noch witzig ist noch dass er ein besonders schweres Päckchen oder eine interessante Vergangenheit mit sich herumträgt. Er ist "nur" aus der Zeit gefallen und hat leicht autistische Züge. Und er mag Tai-Chi. Und natürlich löst eine Frau plötzlich starke Gefühle in ihm aus. Ich habe aber kein Bedürfnis, ihn nochmal 180 Seiten über sich dozieren lesen zu wollen.

Die Schul-Referenzen waren nett, aber ich hatte mit einem Böhmermann-Video in 20 Minuten mehr Spaß und Aha-Momente als auf 180 Seiten.

Die anderen Figuren

Der Autor hat ein gutes Gefühl für Namen - jede Figur hat einen Namen, der passt. Ob Lokalpolitiker oder betrunkener Familienvater, ob Sonderling oder Polizist - ich fand das sehr stimmig.

Allerdings erinnerte mich Kriminaltechnikerin Betty zu sehr aus "Abby" aus "Navy CIS" - das war überdeutlich.

Die Spannung

Als erfahrene Krimiguckerin war mir bereits früh klar, dass das Tatmotiv, das 140 Seiten lang aufgebaut wird, nicht das richtige ist. Die Auflösung war überraschend, aber nicht sehr. Ein paar falsche Fährten werden gelegt, aber glaubwürdig war es nicht.

Problematisch ist, dass es nur einen Handlungsstrang gibt. Dadurch verpufft die Spannung.

Fazit

Das Buch ist einen nette Lektüre, aber kein Muss. Es gibt belletristische Bücher, die das Thema besser aufbereiten. Gregor, ich hab leider nur ne 3 mit Sternchen für dich.

  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2021

Gepupste Herzchen

The Music of What Happens
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Ich habe das Buch angefordert, weil ich die Idee des Food Trucks interessant fand und etwas über die Hintergründe des Food Trucks erfahren wollte. Letztlich ist das Buch eine süße Geschichte, die weniger ...


Ich habe das Buch angefordert, weil ich die Idee des Food Trucks interessant fand und etwas über die Hintergründe des Food Trucks erfahren wollte. Letztlich ist das Buch eine süße Geschichte, die weniger von Liebe und Erotik als von Freundschaft handelt.

Rezi enthält Spoiler.

Triggerwarnung: Der Text enthält eine Vergewaltigung und reißt deren Verarbeitung an.

Worum geht es?

Jordan und Max wirken unterschiedlich, haben aber ähnliche Probleme: Max kämpft mit den Folgen einer Vergewaltigung, Jordan um seine Mutter, die nach dem Tod des Vaters eine bipolare Störung (?) entwickelt hat. Außerdem fühlen sich beide innerhalb ihres kleinen Freundeskreises ausgeschlossen und nicht gesehen.

Die Charaktere

Max sieht sich als "Super-Max", als Kerl, der Probleme einfache weglächelt. Die Prägung rührt aus der Kindheit, als Jordans Vater, der später die Familie verließ, ihm sagte, er sollte nicht weinen. Auch heute noch kann der Vater mit Gefühlen schlecht umgehen. Im Laufe der Handlung erkennt Max, dass er nicht immer stark sein muss. Außerdem malt er, was eine Verbindung zu Jordan herstellt, der Gedichte schreibt. Die Malszene war für mich gut nachfühlbar. Ich denke, der Autor hat es geschafft, Kunst so zu beschreiben, dass man sie sich vorstellen kann - das ist selten! Der Schlüssel ist, das Max eine Emotion zeichnet, die ein paar Seiten zuvor schon beschrieben wurde - der Leser hat eine Beziehung dazu und spürt sie beim Entstehen des Bildes. Für mich war Max prägnant und ein guter Kontrast zu Jordan. Was die Beziehung zum Leser angeht, hat Max einen "Anfangsvorteil", weil die erste Szene des Romans von ihm und seiner Kindheit handelt.

Jordan war zuerst der "schwächere" Teil der Beziehung. Er leidet unter sozialen Ängsten, was auch im Buch als Trigger notiert ist. Das äußert sich besonders darin, dass er sich ständig selbst kritisiert und seine Freudinnen nicht zurecht weist, als diese seinen Hund ärgern. Ich konnte Jordans Ängste leider nicht nachfühlen, obwohl ich soziale Ängste aus der Realität kenne. Ich denke, dass Jordans Krankheit relativ einseitig geschildert wird - man sieht nur seine Innensicht, selten seine Außenwirkung. Für mich hat sich Jordan kaum von anderen Figuren des Typus' "schüchterner Kerl" unterschieden. Allerdings bewundere ich seine realistische Sicht auf seine Mutter - er erkennt, dass sie übertrieben dramatisch agiert und es ihr nicht um ihn geht, sondern um sich - auch bei seinen Problemen. Interessant fand ich, dass Jordan versucht zu gendern und dass es ihm wichtig ist, keinen Vorurteilen nachzugeben. Leider verläuft sich das im Laufe des Romans. Jordan schreibt Gedichte, die klingen, als hätte man sie aus einer Teenager-Zeitschrift ausgeschnitten - sie sind umgangssprachlich, wenn Reime vorhanden sind, sind sie eher zufällig. Sie enthalten nette Bilder, wirken aber sperrig und nicht schön. Letztlich ist das jedoch Geschmackssache.

Ich fand beide Figuren einzigartig, aber schwer zu unterscheiden, weil sie ähnlich deutliche Probleme haben. Besonders, dass die Beziehung zu ihren Freunden gleich ist. Ich hatte das Gefühl, dass Max' Bindung zu seinen "Amigos" tiefer geht, während Jordan seine Freundinnen "nur" hat, um nicht allein zu sein. Außerdem klingen beide stilistisch gleich.

Themen

Psychische Probleme: Einige Aspekte der Depression, kombiniert mit manischen Phasen, wirkten auf mich realistisch. Jordans Mutter liebt ihn, sie sieht ihn aber nicht. Für sie ist er kein 18-jähriger Junge, der seinen Vater verloren hat, sondern ein Freund, der sich um sie kümmert. Sie verleugnet ihre Krankheit, versucht sogar, sie zu vertuschen. Jordan wiederum spricht das nicht an, weil er Angst hat, dass sie weint. Die beiden befinden sich in einem Teufelskreis. Mich irritiert aber, dass das niemandem auffällt - keiner betreut die Familie, es scheint niemanden zu interessieren.

Vergewaltigung: Der Akt selbst wird grob geschildert, im entscheidenden Moment hält der Autor nicht drauf, sondern versetzt sich in Max, der das Geschehen außerhalb seines Körpers schemenhaft wahrnimmt. Ich fand das für die Figur traurig, aber nicht deutlicher, als unbedingt nötig. Danach widmet sich der Text der Frage der Opferrolle - wie groß muss ein "Nein" sein, um als "Nein" zu gelten? Warum hat sich Max nicht gewehrt? Ich fand diese Fragen sehr treffend. Allerdings fehlten mir die langfristigen Auswirkungen, weil der Roman nur eine Handlungszeit von einem Monat hat. Insgesamt geht der Text sehr feinfühlig mit dem Thema um.

Freundschaft: Jordan bezeichnet seine Frauen liebevoll als seine "Ehefrauen". Mir ist aufgefallen, dass sie ihn kaum in Gespräche einbeziehen und manchen Gag auf seine Kosten machen. Die Beziehung ist eher oberflächlich, von seinen Gedichten erzählt er kaum. Der Sinn der Beziehung besteht darin, über andere zu lästern, gegen etwas zu sein. Max' Freunde wirken netter, aber sie spielen meist Videospiele oder reden über Sport. Einer der beiden ist Poetry Slamer, wird aber eher belächelt. Ich denke, auch das ist realistisch - dass man mit 18, wenn man sich als Außenseiter fühlt, nicht die Wahl hat, mit wem man befreundet sich, sondern die Leute nimmt, die einen nicht hassen. Die Auflösung der Konflikte ist etwas geschönt, weil plötzlich Themen zur Sprache kommen, die vorher nicht einmal angedeutet wurden. Aber der Autor bemüht sich, jede Figur zu Wort kommen zu lassen und Harmonie darzustellen.

Paradox finde ich jedoch, dass es beiden darum geht, Grenzen zu akzeptieren, sie aber innerhalb der Beziehung übertreten werden. Max überredet Jordan dazu Football im Park zu spielen und ins Fitnessstudio zu gehen und er bestimmt, welche Geräte benutzt werden - er dominiert nicht, aber er übt im Rahmen der Freundschaft Druck aus. Max hätte Jordans Wunsch respektieren oder ein anderes Gerät suchen können.

Die Erotik

Im Buch wird geküsst und es gibt eine interessante Szene, die Sport und Erotik verknüpft. Allerdings fehlte mir das Knistern und selbst die Momente, die erotisch sein sollten z.B. wenn die beiden das Aussehen des anderen bewundern, wirkten auf mich nicht spürbar. Für mich sind die beiden eher gute platonische Freunde, die nach ein paar Monaten ein Paar werden KÖNNTEN. Man hätte die Erotik wegelassen und durch freundschaftliche, körperliche Nähe ersetzen können. Wer keine Akte mag, für den ist das Buch super. Ich hätte gern etwas mehr Action gehabt.

Die Dramaturgie

Ich fand den Roman sehr ausgeglichen - das Motiv des Foodtrucks beherrscht die erste Hälfte, danach geht es zunehmend um die tieferen Probleme der Jungs. Der Roman hat kreative Szenen, die ihn einzigartig machen, und manchmal kommt sogar Humor vor. Mich stört jedoch, dass es im letzten Viertel zuviel um Gedichte und Philosophie geht - kann man mögen, war mir zu schwermütig.

Schreib- und Erzählstil

Die Dialoge sind geprägt von Umgangssprache - Elipsen werden verwendet, "Alter" ist gängig. Ich fand's gut lesbar, natürlich und nicht übertrieben. Aber durchgängig. So konsequent habe ich das bisher nicht erlebt. Im Gegensatz dazu stehen sehr verkopfte Gedanken bei beiden Figuren, die dem Text das Tempo nehmen und beide gleich klingen lassen. Ich fand das nicht angenehm und habe manchmal den Anschluss verloren.

Cover, Titel und Formatierung

Das Titelbild gefällt mir wegen der Comic-Optik sehr gut, es ist einprägsam und verheißt eine lockere Geschichte. Auch wenn das nicht zutrifft, ist es ein wunderschönes Bild.

Den Titel finde ich nicht gut. Er ist dem Gedicht "Song" des Dichters Seamus Heany entnommen und bedeutet, sehr frei übersetzt, "Der Klang des Moments". Der Titel ist sperrig und es wird sehr spät aufgelöst, woher er kommt. Ich finde kaum einen Bezug zum Text - es geht um Gedichte, aber das war es. Für mich spiegelt der Titel weder das Grundthema noch die Grundstimmung wider.

In der Verlagsschrift der E-Pub-Version sind die Gedichte kursiv und in einer anderen Schriftart formatiert und daher nicht gut lesbar. Wählt man eine andere Schriftart aus, wird der Text nur kursiv formatiert.

Hübsch fand ich das Auto mit dem Herzchen am Auspuff am Anfang jedes Kapitels - das war witzig!

Fazit

"The Music ..." ist ein Text, der eher Top ist. Ich habe das Buch gern gelesen, es ist ein dezentes Werk, das nicht das Zusammenkommen in den Mittelpunkt rückt, sondern die Charaktere. Leider wirkt die Beziehung letztlich doch etwas gewollt - mit etwas mehr Seiten hätte man das aus meiner Sicht kitten können.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.12.2020

*Wein*

Flowers of Passion – Flammende Lilien
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Ich hatte das Buch angefordert, weil mir das Cover gefiel und ich die Idee eines Kosmetik-Unternehmens interessant fand. Letztlich hat das Buch sämtliche Erwartungen enttäuscht - es gibt weder eine interessante ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil mir das Cover gefiel und ich die Idee eines Kosmetik-Unternehmens interessant fand. Letztlich hat das Buch sämtliche Erwartungen enttäuscht - es gibt weder eine interessante Handlung, noch einen guten Erzähl- oder Schreibstil. Dazu eine Hauptfigur, die ständig an "das Eine" denkt. Anders formuliert: Ich dachte, dass das Genre in all den Jahren kreativer geworden ist oder sich die Rollenbilder ein bisschen der Realität angenähert haben - dieses Buch tritt das mit Füßen. Wenn ich mir von den 10 EUR im Second-Hand-Laden ein paar schöne Klamotten kaufe, hab ich mehr Spaß damit.

Info am Anfang: Es handelt sich um den vierten Band der Reihe. Man versteht die Handlung problemlos, ohne die anderen Bücher zu kennen. Allerdings verliert man am Ende, als jede Figur nochmal ihren Auftritt hat, die Übersicht.

Rezi enthält Spoiler.

Worum geht es?

Um Kosmetik? Wenig. Um Düfte? Ein bisschen. Um Lilien? Sehr wenig. Um die Klage aus dem Klappentext? Drei Seiten lang - von 211 (bei mir). Das Buch handelt von einem Anwalt, der die Töchter seiner toten Schwester aufnimmt und die Chefin einer Kosmetikfirma und deren große Familie.

Und ein paar tiefe Gespräche über Überlastung in der Gesellschaft gibt es.

Charaktere

Valentina ist eine eher unauffällige Protagonistin. Sie mag ihre Familie und sie steht auf Düfte - das taucht sogar als Motiv manchmal auf. Wenn es notwendig wird, d.h. sich die Handlung erschöpft hat, bekommt sie ein paar Probleme. Nachdem sie von ihrem vorherigen Partner betrogen wurde bzw. er Exklusivität aufgekündigt hat, ohne ihr davon zu erzählen, traut sie sich als Teil einer Beziehung zu wenig zu. Sie denkt, dass ihre Erwartungen zu hoch sind und später, dass sie zuviel Raum in der Beziehung mit Anwalt Carter einnimmt. Für mich sind das reale Probleme, die es wert sind, dass man über sie spricht. Sie werden im Roman aber zu kurz ausgeführt bzw. sind nur Mittel zum Zweck. Das war traurig. Umweltbewusstsein scheint ihr nicht zu liegen, weil sie Carters Töchter dazu verführt, viele Klamotten zu kaufen. Ohnehin scheint es im Buch sehr einfach, als Ersatzmutter für zwei Töchter zu dienen, wenn man einen guten Geschmack für Kleidung hat.

Carter ist das Herzstück des Romans. Er ist das Alpha-Männchen, das sich mindestens fünfmal in Valentina "versenken" oder anders korpulieren möchte. Selbst tiefsinnige Gespräche werden untermalt von körperlichen Feuerwerken, meistens, nachdem der Konflikt kurz angesprochen und schnellstmöglich abgeharkt wurde. Er möchte die Gefühle der Frau steuern und vermeldet auf S. 175, übrigens inmitten eines Aktes, "Du darfst niemals an meinen Gefühlen für dich zweifeln. Versprichst du mir, dass du das nicht mehr tust?" - er stuft sie damit auf das Niveau eines kleinen Kinders herab. Wenn sie zweifelt, ist es seine Aufgabe als Partner, sie dabei zu unterstützen, damit sie damit besser umgehen kann. Auch Carters eigene Auffassung von Männlichkeit ist einfach. Als er denkt, dass Valerie ihn verlässt, weil sie kommentarlos ihre Klamotten aus der Wohnung holt, und beide das später geklärt haben, notiert er "Ein schwacher Moment. Wird nicht wieder vorkommen." - ich weiß nicht, ob das ein Witz war, aber es ist nicht schwach Angst zu haben, egal, welchem Gender man sich zuordnet. Jeder darf schwach sein, solange er anderen damit keinen Schaden zufügt. Ansonsten mag Carter seine Töchter und hat ein gutes Verhältnis zu ihnen.

Die anderen Familienmitglieder nehmen Raum ein - manche mehr, manche weniger. Aber es fiel mir schwer, ein Gefühl für sie zu bekommen. Aber sie lenken gut von all den körperlichen Szenen ab und sorgten für eine lockere, witzige Stimmung. Und ein paar Nebenschauplätze.

Die Erotik

Die Akte finden in den ersten zwei Dritteln überwiegend digital und mündlich statt, im letzten Drittel gibt es auch ausführliche Penetrationen. Ich weiß nicht, ob das geplant war, damit sie sich steigern, ich fand's langweilig. Meist geht die Initiative vom Mann aus, wenn es die Frau tut, wirkt das eher plump und als würde der Erzähler schnell zu Bekanntem zurück kehren wollen. Die Szenen sind nicht kreativ, weder was Orte noch Techniken noch Atmosphäre betrifft. Immerhin verschont uns die Autorin mit einem Schluss-Akt.

Erzählstil

Was mich im Buch genervt hat ist, dass Figuren und Handlungen nur auftauchen, wenn es notwendig wird. Z.B. die Sandwich-Lieferantin auf S. 81, die den Raum betritt und vorgestellt wird, aber eigentlich öfters Sandwiches bringt.

Die Handlung wird aprupt gerafft, Szenenübergänge sind oft wenig vorhanden. Für mich fehlt hier das Gefühl für Erzähltempo und Ausfaden.

Auch bei der Klage wusste ich nicht, wie wichtig sie wirklich für das Unternehmen ist - im Klappentext und den ersten Seiten wirkte sie essentiell, weil das Produkt innovativ ist und sie jahrelang darauf hin gearbeitet haben. Später erfahren wir aber, dass das Unternehmen gut läuft und noch andere Produkte hat, die sie gut verkaufen; dass es eher die Schadenersatzforderungen sind, die Schwierigkeiten machen. Businessmagazine haben im Buch das Niveau von Käseblättern, die nicht recherchieren können. Das untergräbt den Wert von qualitativem Journalismus.


Schreibstil

Selten sind mir einem Verlagsbuch so viele Wortwiederholungen aufgefallen, oft binnen einer Seite. Ich weiß nicht, ob es an der Autorin liegt oder der Übersetzung. Aber anhand meiner Stichproben denke ich: die Übersetzung. Das zweimalige "ins Schlafzimmer schaffen" auf S. 118/119 wird im Original einmal mit "make it upstairs" (bis nach oben schaffen) beschrieben. Bei "My sisters were shoe lovers, but scarves were my kryptonite.", was mit "Meine Schwestern waren beide mehr Schuhliebhaberinnen, aber ich konnte nicht genug Tücher haben." übersetzt wird, geht der Humor komplett verloren. Ich würde im Zweifel zum Original greifen, weil sich das Genre generell leicht lesen lässt.

Grundsätzlich ist der Text stolperfrei und lässt sich flüssig lesen. Ich fand's aber nicht angenehm.

Auffällig ist übrigens, dass kaum Markennamen genannt werden, aber "Sephora", eine mittelpreisige Kosmetikmarke, die in Deutschland überwiegend in Parfümerien und Kaufhäusern erhältlich ist, fünfmal genannt wird. Weil sie das höchste Ziel ist, das Valentina erreichen kann. Ich fand das trotzdem komisch.

Fazit

Wem das Genre gefällt, wer die Klischees und Schemata mag, die abgearbeitet werden, und wer sich nicht daran stört, dass Konflikte als gelöst gelten, wenn sie mit einem Akt enden, möge das Buch lesen. Dann aber immerhin das Original.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere