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Veröffentlicht am 27.06.2020

(K)eine Botschaft für Jungmenschen

V is for Virgin
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Ich habe das Buch angefordert, weil ich mich mit dem Thema beschäftigen wollte - denn für mich war das nie relevant. Als Teenager hat mich das nicht interessiert und als ich als junge Erwachsene einen ...

Ich habe das Buch angefordert, weil ich mich mit dem Thema beschäftigen wollte - denn für mich war das nie relevant. Als Teenager hat mich das nicht interessiert und als ich als junge Erwachsene einen Freund hatte, war es mit ihm und in diesem Moment genau richtig. Ich wollte verstehen, warum Menschen bis zur "Ehe" warten. Letztlich hat mich das Buch zum Denken angeregt und ich frage mich umso mehr, warum "die Ehe" als Fixpunkt gesetzt wird, ohne sie zu hinterfragen.

Außerdem habe ich erstmals in einem Buch festgestellt "Ich bin zu alt für den Scheiß!"

**Worum geht es?*

Valerie wird von ihrem Freund verlassen, weil sie nicht mit ihm schlafen möchte. Als sie ihn auch noch mit ihrer Feindin sieht, schreit sie ihn in der Cafeteria an - und wird gefilmt. Aus einem kleinen Video wird eine große Bewegung. Und dazu kommt noch Rockstar Kyle und der Konflikt mit ihrer "besten" Freundin Cara.

*Das Positive*

die Dramaturgie: Ich fand das Buch wirklich "rund", ich konnte gut mitfühlen, habe alle Konflikte nachvollziehen können. Außerdem war das Ende unerwartet, in mehrerlei Hinsicht. Außerdem gefällt mir, dass es keine typische "Rockstar-Romanze" ist.

die Reflexion im Kleinen: Kyle erklärt, warum es für ihn so reizvoll ist, mit Val als Jungfrau zu schlafen. Ich fand das sehr reif und interessant.

Jungfräulichkeit ist ungleich "nicht körperlich": Val küsst ihren damaligen Freund und genießt das. Keinen Sex zu haben bedeutet nicht, dass man nicht körperlich aktiv wird.

Kein Frauenproblem: Auch Männer können überfordert sein, wenn Frauen mit ihnen schlafen wollen, sie aber nicht - ich finde es gut, dass der Roman das anspricht und Männern einen Schutzraum geben will. Ein Mann ist nicht schwach, weil er Angst (?) vor Sex hat.

*Das Negative*

Vorhersehbarkeit: Valerie trifft keine Entscheidungen, alles passiert einfach so - die Karriere als Virgin Val genauso wie die Trennung von Freund Issac, den sie nicht liebt. Auf dem Höhepunkt trifft sie tatsächlich eine Entscheidung - aber diese wird nur kurz beleuchtet. Selbst der Konflikt mit der besten Freundin wird nicht aufgelöst, er verschwindet einfach.

Die Lücken: An manchen Stellen ist das Buch sehr realistisch z.B. dass Valerie ihre Schmuckkollektion nicht herausbringen kann, ohne, dass ihre Eltern zustimmen - denn sie ist noch nicht voll geschäftsfähig. Und dass sie sogar ein Gewerbe anmelden muss. An anderen Stellen blieben bei mir Fragezeichen. Issac glaubt an Gott - das spielt aber für die Beziehung keine Rolle. Wenn man mehrere Monate zusammen ist, dann setzt man sich mit der Religion des anderen auseinander und findet seine eigene Position darin. Wichtig wird das Thema nur am Ende, als sich Issac von Valerie trennt, um auf Mission zu gehen. Auch die Beziehung zu Cara wirkt von Anfang an nicht harmonisch - Valerie betrachtet sie liebevoll als jemanden, der auf Drama und Glamour steht. Cara ist die verrückte Freundin, die in Highschool-Filmen die Handlung auslöst, mit der man real aber kaum Berührungspunkte hätte. Ihre Welten wirken zu unterschiedlich und entfernen sich im Laufe des Buches. Und anstatt aufeinander zuzugehen und sich einzugestehen, dass sie sich vermissen, streiten sie sich. Ich würde so etwas anders lösen - ein "Ich habe Angst um unsere Beziehung" hilft oft mehr.

fehlende Erwachsene: Eltern usw sind im Buch vorhanden, tun aber nur wenig. Das nervte mich an zwei Punkten: Vals Adoptiveltern unterstützen sie, reden aber nicht darüber, was es bedeutet "verheiratet" zu sein. Die Ehe bleibt als Idealbild. Außerdem arbeitet Val für die "Nicht alle tun es"-Stiftung, die sie aber nur ausnutzen. Als Val von Kyle öffentlich geküsst wird, obwohl sie das nicht wollte, greift keiner ein. Es spricht sie auch später keiner an. Ich finde es gruslig, weil hier wieder das Bild entworfen wird, dass Belästigungen ok sind, weil sie sich eigentlich mögen. Jemandem zu nahe zu kommen und öffentlich bloßzustellen, das ist nicht in Ordnung. Dass das von Leuten toleriert wird, die sich für einen Bereich der sexuellen Selbstbestimmung einsetzen, ist paradox.

Jungfräulichkeit: Val gibt sich das Versprechen, mit Sex zu warten, bis sie verheiratet ist, weil ihre leibliche Mutter jung schwanger wurde und sie zur Adoption freigab. Valerie ist dankbar, möchte das aber nicht. Ich habe mich gefragt, ob es wirklich um die Jungfräulichkeit geht oder darum, die Verbindung aufrecht zu erhalten. Besser zu sein. Stark zu sein, weil die Mutter es damals nicht war. Um Sex und Selbstbestimmung geht es weniger. Im Gespräch mit Kyle erklärt er, eine Frau zu entjungfern sei eine Art Kontrolle - "zu sehen, wie sie alles zum ersten MAl erlebt? Ihr Dinge beizubringen?" (S. 203 von 234). Ich frage mich, ob die Kontrolle auch von der Frau ausgeht - denn sie verspricht ihm, mit ihm zu schlafen, wenn sie verheiratet sind. Was, wenn die Frau feststellt, dass sie körperlich nicht zueinander passen? Vielleicht geht es weniger um die Jungfräulichkeit als darum, sich eine Frist zu setzen, bis zu der man sich bereit fühlen muss. Aber ist "bereit fühlen" nicht ein Prozess? Ein Erkunden von Grenzen? Und sollte man nicht die Entscheidung, ob man mit jemandem schläft, jedes Mal neu fällen? Kann man sich in einem Moment bereit fühlen und im nächsten nicht? Umso interessanter finde ich das Thema "Abstinenz", das im zweiten Band eine Rolle spielt.

Val beschreibt das so "Ich will, dass meine Unberührtheit sowohl mir als auch dem Mann etwas bedeutet [...] Wie würdest du dich fühlen, wenn ich dich als die einzige Person auswähle, die mich so intim kennt? Wie wäre es für dich zu wissen, dass niemand sonst mich berühren darf?" (S. 204/234) Wenn man das erste Mal mit jemandem schläft, egal ob es der erste oder der der hunderste Partner ist, sollte es immer etwas Besonderes für beide sein, in diesem Moment. Den Partner mit "Intimität" zu locken, setzt beide unter Druck.

Glaubt man einigen Theorien, dann ist "Jungfräulichkeit" ein Relikt aus der Zeit, in der die Treue der Frau besonders wichtig war, weil der Besitz nur an die "eigenen" Nachkommen vererbt werden und Streitigkeiten vermieden werden sollten. In der Frauen ein Wertgegenstand des Mannes und von ihm abhängig waren.

Auch der Begriff der "Ehe" bleibt vage - es geht für beide Partner darum zu entscheiden, ob die Ehe tatsächlich zum Ziel des Aktes führt. Es ist das Versprechen ewiger Treue - aber wie weit geht diese? Wo hören gemeinsame Bedürfnisse auf und wo fangen eigene an? Es ist auch eine rechtliche Frage - Steuern, Erbrecht ... Ich denke, dass man auch mit 18-Jährigen über die Pros und Cons von Jungfräulichkeit, aber auch von Ehe reden kann.

Außerdem kommen nur wenige Menschen zu Wort, die ihre Entscheidung bereut haben. Oder denken, sie hätten richtig gehandelt. Obwohl Potential da wäre - Kommentare unter einem Video können sehr hilfreich sein.

Was mich vor allem stört: Eigentlich geht es nicht darum, dass Valerie Sex haben will. Es geht um Unterhaltung. Der Text ist ein flottes, nettes Buch um Freundschaft und Liebe. Die Jungfräulichkeit ist nur Mittel zum Zweck. Man hätte auch ein anderes Thema als Rahmenhandlung nehmen können.

*Schreibstil und Übersetzung*

Ich fand den Text flüssig lesbar, aber bei der Übersetzung bin ich manchmal gestolpert. Die "Nicht alle tun es"-Stiftung heißt im Original leider auch "Not everybody's doing"-Foundation, aber manche Begriffe fand ich komisch. "computer lab" als "Computerlabor" zu bezeichnen, hat mich irritiert - ist es in Informatikraum bzw. ein Computerkabinett oder stehen dort wirklich Computer und Reagenzgläser? Die "Doc Marten combat boots" werden zu Kampfstiefeln - "Doc Martens" finde ich besser, wenngleich nicht jeder die Marke kennt. Als die Stiftung Valerie zu ihrer Sprecherin ernennt, wusste ich nicht, ob damit Pressesprecherin gemeint war oder Testimonial bzw. das Aushängeschild. "Hauptaufenthaltsbereich" für "main common area" ist treffend, aber nicht fließend.

*Fazit**

"V is for Virgin" trifft einige gute Punkte und versucht, vielschichtig zu sein. Trotzdem ist das Thema nur der Aufhänger für eine spannende Geschichte um Freundschaft und eigene Werte. Es war unterhaltsam und teilweise überraschend. Aber je länger ich über den Rahmen nachdenke, desto wütender werde ich, weil der Text letztlich eher konservativ ist. Andererseits: Das Original erschien 2012 - die Welt hat sich seitdem verändert.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.06.2020

Was lange währt ...

City of Girls
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Ich habe das Rezensionsexemplar angefordert, weil es nach einem Roman über New York und das Theater klang und nach starken Frauen. Lange Zeit ließ mich das Buch im Ungewissen, war letztlich aber ziemlich ...

Ich habe das Rezensionsexemplar angefordert, weil es nach einem Roman über New York und das Theater klang und nach starken Frauen. Lange Zeit ließ mich das Buch im Ungewissen, war letztlich aber ziemlich bereichernd.

Spoiler: Es ist keine "klassische" Liebesgeschichte. Aber eine Geschichte über die Liebe zum Leben.

Rezi enthält (wirklich) Spoiler!

**Worum geht es?*

Der Text ist ein Brief, den Vivian an Angela schreibt. In diesem berichtet sie davon, wie sie vom Land nach New York kam und im Theater ihrer "Tante" als Schneiderin arbeitete und dabei aufregende Zeiten erlebte, ohne wirklich dazuzugehören. Nach einem öffentlichen Fehltritt kehrt sie nach Hause zurück, nur, um nach einem Jahr wieder zu kommen. Und dann trifft sie (zum zweiten Mal) die Person, die ihr Leben verändern wird.

*Meine Meinung *

Bei diesem Buch wusste ich lange nicht, worauf es hinausläuft - geht es um das Theater, geht es um die Stadt, geht es um das Erwachsenwerden oder einfach das turbulente Leben eines jungen Mädchens? Hinzu kommt, dass anfangs nicht klar ist, wem die Hauptfigur den Brief schreibt - ich dachte an eine alte Freundin oder die Tochter, doch es ist kompliziert.

Vivian gehört nirgendwo hin - von ihren Eltern wird sie wenig beachtet, von ihrer Oma lernt sie nähen und hartes Arbeiten. In New York ist sie das junge, unerfahrene Mädchen, das hineinpurzelt in eine Welt, die einerseits glamourös ist, gleichzeitig immer am Rand des Abgrunds steht. Und die keine Aufstiegschancen bietet. Vivian wird die Gefährtin eines Showgirls und zieht mit ihr durch die Nacht. Bis sie aus Frust und ohne Lust den Mann einer befreundeten Schauspielerin küsst. Und dabei fotografiert wird. Während dieses "Vergehen" für andere völlig normal ist, wird Vivian geächtet und aus dem Theater "entfernt". Und schließlich sogar von ihrem Bruder beschimpft. Zurück bei ihren Eltern arbeitet sie im Büro des Vaters und verlobt sich kurz nach Kriegseintritt der USA mit einem jungen Soldaten. Doch zur Freude beider heiratete sie ihn nicht, geht zurück nach New York und baut sich ein Brautmodengeschäft auf. Nachdem der Krieg vorbei ist, trifft sie auf einen traumatisierten Soldaten, der jetzt als Streifenpolizist arbeitet - jener Mann, der im Auto saß, als ihr Bruder seiner Verachtung Ausdruck verlieh und der damals nichts tat. Sein Schweigen war es, das ihr Selbstbewusstsein ruinierte. Doch es ist nicht die aufrichtige Entschuldigung, die sie rettet. Sondern die Erkenntnis, dass die beiden "seelenverwandt" sind, dass sie sich ähnlich fühlen. Und obwohl der Soldat keine körperliche Nähe zulassen kann und immer in Bewegung sein muss, führen beide eine jahrelange Beziehung, die von Intimität geprägt ist.

Das zentrale Thema für mich ist "Schuld" - Vivian fühlt sich schuldig, weil sie etwas moralisch Verwerfliches getan hat, der Soldat, weil er überlebt hat; er wurde bei einem Angriff ins brennende Wasser geschleudert und hat zufällig überlebt; er hat niemanden gerettet. Beide verzweifeln daran und geben sich Halt. Vivian lernt auch, dass ihre Probleme nicht die einzigen sind.

Ich fand es sehr beklemmend zu lesen, wie sehr der Soldat vom Krieg geschädigt wurde und dass es für ihn nur schwer möglich ist, eine Beziehung zu führen, sich um sein Kind zu kümmern. Dass das System auf diese Spätfolgen nicht ausgerichtet war. Gleichzeitig macht es mich wütend zu sehen, dass junge Frauen (und Männer) vor hundert Jahren so strenge Maßstäbe angelegt wurden - man kann leben, wie man möchte - solange man es im Verborgenen tut. Wenn Frauen nicht sittsam und Männer nicht stark sind, gibt es kaum jemanden, der zu ihnen hält.

Gut gefallen hat mir auch die Darstellung New Yorks. Es ist schwer, Schauplätze in Worte zu fassen, aber hier fühlte ich mich mittendrin.

Das Figurenkollektiv in der ersten Hälfte, in New York, ist bunt - die flippige Tante, die konservative Buchhalterin (?), die Tänzerinnen, die kluge Tochter der Betreiber des Lumpenlagers. Dazu die Schauspielerin. Sie bilden eine Ersatz-Familie und sind vielfältig. Später ist das Ensemble reduziert, der Schwerpunkt des Buches wechselt.

Für mich ließ sich der Text gut lesen, ich habe niemals das Gefühl gehabt, festzustecken oder mich zu langweilen.

*Fazit**

"City of Girls" ist nicht das, was es zu sein scheint, sondern eine Achterbahnfahrt, bei der man hochfährt, um dann in die Tiefe zu stürzen. Wenn man die Unsicherheit des ersten Teils überwindet und sich treiben lässt, wird man mit einer gefühlvollen zweiten Hälfte belohnt, die ich beeindruckend fand.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2020

Sie hat Bock, aber sie traut sich nicht

Sie hat Bock
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Nachdem ich bisher Bücher zur Treue und auch zu Frauen gelesen haben, wagte ich mich an dieses. Geködert hat mich das bunte Cover und der freche Titel. Humor habe ich in diesem Buch wenig gefunden, stattdessen ...

Nachdem ich bisher Bücher zur Treue und auch zu Frauen gelesen haben, wagte ich mich an dieses. Geködert hat mich das bunte Cover und der freche Titel. Humor habe ich in diesem Buch wenig gefunden, stattdessen Melancholie. Denn obwohl die Autorin in einer erstrebenswerten Situation lebt (eine offene Beziehung, die von allen Beteiligten akzeptiert wird), scheint sie mit sich, ihrer Beziehungsform und ihrem Frau-Sein und der Liebe zu hadern. Aber vielleicht ist genau das die Botschaft.

"Bento" hat das Buch in die Top 5 der Bücher gepackt, die man als Mann lesen sollte, wenn man mit Frauen diskutieren will - ich denke, das Buch ist ein Ansatz, aber kein Endpunkt.

**Warum geht es?*

In 29 Kapiteln spricht Lewina an, was Frauen bewegt - das Alter, die Periode, Aufklärung, Mastrubation, Grenzen usw. Jeder Abschnitt ist autobiografisch geprägt.

Die Texte stellen erweiterte Kolumnen dar, die die Autorin für zahlreiche Magazine geschrieben hat.

*Was hat mir gut gefallen?*

Es gibt Sätze, die ich mir in Stein über mit Bett meißeln würde, weil ich sie noch nicht kannte. Prägnant war, dass Frauen kritisiert werden, wenn sie offen über Sexualität reden - Männer sprechen das überhaupt nicht an. Es waren kleine Momente, in denen ich mich verstanden fühlte.

Außerdem hat das Buch mein Selbst-Bewusstsein als Mensch gestärkt. Wie oft ich im Alltag Kompromisse eingehe, weil mir die Beziehung wichtiger ist als meine Bedürfnisse. Wie selbstverständlich das geworden ist. "Sie hat Bock" hat mich wieder aufgeweckt.

*Was hat mir nicht gefallen?*

Die Tiefe: Ich fand es sehr schade, dass das Buch aufhört, wenn es am spannendesten ist. Das ist gut, um fokussiert zu bleiben und das Thema "Sexualität und Selbstbewusstsein" abzuarbeiten. Aber es nimmt der Erzählerfigur sehr viel. Zum Thema "offene Beziehung" gibt es weiterführende Texte der Autorin auf "Vice" und "Jetzt" - hier bleibt sie an der Oberfläche, erklärt nicht, wie das konkret funktioniert und wie sie das den Kindern vermittelt hat. Es wird dem Thema und der Kraft, die dahinter steht, nicht gerecht. Auch beim Bereich Mastrubation geht der Text nicht in die Tiefe, er diskutiert keine Möglichkeiten, er zeichnet ein einziges Bild. Hinter jeder Maschine liegt ein Mensch, der sie benutzt. Das liegt aber vielleicht am Medium - eine Kolumne soll provozieren, soll ein Thema knackig umreißen, soll zur Diskusion anregen. Und wenn sie in einem Männermagazin erscheint, erwartet man in einer Kolumne keine differenzierte Auseinandersetzung mit Männlichkeit, sondern eine Löwin, die den Leser zeigt, wo der Eierstock hängt.

die Klischees: Das Buch zeichnet viele Frauen, Männer nur selten. Und noch seltener positiv. Die Welte ist dunkel und fies. Ich habe nur wenige neue Gedanken mitgenommen, stattdessen wirkt auch das Frauen-Bild altbacken. Es reduziert Frauen auf ihre Problem, anstatt die Stärken zu betonen. Wenn Männer positiv erwähnt werden z.B. weil sie sich jeder Berührung versichern, dann ist das außergewöhnlich. Von diesen Stellen, der Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen, hätte ich mir mehr gewünscht.

die Erzählerin: Ich konnte mich mit der Erzählerin nicht identifizieren. Einen Text tippen, danach ein Akt mit dem Freund und dann in einer Bar abhängen, überhaupt viel Alkohol trinken, viel feiern, viele Akte mit unterschiedlichen Menschen haben - das ist eine Welt, die sehr schön klingt, die aber von meiner weit entfernt ist. Entfernt von einem klassischen Alltagsjob, in der Hobbys eine größere Rolle spielen und Kontakte zu Männern und Frauen ein meist positives Extra sind. Und trotzdem ist auch dieser Alltag nicht frei von Konflikten. Ich hätte mich gefreut, wenn die Erzählfigur mehr "auf dem Boden", nahbarer wäre. Aber auch das kann dem geschuldet sein, dass es Kolumnen sind.

*Fazit**

"Sie hat Bock" will Positives bewirken und hat sicher manchen Lesern, ob männlich, weiblich oder divers, Denkanstöße geliefert. Für mich zeichnet aber auch dieses Buch den ständigen Kampf um die Interpretation nonverbaler Signale und die Anforderungen der Gesellschaft nach. Es wirkt ehrlich und von einer interessanten Persönlichkeit geschrieben, hat aber eine Atmosphäre, die nicht sagt, dass "Bock haben" Spaß macht, sondern eine Protesthaltung ist. Und es war nicht das richtige Medium für mich.

Veröffentlicht am 27.03.2020

Und immer wieder ... Traurigkeit

Dichterkinder
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Alles hat ein Ende - das betont das Buch - am Anfang, in der Mitte und am Ende. Was der Klappentext preist als "Die erotisch aufgeladene Freundschaft der fünf und deren Umkreis gewährt Einblick in radikale ...

Alles hat ein Ende - das betont das Buch - am Anfang, in der Mitte und am Ende. Was der Klappentext preist als "Die erotisch aufgeladene Freundschaft der fünf und deren Umkreis gewährt Einblick in radikale literarische und politische Umbrüche jener Zeit." ist weder erotisch noch gibt es wirklich Auskunft über die poltischen Umstände und auch die Literatur spielt nur selten eine Rolle. "Anja und Esther" wird ausführlich behandelt. Ansonsten fühlt sich der Text überwiegend an, als hätte man ein Klatschblatt 100 Jahre in die Vergangenheit geschickt und auf 200 Seiten gestreckt. Ausführlich schwelgt das Werk in den Gemütszuständen Carl Steinheims und dessen Syphilis, immer wieder der Syphilis. Gleiches gilt für das traurige Leben Mopsa Sternheims.

Das Buch hat so eine negative Atmosphäre, dass es mir trotz des spannenden Themas schwer fiel, weiterzulesen.

Für mich war der Text eine Enttäuschung, weil ich nur weniges über Klaus und Erika Mann erfahren haben und insgesamt kein Gefühl für die Personen bekommen habe. Der Autor hat viel Aufwand betrieben, in Briefen recherchiert und daraus zitiert. Diese Arbeit ist bewundernswert und macht den Text einzigartig. Und auch stilistisch wird die Meinung des Autors deutlich - er will mir die Figuren näher bringen, aber es fehlt etwas. Und immer wieder die Vorausdeutung.

Ein großes Problem waren die ständige Zeitsprünge und die Dopplungen, die sich ergeben. Wir folgen einer Figuren ein paar Jahre, wechseln zur nächsten und gehen dabei eine Zeitebene zurück und setzen später wieder ein. Vieles überlagert sich und an manchen Stellen war ich mir nicht sicher, ob Informationen mehrfach vorkamen, weil der Autor Angst hatte, man könnte etwas vergessen. Oder weil es keiner herausgestrichen hat.

Und mir fehlt ein Stammbaum bzw. eine Übersicht über die Personen.

**Fazit**

"Dichterkinder" geht tief und hält viele Informationen bereit. Ihm fehlt aber das Gefühl für das "große Ganze". Letztlich wirkt es wie ein regenverwaschenes Schema eines Untergangs.

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Veröffentlicht am 23.02.2020

Halbguter CEO

Most Wanted CEO
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Rezi enthält Spoiler

Ich hatte das Buch gewählt, weil es um Schauspielerei geht, auch wenn sich bereits im Klappentext andeutete, dass es viele Klischees gibt. Letztlich funktioniert die Idee, den (vermeintlichen) ...

Rezi enthält Spoiler

Ich hatte das Buch gewählt, weil es um Schauspielerei geht, auch wenn sich bereits im Klappentext andeutete, dass es viele Klischees gibt. Letztlich funktioniert die Idee, den (vermeintlichen) Jäger zum Gejagten zu machen, besser, als ich gedacht habe. Ich hatte viel Spaß und freue mich, dass es im Roman eher um die Bedürfnisse der Frau geht denn um die des Mannes. Jedoch verpufft das Potential, nach der Hälfte - als die Figuren zusammen kommen. Die Flirt-Regeln, mit denen die Kapitel überschrieben sind, verkommen zum Stilmittel ohne Sinn, dazu kommen Zeitraffungen innerhalb einer Szene.

Die Charaktere sind einfach: Frau ist das hässlichen Entlein mit dem Jersey-Akzent, Mann der missverstandene Millionär mit Hang zur Wohltätigkeit. Ich finde es besonders für die männliche Figur schade, dass sie auf "das Wesentliche" reduziert wird.

Das unterstreichen einige Ähnlichkeiten zu "Shades of Grey" - Begriffe wie "köstlich", die Betonung des Animalischen und das intensive Bedürfnis, "in der Frau" zu sein. Er fühlte sich an wie Mr. Grey, aber mit erheblich kleinerem Kindheitstrauma.

Die Erotikszenen folgen guten Ansätzen - denn die Frau fordert die Akte. Genießen tut sie jedoch der Mann. Was sich auf den ersten Blick frauen-freundlich anhört, ist letztlich nur die Botschaft "Frau muss Mann glücklich machen. Dann ist auch sie glücklich" Dennoch haben sie mir gefallen, weil die Figuren schnell auf den Punkt kommen, besonders in den Dialogen.

Stilistisch bin ich wenig glücklich. Ich fand es gut, dass die Dialoge locker, aber nicht zu umgangssprachlich sind. Ich habe das gern gelesen. Leider war mir die Metaphern-Flut zuviel und ich finde die Übersetzung nicht überall gut. Ob der Dativ von "Kumpel" "Kumpeln" oder "Kumpels" ist, darüber kann man streiten. Aber "die Faust in ein Sandwich boxen", das fand ich nicht stimmig.

Amüsant war der Verweis auf die deutsche Sprache, weil nur das Deutsche soviel Oxymorone hat :)

Fazit: Der Roman ist einzigartig, wirkt aber nach der Hälfte verkrampft. Es sind einige schöne Sätze enthalten, aber letztlich wurde das Potential nicht ausgeschöpft.





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