Ein wichtiges Buch ! Meisterstück !
„Der Wurm“ von Barbara Imgrund
Verlag: Helmer
„Und so war sie ja viel größer als jene, die sie kleinmachten, die sie erniedrigen und auslöschen würden.“ (Seite 63)
Barbara Imgrund erzählt mit einer Kraft, ...
„Der Wurm“ von Barbara Imgrund
Verlag: Helmer
„Und so war sie ja viel größer als jene, die sie kleinmachten, die sie erniedrigen und auslöschen würden.“ (Seite 63)
Barbara Imgrund erzählt mit einer Kraft, die einen unvermutet trifft. Der Wurm passt leider perfekt in unsere heutige Zeit. Wie damals beginnt er sich zu verbreiten, kriecht tief in die Köpfe hinein und schaltet die Menschlichkeit im Hirn aus.
Martha kehrt als alte Frau zurück auf den Hof ihrer Eltern. Hoch oben auf dem Berg sucht sie Zuflucht vor dem, was unten im Tal schon wieder wächst. Schon in ihrer Kindheit hatte sie erleben müssen, wie der Wurm ihren Vater veränderte und niemand den Mut fand, sich ihm entgegenzustellen. Als eine jüdische Magd durchs Dorf gehetzt wurde, waren Hass und Niedertracht in den Gesichtern der Menschen unübersehbar. Die Entmenschung der Dorfbewohner war präsent.
Das Schweigen, das Martha seit ihrer Kindheit begleitet, ist Ausdruck einer Schuld, die sie niemals loswurde. Eine Schuld, die Luis, ihren Bruder und Beschützer, nicht verschonte und die auch in der Familie tiefe Brüche hinterließ. Franz, ihr Ehemann war der Einzige, der sie je wieder zum Sprechen brachte, doch er ist längst nicht mehr da.
Nun, allein mit den Dämonen der Vergangenheit, wird klar, wie unauslöschlich das Erlebte geblieben ist.
In Rückblenden begegnen wir Martha als jungem Mädchen und als alter Frau. Diese Zeitebenen verweben sich, decken Geheimnisse auf und zeigen, dass Schuld nicht einfach weitergereicht werden kann.
Sie bleibt, sie frisst, sie holt einen ein. Spätestens beim Tode.
Und doch passiert auf dem Berg das unmögliche. Paul, ein Verwandter, zeigt ihr einen ganz anderen Blick auf das Geschehene! Nun steht sie vor einer Möglichkeit des Neubeginns, den Martha selbst kaum für möglich hielt.
Literarisch ist das Werk ein Meisterstück. Ich habe Sätze wiederholt gelesen, bin hängen geblieben, habe diskutiert, weil nichts einfach, nichts glatt erzählt wird. Imgrund legt schonungslos offen, wie schnell die Niedertracht wachsen kann, wenn niemand Haltung zeigt. Genau das macht dieses Buch so gegenwärtig.
Ein Roman über Schuld, Schweigen, Verantwortung und die Mahnung, den Wurm nicht wieder kriechen zu lassen. Es bleibt ein Aufruf, füreinander einzustehen, Werte zu verteidigen und die Liebsten zu beschützen. Ob leise oder laut, entscheidend ist das Handeln.
„Es blieb Übelkeit, das Leiden an dem Übel Mensch und dem, wozu er fähig war.“ (Seite 64)