Serienmorde und das Reaktorunglück von Tschernobyl erschüttern Berlin
„Katzenkopp“ von Bettina Kerwien ist der mittlerweile 39. Band der Serie „Es geschah in Berlin“, wo beginnend im Jahr 1910 anhand von fiktiven Kriminalfällen die Geschichte der Stadt Berlin dokumentiert ...
„Katzenkopp“ von Bettina Kerwien ist der mittlerweile 39. Band der Serie „Es geschah in Berlin“, wo beginnend im Jahr 1910 anhand von fiktiven Kriminalfällen die Geschichte der Stadt Berlin dokumentiert wird. Als Verfasser der Reihe agieren verschiedenen Autor*innen. Sechs Fälle stammen bislang aus Bettina Kerwiens Feder; es war dies mein fünftes Buch von ihr.
Das Cover ist im typischen Stil dieser Reihe gehalten. Die gelbe Telefonzelle symbolisiert die damalige Zeit und hat gleichermaßen Bezug zur Handlung. Zum Titel: Katzenkopp, andernorts auch als Kopfnuss bekannt, ist der Ausdruck für einen mehr oder weniger leichten Schlag mit den Fingerknöcheln gegen den Kopf – was (wie im Roman dargestellt) bei häufiger und zu kräftiger Anwendung durchwegs zu bleibenden Schäden führen kann. Der Krimi erschien 2025. Die Handlung umfasst einen Zeitraum von rund zwei Wochen, vom 21. April bis 2. Mai 1986; die Kapitel sind datiert, pro Tag ein Kapitel.
Als Österreicherin bin ich mit der Geschichte Berlins zwangsläufig kaum vertraut. Gerade deswegen schätze ich die Zeitreise, auf die die Autorin einen mitnimmt. Für mich fühlen sich ihre Geschichten, so auch diese, stets sehr gut recherchiert und authentisch an. Fakt und Fiktion sind so harmonisch verbunden, dass man meint, alles hätte sich tatsächlich genauso zugetragen. Die Atmosphäre sowohl im geteilten Berlin als auch bei den Szenen, die in Russland spielen, ist ausgezeichnet zu spüren. Der Schreibstil ist flüssig, der gut dosiert eingesetzte Berliner Dialekt trägt zur Lebendigkeit der Szenerie bei.
Seit Generationen sind Mitglieder der Familie Kappe (sowohl im Westen als auch im Osten) im Polizeiapparat tätig. Es ist sicher interessant, diese Entwicklung ab 1910 zu verfolgen. Doch auch wenn man irgendwann quer einsteigt, kommt man problemlos in den jeweiligen Fall hinein. Was den roten Faden anbelangt, gibt es, soweit erforderlich, entsprechende Erklärungen oder Hinweise.
Wenn auch die vorliegende Geschichte und die darin vorkommenden Personen an und für sich fiktiv sind, so basiert der Krimi dennoch auf Fakten. Besonders packend empfand ich die Schilderungen im Zusammenhang mit dem verheerenden Reaktorunfall in Tschernobyl , wie sehr es von Seiten Russlands der Bevölkerung gegenüber bagatellisiert wurde bzw. anfangs überhaupt versucht wurde, es nach außen hin zu vertuschen. Ich kann mich selbst noch an die damit verbundene Verunsicherung und die Ängste erinnern, als man Tage danach in Österreich davon Kenntnis erlangte.
Dadurch dass das Buch im Präsens geschrieben ist, fühlt man sich mitten im Geschehen, mitten in den Ermittlungen. Peter Knappes Instinkt trügt ihn nicht. Von Anfang an wittert er im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, dass der neuerliche Mord mit einigen ungeklärten ähnlichen Tötungs- bzw. Vergewaltigungsfällen im Zusammenhang steht. Erst nach weiteren Vorfällen kommen Knappe und sein Team dem Täter auf die Spur, die Lage spitzt sich zu. Das Finale ist atemberaubend packend. Die unerwartete Lösung offenbart eine tragische Lebensgeschichte.
Die Charaktere, sowohl des Ermittlerteams als auch der Verdächtigen, fand ich gut vorstellbar beschrieben. Kappes Privatleben ist gut dosiert eingeflochten, ebenso wie die zwar legale, aber nach wie vor vielfach nicht akzeptierte Homosexualität Landsbergers. Und Kappes Schäferhund Rocky fiel diesmal sogar eine wesentliche Rolle zu.
Dieses Buch hat mich sehr lebendig und anschaulich an ein bedeutendes Ereignis – den Reaktorunfall in Tschernobyl – erinnert, und mir (was den Kriminalfall anbelangt) spannende Lesestunden beschert.
Eine unbedingte Leseempfehlung mit 5 Sternen.