Ein eindringliches, atmosphärisches Drama an der Westküste Neuseelands
Im Jahr 1978 werden drei britische Geschwister zwischen 7 und 14 Jahren aus bisher privilegiertem britischem Ambiente völlig unerwartet und unvorbereitet herausgeschleudert aus ihrem sozialen, behüteten ...
Im Jahr 1978 werden drei britische Geschwister zwischen 7 und 14 Jahren aus bisher privilegiertem britischem Ambiente völlig unerwartet und unvorbereitet herausgeschleudert aus ihrem sozialen, behüteten Umfeld durch einen Autounfall des Vaters. Als verwundete Waisen auf einer verwahrlosten Farm ohne Strom- und Wasseranschluss an einem weit abgelegenen, hinterwäldlerischen Geisterort des ehemaligen Goldrauschs an der Westküste Neuseelands landen sie schließlich, über Jahre eingesetzt als Arbeitssklaven von 2 obskuren Gestalten. Ohne mögliche Trauerarbeit um tote Eltern und 4. Geschwister, ohne Aussicht auf baldige polizeiliche Suchtrupps oder medizinische Versorgung erdulden die Kinder harte Arbeitseinsätze, Lügen, Einsamkeit in wilder Natur. Ihre unterschiedliche Entwicklung der Charaktere in Gefangenschaft über den langen Zeitraum wird in feinen, beklemmenden Nuancen dargestellt, zwischen mehrmaligen Fluchtversuchen und Akzeptanz der Unfreiheit driftend. Ihre Retter entpuppen sich schon bald als gewalttätige Ausbeuter, denen es einzig um ihren eigenen Vorteil geht. Manche Szenen sind so intensiv beschrieben mit den jeweiligen Stärken und Schwächen aller Beteiligten. Die Szene um die nun erwachsene, betrunkene Kate und dem Geist am See, als Mensch getarnt, wirkt etwas sonderbar.
Auf einer weiteren Erzählebene der Gegenwart ab 2010 geht es um Familienangehörige in London, die bisher die Hoffnung, die Vermissten in Neuseeland zu finden, noch nicht aufgegeben haben trotz mehrmaliger, eigener Suchermittlungen ab 1978 entlang der zerklüfteten Westküste und dichtem Buschland. Erst 32 Jahre nach erster Vermisstenmeldung werden zufällig gefundene, sterbliche Überreste als die ihres Neffen identifiziert, zusammen mit der Armbanduhr des Vaters und einem Kerbholz. Erst 4 Jahre, nachdem die Familie spurlos verschwunden war, soll er lt. Polizeibericht verstorben sein. Die immer noch schwelende Hoffnung auf ein positives Finale - nicht nur von Seiten der Londoner Familie - wird nicht genährt. Thematisch vertieft werden Familienbande, ihre Verbundenheit – auch zu Wahlfamilien. Der Preis für Rettung, für das Überleben, für Kost und Logis, geritzt auf einem mittelalterlichen Schuldschein, dem Kerbholz, scheint in der Wildnis der neuseeländischen Westküste sehr hoch zu sein.
Insgesamt ein atmosphärischer, düsterer Roman – den Lebensstil mancher Personen und die isolierte, undurchdringliche Natur betreffend. 5/5+