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18,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Ecco Verlag
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 240
  • Ersterscheinung: 27.01.2026
  • ISBN: 9783753001135
Claire Oshetsky

Hirschtier

Roman | Pointierter Roman über Trauerbewältigung und Schuld | Die kindliche Kraft der Fantasie
Cornelia Holfelder-von der Tann (Übersetzer)

Ein wundersamer, zärtlicher Roman über ein junges Mädchen, das sich mit seiner Rolle bei einem tragischen Verlust auseinandersetzt

Margaret Murphy wächst in einer Welt auf, in der die Wahrheit für ein kleines Mädchen zu viel ist, um sie zu ertragen. Ihre erste Erinnerung ist der Tag, an dem ihre Freundin Agnes starb. Seither denkt sie sich Geschichten aus, um mit der Erfahrung zurechtzukommen. 
Niemand gibt Margaret die Schuld. Nicht öffentlich. Ihre Mutter beteuert gegenüber jedem, der es hören will, dass ihre Tochter an diesem Tag nicht einmal das Haus verlassen habe. Allein gelassen, um der Tragödie einen Sinn zu geben, willigt Margaret ein, diese unerträglichen Erinnerungen zu vergessen und sie durch erdachte Geschichten voller Glauben und Magie zu ersetzen, die immer glücklich enden. Doch dann taucht das Hirschtier auf: Ein seltsames und furchterregendes Wesen, das sich unaufgefordert in Margarets erfundene Geschichten einschleicht. Hirschtier wird nicht ruhen, bis Margaret sich der Wahrheit über ihre Vergangenheit stellt.

Herzzerreißend, hoffnungsvoll und mit kühner Fantasie erforscht »Hirschtier« den Weg zum Verständnis der Kinder, die wir einst waren, und der Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um die schwierigsten Momente des Lebens zu bewältigen

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.02.2026

Eine außergewöhnliche Erzählung

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Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter ...

Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter der Wald, in dem Kinder spielen. Dort leben auch wilde Männer, die Kinder mit Rotwild verwechseln und auf sie schießen. Die Elche sind reizbar und wehrhaft. Wer unter ihre Hufe gerät, überlebt selten. Dort lebt auch eine Frau, stark, wütend – gut. Eine Kriegswitwe Florence und die liebt ihre Nachbarin Ruby. Florence arbeitet im Ort an der Mittagstheke, dort bezirzt sie die Männer, weil sie es noch nicht aufgegeben hat. Ihre Schwester Dolly arbeitet in der Papierfabrik. Beide leben in einem Haus und erziehen die kleine Margaret, Florences Tochter, die mit vier anfing, die ersten Engel zwischen Grashalmen zu sehen. Die Nachbarin Ruby Bickfort ist eine Gefallene. Ihr Mann haute ab, als Agnes gerade geboren war. Agnes ist Margarets beste Freundin und im Gegensatz zu Margaret ist sie energisch und standhaft wie ein Zinnsoldat.

Seit dem Tag der Schulhofüberschwemmung schreibt Margaret Geschichten, die gut enden. Nein, sie geht noch nicht zur Schule, denn sie ist ja erst vier. Sie kann lesen, weil sie Dolly schon ewig über die Schulter blickt, wenn die ihre Bibelverse vorliest. Margaret hat sich eine Geheimsprache ausgedacht. Sie schreibt in kleinen Zeichen, die nur sie versteht. Am Tag der Schulhofüberschwemmung hat Margaret Agnes Zuhause abgeholt und sie sind die Straße runtergelaufen. Agnes hat sich im Schlamm auf dem Schulhof gewälzt, aber Margaret wollte nicht mitmachen. Sie sind zu Agnes zurückgelaufen und haben sich in den Schuppen geschlichen. Agnes wollte unbedingt „Erwacht Prinzessin“ spielen und stieg in den alten Fischkühler. Margaret sollte den Deckel schließen, bis zehn zählen und dann die Prinzessin wieder herauslassen, aber sie bekam den Verschluss nicht mehr auf.

Fazit: Claire Oshetsky hat eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. Ihre Protagonistin Margaret verliert auf tragische Weise ihre beste Freundin. Sie kann mit niemandem darüber reden. Ihre Mutter hilft ihr aktiv das Ereignis zu verdrängen. Es bleibt ein diffuses Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben, das sie mit erfundenen Geschichten kompensiert. Für Agnes Mutter Ruby ist die Trauer überwältigend, bis sie Margaret beschuldigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein und damit ein Hirschtier in Margaret zum Leben erweckt. Für Margaret war der psychische Zusammenbruch Agnes Mutter nicht fassbar. Ihre eigenen Gefühle spiegelten eher ein Vermissen wieder. Was mir gut gefallen hat, ist zu zeigen, wie sich ein Kind fühlt, das glaubt schuld am Tod der besten Freundin zu sein und dieses Hirschtier, das ihr ins Gewissen beißt, ganz alleine tragen muss. Ebenso hat die Autorin einen geübten Blick auf die Erwachsenen geworfen, die ihre eigene Verantwortung auf die damals Vierjährige abwälzen. Zu Anfang fand ich die einfache Sprache großartig, später nicht mehr so angemessen. Die Geschichten, die Margaret erfindet, hat die Autorin zum Teil mit der immerwiederkehrenden Anfangsszene eingeleitet, das fand ich hilfreich und gut gelöst. Dieser Linie ist sie aber nicht immer treu geblieben und das war für mich verwirrend. Eine sehr spezielle Geschichte mit einem soliden Grundgerüst über Trauma, Verlust und Schuld. Und sicher eine Herausforderung für die Autorin, die hiermit den Janet Heidinger Kafka Prize for Fiction 2025 gewonnen hat.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle

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"Hirschtier" von Claire Oshetsky erzählt die Geschichte von Margaret Murphy. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre beste Freundin Agnes auf tragische Weise. Seitdem verdrängt Margaret alle Erinnerungen ...

"Hirschtier" von Claire Oshetsky erzählt die Geschichte von Margaret Murphy. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre beste Freundin Agnes auf tragische Weise. Seitdem verdrängt Margaret alle Erinnerungen an diesen Tag. Immerhin behauptete ihre Mutter allen gegenüber, sie sei am Unglückstag gar nicht aus dem Haus gegangen. Doch was ist die Wahrheit?

„.... noch bevor Hirschtier die Chance hat, mir zu sagen, was ich diesmal falsch gemacht habe – kommen mir Zweifel. Ich habe so lange erfundene Geschichten erzählt, dass die ungeschminkte Wahrheit sich hässlich und holperig anfühlt und die Fakten mir vorkommen wie geborgte Bruchstücke, aufs Geratewohl aus einem Wust von Hörensagen und altem Tratsch herausgepickt. Einmal versuchte ich, meiner Mutter die Wahrheit über den Tag der Flut auf dem Schulhof zu erzählen, und sie schlug mich und sagte: »MARGARETMURPHY, DUWIRSTDIESEABSCHEULICHELÜGENIEMEHRWIEDERHOLEN!«, und ich tat es nie mehr.
Und jetzt sprechen die altvertrauten Stimmen in meinem Kopf wieder auf mich ein, so wie immer. Sie versuchen, mir auszureden, was ich vom Tag der Schulhofüberschwemmung noch weiß. Du warst erst vier. Du warst zu klein, um dich dran erinnern zu können. So war es nicht. Deine Mutter sagt, du warst den ganzen Tag bei ihr und hast das Haus nicht verlassen. Sie sagt, du hast nie einen Fuß in diesen alten Schuppen gesetzt. Deine Erinnerung ist falsch. Was du Wahrheit nennst, ist nichts weiter als die Geschichte, die Ruby Bickford erfunden hat, ihre verleumderische Geschichte, die Lüge, zu der sie sich genötigt sah, weil sie nicht zugeben konnte, dass sie ihr Kind durch egoistische Vernachlässigung getötet hatte und dann ihr eigenes sträfliches Verhalten dem Nachbarskind in die Schuhe schieben wollte.
Ich bin unschuldig.
Vielleicht bin ich unschuldig.“

Jahre später erschein Margaret ein Fantasiewesen, ein Hirschtier, das sie zwingt, sich die Wahrheit über ihre Rolle bei Agnes’ Tod einzugestehen. Doch trotz ihrer Schuldgefühle scheitert Margaret daran, die Wahrheit auszusprechen.

„Bald wird sie erkennen, dass sie nicht zu retten ist. Bald wird sie wissen, dass das, was sie getan hat, unverzeihlich ist. Für den Rest ihres Lebens wird dieses Wissen immer da sein, wird sie in ein Geflecht von Schmerz und Schuldgefühl wickeln. O ja. Das Schuldgefühl ist das Schlimmste. Das Schuldgefühl ist das hohle Herz des Ganzen. Das Schuldgefühl hält die Schändlichkeit am Leben. Das Schuldgefühl folgt ihr überallhin, zwei Schritte hinter ihr.“

Margaret stiehlt ein Auto und geht weg; sie trifft auf Penny und Glo, die ebenfalls auf der Flucht sind.

„‘Ich fühle eine unheilvolle Wendung dieser Geschichte nahen. Sie dräut über meiner Zukunft. Mir geht die Zeit aus, mein Happy End zu finden. Hirschtier lenkt mich nicht. Es unterbricht mich nicht mit ätzenden Zwischenrufen oder höhnischen Bemerkungen.‘“

Anfangs fand ich die Erzählweise der Autorin sehr interessant; Margarets wiederholte Versuche, sich an die Wahrheit zu erinnern, immer wieder in Fantasien zu flüchten. Doch mit der Zeit wurde das Buch irgenwie sehr zäh und verstrickte sich in Wiederholungen und sehr vielen Fantasien.

Mir war das Buch, das zwar seine guten Momente hatte; insgesamt doch zu wirr und ausschweifend.
Wirklich überzeugen konnte es mich leider nicht.

Vielen Dank an den ecco Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar

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