Komplex und wunderschön erzählt
Inhalt:
Einer namenlosen Frau wird das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen. Nur eine weitere Tragödie in ihrem erst so jungen Leben. Sie verstummt von einem Tag auf den anderen und beginnt, Altgriechisch ...
Inhalt:
Einer namenlosen Frau wird das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen. Nur eine weitere Tragödie in ihrem erst so jungen Leben. Sie verstummt von einem Tag auf den anderen und beginnt, Altgriechisch zu lernen. Über das Erlernen dieser toten Sprache erobert sie sich den Zugang zu ihrer ganz persönlichen Sprache und Kommunikation zurück.
Ihr - ebenfalls namenloser - Griechischlehrer ist in Deutschland und Korea aufgewachsen, trägt zwei Identitäten und ein Geheimnis mit sich herum; er ist nämlich dabei, zu erblinden und möchte dies vor seinen Arbeitgebern verbergen. Die griechische Schrift, das Entdecken neuer Formulierungen in einer Sprache, die für sie beide eine Fremdsprache ist und das Wissen um den verborgenen Schmerz des Gegenübers verbindet die beiden.
Meine Meinung:
"Griechischstunden" hat mich auf der Heimreise von Verona begleitet und es ist das erste Buch der Autorin, bei dem ich kleine Startschwierigkeiten hatte. Nach einigen Seiten konnte ich aber so richtig in die Geschichte eintauchen und wurde mit einem sehr feinen Humor und einer sich zart entwickelnden Freundschaft - in allen Beschreibungen wird von einer Liebesgeschichte gesprochen, aber das halte ich für ein wenig vorschnell, schliesslich kommen sich die Figuren nur sehr sanft und zaghaft näher - und vielen kunstvoll verbundenen Rückblenden belohnt.
Schreibstil und Aufbau:
In ihren Romanen springt Han Kang immer mitten ins Geschehen und begleitet eine oder mehrere Figuren durch den Alltag, ohne sich mit einer Rahmenhandlung oder langer Vorrede aufzuhalten. Die Details liefert sie im Verlauf der Geschichte nach und so setzt sich Stück für Stück ein Gesamtkunstwerk zusammen. So ähnlich geschieht dies auch in "Griechischtunden". Und obwohl mir dieser Aufbau normalerweise keine Schwierigkeiten bereitet, so hatte ich doch anfangs Mühe, dem schnellen Wechsel der erzählenden Figur und zwischen erster und dritter Person zu folgen. Dann aber habe ich die beiden Figuren so richtig ins Herz geschlossen und hätte sie gerne noch länger durch ihren Alltag und auf ihrem zuerst sehr düsteren und dann immer hoffnungsvolleren Weg begleitet.
Meine Empfehlung:
Dieser komplexe Roman der Autorin muss sehr aufmerksam gelesen werden und dann erschliesst sich eine sehr poetische, tragisch-schöne Geschichte, die Mut macht und mit einem zarten Humor erzählt wird.