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Veröffentlicht am 29.07.2018

Geheimdienste und Geheimnisse

Fake
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Als in Syrien ein hochrangiges Mitglied des IS' bei einem Drohnenangriff getötet wird, gibt es ein weiteres Opfer - ausgerechnet die amerikanische Geisel Catherine Finch. Normalerweise läuft so was unter ...

Als in Syrien ein hochrangiges Mitglied des IS' bei einem Drohnenangriff getötet wird, gibt es ein weiteres Opfer - ausgerechnet die amerikanische Geisel Catherine Finch. Normalerweise läuft so was unter "Pech gehabt, friendly fire", doch dieses Mal ist es ein wenig anders: Der scheidende amerikanische Präsident will sich einen Namen machen und hat begonnen, Friedensverhandlungen im Nahen Osten aufzunehmen; da sieht es natürlich mit so einem Verlust echt blöd aus. Also reaktiviert man Pete Town aus dem Ruhestand. Der ehemalige Geheimdienstler war schon immer ein Meister im Vertuschen oder Erfinden von Geschichten, eben im Umlaufbringen von Fakes. Sie brauchen nur drei Tage lang die Welt in dem Glauben lassen, dass Catherine überlebt hat, doch es gibt viele Mitspieler in diesem Spiel, und nicht alle haben dieselben Ziele.

Eigentlich bin ich kein Fan von Spionagethrillern, doch irgendetwas an der Leseprobe hier hat mich gereizt, sodass ich zu diesem Buch gegriffen habe. Hier taucht man kopfüber in die Welt der Geheimdienste ein, in Spionage und Gegenspionage, das Spiel der Spiele, das einige wenige spielen, um einer eingebildeten Aufgabe nachzugehen und vielen zu schaden. Was mir so richtig gefallen hat, war, dass sich die Geschichte entblätterte wie eine Zwiebel, die langsam geschält wird, nicht immer chronologisch, manchmal auch in Rückblicken, und dass es hier vor überraschenden Wendungen und noch mehr Wendungen nur so wimmelt. Immer wenn man das Gefühl hatte, alles durchschaut zu haben, hatte einer der Beteiligten noch ein Ass im Ärmel, das gestochen hat, und gab der Geschichte damit eine neue Richtung vor. Ob es bei dem Ganzen tatsächlich in dieser Form so laufen würde wie beschrieben, sei dahingestellt. Ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Krieg in den Köpfen

Vergessene Seelen
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Sommer 1948: Es ist heiß in Dresden, so heiß, wie die vorherigen Winter hundekalt waren. Max Heller wird in kurzer Zeit zu zwei unterschiedlichen Fällen gerufen: zuerst ein toter Junge, der auf einer Baustelle ...

Sommer 1948: Es ist heiß in Dresden, so heiß, wie die vorherigen Winter hundekalt waren. Max Heller wird in kurzer Zeit zu zwei unterschiedlichen Fällen gerufen: zuerst ein toter Junge, der auf einer Baustelle gefunden wurde, dann ein Mann, der kopfüber in einem Kanalloch hängt. Gehören die Todesfälle zusammen? Warum reagiert die Familie des Jungen so seltsam? Zwischen prügelnden Vätern, bandenbildenden Jugendlichen, resignierten Frauen, dem Krieg in den Köpfen der Menschen und unterschiedlichen Weltanschauungen gerät Heller bald in ein moralisches Dilemma, das auch in seiner eigenen Familie nicht Halt macht und ihn weit in die Vergangenheit zurückkatapultiert.

Natürlich sind die Fälle interessant, zweifellos. Doch die große Stärke des Buches ist die Fähigkeit des Autors, uns zurück in diese Zeit zu nehmen, die so grauenvoll war trotz Ende des Krieges. Nur weil es keine Kampfhandlungen mehr gab, bedeutete das ja nicht, dass plötzlich alle Leute im Kopf klar wurden. Es bedeutete auch nicht, dass es allen Menschen über Nacht gut ging, im Gegenteil. Die Leute hungerten, hatten keine vernünftigen Unterkünfte, alles gab es auf Marken, der Schwarzmarkt boomte. Ist es ein Wunder, dass sie auf Biegen und Brechen versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen? Goldammer hat hier ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte abgeliefert, bei dem sich jeder selbst fragen kann, wie er sich wohl verhalten hätte.

Veröffentlicht am 28.07.2018

Eine Kerbe für die Auserwählten

Die Rabenringe - Odinskind (Bd. 1)
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Hirka ist der einzige Mensch ohne einen Schwanz in Ymsland. Ein Wolf hat ihn ihr abgerissen, als sie noch ein Baby war, hat ihr Vater ihr erzählt. Das macht das Leben für sie nicht unbedingt einfach, denn ...

Hirka ist der einzige Mensch ohne einen Schwanz in Ymsland. Ein Wolf hat ihn ihr abgerissen, als sie noch ein Baby war, hat ihr Vater ihr erzählt. Das macht das Leben für sie nicht unbedingt einfach, denn es gibt Legenden über Schwanzlose, die Menskr, die schreckliche Monster sind und nicht umarmen können, auch keine Gaben besitzen. Mit fünfzehn, kurz bevor die Zeit für die jungen Menschen in Ymsland kommt, ihre Gabe während einer großen Zeremonie vor dem Rat der Zwölf anzunehmen, erklärt ihr der Vater, dass er sie belogen hat. Sie ist wirklich ein Menskr, und deshalb müssen sie beide fliehen, bevor der Rat dahinter kommt und die Schwarzröcke ausschickt, die lautlosen Killer, um sie zu töten. Plötzlich ist Hirka eine Aussätzige, gejagt, gehasst und verwickelt in politische Machenschaften, und alles, um eine tausendjährige Lüge aufrechtzuerhalten und einem Mann unvorstellbare Macht zu verschaffen. Nun kann ihr nur noch ihr Jugendfreund Rime helfen, aber wird er dazu bereit sein? Immerhin stammt er aus einer der zwölf edelsten Familien, zu alledem hat er sich den Schwarzröcken angeschlossen.

Ich weiß nicht, ob es wirklich schon ein moderner Klassiker ist. Fakt ist jedoch, dass es sich hierbei um den Auftakt einer fantastischen Trilogie handelt, die gleichzeitig Jugendfantasy ist und doch mit so originellen neuen Ideen aufwartet, verbunden mit nordischer Mythologie, dass man nur applaudieren kann. Es enthält alles, was man sich für spannende Abende nur wünschen kann: Freundschaft, Abenteuer, Mystik, hervorragend ausgearbeitete Charaktere, die man entweder schnell ins Herz schließt oder ob ihrer genialen Bosheit und fiesen Durchsetzungskraft widerwillig bewundert. Es gibt eine zart angedeutete Liebesgeschichte, die - den Menskr oder Ymslingen sei Dank - nicht aufdringlich ist und sich dezent in das Geschehen einfügt. Ein fantastisches Abenteuer, das trotz der 600+ Seiten keine einzige Zeile langweilig war und hibbelnd auf die Fortsetzung warten lässt.

Veröffentlicht am 28.07.2018

Ein Todesfall kommt selten allein

Ed ist tot
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Eigentlich ist Jen Carter ein umgänglicher Mensch: Buchhändlerin, Proseccoliebhaberin und Freundin eines Taugenichts namens Ed. Der taugt so wenig, dass sie tatsächlich irgendwann die Schnauze voll hat ...

Eigentlich ist Jen Carter ein umgänglicher Mensch: Buchhändlerin, Proseccoliebhaberin und Freundin eines Taugenichts namens Ed. Der taugt so wenig, dass sie tatsächlich irgendwann die Schnauze voll hat und sich von ihm trennt. Dumm nur, dass sie vergaß, ihren Schlüssel zurückzufordern. Und genauso dumm, dass Ed eines Abends einfach in ihre Wohnung eindringt, um etwas zu holen. Dass er dabei in ihr Küchenmesser läuft, ist eindeutig seine Schuld. Und auch dass er einen Haufen Geld und Drogen in ihrer Wohnung versteckt hat. Überhaupt ist eigentlich alles Eds Schuld, denn plötzlich hat Jen Probleme. Abgesehen von einer Leiche in ihrer Wohnung - und vor allem was heißt hier einer Leiche? So viele Leichen, wie sich plötzlich rechts und links von Jen stapeln, hat sie nicht mal bei Shakespeare herauslesen können.

Eine aberwitzige Geschichte, die darauf aufbaut, dass aus einer unglücklichen Situation und Entscheidung heraus immer schlimmere und absurdere Geschehnisse entstehen. Aus der unauffälligen grauen Maus Jen wird im Laufe der Ereignisse eine Person, die mehr und mehr mit allen Mitteln um ihr Überleben kämpft, und das ist auch bitter notwendig, sind doch plötzlich nicht nur die Polizei, sondern auch die Unterwelt Glasgows hinter ihr her. Man muss sich darauf einlassen können, auch auf die Brutalität, die relative Ungerührtheit der Protagonistin, die blutigen Spuren, die sie hinter sich herzieht. Wenn man es als das nimmt, was es sein soll - eine absurde, unterhaltsame Story, wird man eine kurzweilige und schnell zu lesende Lektüre erhalten.

Veröffentlicht am 26.07.2018

Im Kampf um Hygiene

Der Horror der frühen Medizin
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Wenn man im 19. Jahrhundert gezwungen war, sich bei einem Chirurgen unters Messer zu legen, konnte man davon ausgehen, dass das letzte Stündlein geschlagen hatte. Chirurgen waren kaum mehr als Metzgermeister, ...

Wenn man im 19. Jahrhundert gezwungen war, sich bei einem Chirurgen unters Messer zu legen, konnte man davon ausgehen, dass das letzte Stündlein geschlagen hatte. Chirurgen waren kaum mehr als Metzgermeister, die knietief in Blut wateten und sich mehr auf die Schnelligkeit ihrer Skalpelle verließen als auf die Hoffnung, den Patienten durchzubringen. Hygiene war ein Fremdwort, die Kleidung der Chirurgen starrten von Dreck, Blut, Eingeweide, Eiter und was sich sonst noch Leckeres in einem Schlachthaus ansammelte. Bis Mitte des Jahrhunderts mussten die Patienten die Operationen noch bei vollem Bewusstsein über sich ergehen lassen, bis zur Erfindung des Äthers. Dabei waren es weniger die Schmerzen und schrecklichen Verletzungen, welche die Todesopfer forderten - es waren die scheußlichen Verhältnisse, in welcher operiert und die Kranken dann gelagert wurden.

Zu dieser Zeit trat ein junger Chirurg die medizinische Laufbahn an, der sich nicht mit all den Toten abfinden wollte. Joseph Lister, aus einem wissenschaftlich interessierten Quäkerhaushalt stammend und mit einem scharfen Geist und viel Empathie ausgestattet. Obwohl aus London kommend startete seine Karriere in Edinburgh, wo er unter dem bekannten Chirurgen Syme lernte. Lister begriff schnell, dass die hygienischen Verhältnisse für viele Tode verantwortlich war und er setzte alles daran, das zu verbessern. Dabei machte er sich nicht nur Freunde, viele namhafte Chirurgen der damaligen Zeit versuchten auf alle möglichen Weisen, ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Doch unter anderem mit der Hilfe von Louis Pasteur schaffte er es schließlich, Keimen den Kampf anzusagen und die Medizin wahrhaftig in ein neues Zeitalter zu führen. Für mich las sich das Buch beinahe spannender als mancher Krimi, weil man nicht nur einen tiefen Einblick in die Medizin des 19. Jahrhunderts bekommt, sondern auch in die damalige Zeit, die gleichzeitig so erschreckend und modern war.