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Veröffentlicht am 10.01.2017

Percy, Portis, Baby, Blizzard

Sweetgirl
1

Es ist wirklich verdammt hart, wenn man erst sechszehn ist, aber schon arbeiten muss statt Highschool und College, weil deine Mutter eine Junkie ist. Noch härter ist es, wenn ein Schneesturm aufzieht und ...

Es ist wirklich verdammt hart, wenn man erst sechszehn ist, aber schon arbeiten muss statt Highschool und College, weil deine Mutter eine Junkie ist. Noch härter ist es, wenn ein Schneesturm aufzieht und du besagter Mutter hinterherlaufen darfst, weil dir jemand erzählt hat, dass sie high wie eine Schiffssirene im Haus eines Dealers herumliegt. Willkommen im Leben von Percy, die kein Halbgott ist, aber dafür mindestens ebensolche Probleme stemmen muss. Denn im Haus des völlig bekifften Shelton Potter findet sie nicht ihre Mutter, dafür ein halb erfrorenes und völlig vernachlässigtes Baby. Kurzerhand nimmt sie es mit. Weil der Schneesturm jetzt mit voller Macht aufzieht und ihr Wagen eingeschneit ist, flieht sie mit dem Baby zu Portis, der mal fast so was wie ihr Stiefvater war - ein versoffener Typ mit dem Herz am rechten Fleck, einer Schrotflinte und einem Wolfshund namens ... Wolfshund. Zusammen machen sie sich auf den weiten Weg in die Stadt, verfolgt von des Dealers Gehilfen, und plötzlich stapeln sich entlang des Weges ein paar Tote.

Mann, das Mädchen ist echt cool. Ich an ihrer Stelle hätte mir ja mehrmals in die Hosen gemacht, doch selbst wenn sie mal geheult hat, war das kein I'm a damsel in distress, rescue me Geheule, sondern ein Ich zieh mein Ding jetzt durch, ihr Vollpfosten. Und im Gegensatz zu den meisten Heldinnnen hatte sie echt auch mal Grund zum Heulen, denn mit einer Junkiemutter, die sie ständig aus drogenindiziertem Stress retten muss, plötzlich einem Baby und dann einem Dealer und seinen Leuten hatte sie die Hände mehr als voll. Wenigstens hatte sie Portis, zumindest eine Weile, denn es ging schief, was nur schief gehen kann. Das Buch ist flüssig geschrieben und liest sich fast schneller, als ich diese Rezi schreibe, es ist dramatischer und trauriger, als der Klappentext oder diverse Stimmen vermuten lassen und das Happy End ist nur ein halbes; ein interessantes Debut ist das Buch allemal.

Veröffentlicht am 09.01.2017

Rausgerotzter Gehirnfurz

Drive-In
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In der Regel wähle ich meine Überschriften mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl. Allerdings ist es dieses Mal gleich ein Test: Wer sich von meiner Überschrift schon abgestoßen fühlt, sollte auf jeden ...

In der Regel wähle ich meine Überschriften mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl. Allerdings ist es dieses Mal gleich ein Test: Wer sich von meiner Überschrift schon abgestoßen fühlt, sollte auf jeden Fall die Finger von dem Buch lassen. Denn bei aller Brutalität ist es genau das, was das Buch ausmacht.

Es ist eine Trilogie, dieser fette Schinken Drive In. Und allein darin liegt schon das Problem. Keine Ahnung, was sich Heyne dabei gedacht hat, aber die geballte Ladung Drive In ist eigentlich unerträglich. Dabei ist Teil Eins noch ... ganz nett ist hundertpro der falsche Ausdruck, trifft es aber noch am besten. Der Ich-Erzähler Jack und seine Freunde Bob, Willard und Randy verbringen ihre meisten Freitagabende im Orbit, dem riesigen Drive-In-Kino ihrer Gegend, in der nur Horror- und Splatterfilme gezeigt werden. Doch an einem Abend geht etwas schief. Ein Meteorit (oder so) stürzt auf das Orbit und die Kinogänger sind eingeschlossen im Drive In, umgeben von einer schwarzen Masse, die alle, die sie berühren, auflöst. Am Anfang versuchen die meisten noch, ruhig zu bleiben, doch nach einer gewissen Zeit, als die Vorräte alle sind, eskaliert das Ganze sehr schnell in Bandenbildung, Totschlag, Mord, Kannibalismus.

Das allein wäre eine super menschliche Studie der menschlichen Natur gewesen, schön eingerahmt in eine Geschichte, die einem zuckerschock- und drogenvernebelten Gehirn entsprungen sein mochte. Doch davon abgesehen, dass man eigentlich nur auf Distanz gehalten wird (oh, die essen ein rohes Baby, nicht mal gebraten?), ist es nicht genug mit der einen Story. Es müssen nach einem wahrscheinlich unerwarteten Erfolg zwei Sequels hinterhergeschoben werden, die immer abgedrehter und bekloppter werden. Was, die schlucken auch die Scheiße von Teil 2? Dann schreibe ich nur noch Müll, ist ja schließlich Kult.

Seit ich mein erstes Buch von Lansdale gelesen habe, war ich begeistert. Der Kerl hat eine Schreibweise, die einen reinzieht und mitreißt, ja, oft dreckig und brutal ist, was in den anderen Büchern auch gepasst hat. Aber hier watet man ständig bis zum Hals in der Scheiße, taucht ab und zu unter und nimmt einen kräftigen Schluck von der Brühe, bis es nicht nur vorne wieder rauskommt, sondern auch aus den blutenden Ohren. Hier wird gekotzt, geschissen und gefickt, viel mehr ist mir eigentlich nicht in Erinnerung geblieben. Mag sein, dass das die Quintessenz des Menschen ist, gute Horrorliteratur ist das nicht. No, Sir, Mr Lansdale, that was ... shit.

Veröffentlicht am 05.01.2017

Vom Bayou nach Chicago

Die Mississippi-Bande
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Alles fing mit dem Mord an einem Mörder an. Oder nein, wahrscheinlich schon vorher, als vier Kinder aus dem Bayou einen Einbaum bauten. Te Trois, Eddy die Grille, Julie und ihr kleiner Bruder Tit. Die ...

Alles fing mit dem Mord an einem Mörder an. Oder nein, wahrscheinlich schon vorher, als vier Kinder aus dem Bayou einen Einbaum bauten. Te Trois, Eddy die Grille, Julie und ihr kleiner Bruder Tit. Die vier leben unter recht ärmlichen Verhältnissen, doch sie kennen es auch nicht anders. Jedenfalls fing alles mit dem Einbaum an, denn als sie mit dem unterwegs waren und fischten, fanden sie eine Konservenbüchse, in der drei Dollar waren. Drei Dollar! Sie waren reich! Und beschlossen, im Katalog einen Revolver zu bestellen. Doch als ihr Paket endlich ankam, war dort kein Revolver drin, sondern eine alte, kaputte Taschenuhr. Und mit der ging es erst richtig los, denn plötzlich wurden sie bedroht und beschlossen, sich auf den Weg nach Chicago zu machen, um die anscheinend wertvolle Uhr persönlich zurückzugeben. Die Abenteuer führten sie nicht nur quer durch die USA, sondern brachten interessante und manchmal gefährliche Begegnungen ...

Ich bin ein großer Fan von Mark Twain, und gerade bei der Fahrt auf dem Mississippidampfer habe ich vieles wiedererkannt, was Twain auch in seinen Memoiren erwähnt hat. Doch auch so schaffte es Morosinotto, das alte Flair auferstehen zu lassen, das man so ähnlich von Tom Saywer und Huckleberry Finn kennt, erzählt dabei jedoch eine völlig eigene Geschichte mit eigenen, extrem sympathischen und unterschiedlichen Charakteren, die er selbst in jedem Abschnitt zu Wort kommen lässt. Dabei bekommt man ganz nebenbei einen Einblick in die Lebensweise um 1904 und Kindern im Alter um die 13. Es ist der Beginn eines Jahrhunderts voller Wunder und Technik und zumindest ich habe mit den vier mit offenem Mund dagestanden und gestaunt, mit ihnen ihre Abenteuer live erlebt und hatte allgemein eine tolle Geschichte, die es zu lesen lohnt.

Veröffentlicht am 03.01.2017

Ein kleines Genie

Das geheimnisvolle Leben des Nicholas Benedict
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Nicholas ist neun, Waise und mit Narkolepsie geschlagen. Das heißt, es kann passieren, dass er jederzeit einschläft, meistens, wenn ihn starke Gefühle überwältigen. Er war schon in mehreren Waisenheimen ...

Nicholas ist neun, Waise und mit Narkolepsie geschlagen. Das heißt, es kann passieren, dass er jederzeit einschläft, meistens, wenn ihn starke Gefühle überwältigen. Er war schon in mehreren Waisenheimen und dieses Mal verschlägt es ihn nach Child's End, einem Gutshof, der früher mal den Rothschilds gehört hatte. Wie er es gewohnt ist, gibt es auch hier mehrere jugendliche Raufbolde, die ihn mobben, weil er einfach anders ist, und dabei wissen sie noch nicht einmal, dass er ein kleines Genie ist, der innerhalb von Minuten dicke Bücher lesen - und sich merken kann. Nicholas hat ein eidetisches Gedächtnis und ist überaus clever. Als er von einem nie gefundenem Schatz der Rothschilds erfährt, beschließt er, ihn zu finden, um dem Waisenhaus zu entgehen; zusammen mit seinen neuen Freunden John und Violet macht er sich auf die Suche.

Bei diesem Buch hätte so viel schiefgehen können, gerade weil Nicholas so außergewöhnlich ist. Aber Stewart hat es echt geschafft, ihn einem nahezubringen, sympathisch zu machen, so dass man die ganze Zeit hinter dem kleinen Kerl steht, wenn er sich wieder einmal aufgrund seiner großen Klappe in Schwierigkeiten gebracht, aber gleich darauf auch wieder hinausmanövriert hat. Auch die Nebencharaktere sind supergut gezeichnet, jeder hat etwas, das ihn von den anderen abhebt und einzigartig macht, ohne ihn (oder sie) weniger authentisch wirken zu lassen. Natürlich muss man sich vor Augen halten, dass es sich hier um ein Kinderbuch handelt, manche Sachen müssen einfach mit einem Happy End ausgehen, auch wenn es wohl in der Realität nicht so einfach wäre, aber wenn dem nicht so wäre, wer wollte dann noch solche Bücher lesen wollen? Nein, hier hat es gepasst und Spaß gemacht, es gibt eine dicke Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 01.01.2017

00Salat - geschüttelt, nicht gerührt

Shaking Salad Low Carb
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Da haben wir den Salat! Für mich war das eigentlich immer so Zeug dazu, konnte, musste jedoch nicht unbedingt gegessen werden. Ja, ich weiß, gesund und so. Trotzdem. Und dann kam die Neugierde und ich ...

Da haben wir den Salat! Für mich war das eigentlich immer so Zeug dazu, konnte, musste jedoch nicht unbedingt gegessen werden. Ja, ich weiß, gesund und so. Trotzdem. Und dann kam die Neugierde und ich dachte: Joa, probiere ich halt mal die Salate aus diesem Buch aus. Will jetzt nicht gerade behaupten, dass es eine Offenbarung war - aber mal was richtig anderes in Bezug auf Salat. Und das auch noch sympathisch.

Also, was ist denn nun das Tolle? Erstens mal bildet sich die Autorin nicht ein, sie hätte mit ihrem Buch die Welt verändert, das finde ich schon mal cool. Dann hat sie ein paar echt gute Ideen, was man alles zu Salat verarbeiten könnte - schon mal von Sojapfannkuchen mit Avocado gehört? Bis ich das Buch aufschlug, hatte ich das auch nicht. Schmeckt aber, ehrlich.

Gut gemacht ist auch die Einteilung des Buches, denn sie unterteilt in vegetarisch, vegan, Fisch, Fleisch, süß - und dann der Knaller: Cheat Meals. Denn eigentlich heißt das Buch ja Shaking Salad Low Carb - aber Stöttinger sagt selbst, dass man manchmal cheaten muss, um vernünftig eine Diät oder Low Carb durchzuhalten. Gibt nun mal kaum was Besseres, als seine Zähne in frisches Brot zu graben. Dann sind da noch ihre Dressings, die fast alle mit den einfachsten Mitteln herzustellen sind, die sogar ich zuhause habe. Dreimal sympathisch war mir, dass sie bei exotischen Sachen immer auch Alternativen aufführte, es war kein dogmatisches "Du brauchst unbedingt das megateure Gewürz/Öl/die Zutat, die du danach nie wieder verwenden wirst", sondern sie hatte meistens einen preiswerten Ausweg bei der Hand.

Es hat mir also tatsächlich gefallen, das Shake-it-Baby-Buch - allerdings habe ich eine Kategorie kategorisch ausgelassen: Fisch. Sorry, nein, aber Fisch (oder Muscheln) im Glas - kein Plan, aber da schüttelt's mich selbst. Ich habe also nicht alle Rezepte probiert, aber alle Rezepte, die ich probierte, haben geschmeckt.
Und als Abschluss für all diejenigen, die das immer übelst wichtig finden: Ein Lesebändchen ist in dem Buch auch dabei. In Rot.