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Veröffentlicht am 21.11.2016

Eine Frage der Definition

The Cage - Entführt
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Cora ist sechzehn, Tochter eines Politikers - und war bereits Jugendknast, verurteilt wegen Fahren ohne Führerscheins mit Todesfolge. Eines Tages erwacht sie in einer ihr unbekannten Gegend, einer Wüste. ...

Cora ist sechzehn, Tochter eines Politikers - und war bereits Jugendknast, verurteilt wegen Fahren ohne Führerscheins mit Todesfolge. Eines Tages erwacht sie in einer ihr unbekannten Gegend, einer Wüste. Als sie sich umsieht, bemerkt sie insgesamt auf wenig Raum sieben andere Biotope und sie trifft auf fünf weitere Jugendliche, alle in ihrem Alter, alle unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem Hintergrund. Den sechs wird schnell klar: Sie sind Gefangene. Gefangene einer außerirdischen Rasse, deren Hüter, Cassian, ihnen erzählt, dass seine Rasse lediglich die Menschen retten will. Die Menschheit gilt bei Cassian und anderen ebenso fortgeschrittenen Rassen als minderwertig, als kaum intelligent, und es macht ihnen nichts aus, Menschen in Biotopen und Manegen zu halten, sie wie im Zoo zu betrachten, zu studieren, zu sezieren, mit ihren Knochen Handel zu treiben ...

Kommt einem das alles irgendwie bekannt vor? Ja, das ist es, was die Menschheit schon immer mit Tieren macht, die uns an Intelligenz ja unterlegen sind. Dann ist das ja ok, oder?
Genauso, wie es mittlerweile Stimmen gibt, dass man Tieren Rechte zugestehen soll und muss, behandelt dieses Buch auf unterhaltsame Art und Weise die Frage der Definition: Ab wann ist es "okay", andere, auch "niedere" Wesen zu unterdrücken und mit ihnen anzustellen, was man möchte, nur weil man ihnen technisch überlegen ist? Dieser moralisch-philosophische Aspekt hat mir extrem gut gefallen, überhaupt auch die meiste Zeit die Interaktion der Jugendlichen untereinander oder mit den Außerirdischen. Ein paar Sachen fand ich nicht ganz logisch, zum Beispiel die Faszination von Cassians Rasse für den Lebensstil der Menschen: Würden sich Menschen wie Affen anziehen und bewegen, die sie für eine niedere Rasse halten? Ich denke, Außerirdische mit so einer Denkweise würden das wohl auch eher ablehnen. Auch ist die angedeutete Liebesbeziehung von Cora zu einem der Außerirdischen ein wenig ... mit Geschmäckle. Nicht wegen der unterschiedlichen Rassen, sondern fast schon im Bereich der Pädophilie, siehe oben. Cora ist 16, der Außerirdische hat allein "viele Rotationen" gebraucht, um den Rang zu erhalten, den er innehält. Das war nicht so mein Ding, ansonsten hat mich das Buch überraschend gut unterhalten und ich warte auf den Nachfolger.

Veröffentlicht am 18.11.2016

Cleverer, als die Polizei erlaubt

Digby #01
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Zoe Webster ist neu in der Kleinstadt. Leider ist sie keine von den cool Kids, so dass sie sich ziemlich einsam fühlt. Zumindest solange, bis Digby in ihr Leben platzt, und mit Digby ist es eher so, dass ...

Zoe Webster ist neu in der Kleinstadt. Leider ist sie keine von den cool Kids, so dass sie sich ziemlich einsam fühlt. Zumindest solange, bis Digby in ihr Leben platzt, und mit Digby ist es eher so, dass man sich gelegentlich wünscht, einsam zu sein. Doch Digby wäre nicht der sechszehnjährige Filou, der er ist, wenn er nicht Zoes Leben völlig auf den Kopf stellen würde. Zusammen mit ihm bricht Zoe bei einem Frauenarzt ein (aus völlig vernünftigen Gründen), kauft Drogen (aus ebenso vernünftigen und ermittlungstechnischen Gründen), legt sich mit einer Sekte an (denkt euch euren Teil), sucht nach verschwundenen Millionärstöchtern (jaha!), lässt sich beschießen und in die Luft sprengen. Und das waren noch die normalen Tage mit Digby. Eines ist klar, langweilig wird es mit dem Typen nie.

Der Schreibstil und die Geschichte sind einfach nur mega. Obwohl es sich bei genauerem Betrachten durchaus um ernste Themen handelt wie Mobbing in der Schule, Drogenhandel, vermutlich Mord oder zumindest Kindesentführung, ist das Buch in so einem schnoddrigen, witzigen Stil geschrieben, dass man eigentlich permanent am Grinsen ist. Digby, Zoe und Henry sind super sympathische Jugendliche, die alle nicht auf den Mund gefallen sind und cleverer, als es selbst die Polizei erlaubt, die eigentlich aus zwei richtig coolen Cops besteht. Klar, allzu sehr darf man über manche Sachen nicht nachdenken, dann merkt man nämlich, dass das einfach nicht funktionieren würde, aber es ist einfach so unterhaltsam und witzig geschrieben, dass ich da ausnahmsweise gern drüber hinwegsehe, zumal man merkt, dass sich das Buch selbst nicht ganz ernst nimmt. Ich hoffe, der Titel Digby #1 lässt darauf schließen, dass auch wirklich ein zweiter Teil folgt.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Was tust du, wenn du dich nicht erinnern kannst?

Brennt die Schuld
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Band 2 geht kurz nach dem Ende des ersten Buches weiter. Zoe hat einen kleinen Teil ihrer Erinnerung zurück, sie weiß, dass sie eine Zwillingsschwester namens Maya hatte, und die tot ist. Doch was ist ...

Band 2 geht kurz nach dem Ende des ersten Buches weiter. Zoe hat einen kleinen Teil ihrer Erinnerung zurück, sie weiß, dass sie eine Zwillingsschwester namens Maya hatte, und die tot ist. Doch was ist mit Maya passiert? Und warum hat sie das Gefühl, dass sie mit dem Tod ihrer Schwester etwas zu tun hat? Auch ihre Eltern scheinen das zu glauben, und um ihrem stummen Vorwurf zu entkommen, ist Zoe bei Elias eingezogen. Noch immer kommen Erinnerungen nur bruchstückhaft, also muss Zoe in ihrer eigenen Vergangenheit nach Hinweisen suchen. Sie nimmt Kontakt zu alten Freunden auf, lernt neue kennen und stößt auf immer neue Geheimnisse. Warum verbergen so viele Leute etwas vor ihr? Wem kann sie überhaupt noch trauen? Kann sie nicht einmal sich selbst trauen?

Eine super Fortsetzung der Story! Die Gefühle Zoes werden eindringlich beschrieben, und jeder, der schon einmal jemand ihm Nahestehendes verloren hat, kann nachvollziehen, was sie durchmacht. Gleichzeitig ist Zoe auch entschlossen, nicht mehr nur rumzuheulen, sondern nach Antworten zu suchen. Mir als Leser erscheinen dabei manche Aktionen nicht unbedingt vernünftig (ich sag nur, ab in die Tonne mit bestimmten Protagonisten! :P), aber andererseits habe ich mit 17 auch Dinger abgezogen, wo ich mittlerweile denke: Hey, cool, du hast es überlebt. Es bleibt also im Rahmen einer verwirrten, trauernden Jugendlichen und die Autorin schafft es gekonnt, die Fragen und die Spannung hoch zu halten. Miri, die Zeichnerin, hat ein Händchen dafür, genau das festzuhalten, was von Bedeutung ist, und als GN-Leser bin ich somit wieder in die Welt von Zoe abgetaucht. Das Ende ist ein bösartiger Cliffhanger, für den man die Autorin mit irgendwas bestrafen müsste, zum Beispiel, dass sie zwölf Stunden lang ununterbrochen Hundebabys streichelt, aber das ist im Großen und Ganzen das Einzige, was es anzuprangern gibt. Bin jetzt also gespannt, wie es im finalen Band aufgelöst wird und ob sich noch diverse Theorien und Spekulationen bewahrheiten werden.

Veröffentlicht am 14.11.2016

Im düsteren Schwarzwald

Oscar Wilde & Mycroft Holmes - Folge 06
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Oscar Wilde verschlägt es bei seinem sechsten Abenteuer im Dienste der Krone (oder auch Mycroft Holmes) nach Deutschland, genauer gesagt mitten in den dunkelsten Schwarzwald hinein. Beunruhigende Nachrichten ...

Oscar Wilde verschlägt es bei seinem sechsten Abenteuer im Dienste der Krone (oder auch Mycroft Holmes) nach Deutschland, genauer gesagt mitten in den dunkelsten Schwarzwald hinein. Beunruhigende Nachrichten von dort sind sogar bis nach London gedrungen: ein Monster hat junge Frauen angegriffen und zerfetzt, und als ein Dorfpolizist und ein Holzfäller der Sache auf den Grund gehen wollen, sterben auch sie. Es ist also wieder einmal die Aufgabe Wildes, Nachforschungen anzustellen, dieses Mal nur mit der Unterstützung seines alten Weggefährten Hawthorne, dem Großwildjäger, der schon bei einigen Ermittlungen dabei war. Im deutschen Reich geht es Wilde fast an den Kragen, und wieder hatte Darwin die Hand im Spiel ...

Mittlerweile denke ich, dass die gesamte Geschichte anders hätte aufgezogen werden sollen, denn ich finde das Grundkonzept nicht mehr stimmig. Ursprünglich ging es um den Kreis der Sieben, die das englische Empire stürzen wollten, aber mittlerweile mischt(e) auch Darwin mit und die englische Regierung kocht ihr eigenes Süppchen. So nah das an der Realität auch sein mag, passt es kaum noch zur Grundstimmung von Wilde & Holmes. Überhaupt Holmes. Warum konnte man bei diesem Mann nicht beim Original von Doyle bleiben. Er war - laut Aussage seines Bruders, des berühmtesten Detektivs aller Zeiten - sogar noch intelligenter und logischer, doch hier wird er meistens wie ein Trottel dargestellt, dazu wie ein Trottel, der sich nicht zu fein ist, in die Kasse seines Angestellten zu greifen. Charles Darwin darf sich die Ehre als boshaftes Genie geben, die Sieben-Antagonisten sind kaum noch einer Fußnote wert. Das Hörspiel selbst ist wie üblich sehr gut gemacht, da gibt es auch bei Teil sechs keine Klagen. Ärgerlich finde ich immer wieder, dass "unwichtige" Nebenfiguren völlig unnötig geopfert werden, ohne dass wenigstens einer ihrer gedenkt, obwohl sie hilfreich waren und ohne sie der Fall nicht gelöst hätte werden können. In London erwähnt Wilde, dass er nicht mal eine deutsche Zeitung lesen kann, im Schwarzwald hingegen plaudert er fließend mit den Einheimischen - oder sprechen die da alle ein einwandfreies Queen's English? Diese Art von Logikfehlern lassen die Sympathien mehr und mehr schmelzen, und ich verteile jetzt nur noch 2,5/5 Punkten - mehr den Sprechern geschuldet als der Geschichte.

Veröffentlicht am 12.11.2016

Die Spionin, die keine war

Die Spionin
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Mata Hari. Schon der Name spricht von Exotik, ihr Leben und ihre Spionage für angeblich mindestens drei Staaten gibt noch immer Anlass zum Spekulieren. Doch wer war diese Frau? Coelho schreibt im Nachwort, ...

Mata Hari. Schon der Name spricht von Exotik, ihr Leben und ihre Spionage für angeblich mindestens drei Staaten gibt noch immer Anlass zum Spekulieren. Doch wer war diese Frau? Coelho schreibt im Nachwort, die Geschichte beruhe auf wahren Begebenheiten, erhebe jedoch keine Ansprüche, eine Biographie zu sein. Ein wirklich cleverer Schachzug! Denn bis auf die ersten paar Seiten, wo er sich wirklich bemüht hat, etwas Interessantes zu liefern, liefert er nichts, was man nicht auch von Wikipedia raussuchen könnte, und selbst das ist dort spannender geschrieben.

Im Prolog geht es um eine beeindruckend starke Frau, die cool und gelassen auf das Erschießungskommando wartet. Diese Frau konnte ich nach dem Prolog nicht einmal mehr mit der Frau in Verbindung bringen, über die geschrieben wurde. Coelho benutzt zwar den Namen Mata Hari, aber er hätte auch über Martha Müller schreiben können. Nach ihrer Zeit auf Java, als sie nach Paris kommt, lässt er Lücken über ihr Leben, von denen der Leser nichts erfährt. Man kann sich noch zusammenreimen, dass sie um 1904/1905 dort aufschlägt, weil verwundete russische Soldaten erwähnt wurden. Als Geschichtsstreber wusste ich, dass zu dieser Zeit der japanisch-russische Krieg stattgefunden hatte. Aber sonst? Eben noch ging es um Mata Haris Aufstieg als Ikone in Paris, im nächsten Moment sitzt sie heulend an irgendeinem Strand, es ist zehn Jahre später, und sie auf dem absteigenden Ast und wäre es heute, ein Kandidat fürs Dschungelcamp. Dazwischen? Egal. Auch ihre "Rekrutierung" wird eher zwischen Tür und Angel beschrieben, genauso ihr Umgang damit. Was also soll dieses Buch sein? Mir kam es wie ein unfertiges Manuskript vor, als hätte Coelho irgendwann auf seinen Terminkalender gesehen und gedacht: Ups. Heute ist Deadline. Ach, egal, kriegt eh keiner mit, ich werfe diese paar Seiten jetzt meinem Verleger vor. 1,5/5 Punkten.

Noch eine Bemerkung, die mir auf der Seele brennt, auch wenn ich das nicht in die Buch-Bewertung einfließen lasse: Das Buch ist kaum so groß wie meine Hand, und ich habe nun wahrhaftig keine Holzfällergriffel. Die Eigenleistung von Coelho umfasst keine 150 Seiten, der Rest besteht aus Werbung für seine anderen Bücher oder Auszügen von Zeitungen der damaligen Zeit sowie ca. 3 Seiten über den Inhalt von Mata Haris Schrankkoffern. Und dafür 20,- Euro? Echt jetzt, Diogenes? Der alte Grieche würde sich in seinem Tonnengrab umdrehen, wenn er wüsste, was ihr abzieht.