Profilbild von Archer

Archer

Lesejury Star
offline

Archer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Archer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Nicht die Beste aller Ausgaben!

Sherlock Holmes - Sämtliche Werke in drei Bänden
0

Über Holmes selbst brauchen wir nicht reden: Er ist der Genialste aller privaten und staatlichen Ermittler, damals wie heute. Seine Fälle und seine Logik sind legendär, ebenso wie seine Freundschaft zu ...

Über Holmes selbst brauchen wir nicht reden: Er ist der Genialste aller privaten und staatlichen Ermittler, damals wie heute. Seine Fälle und seine Logik sind legendär, ebenso wie seine Freundschaft zu Doktor Watson, der gleichzeitig als sein Chronist fungiert. Für diejenigen, die tatsächlich seine Fälle nicht kennen sollten: Holmes ist der berühmte Detektiv aus der Bakerstreet 221 B, und seine Abenteuer und Fälle sind in mehreren Büchern, meist als Kurzgeschichten, beschrieben.

So weit, so gut.

Um alle seine Fälle auf einen Schlag zu haben, beschaffte ich mir diese Ausgabe. Und so auf den ersten Blick sieht sie ja auch sehr gut aus in diesem Schuber. Man hat sämtliche Kurzgeschichten und Romane beieinander und zwar in drei Büchern. Und da fängt es auch schon an: Die Bücher sind dick. So dick wie Mannie, das Mammut aus Ice Age. (Nein, nicht flauschig!) So dick jedenfalls, dass man diese Bücher mit der Vorsicht eines Papyruserforschers öffnen muss, damit sie nicht übelst fette Leserillen bekommen oder im Falle von Buch Zwei, das dreimal so dick scheint wie die Bibel, gleich in der Mitte auseinanderbricht. Da wäre mal mehr auch besser gewesen, vielleicht so fünf bis zehn Bücher? Hätte bestimmt auch besser ausgesehen.

Dann der Inhalt. Wie gesagt, gegen die Fälle selbst, wie Conan Doyle sie ersonnen hat, kein böses Wort. Aber die Übersetzung! Heiliger Bimbam! Nicht nur, dass sich Holmes und Watson hier duzen, was mir extrem gegen den Strich geht, weil es einfach nicht passt. Klar sind sie sehr enge Freunde und Mitbewohner, aber trotzdem distanzierte Englander aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Es! Passt! Nicht! Dann gibt es auch viele Rechtschreibfehler, was echt gar nicht geht.

Nein, ich bin von dieser Ausgabe ernsthaft enttäuscht. So schön sie von außen aussieht, kann sie das Positive des ersten Eindrucks leider nicht bestätigen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Gefangen, geschützt und rar - Männer!

Die geschützten Männer
0

In einer äußerst nahen Zukunft (man darf nicht vergessen, dass der Roman in den 70igern geschrieben wurde und so manches "Zukünftige" schon ein bisschen altbacken wirkt), rafft ein geheimnisvoller Virus ...

In einer äußerst nahen Zukunft (man darf nicht vergessen, dass der Roman in den 70igern geschrieben wurde und so manches "Zukünftige" schon ein bisschen altbacken wirkt), rafft ein geheimnisvoller Virus namens Enzephalis 16 fast alle Männer dahin und von den Überlebenden sind die meisten zeugungsunfähig. Einer der Toten ist auch der Präsident der USA, also übernimmt diesen Job eine Frau, die eine Diktatur der Frauen errichtet.

Zu der rarsten Sorte Männer gehört Dr. Martinelli, der Ich-Erzähler. Er ist nicht nur einer der Überlebenden, darüber hinaus ist seine Zeugungskraft erhalten UND er ist befähigt genug, um an einem Mittel zu forschen, welches das Virus aufhalten soll. Deshalb bringt man (ich meine natürlich FRAU!) ihn in ein Lager, in dem er isoliert und bewacht wird. Das ist auch bitter notwendig, denn mittlerweile ist das Problem mit den nicht vorhandenen Männern so angewachsen, dass Männer auf offener Straße überfallen und zum Sex gezwungen werden. In dem Lager ist er gleichzeitig Gefangener wie auch Befehlshaber, denn aufgrund seines Wissens und seiner Fähigkeiten müssen die Milizionärinnen einerseits tun, was er anweist, andererseits besteht auch viel Hass zwischen ihm und einigen der bis vor kurzem unterdrückten Frauen. Als sich herausstellt, dass eigentlich kein Interesse mehr an dem Gegenmittel besteht, bekommt Martinelli Kontakt zu einer Gruppe von Aufständischen, und er muss sich entscheiden, ob er dafür sein Leben riskiert.

Ein interessantes Buch, auch wenn es schon ganz schön alt ist. Eine Art Dystopie, die ganz ohne Jugendliche oder Dreiecksgeschichten auskommt (ok, das sollte ich vielleicht so nicht sagen, immerhin ist hier manchmal ein Mann mit einem halben Dutzend Frauen zusammen), aber wenigstens ohne diese konstruierten Gefühlssachen. Einfach mal den Spieß umdrehen und Frauen all diese Ungerechtigkeiten ausleben zu lassen, die selbst heute noch in zivilisierten Ländern Gang und Gäbe sind, liest sich verdammt erschreckend - bis man sich fragt: Hm, ist das nicht eigentlich normal, allerdings andersrum? Mir hat der Schluss nicht sonderlich gefallen, da wäre mir mehr Mut und Konsequenz lieber gewesen, aber ansonsten ist das echt ein Buch, das zum Nachdenken anregt und auch klasse geschrieben ist.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Die Normalität des Bösen

Der Tod ist mein Beruf
0

Dieses Buch ist Fiktion, doch gleichzeitig ist es ein historisches Dokument, denn Merle hat geradezu akribisch die tatsächlichen Berichte und Tagebücher eines Monsters aufgearbeit und in eine literarische ...

Dieses Buch ist Fiktion, doch gleichzeitig ist es ein historisches Dokument, denn Merle hat geradezu akribisch die tatsächlichen Berichte und Tagebücher eines Monsters aufgearbeit und in eine literarische Form gebracht. Es geht um den Lagerkommandanten Rudolf Höß, der hier Rudolf Lang genannt wird.

Wir lernen ihn 1913 kennen, als einen durchaus sympathischen Jungen, der unter der Fuchtel seines übermächtigen und vor allem drillenden Vaters steht. Dieser Vater verlangt Perfektion in allem, eine Leistung, derer niemand fähig ist. Minderwertigkeitskomplexe sind die logische Folge, ganz besonders, als der Vater von ihm verlangt, dass er Priester wird - der Sohn soll Priester werden, um für die Sünden des Vaters zu büßen. Rudolf ist von Anfang an fasziniert vom Militär, so sehr, dass er sich nach dem Tod des Vaters sogar freiwillig und noch sehr jung für den ersten Weltkrieg meldet.

Das Militär wird ihn auch nie wieder loslassen, vor allem, da sich immer wieder Männer finden, die ihm geben, was er von seinem Vater gewohnt ist: Härte, Unnachgiebigkeit, Disziplin und eine Aufgabe im Leben. Er gehorcht, und er gehorcht gern. Das Militär fordert und fördert ihn, und er ist einer der Ersten, die dem Nationalsozialismus folgen. So wird er irgendwann Leiter von Ausschwitz und er betreibt die Ermordung der Juden mit so viel Effizienz und deutscher Gründlichkeit, dass einem beim Lesen geradezu schlecht werden kann, nein, muss. Das Schlimme ist, dass Rudolf trotz allem nicht einmal unbedingt unsympathisch ist. Manchmal ist er so normal wie der Nachbar von nebenan, und diese Normalität lässt einen frösteln, vermittelt aber ein sehr gutes Bild davon, wie es sein konnte, dass sich so viele und vor allem so gewöhnliche, nicht psychopathische Menschen einer so unmenschlichen Diktatur anschlossen und sie zum Teil auch begeistert unterstützten.

Ein extrem wichtiges Buch, das eigentlich in Schulen gelesen werden sollte.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Mehr Rauch als Feuer

Moorfeuer
0

Als im Erdinger Moos eine verbrannte Frauenleiche gefunden wird, ruft man den Münchner Kommissar Waechter und sein Team dazu. Schon am Fundort kommt es zu Spannungen zwischen den Kriminalisten, doch dann ...

Als im Erdinger Moos eine verbrannte Frauenleiche gefunden wird, ruft man den Münchner Kommissar Waechter und sein Team dazu. Schon am Fundort kommt es zu Spannungen zwischen den Kriminalisten, doch dann konzentriert man sich auf die Tote. Sie war eine alte Dame, die sich mit Kartenlesen und esoterischem Hokuspokus über Wasser gehalten hat. Ganz in ihrer Nähe wohnt ihre Tochter samt Ehemann und Enkeltochter in einem recht heruntergekommenen Haus, auch einen Untermieter gibt es da. Als die Polizisten vorbeikommen, behauptet die Enkelin der Toten, es gäbe auch einen bösen Geist und einige Male haben die Ermittler das Gefühl, dass tatsächlich höhere Mächte hinter dem Mord stecken.

Spannende Voraussetzungen, dachte ich. Doch die Spannung verpuffte schnell bzw. wollte sich gar nicht erst einstellen. Zu viel wird auf die Privatleben der einzelnen Polizisten eingegangen, was ich normalerweise nicht so extrem schlimm empfinde. Hier jedoch ist es so, dass jeder der Polizisten sein Päckchen zu tragen hat; schlimmer ist noch, dass keiner von ihnen auch nur annähernd Sympathie erwecken kann. Ich empfinde sie meistens als unprofessionell und teilweise dienstuntauglich - ich meine, einer knallt sich mit Drogen und Alk zu, hallo? Oder was soll der "Hüter des Schweigens"? Was besonders Cooles?

Nein, ich fand, der Fall kam viel zu kurz und erwies sich durch die Konzentration auf unfähige Kriminalisten als langatmig und zäh. Keine Empfehlung, auch für das erste Buch der Reihe werde ich mich wohl nicht aufraffen können.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Auf der Suche nach Selbstbestimmung

Jane Eyre
0

Jane Eyre, die Titelheldin, hat ein ziemlich trostloses Leben. Sie lebt im Hause ihrer Tante, da sie Waise ist, und wird dort ziemlich schlecht behandelt. Irgendwann schiebt die extrem unfaire Tante sie ...

Jane Eyre, die Titelheldin, hat ein ziemlich trostloses Leben. Sie lebt im Hause ihrer Tante, da sie Waise ist, und wird dort ziemlich schlecht behandelt. Irgendwann schiebt die extrem unfaire Tante sie in ein Waisenheim ab, wo Jane es noch schlimmer trifft. Der noch unfairere Leiter der Einrichtung lässt kaum eine Möglichkeit vergehen, das Mädchen zu schikanieren. Das ändert sich erst, als er seines Postens enthoben wird, Jahre später, und Jane selbst eine Ausbildung als Lehrerin erhalten hat. Es ist Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen, so bewirbt sie sich als Hauslehrerin bei dem reichen Mr Rochester und wird angenommen.

Mr Rochester ist ein äußerst seltsamer Zeitgenosse. Ziemlich hässlich, dafür äußerst wohlhabend, was natürlich bei gewissen Frauen jegliche Hässlichkeit aufhebt, exzentrisch bis zur Seltsamkeit - und er verbirgt ein Geheimnis in seiner Dachkammer. Jane fühlt sich immer mehr von dem charismatischen Mann angezogen, was natürlich allein bei dem Standesunterschied ein Unding ist, doch das Unmögliche scheint zu passieren, er erwidert ihre Zuneigung. Bevor sie ihre Liebe besiegeln können, passiert ein furchtbares Unglück.

Mir ist klar, dass man diese Geschichte im Kontext betrachten sollte, und dass sie vor 150 Jahren absolut ein Novum und fortschrittlich war in dem Zusammenhang, dass eine junge Frau selbstbestimmt und unabhängig leben wollte. An und für sich finde ich das Buch für einen Klassiker auch gut geschrieben, allerdings hat mir die Geschichte zwischendurch zu große Längen, bei denen ich mich ernsthaft gelangweilt habe. Am schlimmsten war es, als sie bei ihrem entfernten Verwandten lebt, der sie nach ihrer Flucht von Rochester House aufgegabelt hat, und der sie sogar heiraten wollte. Diese Zeit empfand ich als zu langatmig beschrieben und von der Stärke der jungen Frau war fast nichts mehr zu spüren.

Ansonsten ist das Buch natürlich ein guter Einblick in diese Zeit, fast schon ein historisches Zeugnis, möchte man sagen. Es hält nichts von den Grausamkeiten der Ärmsten und Hilflosesten gegenüber zurück und dem Kampf einiger weniger Frauen, die sich nicht mit der ihnen von den Männern unter Berufung auf Gott und die Bibel zugewiesenen Rolle abfinden wollten.