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Veröffentlicht am 03.01.2024

Suboptimale Fanfiktion

Das Tagebuch der Irene Adler
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Holmes ist alleine und gelangweilt, als ihm plötzlich das Tagebuch einer Person zugespielt wird, die schon einmal großen Eindruck auf ihn gemacht hat: Irene Adler. Wenig später verschwindet das Buch aus ...

Holmes ist alleine und gelangweilt, als ihm plötzlich das Tagebuch einer Person zugespielt wird, die schon einmal großen Eindruck auf ihn gemacht hat: Irene Adler. Wenig später verschwindet das Buch aus seinem Haushalt und er macht sich auf die Suche nach beidem - dem Tagebuch und Irene. Zusammen kommen sie Serienmorden und dem Verkauf pornografischer Schriften auf die Spur, aber auch jemandem, den Irene Adler für tot gehalten hat. Bei ihrer Suche nach den Hintermännern geraten sie immer wieder in neue Gefahren.

Ich weiß nicht recht, was ich hier gelesen habe. Eigentlich bin ich ein großer Fan von Conan Doyles großem Detektiv, und ich habe schon einige sehr gute Geschichten von anderen AutorInnen gelesen. Aber das hier ist wie ein Verkehrsunfall und man starrt mit morbidem Interesse und mit wachsendem Fremdschämen auf die Seiten. Vermutlich haben die AutorInnen noch nie in ihrem Leben die Originalgeschichten gelesen und sich ihre "Sachkenntnis" aus der Serie "Sherlock" geholt. Das würde so einiges erklären. Zum Beispiel, dass sich Holmes einem Boten gegenüber "neckisch" benimmt. Warum er allerdings seine schärfste Waffe - sein Gehirn - nicht einsetzt, erklärt das nicht. Sowohl er als auch Adler werden ständig von den Ereignissen überrascht, gefangengenommen und müssen innerhalb der nächsten fünf Minuten vom jeweils anderen gerettet werden. Dazu kommt, dass die ganze Geschichte mit der Prämisse überhaupt keinen Sinn ergibt, aber ich glaube, hier hat ohnehin nur jemand seine sexuellen Fantasien ausgelebt, indem aus dem Tagebuch der Irene A. ein billiges Sexabenteuer wurde. Ich möchte übrigens nie, nie, nie wieder in einer Geschichte mit Sherlock Holmes das Wort Pe.nis lesen. Habe ich schon erwähnt, dass es von den AutorInnen niemand für nötig hielt, ein Lektorat/Korrektorat machen zu lassen? Es hätte auch gereicht, hätten sie im Deutschunterricht der dritten Klasse aufgepasst, dann wüssten sie, dass Anredepronomen wie "Sie" und "Ihnen" groß geschrieben werden müssen. Das wurde hier konsequent vermieden, Hauptsache, es gab wieder einen sexuellen Auszug aus dem sinnlosen Tagebuch. Die Geschichte war von vorne bis hinten die Antithese eines Holmes-Romans - also undurchdacht und unlogisch. Der erste Flop des Jahres schon nach drei Tagen. Wow.

Veröffentlicht am 02.01.2024

Sunshine Falls

Book Lovers - Die Liebe steckt zwischen den Zeilen
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Nora Stephens ist Anfang dreißig, ein weiß(blond)er Hai auf dem Literaturmarkt. Als Agentin handelt sie knallhart im Auftrag ihrer AutorInnen. Bei einem Arbeitsessen mit dem Lektor Charlie Lastra geht ...

Nora Stephens ist Anfang dreißig, ein weiß(blond)er Hai auf dem Literaturmarkt. Als Agentin handelt sie knallhart im Auftrag ihrer AutorInnen. Bei einem Arbeitsessen mit dem Lektor Charlie Lastra geht von vornherein alles schief und die beiden trennen sich nicht gerade im Guten. Zwei Jahre später überredet Noras schwangere Schwester Libby sie, in Sunshine Falls, einer Kleinstadt, die eine gewisse Berühmtheit durch eine von Noras Autorinnen erlangt hat, Urlaub zu machen. Dort trifft sie ausgerechnet Charlie wieder, der nicht nur von da stammt, sondern auch versucht, neben seinem Job als Lektor den kleinen Buchladen seiner Mutter zu retten. Und plötzlich ist der unsympathische Lektor gar nicht mehr so unsympathisch ...

Ich kannte die Autorin nicht und bin auch eher zufällig über das Buch gestolpert, weil mich die Charaktere aus der Buchbranche interessiert haben. Es ist eine kurzweilige Lektüre, bei der die Autorin am meisten mit ihren spritzigen Dialogen zwischen den beiden Hauptpersonen punkten kann und auch zwischendrin mit ihrem Humor zum Schmunzeln bringt. Was mir so gar nicht gefallen hat, war die mangelnde Kommunikation zwischen den Schwestern, die doch angeblich so eng miteinander sind, und was so gar keinen Sinn ergab: dass Libby irgendwie überhaupt nicht mit ihrem Mann geredet hat. Natürlich war das dazu gedacht, Nora und die LeserInnen auf eine falsche Fährte zu führen, aber logisch ist es nicht. So ist das Buch ein bisschen anstrengend, ein bisschen kitschig, ein bisschen übertrieben, aber dennoch nicht unerheblich unterhaltsam. 3.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 29.12.2023

Ein Hecht im dunklen Wasser

Florence Butterfield und die Nachtschwalbe
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Florence Butterfield, genannt Florrie, ist siebenundachtzig, moppelig, einbeinig und besitzt einen scharfen Verstand. Sie neigt dazu, immer das Beste in Menschen und Situationen zu sehen und ist rundherum ...

Florence Butterfield, genannt Florrie, ist siebenundachtzig, moppelig, einbeinig und besitzt einen scharfen Verstand. Sie neigt dazu, immer das Beste in Menschen und Situationen zu sehen und ist rundherum ein unfassbar liebenswerter Mensch. Obwohl sie sich in ihrer neuen Seniorenresidenz meist für sich hält, entgeht ihr doch trotzdem wenig. Und so stutzt sie, als kurz hintereinander zuerst ein freundlicher, älterer Herr an einem Sturz stirbt und die distanzierte, aber sympathische Heimleiterin Renata aus dem Fenster fällt. Suizidversuch, heißt es. Doch Florrie hat sich kurz zuvor mit der Frau unterhalten, und die war frisch verliebt. Das war nicht selbstverschuldet, davon ist Florrie überzeugt. Und gemeinsam mit ihrem neuen, sympathischen Bekannten Stanhope Jones beginnt Florrie zu ermitteln.

Tatsächlich ist Florrie jetzt keine uralte Miss Marple, auch wenn sie, was Lebenserfahrung angeht, aus dem Vollem schöpfen kann. Wir haben hier weniger einen Kriminalfall vorliegen, als eine rundum liebenswerte Geschichte um eine genauso liebenswürdige Person. Florrie verteilt Liebe, völlig unvoreingenommen, und dadurch nimmt sie die LeserInnen für sich ein. Sie hat eine so sympathische Sicht auf die Welt, dass man diese alte Dame einfach nur in den Arm nehmen möchte. Zum einen, um sich von ihr eine Portion Mut zu holen, zum anderen, um auch sie manchmal zu trösten. In Rückblenden und nicht zwingend einer linearen Historie folgend erzählt sie aus ihrem Leben, das ungeheuer reich an Eindrücken ist. Das Buch hatte zwar dadurch manchmal eine gewisse Länge, wirkte aber gleichzeitig auch wunderbar entschleunigend. Und auch, wenn ich Florries Entscheidung, auf die Liebe zu verzichten, wegen ... weil ... nicht wirklich nachvollziehen konnte, so ist es vielleicht ihrem Alter, ihrer Generation geschuldet. Außerdem ist es für die Liebe ja scheinbar nie zu spät, danke, Florrie. Danke, dass du so bist, wie du bist, das Leben all derer um dich herum bereicherst und ganz en passant einen oder zwei Mordfälle löst!

Veröffentlicht am 26.12.2023

Der ruhende Mann

Schneesturm
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Sie sind noch ganz schön abergläubisch auf der schönen Insel Inishmore, und sie glauben, in der Silvesternacht eine Rothaarige zu treffen, bringe Unglück. Cara, die rothaarige Garda auf der Insel, ist ...

Sie sind noch ganz schön abergläubisch auf der schönen Insel Inishmore, und sie glauben, in der Silvesternacht eine Rothaarige zu treffen, bringe Unglück. Cara, die rothaarige Garda auf der Insel, ist deshalb nicht überrascht, dass die Leute einen Bogen um sie machen, zumal sie eine Zugezogene ist. Jetzt zieht auch noch ein Schneesturm auf und schneidet Inishmore vom Festland ab. Trotzdem freut sich Cara, da sie nach zehn Jahren endlich ihre Jugendfreunde wieder alle treffen wird. Doch noch bevor sie alle miteinander Weihnachten und Silvester feiern können, wird eine von ihnen - Caras beste Freundin Maura - ermordet. Und da niemand die Insel verlassen konnte, bedeutet das: Einer von ihnen ist ein Mörder ... oder?

Ich hatte anfangs ein bisschen Probleme, in die Geschichte zu kommen, weil ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, den zweiten Teil einer Reihe vor mir zu haben. Zu vertraut wurde über Leute geredet, die ich nicht kannte, so, als ob die schon mal irgendwo vorgestellt worden wären. Dann gewöhnt man sich dran und es lässt sich gut lesen, die Atmosphäre auf der Insel samt dem schlimmen Schneesturm wird gut rübergebracht. Die Ermittlungen selbst waren nicht durchgehend spannend und eine Sache - der ruhende Mann - schien mir von vornherein so eindeutig zu sein, dass ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wann denn Cara endlich mal die Augen aufmacht und an der richtigen Stelle sucht. Am Ende entwickelte es sich fast zu einem klassischen Whodunnit mit anderthalb Twists und alles in allem habe ich es nicht ungern gelesen. 3.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 24.12.2023

Am Ende der Welt

Mit Bike und Boot zur Beringsee
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Richard Löwenherz - ich habe es schon mal gesagt - hat mit diesem Namen wahrscheinlich nie eine Wahl gehabt. Er musste Abenteurer werden. Als Soloreisender erkundete er daher schon seit über zwanzig Jahren ...

Richard Löwenherz - ich habe es schon mal gesagt - hat mit diesem Namen wahrscheinlich nie eine Wahl gehabt. Er musste Abenteurer werden. Als Soloreisender erkundete er daher schon seit über zwanzig Jahren die Welt: zu Fuß, mit dem Rad und mit dem Boot. Dieses Abenteuer erzählt von seiner Reise zum Ende der Welt, nach Tschukotka: so weit östlich, dass es schon wieder westlich liegt. Eine Gegend, weitaus größer als Deutschland, mit vielleicht 50.000 Menschen besiedelt. Und die wenigsten davon trifft man mitten in der Wildnis.

Löwenherz hat dieses Mal nicht nur sein Fatbike dabei, sondern auch ein Boot. Das heißt, mit Proviant, mit Zelt, mit allem, was man braucht, um wochenlang allein in der Wildnis zu überleben, hat er 90 Kilo Gepäck. Wege? Es gibt einen aufgeworfenen Schotterweg, doch manchmal macht der Mann sogar Abstecher Offroad und schiebt und quält sich. Das Wetter? Zwischen Minusgraden und Schneestürmen und Hitzewellen samt Mückenflasmobs ist alles dabei. Menschen? Wenige. Aber diejenigen, die er trifft, sind spannend. Es sind manchmal Abenteurer wie er selbst. Marina Galkina zum Beispiel, die er unverhofft am einsamsten Ort der Welt trifft. Oder Rentierzüchter, die ihn in ihr Jaranga-Zelt einladen. Oder LKW-Fahrer, mit denen er säu... Alkohol teilt. Alle diese Begegnungen zeichnen sich durch die Herzlichkeit der Menschen aus. Vielleicht ist das die einzige Chance, dort oben am Ende der Welt, zu überleben. Indem man sich menschlich zeigt.

Doch meistens ist Löwenherz allein. Und da braucht es Willen und Disziplin und manchmal wahrscheinlich reine Sturheit und ab und zu reinen Größenwahn. Wenn man brüllend auf einen der vielen Bären zurast, die sich dort auch auf den Wegen tummeln. Es passiert ihm zum Glück nichts. Gefährlich ist es trotzdem. Er wird gleich zu Beginn krank und macht trotzdem weiter. Und dann, als das Abenteuer fast vorbei ist, verliert er seine Zweitkamera und damit die Hälfte seiner Bilder. Das tut weh. Und dennoch. Er nimmt so viel mit von seiner Reise mit und er bringt auch uns so viel mit. Er erzählt so anschaulich, dass man sich selbst auf die Piste, auf den See, auf den Stromschnellen fühlt. Das ist nach Eis. Abenteuer. Einsamkeit das zweite Abenteuer, auf das ich Löwenherz begleiten durfte, und ich hoffe, dass er uns noch auf viele weitere mitnimmt.