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Veröffentlicht am 19.06.2023

Andersig

Wolf
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Diese Geschichte wird erzählt von einem, um den es eigentlich gar nicht geht. Er ist der Ich-Erzähler, der Beobachter, der Wegschauer, der Manchmal-Mutige, der Unfreiwillige im Wald. Zusammen mit fast ...

Diese Geschichte wird erzählt von einem, um den es eigentlich gar nicht geht. Er ist der Ich-Erzähler, der Beobachter, der Wegschauer, der Manchmal-Mutige, der Unfreiwillige im Wald. Zusammen mit fast allen anderen aus seiner Klassenstufe fährt er die erste Ferienwoche in ein Ferienlager, mitten in der Natur. Mit Wald und Bäumen und Insekten und so. Ohne Stadt und Häuser und Handys und so. Und so schrecklich er das alles findet, viel schlimmer ist es für seinen Klassenkameraden Jörg. Der ist das typische Mobbingopfer: ruhig, klug, zurückgezogen, nerdig, ist gern in der Natur, wandert gern, hat einen alleinerziehenden Vater. Jörg wird von Marko und seiner Gang gehänselt, getriezt, fertig, "andersig" gemacht. Und daran ändert leider auch der Wolf nichts, der immer wieder in der Hütte der beiden Jungs auftaucht.

Das Buch wird vom Autor selbst gelesen und der macht das echt cool. Man nimmt ihm den etwa dreizehnjährigen Erzähler absolut ab. Auch das ganze Feeling drumherum, das Kindsein, das Unwohlsein in Bezug auf Natur und das Ich-möchte-gern-in-der-Nähe-dieses-Mädchens-sein funktioniert absolut. Das Mobbing macht wütend, die kaum vorhandenen Reaktionen der Erwachsenen darauf ebenso und auch auf gewisse Weise hilflos. Allerdings hat man dann das Gefühl, der Autor will zu viel: nämlich die Gefühle des Jungen irgendwie visualisieren, indem er einen Wolf drausmacht. Und das klappt meiner Meinung nach eher so semigut. Oder gar nicht. Ich bin offiziell erwachsen und ich kratze mich am Kopf und frage mich, was mir der Autor mit seinem Wolf eigentlich sagen möchte. Es hilft auch absolut gar nicht, dass er am Ende der Geschichte eine wirre Erklärung für seine Intentionen abgibt. Rein subjektiv weiß ich, dass ich in dem Alter damit gar nichts hätte anfangen können, zumal es auch kein Ende, keinen Erklärungsversuch, keinen Lösungsansatz gibt. Ich finde das unbefriedigend - was sollen dann betroffene Jugendliche damit anfangen oder gar davon halten? Schade eigentlich. Ohne den Wolf hätte "Wolf" eine echt coole Kindergeschichte werden können.

Veröffentlicht am 19.06.2023

Home

Der Club. Dabeisein ist tödlich
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Die Home Group hat weltweit die exklusivsten, teuersten Clubs, zu denen nur Mitglieder Zutritt haben. Und dieser Zutritt wird sich teuer erkauft - nicht nur was Geld angeht. Ned Groom, der Besitzer der ...

Die Home Group hat weltweit die exklusivsten, teuersten Clubs, zu denen nur Mitglieder Zutritt haben. Und dieser Zutritt wird sich teuer erkauft - nicht nur was Geld angeht. Ned Groom, der Besitzer der Clubs, lässt es zur Neueröffnung seines Island Home richtig krachen. Die Mitglieder des Clubs schätzen ihre absolute Privatsphäre; keine Presse, keine Paparazzi, nicht einmal Handys sind erlaubt. Was sie nicht wissen: Jemand weiß trotzdem alles über sie. Und dieser Jemand ist sich nicht zu schade, dieses Wissen auszunutzen. Als am Ende also durch die Fenster des Unterwasserrestaurants ein Wagen mit Leichen entdeckt wird, ist das vielleicht erst der Anfang einer Katastrophe ...

Ich fand, das hörte sich interessant an: eine abgeschiedene Insel, High Society, Mord(e). Doch tatsächlich ist das wieder ein typischer Psychothriller. Viel (zu viel) Zeit wird sich genommen, um erstmal sämtliches Personal des Buches einzuführen. Dadurch plätscherte die Handlung und plätscherte und plätscherte - ungefähr so wie die Wellen an den Strand der Insel. Es wurde durch das Hin- und Herspringen in der Zeit - also die abschließenden Artikel der Vanity Fair und die eigentliche Handlung - auch nicht spannender, genauso wie die verschiedenen Perspektiven nichts beitrugen, um ans Buch zu fesseln. Wie sich manche Sachen fügten, erschien mir auch nicht ganz nachvollziehbar. Alles in allem sicherlich solide, aber Spannung sucht man vergeblich.

Veröffentlicht am 14.06.2023

Batavias Grab

Die Insel der Unschuldigen
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1628: Die neunjährige Mayken besteigt die Batavia, das Flaggschiff der ostindischen Kompanie, um damit die monatelange und anstrengende Reise zu ihrem Vater nach Indonesien anzutreten. Durch ihre offene ...

1628: Die neunjährige Mayken besteigt die Batavia, das Flaggschiff der ostindischen Kompanie, um damit die monatelange und anstrengende Reise zu ihrem Vater nach Indonesien anzutreten. Durch ihre offene und neugierige Art findet sie schnell Freunde, doch auch hinterhältige und gefährliche Leute befinden sich an Bord. Als dann ein gewaltiger Sturm das Schiff trifft, havarieren sie auf einer kleinen Insel vor der westaustralischen Küste. Und jetzt erst zeigen manche ihr wahres Gesicht ...

1989: Der neunjährige Gil kommt nach dem Tod seiner Mutter nach Beacon Island - auch genannt Batavia's Graveyard. Vor 360 Jahren havarierte dort die Batavia - gehen auch die Geister der Toten um? Doch Gil hat auch andere Probleme. Er ist anders als die meisten Kinder und das wird nicht gern gesehen.

Von Jess Kidd lese ich mittlerweile jedes Buch, ohne auch nur großartig darauf zu achten, worum es geht. Und auch hier wurde ich keinesfalls von der Story und dem Schreibstil enttäuscht. Bildgewaltig führt uns die Autorin in die Vergangenheit, in die Beengtheit, den Dreck, die Gefahr einer Seereise, zu einer Meuterei, zu Blutvergießen und Brutalität. Und sie stellt uns zwei noch ziemlich kleine Kinder vor, die mit unmöglichen Situationen umgehen müssen, nicht zuletzt mit Tod und der Grausamkeit von Erwachsenen. Dabei bettet sie ihre Handlung in historisch korrekte Geschehnisse ein, gibt ihnen ein Gesicht und eine Stimme. Dennoch unterscheidet sich dieses Buch von den anderen der Autorin. Während sie zwar immer mit Toten und Geistern spielt, tut sie das meistens in einer leichten, poetischen und manchmal amüsanten Weise. Hier hüllt sie die Lesenden in eine immerwährende Stimmung aufkommender Gefahr, Beklommenheit und aufkommender Trostlosigkeit. Wer sich mit mit menschlicher Grausamkeit schwertut, wird sich eventuell mit dem Buch quälen. Der Rest von uns bewundert das Können der Autorin, kämpft aber mit seinen Gefühlen und den Tränen.

Veröffentlicht am 11.06.2023

Gold & Jade

SOL. Das Spiel der Zehn
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Vor langer Zeit hat sich die Gottheit Sol geopfert, um die bösen Obsidians zu besiegen und zu verbannen. Seitdem müssen alle zehn Jahre zehn junge Halbgötter in fünf Prüfungen gegeneinander antreten. Der ...

Vor langer Zeit hat sich die Gottheit Sol geopfert, um die bösen Obsidians zu besiegen und zu verbannen. Seitdem müssen alle zehn Jahre zehn junge Halbgötter in fünf Prüfungen gegeneinander antreten. Der Verlierer wird das nächste Sonnenopfer, der Gewinner trägt das Licht der Sonne. Überraschenderweise wird Teo als einer der Zehn ausgewählt, obwohl er ein Jade-Halbgott, kein Gold-Halbgott ist und nie auf der Akademie für die Kämpfe trainiert wurde. Zum Glück gibt es noch die Gold-Erwählte Niya, seine beste Freundin, und den ebenfalls Jade-Halbgott Xio, wie Teo ein totaler Außenseiter. Sie beschließen zusammenzuhalten und den arroganten Golds zu zeigen, dass sie keine Opferlämmer sind ...

Ich schicke gleich eine Warnung vorweg, für all die Ewiggestrigen, die Diversität für eine eingehende Trockenblume halten und auf zwei Geschlechtern beharren: Ihr werdet hier nicht glücklich. Sucht euch was anderes zu lesen, es wird gegendert und offen mit allen möglichen Sexualitäten umgegangen. Wer sich darauf jedoch einlassen kann, erhält eine spannende Geschichte über Freundschaft, Ethik, Moral, Zusammenhalt, das Hinterfragen von Althergebrachten und die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen: nicht um der eigenen Person willen, sondern wegen des Wohls anderer. Mir hat es sehr gut gefallen und ich hoffe, der/die Nachfolger der Reihe kommen bald.

Veröffentlicht am 09.06.2023

Mörderdemenz

Aufzeichnungen eines Serienmörders
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Er ist jetzt über 70, der pensionierte Tierarzt Kim, und er merkt, dass sein Gedächtnis nachlässt und er immer mehr vergisst. Demenz sagt sein Arzt. Ausgerechnet jetzt, da sich in der Gegend ein Serienkiller ...

Er ist jetzt über 70, der pensionierte Tierarzt Kim, und er merkt, dass sein Gedächtnis nachlässt und er immer mehr vergisst. Demenz sagt sein Arzt. Ausgerechnet jetzt, da sich in der Gegend ein Serienkiller herumtreibt, der junge Frauen tötet. Kim hat Angst um seine Adoptivtochter und er will den Killer stellen, bevor es auch sie erwischt. Dazu ist er tatsächlich sehr gut geeignet, denn er ist nicht nur pensionierter Tierarzt, sondern auch pensionierter Serienkiller. Doch immer mehr entgleiten ihm seine Vorhaben, seine Gedanken und das Wissen um das, was getan werden muss. Die Einträge in seinem Tagebuch werden immer verwirrender ...

... und das nicht nur für Kim selbst. Am Ende stehen die Lesenden da und fragen sich, was eigentlich tatsächlich alles wahr und was der Verwirrung der Demenz entspringt. Wie er sich gegen das Vergessen stemmt, ist schon beeindruckend aufgezeichnet worden. Die teilweise zusammenhanglosen Absätze und Notizen führen jedoch am Ende tatsächlich zu einer wenn nicht runden, so doch auf jeden Fall bemerkenswerten Geschichte, zu der man gedanklich noch öfter zurückkehren wird.