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Veröffentlicht am 26.10.2020

Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?

Ada
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Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. ...

Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. Sein Debüt "Der Apfelbaum" habe ich 2018 leider verpasst. Nun habe ich seinen zweiten Roman gelesen, "Ada", ohne zunächst zu wissen, dass er eine Fortsetzung darstellt. Zwar muss man den ersten Teil nicht unbedingt kennen, weil die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben von Adas Eltern und Großeltern kurz angerissen werden, aber hilfreich wäre es trotzdem gewesen. Vor allem aber habe ich den Eindruck gewonnen, dass mich der erste Teil thematisch mehr interessiert hätte. Sala, die Protagonistin in "Der Apfelbaum" und Mutter von Christian Berkel, war Halbjüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Lager von Gurs nördlich der französischen Pyrenäen interniert, dessen eindrucksvolle Gedenkstätte und jüdischen Friedhof ich im Sommer 2020 besucht habe. Ada, die Tochter, wird im von einem großen Schweigen geprägten Nachkriegsdeutschland groß:

"Sie hatten sich ihr Schweigen ebenso hart erarbeitet wie die scheißenden Tauben unseren Dachboden. […] Sie wollten ihre Ruhe. Sie wollten in ihrem Schweigen nicht gestört werden. Nur das interessierte sie.
„Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“ "(S. 334)

Während im ersten Teil der geplanten Trilogie mit Christian Berkels Eltern Sala und Otto zwei reale Personen Pate für den Roman standen, ist deren Tochter Ada, die Protagonistin und Ich-Erzählerin im zweiten Band, fiktiv. 1945 in Leipzig geboren und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Argentinien ausgewandert, kehrte sie 1954 in ein ihr fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannter Geschichte zurück.

"Ada" besteht aus drei Teilen mit den Überschriften „Erinnern“, „Wiederholen“ und „Durcharbeiten“. Der Beginn jedes Teils sowie das Ende des Buches spielen in den Jahren 1989 bis 1993 und handeln insbesondere vom Versuch Adas, ihr Leben mit Hilfe einer Gesprächstherapie zu ordnen. Sie blickt auf ihre Kindheit und Jugend zurück, die sich vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Mauerbau, Angst um West-Berlin und Aufbegehren der Jugend gegen das Schweigen ab Ende der 1960er-Jahre abspielte. Einerseits teilt Ada damit das Schicksal ihrer Generation, andererseits ist in ihrer Familie das Schweigen noch lauter, denn die Eltern enthalten ihr nicht nur Informationen über den eigenen Leidensweg und ihr Judentum vor, sondern ignorieren auch Adas Zweifel über Ottos Vaterschaft.

Ein zwiespältiger Leseeindruck
So spannend die Thematik des Romans unzweifelhaft ist, hatte ich mit der Umsetzung doch meine Schwierigkeiten. Obwohl Adas Verhalten, ihre innere und äußere Unruhe, ihre Rebellion gegen die mühsam aufgebaute Heile-Welt-Fassade und die Mauer des Schweigens, ihre Identitätssuche, ihre Drogenexperimente und schließlich ihr Bruch mit der Familie erklärlich sind, blieb sie mir doch als Figur sehr fremd. Mit einem auktorialen Erzähler oder wechselnden Erzählperspektiven, deutlichen Kürzungen im zweiten Teil und weniger direkter Rede hätte mir das Buch sicher besser gefallen. Statt alle Stationen der 68er-Bewegung kurz anzureißen und Ada bei der Anti-Schah-Demonstration ausgerechnet auf Benno Ohnesorg treffen zu lassen, hätte ich mir eine Fokussierung mit mehr Tiefgang gewünscht.

Als Fazit bleibt mein Wunsch, den Vorgängerband möglichst bald zu lesen. Auf den Abschlussband der Trilogie werde ich dagegen verzichten.

Veröffentlicht am 30.09.2020

Segeltörn ins Ungewisse

Unter uns das Meer
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"Ich habe mein ganzes Leben lang mit einem Festlandkopf gelebt. Habe Festlandgedanken gedacht. Aber jetzt will ich Meeresgedanken haben. Einen Meereskopf will ich haben." (Michael Partlow, S. 349)


"Unter ...

"Ich habe mein ganzes Leben lang mit einem Festlandkopf gelebt. Habe Festlandgedanken gedacht. Aber jetzt will ich Meeresgedanken haben. Einen Meereskopf will ich haben." (Michael Partlow, S. 349)


"Unter uns das Meer" von Amity Gaige ist bereits die zweite Neuerscheinung des Literaturherbstes 2020 aus dem Eichborn Verlag mit dem Meer in zentraler Rolle. Doch während sich ihm hier ein Paar während eines Segeltörns in der Karibik bewusst aussetzt, müssen die verwaisten Geschwister in Michael Crummeys "Die Unschuldigen" den Umgang mit dem Meer für ihr tägliches Überleben schmerzvoll erlernen.

Ein ungleiches Paar
Juliet und Michael Partlow sind um die 40, ihre Kinder Sybil und George sieben und zweieinhalb Jahre alt, als das Ehe-Aus droht. Juliet leidet seit den Geburten unter Depressionen, die sie auf ein Kindheitstrauma zurückführt. Ihre Lyrik-Dissertation hat die einstige Musterstudentin abgebrochen. Michael arbeitet nach einem BWL-Studium bei einer Versicherung. Weder in der Organisation des Familienalltags noch in ihrer politischen Einstellung gibt es Überseinstimmungen. Obwohl sie seit dem Studium ein Paar sind, scheinen sie sich wenig zu kennen. Nachdem ein Ortswechsel nach Connecticut ins eigene Haus mit Garten vor sechs Jahren nicht den gewünschten Erfolg brachte, drängt Michael nun auf eine einjährige gemeinsame Auszeit auf einem Segelboot. Juliet, wie immer skeptisch, willigt nur zögernd ein.

Eine ungewöhnliche Erzählstruktur
Typografisch voneinander abgesetzt, erzählt Juliet ihren Teil der Geschichte rückblickend und sprachlich ausgefeilt, meist aus dem Schrank heraus, in den sie sich den größten Teil des Tages zurückzieht. Michaels Part erfahren wir aus seinem tagebuchartigen Logbuch, das er an Bord der Yacht führte. Einen weiteren, wesentlich geringeren Anteil bilden die Gespräche Sybils mit ihrer Kinderpsychologin in der zweiten Hälfte des Buches. Diese rasch aufeinanderfolgenden, gekonnt montierten Perspektiv- und Zeitwechsel waren zunächst eine Herausforderung, machten jedoch bald den besonderen Reiz des Romans aus.

Viele offene Fragen
Es mag erstaunen, dass der Roman spannend über 350 Seiten bleibt, obwohl der ungute Ausgang der ehrgeizigen Segelexpedition von Beginn an klar ist. Was ist mit Michael geschehen? Welches Kindheitstrauma lässt Juliet nicht los? Was hält das ungleiche Paar eigentlich zusammen? Und welche Auswirkungen hat das Zusammenleben auf einem 14-Meter-Boot auf die Familienstruktur?


Winsch, Mastnut und Reffleine
Den Roman "Herz auf Eis" der Weltumseglerin Isabelle Autissier aus dem mareverlag, in dem sich ein junges Paar zu einer Weltumseglung aufmacht, hätte ich 2017 fast nicht gelesen. Ich traute mir damals ein Buch über das Segeln, von dem ich so gar keine Ahnung habe, zunächst nicht zu und hätte beinahe ein Lieblingsbuch verpasst. Bei "Unter uns das Meer", einem Roman mit doppeldeutigem Titel, wären diese Zweifel angebrachter gewesen, denn nautisches Vokabular und Wissen wären hier tatsächlich von Vorteil. Gefremdelt habe ich auch mit den Protagonisten: Michael, der aus Freiheitsliebe Trump wählt und sich als traditioneller Familienversorger versteht, Juliet, die sich vergräbt, anstatt anzugehen, was sie krank macht. Ganz anders die Tochter Sybil, die mehr versteht als ihre Eltern und großartig reagiert.

Dass die Katastrophe in Gestalt einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ausgerechnet eintritt, als die vier Abenteurer ihre Reise zu genießen beginnen, macht die Tragik ihrer Geschichte aus. Ob ein anderer Ausgang die Eheprobleme gelöst hätte, ist allerdings höchst fraglich.

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Veröffentlicht am 19.09.2020

Der Sheriff aus dem hohen Norden

Kalmann
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"Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] "Run, ...

"Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] "Run, Forrest, run!", riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm." (S. 11)

Kalmann Óðinnsson ist anders. „Ärztepfusch“ sagt die Mutter, aber dank ihrer und vor allem des Großvaters rührender Fürsorge kann Kalmann heute fast selbständig leben:

"Großvater übernahm das Denken für mich – wenigstens, als er noch hier in Raufarhöfn [sprich: Reuwarhöbb] lebte. Er passte auf mich auf." (S. 13)

Ein ungewöhnlicher Protagonist
Nun lebt der demente Großvater im Pflegeheim und der 33-jährige Kalmann bewohnt das  Holzhäuschen im äußersten Nordosten Islands alleine. Er ist Jäger, letzter Haifischfänger und stellt den typisch isländischen Gammelhai nach dem Rezept des Großvaters her. Auf Unterbrechungen seiner gewohnten Routine reagiert er mit Unsicherheit, Wut und Aggression. Doch selten gibt es dazu Anlass, denn alle in seinem kleinen Heimatort kennen ihn, akzeptieren sein Anderssein, seine Direktheit, bisweilen Taktlosigkeit, und sein Sheriff-Outfit mit Cowboyhut, Stern und Mauser, Geschenke seines amerikanischen Vaters bei ihrer einzigen Begegnung. Alle wissen um seine Gutmütigkeit, aber auch um seine Lenkbarkeit und seine Art, alles wörtlich zu nehmen. Man schenkt ihm Geborgenheit, passt auf ihn auf und nur eine Freundin fehlt zu seinem Glück.

Doch die Ruhe endet schlagartig, als Kalmann bei der Verfolgung einer Polarfuchsspur eine Blutlache entdeckt. Zur gleichen Zeit verschwindet der „Quotenkönig“ und Hotelbesitzer Róbert McKenzie spurlos und im Dorf wimmelt es plötzlich von Suchtrupps, Polizei und Journalisten. Kalmann steht im Mittelpunkt des Geschehens und vermisst seinen Großvater mehr denn je:

"Ich wünschte, Großvater wäre bei mir gewesen. Er wusste immer, was zu tun war. Ich stolperte über die endlose Ebene Melrakkaslétta, hungrig, erschöpft, blutverschmiert, und fragte mich, was Großvater getan hätte." (S. 9)

Krimi oder Roman?
Der Diogenes Verlag bezeichnet Kalmann als Roman, obwohl die Krimihandlung sich von der ersten bis fast zur allerletzten Seite zieht. Allerdings steht der Protagonist mit seiner unnachahmlichen Erzählweise so eindeutig im Vordergrund, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Kalmann ist ein doppelt unzuverlässiger Berichterstatter, der einerseits nicht alles erzählt, was er weiß, andererseits ganz anders denkt, als wir es normalerweise erwarten. Mit kindlicher Naivität geht er manch überraschend philosophischer Überlegung nach und bastelt sich erstaunliche Erklärungen. Hat tatsächlich ein Eisbär den Verschwundenen auf dem Gewissen? In Kalmanns Worten erfahren wir aber auch von der Überfischung der Meere, den Auswirkungen von Fangquoten auf das Dorf, dem Klimawandel, dem verzweifelten Bemühen um Touristen, der Antipathie gegen Zuwanderer und der litauischen Drogenmafia, alles Themen, die der Großvater Kalmann erklärt hat, oder über die er mit erfrischend unverstelltem Blick nachsinnt.

Obwohl der Kriminalfalls nicht im Mittelpunkt steht und der seit 13 Jahren in Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt auf die polizeilichen Ermittlungen weniger Sorgfalt legt, empfand ich den Roman als spannend und sehr gut lesbar. Besonders gut gefallen haben mir die Szenen mit Komik à la Loriot, die wundervollen Landschaftsschilderungen, die Informationen über Island und die spürbare Zuneigung des Autors für seinen Antihelden. Nur die Auflösung hat mir zugesetzt und ich werde sie vermutlich nicht so schnell verdauen.

Veröffentlicht am 29.08.2020

Den Naturgewalten ausgeliefert

Die Unschuldigen
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Eine Kanadareise führte uns 2014 von Montreal aus den Sankt-Lorenz-Strom entlang, bis wir bei Godbout nach Mantane übersetzten. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass uns die Weiterfahrt am Strom bald nach ...

Eine Kanadareise führte uns 2014 von Montreal aus den Sankt-Lorenz-Strom entlang, bis wir bei Godbout nach Mantane übersetzten. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass uns die Weiterfahrt am Strom bald nach Neufundland gebracht hätte – einem Ziel, das sich seither bei mir festgesetzt hat. Ein neufundländischer Roman des von dort stammenden Autors Michael Crummey weckte deshalb sofort mein Interesse, gemäß dem Motto meines Blogs: „Mit Büchern um die Welt“.

Alleingelassen
"Die Unschuldigen" beginnt Ende des 18. Jahrhunderts mit einer dreifachen Familientragödie. Nach dem Tod der jüngsten Tochter und der Eltern bleiben der elfjährige Evered und die neunjährige Ada völlig allein in einer einsamen Bucht zurück. Sie sind noch Kinder und verrichten doch seit Jahren Erwachsenenarbeit. Genau diese Kenntnisse werden nun überlebensnotwenig.

Sieben Jahre lang begleiten wir die Geschwister bei ihrem Kampf in einer teils verschwenderisch reichen und doch unbarmherzigen Natur. Der Zyklus der Jahreszeiten bestimmt ihr Leben, beginnend mit dem Packeis und den Robben im März, mit dem Laichen des Kapelans, den Kabeljauschwärmen im Sommer, dem Holzschlag und der Arbeit im mageren Gemüsegarten bis zum Beerensammeln im Herbst. Einzig die dunklen Wintermonate gewähren eine Ruhepause.

Sehnsüchtig erwartet und gefürchtet ist die Ankunft des Versorgungsschiffes „Hope“, das zweimal jährlich lebensnotwendige Güter bringt und zu ruinösen Bedingungen den Fang der Saison aufkauft. Oft wird die Nahrung lebensbedrohlich knapp:

"Die ganze Zeit über knurrte ihnen der Magen. Den Portwein hatten sie längst ausgetrunken und gossen sich nun Rum in den abendlichen Tee, um den schlimmsten Hunger zu betäuben und die vielfältigen Leiden zu lindern, die die Arbeit ihnen zugefügte. Ihr Zahnfleisch war durch den Nahrungsmangel im Frühjahr grau und schwammig geworden, sie hatten ständig einen leichten Blutgeschmack im Mund, und ihre Zähne waren so locker, dass man sie mit der Zunge hin und her bewegen konnte, als hingen sie an Scharnieren." (S. 159)

Für Abwechslung sorgt das Meer
Einmal ist es ein Sturm, der ihnen wertvolles Strandgut beschert, dann ein im Eis feststeckendes Schiff mit grausamer Fracht. Unerwartete Besucher kommen per Schiff, helfen in höchster Not, bringen Wissen, Geschichten und willkommene Abwechslung, stellen aber gleichzeitig das gemeinsame Leben in Frage:

"Ein Leben lang waren sie einander das gewesen, an dem der andere sich als Erstes und Letztes orientierte; die einzige Sache, die sie brauchten, um sich vollständig zu fühlen, egal, was ihnen sonst genommen wurde oder im Dunkeln verloren ging. Nun aber begann jeder auf seine Weise daran zu zweifeln, dass ihre Verbindung für das, was sie vom Leben wollten, notwendig war." (S. 289)

Während die Geschwister mit Zielstrebigkeit, Fleiß und Lehren aus Fehlern ihr Überleben immer besser sichern, stellt ihre mit der Pubertät erwachende Sexualität sie vor unbeherrschbare Rätsel. Sensibel, glaubhaft und aus beider Sicht beleuchtet der Roman dieses Thema in allen Facetten, beschreibt Sehnsüchte, Vergnügen, Zweifel, Unwissen, Schuldgefühle, Scham und die Hilflosigkeit bei der Benennung unverständlicher Dinge.

Ein Buch, das man nicht einfach zuklappt
Ein alter Zeitungsartikel über einen Geistlichen, der in einer einsamen Bucht einen Bruder und seine schwangere Schwester entdeckte, ließ Michael Crummey jahrelang nicht los, bis er diesen inzwischen preisgekrönten Roman zu Papier brachte. Für mich hat sich das packend geschriebene Buch doppelt gelohnt: Einerseits wurde mein Wunsch einer Neufundlandreise bestärkt, andererseits beschäftigt mich das Schicksal der Geschwister auch über die Lektüre hinaus.

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Veröffentlicht am 17.08.2020

Familiendynamik

Ein Sonntag mit Elena
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Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in "Der Sonntag mit Elena" berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag ...

Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in "Der Sonntag mit Elena" berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag erlebte. Sie war zwar nicht dabei, hatte zu dieser Zeit nicht einmal Kontakt zu ihm, doch haben er und Elena Jahre später ausführlich von ihrer zufälligen Begegnung berichtet. Giulia brachte die Geschehnisse zu Papier, reicherte sie mit eigenen Kindheitserinnerungen, der Familiengeschichte und Betrachtung über die Ehe der Eltern an, ergänzte sie um passende Erlebnisse aus ihrem Alltag, schmückte aus oder unterschlug, was sie nicht preisgeben wollte.

Ein Tag…
An jenem lange zurückliegenden Sonntag hatte der Vater in Erwartung des Besuchs seiner ältesten Tochter Sonia und deren Familie erstmals selbst gekocht. 67 Jahre war er alt, seit acht Monaten Witwer und einsam. Der Kontakt zu Giulia war abgebrochen, der Sohn Alessandro arbeitete in Helsinki und auch Sonia war aus Turin hinaus aufs Land gezogen. Nach einem Arbeitsleben als Brückenbauer auf Baustellen weltweit hatte der Vater sich seinen Ruhestand anders vorgestellt:

"Das Leben hatte ihn mit interessanten Menschen zusammengebracht, mit denen er ebenso angenehme wie oberflächliche Beziehungen geführt hatte, kurzlebige Freundschafen, die die Zeit mit der Unerbittlichkeit eines Jahreszeitenwechsels gekappt hatte. Er verzehrte sich geradezu danach, sich in einer verwandten Seele zu spiegeln, aber da war niemand…" (S. 57)

Als Sonia überraschend absagen musste, stand dem Vater ein weiterer einsamer Sonntag bevor, mit Bergen von gekochtem Essen, aber ohne Appetit. Bis er am Skatepark zufällig die dreißig Jahre jüngere Witwe Elena mit ihrem 13-jährigen Sohn Gaston traf, beide genauso einsam wie er – und hungrig dazu. Mit Gaston hatte der Vater endlich wieder einen interessierten Zuhörer an seinen Ingenieursabenteuern, mit Elena konnte er über seine unerfüllten Träume fürs Alter reden und Anteil an ihren Problemen nehmen. Der unverhoffte Einklang heiterte alle auf:

"Elena prostete ihm zu. „Danke“, sagte sie. „Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.“" (S. 120)

… und noch viel mehr
Wer nun eine mehr oder weniger kitschige Liebesgeschichte erwartet, liegt zum Glück daneben. Nur für kurze Zeit bleibt das ungleiche Trio in Kontakt, doch es reicht für neue Impulse. Als sich Elena und der Vater Jahre später noch einmal begegnen, sind die Karten neu gemischt, nicht zuletzt aufgrund jenes Sonntags.

Mir hat die Erzählweise Giulias sehr gut gefallen, besonders ihre Überlegungen zu sich verändernden Eltern-Kind-Verhältnissen und die Hommage an die Mutter. Diese ertrug die Abwesenheit des Vaters scheinbar stoisch, stellte eigene Ambitionen zurück und fragte mehr, als sie von sich preisgab. Ganz anders der Vater, Held von Guilias Kindheit, der lieber erzählte, und zu dem sie erst über Umwege wieder einen Zugang fand.

Lesenswert und hübsch gemacht
Der Turiner Autor Fabio Geda nennt mit Kent Haruf und Elizabeth Strout zwei Vorbilder, die ich ebenfalls sehr schätze. Ein Sonntag mit Elena ist ein kleiner, stiller und lesenswerter Roman in deren Tradition. Das Cover passt vorzüglich zum Inhalt des handlichen Büchleins ohne Schutzumschlag, den ich mit einem Lächeln beendet habe.

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