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Veröffentlicht am 22.01.2021

Von Grönland über Shakespeare ins Exil

Treibeis
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Libuše Moníková war mir überhaupt kein Begriff, bis ich „Treibeis“ in die Hand genommen habe, dabei war sie in den rund um die 1980er Jahre offenbar etwa zwanzig Jahre lang bis zu ihrem Krebstod 1998 eine ...

Libuše Moníková war mir überhaupt kein Begriff, bis ich „Treibeis“ in die Hand genommen habe, dabei war sie in den rund um die 1980er Jahre offenbar etwa zwanzig Jahre lang bis zu ihrem Krebstod 1998 eine stark beachtete Stimme im deutschen Literaturbetrieb, und zwar in der Abteilung mit kleinen Auflagen komplexer Romane mit anspruchsvoller Sprache und Thematik. Moníková – aus der Tschechoslowakei aus politischen Gründen geflohen – schrieb auf Deutsch, ihrer „Literatursprache“, mit der sie die Dinge neu sagen konnte. Ähnlich hat sich auch Abbas Khider einmal zu seiner neuen Sprache als Autor geäußert: Die Grausamkeiten seines Lebens im Irak müsse er auf Deutsch sagen, weil es auf Arabisch zu sehr weh täte (frei zitiert).

In „Treibeis“ ´mäandert der Englischlehrer Jan Prantl durch die schmerzhaften Themen des heimatlos entwurzelten Exilanten: Er ist Tscheche, gehörte zu den sagenumwobenen Parachutisten, deren erste Kommandos Heydrich ermordet hatten, musste vor den stalinistischen Säuberungen fliehen und landeten über aberwitzige Umwege in Angmagssalik (Ammassalik) in Grönland. Dort versucht er alkoholumnebelt, den Inuitkindern Shakespeare näher zu bringen. Er ergreift eher zögernd die Chance, zu einem Pädagogenkongress nach Österreich zu fliegen, wo er dann aber auf eine auserlesene Schar von Lehrerchargen trifft, bunt gemischt aus allen Ländern. Die Diskussionen zwischen den Vertretern des Ostblocks und des Westens oder zwischen den modernen Pädagogen und den Backpfeifenpedells sind rasant, anspielungsreich und sogar witzig: Angeheitert jagen ernstzunehmende Intellektuelle dem tollenden Prantl durch den Raum hinterher, um ihm ein originales Wittgenstein-Manuskript abzunehmen. Alle Makarenko-Exkurse hingegen würde ich nicht vermissen.

Wichtiger aber noch als der Lehrerstadel ist das Zusammentreffen mit Katja, der Stuntfrau und Greifengestalt Katja, mit der alles Wichtige teilt: die tschechische Herkunft, die Liebe zum Kino, die Sehnsucht nach der Heimat, den Schmerz des Exils und nicht zuletzt das Bett – bei ihrer Reise durch die Alpen immer wieder ein anderes.

Der Roman überrascht mit seiner Tiefe, seiner präzisen Sprache und seinen schweren Themen, die oftmals locker vermittelt werden, nämlich im Dialog. Dennoch fühlt sich die Lektüre der Erläuterungen Prantls etwa über den tschechischen Widerstand an wie eine Geschichtsstunde. Und schon der Auftakt in Grönland ermüdet mit seitenlangem Räsonieren über das zeitgenössische Theater Shakespeares. Zu oft wirken die Exkurse bemüht, aufdringlich intellektuell und zu lang. Beim Schwelgen in der Sehnsucht nach der alten Heimat im letzten Viertel des Romans ergriff mich jedoch tatsächlich ein leichter Phantomschmerz wegen des verlorenen Prags, das ich gleichwohl nie gekannt habe.

Von Grönland zu Wittgenstein, von Shakespeare zu Heydrich, von Stuntleuten zu Stalin – eine überraschende Mischung, kunstvoll, aber nicht immer gelungen angerichtet.

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Veröffentlicht am 22.01.2021

Jetzt kann ich alles mit dir machen

Stein der Geduld
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Der „Stein der Geduld“ ist ein afghanischer Emanzipationsroman – geschrieben auf Französisch und von einem Mann. Gleichwohl ist es ein zutiefst einfühlsames Dokument über die Lebenswirklichkeit einer Ehefrau ...

Der „Stein der Geduld“ ist ein afghanischer Emanzipationsroman – geschrieben auf Französisch und von einem Mann. Gleichwohl ist es ein zutiefst einfühlsames Dokument über die Lebenswirklichkeit einer Ehefrau im bürgerkriegszerfressenen Afghanistan.

Der Mann ist bewegungsunfähig, liegt im Sterben, doch seine Augen sind stets geöffnet, ohne zu sehen, Seine Frau und Mutter der Töchter pflegt ihn in beider Haus, das in einer umkämpften Zone liegt und immer wieder Besucher erhält, von denen keiner eingeladen ist. Der Roman nutzt nur einen Raum in diesem Haus als Bühne der Handlung, nicht ein einziges Mal begleitet die Lektüre die Frau vor die Tür oder auch nur in den Hof. Die Welt von draußen findet nur im gesprochenen Wort der Frau statt, die sich ihrem Mann öffnet. Erstmals, denn in der alltäglichen Wirklichkeit ihres Lebens hat die Frau nicht stattgefunden, körperlich kaum und geistig noch weniger. Nun aber ist der Mann gelähmt: „Jetzt kann ich alles mit dir machen!“ (S. 88) Sie pflegt ihn und konfrontiert ihn mit den Wahrheiten ihrs Lebens vor und in der Ehe. Wahrheiten, die sie für sich behalten musste, weil sie für Frauen in Afghanistan tödlich sind, etwa der Wunsch nach eigenständiger Persönlichkeit.

Die bühnenhafte Erzählsituation und die auf die Frau reduzierte Sprechrolle des Romans erzeugen eine intensive Atmosphäre, in der Leid und Unterdrückung, tastende Befreiungsversuche und Erkenntnis erreichter Freiheit unmittelbar wirken. In den Äußerungen der Frau wird die gesellschaftliche Entwicklung Afghanistans wie in den Splittern eines Spiegels reflektiert: die Situation in der Familie, die Stellung der Schwiegermutter, der schalkhafte Umgang des Schwiegervaters mit dem alten afghanischen Erbe und die unselige Radikalisierung des Ehemanns als Freiheitskämpfer und Taliban. Immer wieder verblüffen die Bruchstücke dieser Welt den westlichen Leser, etwa die klugen Gedanken über die unselige Bedeutung des Blutes: „Ich habe nie verstanden, warum die Ehre bei euch Männern so sehr ans Blut gebunden ist.“ (S. 45) Sei es das vergossene Blut des Feindes, sei es das Blut der „unreinen Frau“ oder das Blut der Jungfräulichkeit. Hier fließt die ganze Archaik der afghanischen Männerwelt zusammen.

Auch der Stein der Geduld spielt eine Rolle, denn er ist in der Lage, die Leiden und Nöte dessen, der mit ihm spricht, aufzusaugen und in die Lüfte zu zersprengen. Für die Frau ist ihr Mann nun endlich dieser Stein – er muss erst wie tot sein, damit sie sich öffnen kann.

Der Roman wurde 2008 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, völlig zurecht, wie ich finde.

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Veröffentlicht am 22.01.2021

Der verschenkte erste Eindruck – entfernen Sie den Umschlag ungelesen!

Das Verschwinden der Erde
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Julia Phillips hat sich in ihrem Debütroman viel vorgenommen, wie sie im Interview mit ihrem Verlag verrät. Nicht nur will sie „das Spektrum von Gewalt in den Leben von Frauen zu untersuchen“ (S. VI), ...

Julia Phillips hat sich in ihrem Debütroman viel vorgenommen, wie sie im Interview mit ihrem Verlag verrät. Nicht nur will sie „das Spektrum von Gewalt in den Leben von Frauen zu untersuchen“ (S. VI), sondern auch das Verständnis ihrer Leser darüber weiterentwickeln, dass die Vereinigten Staaten von heute auch ein Produkt der Systemauseinandersetzung „mit und in Abgrenzung zur Sowjetunion“ sei (S. VI f.), wozu ihre Roman auf der Folie der postsowjetischen Region Kamtschatka angesiedelt ist. Frauen und Politik sind zwei der drei Pole dieses Romans, dessen Anliegen nichts geringeres sein solle, als eine „Gelegenheit, die größeren Zusammenhänge unserer Welt zu verstehen“. (S. V) Es haben sich schon bessere Autoren mit weniger Aufgaben beladen – und verhoben.

Phillips setzt ihre Ideen nun in einer Geschichte um, deren Auswahl das Grundproblem ihres Romans konstituieren und ihrer eigentlichen Idee im Weg stehen: In ihrer Begeisterung für „Märchen über Mädchen in Gefahr“ (S. V) konstruiert sie als Dreh- und Angelpunkt ihres aus 14 Kapiteln bestehenden Episodenromans eine Kriminalhandlung über das Verschwinden der beiden Mädchen Aljona und Sofija. Als dritten Pol der Erzählung gehrt es Phillips darum zu „verstehen, wer, abgesehen von dem engen Kreis aus Opfer, Täter und Ermittler, eine Rolle dabei spielt (…) und wer noch davon betroffen ist.“ (S. V)

Das ist klug gedacht, denn mit diesem Ansatz kann es gelingen, sich einem Kriminalfalls aus vielen Richtungen zu nähern und Spannung aus den unterschiedlichen Wissensständen der mit dem Fall zusammenhängenden Menschen zu erzeugen. Alle Personen haben auch mit den Mädchen zu tun, aber meist eher mittel- als unmittelbar. Wenn man bei der Lektüre auf Seite 268 nach kapitelweisen Exkursionen wieder einmal auf die beiden Mädchen gestoßen wird, die so lange nicht Thema gewesen sind, dann wird klar, dass die Kriminalhandlung eine falsche Autorenentscheidung gewesen ist. Sie lenkt die Leseerwartung zu sehr auf eine spannende Geschichte (verschärft durch die Verlagsentscheidung, auf dem Buchrücken irreführende Zitate über einen „literarischen Thriller“ oder ein „Meisterwerk (…) fiebernd, atemlos“ abzudrucken). Aber spannend ist „Das Verschwinden der Erde“ nun gerade nicht.

Den beiden Mädchen werden das erste und das letzte Kapitel gewidmet, die anderen zwölf ebenso vielen Frauen aus dem Umfeld der Handlung. Umfeld? Ja – zum Beispiel geht es um die Gattin des ermittelnden Polizisten oder die Patientin einer Tante eines anderen verschwundenen Mädchens. Gäbe es jetzt diese Kriminalhandlung nicht, wären die gesellschaftskritischen Ambitionen des Textes weniger verschüttet. Man erfährt so einiges über die Stellung der Frau im Sowjetreich und in der Umbruchszeit danach; über die Doppelgesichtigkeit der Ehemänner in nüchternem oder betrunkenem Zustand – und überhaupt über den grassierenden Alkoholabusus aller Russen und Ureinwohner; und natürlich so manches über die Spannungen zwischen den Ureinwohnern Kamtschatkas und den als imperialistische Eroberer zugewanderten „Weißen“, den Russen – aber nicht so viel, wie mich interessiert hätte. Rassismus in der Sowjetrepublik ist meines Erachtens ein noch unterbelichtetes Thema, immerhin heißt es doch im Artikel 123 (Kapitel X) der Verfassung der UdSSR, die mir gerade zufällig (wirklich!) vorliegt: „Die Gleichberechtigung der Bürger der UdSSR auf sämtlichen Gebieten des wirtschaftlichen, staatlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens, unabhängig von ihrer Nationalität und Rasse, ist unverbrüchliches Gesetz.“ War das je glaubhaft? Oder hat sich da etwas geändert seit Ende des kalten Krieges, was ja durchaus sein kann? Dazu hätte ich gern mehr gewusst als die Gegenüberstellung von Folklore (Tanztruppe, ewenische Sprache) und „weißen Polizisten“.

Die Gestaltung der Episoden stellt stets eine neue Figur vor, und zwar mit Vorgeschichte, inneren Wünschen und Enttäuschungen, Wendepunkten des Lebens und (manchmal) Beziehung zu den verschwundenen Mädchen. Was in einem französischen Episodenfilm funktioniert, weil man nämlich die Personen, die eine Szene betreten, sofort an den Gesichtern wiedererkennen kann, funktioniert im Roman nicht, wenn nicht explizit erläutert wird, das übrigens diese Polizistin da schon vier Kapitel vorher gemeinsam mit irgendeiner Mutter irgendeiner Cousine Whisky und Wodka getrunken hat. Sich immer wieder an eine neue Figur gewöhnen zu müssen, strengt an. Warum musste das sein? Um möglichst viele Facetten der eingangs geschilderten Ansprüche der Autorin ansprechen zu können. Ist das gelungen? Nein.

Warum nicht? Zum einen kann man „die größeren Zusammenhänge unserer Welt“ (S. V) nicht erklären, wenn man die Hälfte der Menschheit weglässt, die Männer zum Beispiel. Außerdem ist es eine weitere fehlerhafte Autorenentscheidung, so viele Akademiker auftreten zu lassen: Die Zahl der Studentinnen, Forscherinnen, Mitarbeiter einer Geologischen Forschungsstation, Journalisten ist derartig groß, dass man sich fragt, wo eigentlich die ganzen weniger Gebildeten abgeblieben sind – gerade in der für ihre Universitätsdichte nicht gerade bekannten, unzugänglichen Polarhalbinsel Kamtschatka. Hier schlägt sich Phillips‘ Rechercheumfeld nieder, denn die Autorin hat ein Studienjahr in Petropawlowsk zugebracht. Aber mir fehlt noch viel mehr der Einblick in die schlimmen Verhältnisse der verrenteten Werktätigen, deren pure Existenz jeden tag bedroht ist. Hierzu muss man wahrscheinlich besser eine russische Autorin lesen.

Dennoch hat der Roman seine Stärken, wenn sie auch nicht in der Grundkonstruktion oder der ausgewählten Kiminalhandlung liegen.

Phillips erzählt ihre Episoden gut. Ihr gelingt es, zwölf Frauenbiographien kurzgeschichtenartig aufleben zu lassen, deren spezifischen Probleme zu schildern. Zwar scherte mich der innere Zusammenhang zur Kernhandlung nicht mehr, aber es gelang mir dennoch, Allgemeingültiges aus den Kapiteln zu ziehen (mit der Einschränkung des vorvergangenen Absatzes). Vor allem deutlich geworden ist eine melancholische Grundstimmung auf Kamtschatka, die erstens die Ureinwohner betrifft, die einem diffusen und wahrscheinlich sehr nachvollziehbaren Verlustgefühl anhängen, was ihre Kultur und Stellung in Russland betrifft. Zweitens ein ähnlich geartetes Verlustgefühl, das sich nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Ordnung eingestellt hat und alle jene befallen hat, denen es in der „guten alten Zeit“ besser gegangen ist.

Und schließlich drittens – aber das dauert bis zum Kapitel, in dem sich die Mütter der verschwundenen Mädchen endlich treffen und ihre Episode bekommen – wird der ganze Abgrund aufgerissen, der sich auftut, wenn Kinder vermisst werden, zumal die eigenen.

Dreimal stellt sich Phantomschmerz über eine verschwundene Welt ein, die angesichts der Naturschilderungen des Werkes zurecht mit der verschwindenden Erde gleichgesetzt – wird einer „Disappearing Earth“ (Originaltitel).

Leider hat man nur eine Gelegenheit zu einem ersten Eindruck, aber mich würde es nicht wundern, wenn der Roman trotz seiner völlig überladenen Anliegen besser funktioniert hätte, wäre mir nicht ein „Thriller“ angekündigt worden, sondern ein die Gesellschaft des postkommunistischen Kamtschatkas beschreibender Episodenroman.

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Veröffentlicht am 22.01.2021

mehr wahr als erfunden

Vati
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Kennen wir unsere Väter? Und können wir sie kennen? Monika Helfer sucht in den Spuren des gemeinsamen Lebens nach ihrem Vater und findet ihn dort, wo er hingehört: in der Familie. Der kurze Roman strahlt ...

Kennen wir unsere Väter? Und können wir sie kennen? Monika Helfer sucht in den Spuren des gemeinsamen Lebens nach ihrem Vater und findet ihn dort, wo er hingehört: in der Familie. Der kurze Roman strahlt eine solche Wärme und Nähe aus, die sich auf wunderbare Weise mit einem wachen Blick für die kleine Geste und das unabdingbare Detail vermengt, dass die „Bagage“ und „Vati“ einem schon sehr bekannt vorkommen. Die Autorin sucht in ihrem Vater nicht nur diesen, sondern auch sich selbst, ihre Familie und den Sinn des Lebens. Denn im Spiegel des elterlichen Lebens steht jeder vor dem Vergleich: Bekomme ich mein Leben ebenso gut hin? Bin ich glücklich, wie ich bin? Waren es die Eltern? Und deren Eltern im Vergleich?

Die Ich-Erzählerin nähert sich diesen Fragen und ihren Figuren in kleinen und großen Geschichten, komponiert zarte Zeitsprünge so ein, dass sogar Spannung aufkommt, etwa bei den „beiseitegeschafften“ Büchern und ihren Konsequenzen oder wenn es um das Schicksal von Paula geht, der Tochter der Erzählerin. Ist das, was erzählt wird, die Wahrheit? Aber ja. Ist es also nicht erfunden? Doch – denn die Geschichte muss nicht exakt sein, sie ist dennoch „mehr wahr als erfunden“ (S. 9), weil darüber noch das Allgemeingültige funkelt.

Deshalb findet man sich beim Lesen auch selbst ständig wieder, weil so viel Wahres an der Geschichte ist – ich für meinen Teil nicht nur etwa in der Beschreibung Vatis als Buchmenschen, dem nicht nur das Lesen, sondern auch der Gegenstand des Buches wichtig ist (S. 21).

Wenn es am Ende heißt: „Wir alle haben uns sehr bemüht“ (S. 173), dann ist kein fatales Urteil ausgesprochen wie in einem Arbeitszeugnis, sondern eine hilfreiche Regel formuliert, wie das Leben gelingen kann: indem sich alle bemühen.

Ich kenne Monika Helfers Erfolgsroman „Bagage“ noch nicht- das muss ich nun aber dringend nachholen!

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Veröffentlicht am 21.12.2020

Lola rennt weiter

Capitana
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Mit „Capitana“ gehen die Abenteuer der taffen Lola weiter, die in Los Angeles eine familiäre Drogengang anführt, sich um ihre Adoptivtochter Lucy und die Nachbarschaft kümmert und sich gegen böse Jungs ...

Mit „Capitana“ gehen die Abenteuer der taffen Lola weiter, die in Los Angeles eine familiäre Drogengang anführt, sich um ihre Adoptivtochter Lucy und die Nachbarschaft kümmert und sich gegen böse Jungs wehren muss. Der Autorin Melissa Scrivner Love gelingt es erneut, ihre Hauptfigur zum Sympathieträger zu machen, sofern es bei der Lektüre gelingt auszublenden, dass Lola nicht Schokoriegel vertickt, sondern Heroin.

Wieder wird Lola wieder mit einer übermächtigen Konkurrenz konfrontiert, diesmal dem Rivera-Kartell, das offensichtlich mit langem Atem plant und schon lange im Geschäft ist, ehe es in Los Angeles Fuß fassen möchte. Lolas Partnerin Andrea, zugleich Staatsanwältin und Drogenbaronin, zieht hier ebenfalls ihre Strippen, und es sind vor allem ihre langangelegten Pläne und Kniffe, die der Handlung ihre Würze und Tiefe verleihen.

Denn - Hand aufs Herz - Lola ist Popcorn, ein Action-Movie mit Abziehtypen und Klischeegangstern. Das hat allerdings Vor- und Nachteile. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: „Capitana“ liest sich rasant und spannend, spart nicht mit herzerwärmenden Momenten (in denen meist Lucy mitspielt) oder solchen, die für Herzklopfen sorgen (meist wenn Lola wieder einmal nur mit einem Messer zu einer Schießerei kommt).

Der Nachteil ist, dass Scricner Love wie eine Holywood-Drehbuchautorin Plotelemente dann einsetzt, wenn sie sie braucht, ohne sie logisch herzuleiten. Lola etwa reist nach Texas zur Recherche, stöbert herum, wird ins Hotel verfolgt, um dort von Andreas Lieblings-Polizisten Bubba aufgeschreckt zu werden, der ihr eine dringende Nachricht bringen muss. Warum reist Bubba hinterher? Woher weiß er, wo Lola ist? Warum ruft er nicht an für seine einfache Nachricht? Weil Scrivner Love die Schrecksekunde zeigen und ein wenig an der Dramaschraube drehen wollte. Das ist eine in Actionfilmen leider grassierende Unart, wird aber vom Publikum häufig hingenommen. Drama schlägt Logik. Das ist offenbar eine Geschmacksfrage - für mich eher eine Grundsatzfrage.

Die andere Grundsatzfrage ist Lolas Broterwerb: Ich kann nämlich nicht ausblenden, was Lola da tut, und sei sie noch auf weiteren dreißig Seiten die Robynne ihrer Hood. Heroin bleibt Heroin, und Lola ist kein Tony Soprano.

Unter dem Strich ist „Capitana“ spannend und rasant, liefert ein paar coole Szenen und Typen, ist also eine Lektüre, die lohnt, wenn man weiß auf welche Action man sich einlässt.

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