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Veröffentlicht am 16.08.2017

treffen sich zwei Gottesmörder

Und Marx stand still in Darwins Garten
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Ilona Jerger ist es gelungen, uns hinter Darwins Stirn blicken zu lassen und Marx husten zu hören – in einem feinsinnigen, humorvollen und hintergründigen Roman über zwei Ikonen der Geisteswelt des 19. ...

Ilona Jerger ist es gelungen, uns hinter Darwins Stirn blicken zu lassen und Marx husten zu hören – in einem feinsinnigen, humorvollen und hintergründigen Roman über zwei Ikonen der Geisteswelt des 19. Jahrhunderts. Darwin und Marx waren zwei wirkungsmächtige Denker und stehen am Anfang einer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Moderne. Und sie lebten zur gleichen Zeit nur wenige Kilometer entfernt in London und wussten vom jeweils anderen.

„Und Marx stand still in Darwins Garten“ ist zwar erst eine Szene der Seite 191, doch man sehnt sich ihr vom ersten Moment entgegen. Es ist vor allem Darwin, den der Roman begleitet. Der Naturforscher ist alt, seine Gebrechen sind zahlreich, und der Tod kündigt seine baldige Visite an. Doch der rastlose Forscher kann nichts außer arbeiten, beobachten, dokumentieren und experimentieren: So viel zu tun, so viel zu entdecken und so wenig Zeit! Darwins letztes Jahr legt sein Wesen in Dialogen mit seiner Frau Emma dar, in Darwins Begegnungen mit seinen Bediensteten und vor allem mit seinem Arzt Dr. Beckett. Diese Figur ist – als gebildeter und aufgeklärter Geist – womöglich mehr als nur das Bindeglied zwischen Darwin und Marx; vielleicht geben seine Gedankengänge, Vergleiche und Schlussfolgerungen auch die Persönlichkeit der Autorin wieder. Wenn Darwin im Gespräch mit Beckett die Erkenntnisse aufschlüsselt, die ihm die Rankenfüßer über die Evolution und die Entstehung der Arten entdeckten, dann zeigt sich die Stärke Jergers, die komplexen Theoreme Darwins in romantaugliche Dialoge zu gießen. Und wenn Beckett seinerseits die darwinsche Methode des exakten wissenschaftlichen Vergleichs von Ähnlichkeiten und Unterschieden auf die Werke Darwins und Marx‘ anwendet, sie auf die Gemeinsamkeiten bringt, dann erschließt sich die thematische Auswahl des Romanthemas fast zwingend: Natürlich – so denkt man beim Lesen – muss man sich ein Zusammentreffen der beiden Geistesgrößen vorstellen! Man will es!

Eine der Gemeinsamkeiten ist zugleich ein Urthema des Menschen, die Gretchenfrage schlechthin: Wie halten sie’s mit Gott? Darwin und Marx galten beide als Gottesmörder: Die Evolution machte einen Schöpfer überflüssig; Marx‘ Kommunismus stempelte die Religion zum Opium fürs Volk. Die denkwürdige Tischgesellschaft, zu der Marx und Darwin aufeinandertreffen, umkreist den Atheismus, doch packt sie ihn nicht. Oder um es mit dem Augenzwinkern Darwins zu sagen: „Die einen konnten schlecht Englisch. Die anderen schlecht Deutsch. Schließlich ist unser Priester vom Stuhl gekippt.“ (S. 210)

Darwins Charakter, seine Eigenheiten, seine Dünkel und sein Humor sind liebevoll und feinsinnig gezeichnet. Die Persönlichkeit hinter der historischen Figur wird in ihrer Abgeklärtheit und Weisheit zum großen Sympathieträger des Romans, in dem lediglich der Exkurs ins Chile des Jahres 1835, als Darwin mit der Beagle einem Vulkanausbruch beiwohnt, etwas störend wirkt.

Die anderen Sympathieträger sind die Rankenfüßer, die Bohnenpflanzen und vor allem die Regenwürmer, die in Darwins kindlichem Forscherdrang zu possierlichen Wegbereitern großer Ideen wachsen.

Stilsicher und humorvoll ist dieser Roman gelungen. Die Schwere der Werke der beiden vermeintlich monumentalen Säulenheiligen wird in leichten Szenen, instruktiven Gedanken und lesenswerten Dialogen aufgelöst.