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Veröffentlicht am 29.05.2024

Schnarch.

Tiberius Rex 1: Mein Freund, der Dino
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Konnten Dinosaurier gähnen? Ich weiß es nicht. Aber bei dieser Lektüre hätten sie es ganz bestimmt getan.

Dieses Kinderbuch beginnt ganz typisch mit den üblichen "Zutaten" für einen Mix aus Abenteuerroman ...

Konnten Dinosaurier gähnen? Ich weiß es nicht. Aber bei dieser Lektüre hätten sie es ganz bestimmt getan.

Dieses Kinderbuch beginnt ganz typisch mit den üblichen "Zutaten" für einen Mix aus Abenteuerroman und Wissensvermittlung: Leos Klasse macht einen Ausflug ins Museum, beim stinkelangweiligen Referat der Streberin schaltet sie komplett ab und sieht plötzlich einen meterhohen Schatten an der Wand. Das gibt's doch nicht! Könnte das ein Dinosaurier sein? Sie schleicht sich weg, immer dem Abenteuer nach...

Schon das Setting klingt ein wenig wie eine Parodie zur allseits bekannten Komödie. "Tagsüber im Museum". Leo spaziert mit Tiberius, dem Museumsdinosaurier zuerst durch die Ausstellung und später durch die Stadt und dabei erzählt dieser ihr allerhand "Wissenswertes" zu Dinosauriern. Das sind nur leider die absoluten Basics, die jeder gute Dinofan bereits im Kindergartenalter weiß (ich spreche da aus Erfahrung; der im Haushalt lebenden 4-Jährige befindet sich gerade in dieser Phase). Was bedeutet, dass dieses Buch Kindern im Grundschulalter (also der Zielgruppe!) keinen erwähnenswerten Mehrwert bezüglich der "Wissensvermittlung" bietet.

Na gut, dann schauen wir mal, was das Kinderbuch bezüglich "Abenteuer" so hergibt: Spoiler, leider auch nicht viel. Die Geschichte entwickelt sich wahnsinnig langsam und eigentlich passiert kaum etwas Spannendes. Mit lahmen Wortwitzen wie dem Mathelehrer Herrn Zahlenfreund und schimpfenden Nachbarn, denen der Dinosaurier an Leos Seite vor lauter Gemecker kaum auffällt, holt man meiner Meinung nach keinen Grundschülerin ab.

So eine lahme Geschichte haben Dinosauer und vor allem kleine und große Dinofans nicht verdient!

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Veröffentlicht am 28.05.2024

Absolutes Herzensbuch und Highlight 2024

Demon Copperhead
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"Jeder weiß, dass alle, die in diese Welt geboren werden, von Anfang an gezeichnet sind - Gewinner wie Verlierer. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für Superheldengeschichten." (S. 11)

Demons Start ...

"Jeder weiß, dass alle, die in diese Welt geboren werden, von Anfang an gezeichnet sind - Gewinner wie Verlierer. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für Superheldengeschichten." (S. 11)

Demons Start ins Leben steht unter keinem guten Stern. Geboren im Trailerpark von einer drogenabhängigen Mutter, der Vater tot, der Stiefvater ein brutaler Mistkerl. Mies, mieser, total bescheiden geht es weiter. Denn in Virginia, einem der ärmsten Bundesstaaten der USA mitten in den Appalachen, haben selbst die Hilfs- und Sicherheitsnetze riesige Löcher. Wechselnde Pflegefamilien, Kindeswohlgefährdung und Misshandlung, ein marodes Gesundheitssystem, Armut, Hunger, Gewalt, Krankheit, Sucht... es kommt wirklich knüppeldick. Der Tod ist allgegenwärtig. Das ist nur schwer auszuhalten.

Was also ließ mich dranbleiben an diesem Über-800 Seiten-Wälzer? Die Antwort ist einfach: Demon selbst. Trotz all der Widrigkeiten strahlt seine Erzählstimme soviel Wärme, Liebe, Humor und Hoffnung aus, dass die Seiten beinahe glühen beim Lesen. Von der ersten Seite an eroberte Demon mein Leserinnen-Herz. Von außen betrachtet ein Verlierer, doch tief im Inneren ein wahrer Superheld. Auch die Nebencharaktere lassen das Herz höher schlagen (Angus! Tommy!) oder den Puls ansteigen (U-Haul!), denn von absolut liebenswert über skurril-komisch bis total abscheulich ist so ziemlich jeder Menschenschlag dabei.

Barbara Kingsolver verleiht einer Region eine kraftvolle Stimme, die vom Rest der USA und der Welt gerne verspottet und belächelt wird. Die "Hinterwäldler", die"Hillbillies"; "die sind doch alle drogenabhängig und leben von Tabak, Kohle und Schwarzbrennerei", um nur einige Stichworte zu nennen. Doch Kingsolver verharrt nicht bei diesen Vorurteilen. Klug recherchiert und voller Fingerspitzengefühl beschreibt sie ihre Heimat und zeigt auf, wie gezielte und strukturelle Ausbeutung eine komplette Region ins Aus katapultiert haben.

Ich hatte das große Glück, Barbara Kingsolver bei einer Lesung erleben zu dürfen. Wer sie reden und erzählen hört, weiß plötzlich sehr genau, woher Demon dieses Glühen, diese Begeisterung für "seine Leute" und diesen unglaublichen Humor hat. Ein wunderbarer Roman, absolut empfehlenswert und mein Highlight 2024!

"Wir hatten den Mond, der uns eine Weile durchs Fenster zulächelte und sagte, dass die Welt uns gehörte. Weil die Erwachsenen irgendwohin gegangen waren und alles in unsere Hände gegeben hatten." (S. 125)

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Veröffentlicht am 07.04.2024

Pädagogischer Holzhammer

Anton und sein Gewissen
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Es ist Spielzeug-Tag im Kindergarten und Jette hat ein Feuerwehrauto mit Drehleiter dabei, zum Kurbeln! Wow, Anton staunt und würde auch gerne damit spielen. Doch er traut sich nicht zu fragen. Als Jette ...

Es ist Spielzeug-Tag im Kindergarten und Jette hat ein Feuerwehrauto mit Drehleiter dabei, zum Kurbeln! Wow, Anton staunt und würde auch gerne damit spielen. Doch er traut sich nicht zu fragen. Als Jette das Auto kurz alleine lässt, kann Anton nicht widerstehen und macht prompt die Kurbel kaputt. Voller Angst und Scham schleicht sich Anton davon, ohne Jette Bescheid zu geben... Doch plötzlich hört er eine Stimme in seinem Kopf- sein Gewissen klopft an und lässt ihm keine Ruhe.

Hmm hmm hmm. Mich konnte dieses Bilderbuch leider nicht überzeugen. Recht und Unrecht, Fehler machen, Perspektivwechsel und sich entschuldigen - dieses Bilderbuch nimmt große und wichtige Themen in den Blick. Mit einer "lebensnahen" Geschichte - Streit im Kindergarten - sollen Werte quasi durch die Blume vermittelt werden. Klappt hier meiner Meinung nach nicht, weil die Geschichte dazu viel zu plump und mit erhobenem Zeigefinger daher kommt. "Bitte entschuldige dich gefälligst und mach am besten keine Fehler!" ist kein nachhaltiger Weg, um kleinen Menschen Moralvorstellungen zu vermitteln. Mit Kindern über Recht und Unrecht zu sprechen, ist nicht immer leicht. Die moralische Entwicklung ist viel später abgeschlossen, als allgemein angenommen wird und die kindliche Hirnreife lässt oft nur schwer einen Perspektivwechsel in die Lage des Anderen zu. Meiner Überzeugung nach lernen Kinder am besten, indem sie uns Erwachsene sehr genau beobachten und nachahmen. Natürlich können auch Geschichten dabei helfen, Sachverhalte zu verinnerlichen. Dann wäre es jedoch schön, wenn der streng erhobene Zeigefinger eingeklappt wird und man Kinder und ihre Lebenswelten liebevoller und mit ein wenig mehr Humor aufgreift. Die Illustrationen sind zwar hübsch gemacht, verwirren aber am wichtigsten Punkt mehr, als dass sie helfen. Die Darstellung von Antons Gewissen sieht aus wie sein leicht durchscheinender Zwillingsbruder, wodurch sich immer "zwei Antons" im Raum befinden. Das ist gerade für kleinere Kinder (und damit für die angegebene Zielgruppe!) schwer zu begreifen. Von mir leider keine Empfehlung.

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Veröffentlicht am 07.04.2024

Zauberschön!

Der Wortschatz: Bilderbuch-Bestseller über den spielerischen Umgang mit Sprache
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Wie jeden Tag ist Oscar beim Löcherbuddeln, als er auf eine alte Holztruhe stößt. Ein Schatz! Voller Vorfreude und in Gedanken schon bei Goldmünzen, Ritterausrüstungen und alten Briefen öffnet er die Truhe ...

Wie jeden Tag ist Oscar beim Löcherbuddeln, als er auf eine alte Holztruhe stößt. Ein Schatz! Voller Vorfreude und in Gedanken schon bei Goldmünzen, Ritterausrüstungen und alten Briefen öffnet er die Truhe und findet - einen großen, verhedderten Wörterhaufen. Oscar ist enttäuscht und schleudert das erste Wort "Quietschgelb" achtlos ins Gebüsch. Zack, rennt plötzlich ein quietschgelber Igel heraus! Verwirrt und neugierig kehrt Oscar zur Truhe zurück. Das nächste Wort - "haarig" - wirft er gegen einen Baum und zaubert ihm dadurch eine prächtige Mähne. Immer mehr Worte fischt er heraus: pompös, monströs, herzensgut, blitzeblank, uralt... Bis die Truhe schließlich leer und somit Platz ist für eigene, kreative Wortschöpfungen.

Ganz verzaubert war mein 4-Jähriger von dieser Geschichte - und ich ebenso! Es macht unglaublich viel Spaß, mit Oscar zusammen die Wortschatztruhe zu leeren und ein buntes, schimmerndes Wort nach dem anderen zu entdecken. Hier werden Worte benutzt und durch zuckersüße Illustrationen verbildlicht, die im Alltag nicht mehr so gebräulich sind. Wie traurig! Und umso schöner, dass genau dieser Wortschatz wieder aufleben kann. Natürlich sind auch "Quatschwörter" dabei wie "sauergurkig", aber genau das macht Kindern doch so große Freude - mit Sprache spielen dürfen, sich ausprobieren, Worte neu zusammensetzen und ihnen andere Bedeutungen geben. Dazu regt dieses Buch an und das finde ich wunderbar! Große Empfehlung vom Junior und von mir.

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Veröffentlicht am 28.03.2024

Poetischer Schrecken ohne Mehrwert.

Zitronen
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Von einer unbeschwerten Kindheit kann August Drach nur träumen. Das verwunschene, leicht schiefe Haus am Ortsrand samt Apfelgarten lässt an laue Sommerabende und nackte Kinderfüße denken, an Winternachmittage ...


Von einer unbeschwerten Kindheit kann August Drach nur träumen. Das verwunschene, leicht schiefe Haus am Ortsrand samt Apfelgarten lässt an laue Sommerabende und nackte Kinderfüße denken, an Winternachmittage mit Kako und Büchern. Doch die Atmosphäre ist alles andere als heimelig, denn sein Vater demütigt und misshandelt August. Als dieser wenig später die Familie verlässt, kann August einen Sommer lang aufatmen - bevor seine Mutter ihn durch die Gabe unnötiger Medikamente schleichend vergiftet und damit an ihre "liebevolle" Fürsorge kettet. Lilly Drach leidet am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und sonnt sich in der Bewunderung und Aufmerksamkeit, die sie durch die Pflege ihres "kranken" Kindes erhält. August ist noch zu klein, vertraut ihr blind, bis er als junger Erwachsener seine Dämonen nicht mehr abschütteln kann...

Düster ist das erste Wort, das mir zu diesem Roman in den Sinn kommt. Die gesamte Atmosphäre ist durchzogen von trüben, grauen Schleiern. Ein wenig goldgelbes Licht fällt hier und da zwischen die Seiten; brüchig und scharfkantig sind die kurzen Momente des Glücks, wie die Glasscherben auf dem Cover. Valerie Fritschs zarte, fast poetische Prosa steht in hartem Kontrast zum Inhalt des Romans. Ihr Schreibstil erinnert mich an Künstler*innen in den Fußgängerzonen großer Städte, die mit raschen Bleistiftstrichen das Porträt eines Menschen skizzieren und damit dessen Wesen zu Papier bringen können. Mit wenig Worten und starken Bildern charakterisiert sie Personen und Situationen, verweist auf deren Schwachstellen und Verletzlichkeiten.

Ein Plot, der sich einer seltenen Erkrankung widmet und eine bezaubernde Sprache - das hätte großartig werden können und doch hat mich der Roman nicht erreicht. War ich zu Beginn noch tief beeindruckt, so hat mich die Sprache ab dem ersten Drittel regelrecht erdrückt. Fritsch presst jede noch so banale Alltäglichkeit in einen Schraubstock aus Kunstfertigkeit: "...klobige Apparate, die sich an der Ewigkeit abarbeiteten, bis sie eines Tages schwarz wurden. Die Satellitenschüsseln wuchsen hundertfach aus den bröckelnden Fassaden der Häuserblöcke wie fremdartige Pflanzen, runde graue Blüten, die sich in den Himmel streckten und Signale direkt aus jener anderen Welt, der man irgendwann angehören wollte, empfingen." (S. 102 f.) Auf Dauer anstrengend und bemüht künstlich.

Sobald wir August als jungen Erwachsenen treffen, zerfasert leider auch der Inhalt. Fritsch eröffnet einige völlig unnötige Nebenschauplätze und -figuren, wie eine Leichenhalle, in der August eine Weile arbeitet oder dessen Nachbarn mit ihren Lebensgeschichten. Dabei spart sie nicht mit makabren und teils gewaltvollen Details, die sie jedoch nicht ins eigentliche Geschehen einordnet. Kaum Kontext, keine Aufarbeitung. Hier wären einige Triggerwarnungen sinnvoll.

Ich hatte völlig andere Erwartungen an den Roman. Erhofft habe ich mir eine sensible Auseinandersetzung mit der tabuisierten Erkrankung der Mutter und der gestörten Mutter-Sohn-Beziehung. Stattdessen bekomme ich eine Geschichte, die ich so schon gefühlt tausendfach gelesen und gehört habe: Junger Mann mit schwieriger Kindheit, körperlich und psychisch schwer misshandelt, wird selbst zum Täter. Ähnlich wie dessen Eltern, die ebenfalls eine schwere Kindheit hatten und so weiter. Das ist Psychologie nach dem Baukasten-Prinzip, das eröffnet keine neuen Blickwinkel.

Valerie Fritsch ist ohne Frage eine Sprachkünstlerin, die mit Worten malen kann. Viele ihrer Bilder haben sich mir eingebrannt, weil sie so treffsicher sind. Dennoch war mir der Roman im Gesamten gleichzeitig zu viel und zu wenig. Poetischer Schrecken ohne Mehrwert. Leider keine Empfehlung von mir.

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