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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.04.2021

Eine Reise in die Tiefen der Erinerungen

Die Fremde
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In diesem autofiktionalen Roman erzählt Claudia Durastanti von ihrem Leben, indem sie einzelne Erinnerungen, die sie geprägt haben, an die Oberfläche holt und ihre Gedanken und Gefühle dazu teilt. Es fängt ...

In diesem autofiktionalen Roman erzählt Claudia Durastanti von ihrem Leben, indem sie einzelne Erinnerungen, die sie geprägt haben, an die Oberfläche holt und ihre Gedanken und Gefühle dazu teilt. Es fängt mit der Geschichte ihrer gehörlosen Eltern an, die sich schon sehr früh wie Fremde gefühlt haben und ihren eigenen, außergewöhnlichen Weg gehen. Claudia und ihr Bruder sind dabei auf sich allein gestellt, da ihre Eltern eher mit sich selbst beschäftigt sind. Das, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, hinterlässt Spuren in ihrer Jugend und ihrem Leben als erwachsene Frau. Sie lässt uns an ihrer Entwicklung und ihren Gedanken teilhaben.



Meinung:

Claudia Durastanti hat einen anspruchsvollen Roman geschrieben, der mehrere wichtige und interessante Themen aufgreift, die aktuell sind und höchstwahrscheinlich viele Personen betreffen. Sie schreibt dabei teilweise sehr distanziert, teilweise sehr persönlich, was mir sehr gut gefallen hat.

Die Auswahl der Erinnerungen im Roman sagt viel über sie aus und schafft auf eine geschickte Weise eine Nähe zu ihr. Dabei haben mich ihre Reflexionen über Sprache sehr fasziniert. Sie untersucht die Wörter wie "desire path" oder das italienische Wort "sentire" auf ihr Bedeutungsspektrum, während sie einsieht, dass diese Sprache mit ihrer Ironie und ihren Metaphern für die Gehörlosen und somit auch ihren Eltern nicht zugänglich ist. Ich habe viele interessante Fakten über die Gehörlosigkeit und die Sprache an sich gelernt, was mir besonders gut an diesem Buch gefallen hat.

"Wenn wir zusammen sind, betreten wir diese unbekannte Sphäre, den Schwarzmarkt der Sprache: Ich mute ihnen Allegorien zu, sie wehren mich ab, indem sie sich auf die Eindeutigkeit der Wörter, ihre unmögliche Allgegenwart berufen." (S.191)


Sie selbst schreibt sehr metaphorisch und in einem hohen Stil. Manchmal sind ihre Aussagen leider zu verworren, sodass man die Stelle mehrfach liest und trotzdem nicht weiß, was sie damit sagen möchte.

Es handelt sich hier nicht um eine chronologische Geschichte, sondern es werden verschiedene Szenen aus ihrer Vergangenheit episodenhaft beleuchtet, anhand derer man Claudias Gefühle des Fremdseins, der Isoliertheit und der Ausgeschlossenheit als Migrantin sehr gut nachvollziehen kann. Sie nimmt uns mit auf ihre Reise, die Erlebnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten. Dabei sind die Ereignisse sehr vielfältig und faszinierend, teilweise auch schockierend.

Die großen Themen Sprache und Fremdsein hat sie meiner Meinung nach sehr schön behandelt. Auch der Bezug zu ihren Eltern und der sich verändernde Umgang mit ihnen ist sehr interessant. Zwischen den sehr treffenden und berührenden Passagen liegen leider auch einige wirre Stellen, die den Lesefluss stark abbremsen und meine Begeisterung abgemildert haben. Sie haben mich in der Hinsicht unbefriedigt lassen, dass sie zu ungenau waren und man nicht wusste, was damit nun gemeint ist.



Fazit:

Dieser Roman ist einzigartig und auf seine Art faszinierend. Die Art, wie sich ihre Erinnerungen mosaikartig zu ihrer jetzigen Person zusammenfügen, ist besonders. Die wirren und ungenauen Stellen bremsen jedoch den Lesefluss ein wenig ab, aber viele Gefühle bringt sie auf den Punkt und besonders schön analysiert sie die Facetten der Sprache.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

Seinen eigenen Weg finden

Aus der Mitte des Sees
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Nachdem sein engster Klosterbruder Andreas das Kloster verlässt und eine Familie gründet, kommen beim Mönch Lukas viele Fragen und Zweifel hoch. Ist der Weg, den er eingeschlagen hat, wirklich der richtige? ...

Nachdem sein engster Klosterbruder Andreas das Kloster verlässt und eine Familie gründet, kommen beim Mönch Lukas viele Fragen und Zweifel hoch. Ist der Weg, den er eingeschlagen hat, wirklich der richtige? Soll er im Kloster bleiben oder ist das Leben, was nun Andreas führt, das, was eigentlich für ihn bestimmt ist. Als er dann die Leitung des Klosters übernehmen soll und gleichzeitig Sarah in seinem Leben auftaucht, wird er vor die Wahl gestellt. Klosterleben oder weltliches Leben?

Meinung:

Das Buch hat sehr stark begonnen. Zum größten Teil ist es ein innerer Monolog von Lukas, der während des täglichen Schwimmens im See nahe des Klosters über sein Leben und seine Entscheidungen nachdenkt. Dabei hatte ich das Gefühl, seinen Gedanken ganz nahe zu sein. Der Roman beginnt sehr atmosphärisch und authentisch, sehr ruhig und entspannend. Man konnte beim Lesen entschleunigen. Beim Weiterlesen hat mir diese Tiefgründigkeit vom Anfang etwas gefehlt und es war stellenweise sehr langatmig. Die Gespräche mit Sarah haben mir gefallen, aber sie waren auch nicht so tiefgründig, wie ich es mir erhofft habe.

Das Ende war abgerundet und die Entscheidung von Lukas stand fest. Er ist sich sicher, welcher Weg der richtige für ihn ist. Dies hat er nach nur 14 Tagen entschieden, was ein wenig schnell sein mag. Das hat mich aber nicht gestört. Ich fand es nur ein wenig enttäuschend, dass ich nicht verstanden habe, wie er zu diesem Entschluss gekommen ist. Dass das Schwimmen eine Konstante in seinem Leben ist und beim Nachdenken hilft, fand ich sehr schön, zumal das Schwimmen auch laut Autor ein Bild für Gott ist. Seine Einstellung zu Gott ändert sich und diese Entwicklung wird gut dargestellt.

Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Die Naturbeschreibungen sind sehr detailliert und in einer schönen Prosa. Seine Gedanken werden authentisch dargestellt und es ist stellenweise sehr atmosphärisch. An einigen Stellen sind seine Gedanken wegen vieler Sprünge aber verwirrend.



Fazit:

Es ist eine interessante und neue Geschichte, die ruhig ist und interessante Aspekte hat, die einen zum Nachdenken anregen. Stellenweise fand ich das Buch aber doch zu langatmig und es war nicht ganz klar, wie und warum er die Entscheidung am Ende getroffen hat.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

Die Sippe hält zusammen!

Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz
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Zelda ist 21 Jahre alt und hat die Fetale Alkoholspektrumsstörung (FASD). Trotz ihrer kognitiven Einschränkung will sie ein selbstbestimmtes Leben führen und nach ihren eigenen Regeln leben. Sie bewundert ...

Zelda ist 21 Jahre alt und hat die Fetale Alkoholspektrumsstörung (FASD). Trotz ihrer kognitiven Einschränkung will sie ein selbstbestimmtes Leben führen und nach ihren eigenen Regeln leben. Sie bewundert die Wikinger und beschäftigt sich sehr intensiv mit Wikingersagen und -helden. Ihr Bruder Gert war bisher immer für sie da und ist Zeldas einziges Familienmitglied und zusammen bilden sie eine "Sippe". Als Gert in Schwierigkeiten gerät, beschließt Zelda, jetzt die Rolle der Heldin zu anzunehmen und ihrem Bruder zu helfen.

Meinung:

Die Protagonistin Zelda ist mir ans Herz gewachsen. Sie ist besonders und mutig und stellt sich all den Herausforderungen im Leben. Man darf an ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben teilhaben. Es war eine Freude, ihre Entwicklung mitzuverfolgen. Ihre Sprache und somit auch der Schreibstil dieses Romans passen sehr gut zu Zelda und verleihen dem Roman einen einzigartigen und persönlichen Charakter. Der Roman liest sich sehr schnell und man hat das Gefühl, Teil dieser besonderen Sippe zu sein.

Die Beziehung zwischen Zelda und ihrem Bruder ging mir sehr nahe. Sie halten zusammen und kümmern sich umeinander. Neben ihnen spielen im Roman auch weitere Figuren eine wichtige Rolle, Freunde und Bekannte, die ebenfalls zu Zeldas Sippe gehören. Alle Figuren werden sehr detailliert gezeichnet und bleiben mir sicherlich auch lange nach der Lektüre noch im Gedächtnis. Es geht oft um Wikinger, weshalb ich vor der Lektüre ein wenig unsicher war, ob mir das Buch gefallen würde. Aber letztendlich kann ich sagen, dass es mich überhaupt nicht gestört hat und die Geschichte zu etwas Besonderem gemacht hat.

Die Handlung nimmt zum Ende hin deutlich an Fahrt auf. Ich musste beim Lesen lachen und mitfiebern und war auch an einigen Stellen betrübt. Liebe, Gewalt und Komik treffen hier aufeinander. Der Roman hat einige Längen, aber dennoch ist es eine besondere Geschichte mit einer besonderen Protagonistin, die uns beweist, dass jeder ein selbstbestimmtes Leben führen und der Held seiner eigenen Legende sein kann. Das Ende ist nicht glatt oder beschönigt, was mir ebenfalls gut gefällt.

Fazit:

So ein Buch habe ich noch nie gelesen. Die Geschichte ist besonders und handelt von tollen Figuren, die ihre Ecken und Kanten haben, aber dennoch liebenswert sind. Außerdem lernt man von Zelda sehr viel für das eigene Leben.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

In der Gegenwart ankommen

Vom Aufstehen
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Helga Schubert erzählt in ihrem Roman über sehr persönliche Erinnerungen aus ihrem Leben, die eine große Bedeutung für sie haben. Episodenhaft werden emotionale Geschichten ruhig und unaufgeregt erzählt, ...

Helga Schubert erzählt in ihrem Roman über sehr persönliche Erinnerungen aus ihrem Leben, die eine große Bedeutung für sie haben. Episodenhaft werden emotionale Geschichten ruhig und unaufgeregt erzählt, sei es über die Beziehung zur Mutter oder zu Erlebnissen und Erfahrungen in der DDR. Darüber hinaus teilt sie ihre Gedanken über das Altsein, die Ängste, das Gefühl der Freiheit, die Jahreszeiten und vieles mehr.

"Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung." (S.25)


Der Schreibstil hebt die einzelnen Geschichten geschickt hervor. Ich hatte das Gefühl, als würde ich Helga Schubert persönlich beim Erzählen zuhören, weil die Sprache die Ich-Erzählerin ein Stück weit geformt hat. Die einzelnen Gedanken und Erinnerungen haben mich auf unterschiedliche Weise berührt. Ich habe Trauer, Wut und Freude empfunden. Jede Geschichte regt zum Nachdenken an und endet mit einer eindrücklichen Pointe! Die Erinnerungen sind manchmal kurz, manchmal lang, was dem Roman eine angenehme Dynamik verleiht. Ihre Eindrücke zu Düften, Jahreszeiten, dem Leben, dem Altsein, den Träumen und Ängsten, hat sie sehr detailliert beschrieben. Dabei wird deutlich, wie stark Erinnerungen eigentlich sein können und dass sie uns das ganze Leben begleiten. Erinnerungen können auch Sehnsuchtsorte und Rettungsanker sein, bei Helga waren es die Sommerferien, die sie als Kind bei ihrer Großmutter verbracht hat:

"Am gedeckten Kaffeetisch. Bis zum Ende des Sommers. So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute." (S.10)


Dass die Geschichten so persönlich sind, hat mich zutiefst beeindruckt. Vor allem der distanzierte und kalte Umgang der Mutter mit ihrer Tochter Helga hat mich bekümmert und entsetzt. Umso bewundernswerter ist es, dass Helga in ihrem jetzigen Alter mit ihrer Vergangenheit, der Gegenwart und den Zukunftsträumen, genauer gesagt mit ihrem gesamten Leben, Frieden geschlossen hat. Diese friedliche und ruhige Stimmung habe ich beim Lesen durchgängig gespürt.

"Ich komme beim Älterwerden ganz langsam in der Gegenwart an." (S.169)


"Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde [...]." (S.170)




Fazit:

Dieser Roman ist sanft, intensiv, emotional und persönlich. Helga Schubert hat viel in ihrem Leben erlebt und schildert ihre Erinnerungen auf eine faszinierende Weise. Die einzelnen Geschichten regen zum Nachdenken an und werden auch nach der Lektüre eine ganze Weile nachhallen.

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