Profilbild von Buchbesprechung

Buchbesprechung

Lesejury Star
offline

Buchbesprechung ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Buchbesprechung über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.09.2019

Für alle Ortheil-Fans und Freunde klassischer Musik

Wie ich Klavierspielen lernte
0

REZENSION – Es ist gewiss kein Buch nur für Klavier- und Musikenthusiasten, wie der Insel-Verlag beteuert. Und doch ist „Wie ich Klavierspielen lernte“, das neue autobiographische Werk von Hanns-Josef ...

REZENSION – Es ist gewiss kein Buch nur für Klavier- und Musikenthusiasten, wie der Insel-Verlag beteuert. Und doch ist „Wie ich Klavierspielen lernte“, das neue autobiographische Werk von Hanns-Josef Ortheil (68), auch kein Buch für jedermann. Man sollte möglichst seine Autobiographie „Die Erfindung des Lebens“ (2009) zuvor gelesen haben, um einen verständnisvolleren Einstieg ins neue Buch zu finden. Denn das familiäre Schicksal des vierjährigen Ortheil, der tagsüber in enger Abgeschiedenheit mit seiner nach dem Tod ihrer vier Söhne völlig verstummten Mutter lebt und dadurch selbst sprachlos wurde, ist das entscheidende Motiv, das Klavierspiel zu erlernen.
Der kleine Ortheil lernt das Klavierspiel nicht wie andere Kinder aus gutbürgerlichem Elternhaus als erzieherische Maßnahme. Eines Tages erbt die Familie ein altes Klavier. „Das Klavier ist bei uns angekommen, aber wir lassen es warten. Vielleicht hat auch Mutter Angst davor, dass es zu reden anfängt. Außer meinem Vater spricht niemand in der Wohnung. Stattdessen herrschte eine schwere, oft lastende Stille.“ Nur durch Zufall entdeckt der Vierjährige die unerwartete Möglichkeit, wenn schon nicht mittels des Sprechens, nun durch die Musik mit der Mutter, die in Jugendjahren selbst Pianistin gewesen war und ihrem Sohn bald Klavierunterricht gibt, kommunizieren zu können. „Wir sprachen nicht mit Worten miteinander, sondern mit Musik.“
Im Folgenden schildert Ortheil seine Stationen auf dem über 15 Jahre dauernden Weg zur Verwirklichung seines frühen Traums, Konzertpianist zu werden. Wir erfahren von Attitüden seiner Lehrer und von Eigenarten bekannter Pianisten. Wir erfahren einiges über klassische Musik sowie über unterschiedliche Techniken und Interpretationsmöglichkeiten. Nach mehrjährigem Einzelunterricht, dem kurzen Besuch eines Musikinternats sowie der gezielteren Ausbildung an einer Musikhochschule mit ersten Konzertauftritten bewirbt sich der inzwischen 20-jährige Abiturient erfolgreich um ein Stipendium am Konservatorium in Rom. Doch ausgerechnet in Rom platzt Ortheils Traum von einer vielversprechenden Pianisten-Karriere.
Natürlich verliert sich der Schriftsteller als einst ausgebildeter Konzertpianist in seinem Buch hin und wieder in fachlichen Einzelheiten, die den musikalisch ungebildeten Leser abschrecken mögen. Dann aber packt uns der grandiose Erzähler wieder mit der Schilderung des engen Verhältnisses zu seinen Eltern. Mutter und Sohn gewinnen durch das gemeinsame Klavierspiel schnell ihre ihre Sprache zurück. Die Mutter beginnt sogar wieder zu musizieren und auch Ortheils Vater entdeckt auf ganz eigene Art seine Liebe zum Klavierspiel.
Leider fehlen den einzelnen Kapiteln des Ortheilschen Werdegangs die entsprechenden Altersangaben des Musikschülers, so dass man nie genau weiß, wie alt der Erzähler gerade ist. Andererseits geht es dem Schriftsteller Ortheil wohl auch weniger um den Musiker Ortheil, sondern um dessen musikalisches Umfeld – die klassische Musik, das damals zeitgenössische Musikverständnis und den Musikunterricht in jenen Jahren.
Für Hanns-Josef Ortheil ist damals in Rom eine Welt zusammengebrochen. Noch heute denkt der Schriftsteller voller Wehmut an jene Jugendjahre, wie aus den in seine Erzählung eingestreuten Zwischentexten des inzwischen 68-Jährigen herauszulesen ist. Doch die Fans seiner Bücher wird es freuen, dass er sich einen anderen Beruf suchen musste und heute ein erfolgreicher Schriftsteller ist. Mindestens für sie und alle Freunde klassischer Musik ist „Wie ich Klavier spielen lernte“ eine empfehlenswerte Lektüre. Für andere Leser kann es ein lohnenswertes Wagnis sein.

Veröffentlicht am 04.09.2019

Enttäuschend - wie ein besserer Groschenroman

Das Verschwinden der Stephanie Mailer
0

REZENSION – Mit Spannung durfte man das neue Buch des Schweizer Schriftstellers Joël Dicker (34) erwarten. Immerhin war „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ (2012) ein mit dem Prix Goncourt prämierter ...

REZENSION – Mit Spannung durfte man das neue Buch des Schweizer Schriftstellers Joël Dicker (34) erwarten. Immerhin war „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ (2012) ein mit dem Prix Goncourt prämierter Weltbestseller. Auch „Die Geschichte der Baltimores“ (2016) wurde millionenfach verkauft. Doch Dickers neuester Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist eine Enttäuschung.
Dabei beginnt die Geschichte um den Polizisten Jesse Rosenberg, der gerade mit Lobeshymnen aus dem Polizeidienst verabschiedet wurde, und seinen Kollegen Derek Scott recht vielversprechend: Während der Feier zu seiner Verabschiedung aus dem Polizeidienst wird Rosenberg von der Journalistin Stephanie Mailer auf seinen erste, 20 Jahre zurückliegenden Fall angesprochen, mit dessen Lösung einst die steile Karriere Rosenbergs ihren Anfang nahm. Damals sei, so behauptet Mailer nun, der falsche Mann als Täter verdächtigt und bei der Verhaftung erschossen worden. Im Sommer 1994 hatte ein Massenmord das kleine Städtchen Orphea nur wenige Tage vor der Premiere eines Theaterfestivals erschüttert. Die Familie des Bürgermeisters war im eigenen Haus erschossen worden, außerdem vor dem Haus eine Joggerin, die zufällig auf den Täter traf, als dieser des Bürgermeisters Haus verließ. Die beiden jungen Polizisten Rosenberg und Scott ermitteln und lösen den Fall. Hat sich Rosenberg damals geirrt? Als er, bei seiner Ehre gepackt, den alten Fall nun wieder aufnimmt und erneut mit Mailer Kontakt aufnehmen will, ist die Journalistin spurlos verschwunden. Tage später findet man ihr Auto, danach auch ihre Leiche.
Nun kann die Geschichte endlich losgehen, denkt der Leser und erwartet eine spannende Kriminalhandlung. Doch Dickers Roman enttäuscht gleich auf doppelte Weise: Einerseits schleppt sich die Handlung endlos dahin, ohne dass große Spannung aufkommt. Viele Randfiguren werden zudem in die Handlung aufgenommen, ohne dass deren Notwendigkeit ersichtlich ist. Damit verbunden gibt es parallele Handlungsstränge, die der Charakterisierung dieser Figuren dienen mögen, aber nichts zum Kern der Geschichte beitragen.
Andererseits fehlt nicht nur den handelnden Figuren die charakterliche Schärfe – sie sind mal fade, mal übertrieben, mal klischeehaft gezeichnet –, sondern auch sprachlich ist der Roman flach. Allzu simple Dialoge wirken stellenweise sogar lächerlich, weshalb man hin und wieder zum Abbruch der Lektüre neigt. Störend ist zudem der ständige Wechsel der Erzähler, was zusätzlich zum Wechsel zwischen den zwei Zeitebenen nicht für Spannung, sondern eher für Verwirrung sorgt.
Mehrmals habe ich meinen Entschluss, die Lektüre nun doch endlich abzubrechen, um ein paar Seiten verschoben – immer in der Hoffnung, der Roman könne sich in Dramatik und Spannung doch wohl noch steigern. Aber die Handlung zieht sich langatmig und spannungslos dahin, was man – leider erst im Rückblick – eigentlich schon vorher an seiner Überlänge von 670 Seiten hätte erkennen können. Joël Dickers neuester Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ eignet sich vielleicht als anspruchslose Feierabend-Lektüre, unterscheidet sich aber stilistisch nicht allzu sehr von einem besseren Groschenroman.

Veröffentlicht am 02.09.2019

Enttäuschend - übertrieben und unlogisch

Opfer
0

REZENSION - Spannend, auch brutal und schockierend, insgesamt aber doch enttäuschend und letztlich unlogisch war für mich der Thriller „Opfer“, das bereits in ein Dutzend Sprachen übersetzte Romandebüt ...

REZENSION - Spannend, auch brutal und schockierend, insgesamt aber doch enttäuschend und letztlich unlogisch war für mich der Thriller „Opfer“, das bereits in ein Dutzend Sprachen übersetzte Romandebüt des schwedischen Journalisten Bo Svernström (55), im Juli als Taschenbuch im Rowohlt-Verlag erschienen. „Man glaubt zu wissen, was als Nächstes passiert – doch dann zieht Svernström einem den Boden unter den Füßen weg“, wird sein einstiger Arbeitgeber, die schwedische Tageszeitung „Aftonbladet“, auf dem Rücktitel zitiert. Auch andere schwedische Zeitungen rühmen diesen Thriller, der mich leider gar nicht überzeugen konnte.
Thema des Romans, der sich in drei Teile gliedert, ist das in psychologischen Gutachten vor Gericht oft behandelte Problem, ob manche Täter nicht vielleicht selbst auch Opfer ihres familiären Umfeldes oder der Gesellschaft sein können. Dieser Frage geht der Autor im Zuge der Ermittlungen einer unheimlich brutalen Mordserie in Stockholm nach. Das erste Mordopfer, völlig nackt und brutal gefoltert, entdeckt ein Bauer in seiner Scheune. Weitere Morde, ebenso brutal und misshandelnd ausgeführt, folgen fast im Tagestakt und immer sind Kriminelle die Opfer. Kommissar Carl Edson von der Reichsmordkommission sucht mit seinem Team fieberhaft nach einem Muster, um an einem Punkt mit seiner Ermittlung ansetzen zu können. „Aftonbladet“-Reporterin Alexandra Bengtsson ist ihm dabei ständig auf den Fersen.
Der erste Teil des Buches, in dem wir Kommissar Carl Edson und sein Team bei ihren vergeblichen Ermittlungsbemühungen begleiten, liest sich noch einigermaßen spannend. Doch vielen Lesern dürfte es wie dem Kommissar ergehen: Kaum hat man den Spannungsfaden aufgenommen, kaum glaubt der Kommissar einen Ermittlungsansatz gefunden zu haben, folgt schon der nächste Mord, der wieder alles durcheinander bringt, wodurch die Spannung gebrochen wird und man ähnlich dem Kommissar wieder von vorn beginnen muss. Kennt man skandinavische Thriller, ist man als Leser Düsterheit und eine gewisse Brutalität in den Romanen gewöhnt. Doch Svernström übertreibt in seinem Debüt mit der Vielzahl der Morde in ungewöhnlich schneller Folge und vor allem in der detaillierten Beschreibung der beim Mord ausgeführten Misshandlungen.
Im zweiten Teil des Romans lernen wir bereits den Täter kennen, über dessen Identität hier natürlich nichts verraten werden darf. Wir erfahren durch ausführliche Rückblicke in dessen Kindheit und Eheleben die vielfachen Ursachen, die das daraus geformte Opfer letztendlich zum Täter haben werden lassen. Wenn auch die allzu bekannte Problematik durchaus diskutabel ist, breitet mir Svernström diesen Teil des Buches allzu sehr in Einzelheiten aus, was zu Lasten der Spannung geht und bei mir stellenweise zu Langeweile, zum Querlesen und zum Weiterblättern geführt hat. Auch dieser Teil endet mit übertriebener Brutalität, die in der Ausführlichkeit ihrer Schilderung zusätzlich abschreckt.
Der dritte Teil, in dem man als Leser trotz Kenntnis des Täters nun doch voller Spannung die Auflösung der Mordserie durch Kommissar Edson erwartet, überrascht schließlich durch mehrfache Wechsel der Möglichkeiten.
Das Thema des Thrillers ist zweifellos interessant, doch scheint mir der Roman letztlich allzu sehr am Reißbrett konstruiert und von der Realität entfernt zu sein. Die Handlung ist mir insgesamt zu übersteigert und erscheint allein dadurch schon als unglaubwürdig. Doch diese Unglaubwürdigkeit wird noch durch das mehrfach überraschende Ende verstärkt. Svernström führt zwar alle gesponnenen Handlungsfäden zu einem in sich logischen Ende. Doch die theoretisch möglichen Wendungen der Romanhandlung, sind in der Realität unmöglich, was den Roman insgesamt unglaubwürdig macht. Wer gern harte, sogar brutale Thriller zur reinen Unterhaltung liest, ohne den Handlungsablauf genauer zu hinterfragen, mag auch bei Svernströms „Opfer“ auf seine Kosten kommen. Doch wer kritischer liest, dem bleibt leider nicht allzu viel, was diesen „Nr.1-Bestseller aus Schweden“ - vor allem im direkten Vergleich mit anderen skandinavischen Autoren - lesenswert und empfehlenswert machen könnte.

Veröffentlicht am 27.08.2019

Psychologisch tiefgreifender, nachhaltiger Roman

Sakari lernt, durch Wände zu gehen
0

REZENSION – Eine wahre Begebenheit hat sich der deutsche Schriftsteller Jan Costin Wagner (46) als Ausgangspunkt für seinen bereits 2017 veröffentlichten, kürzlich als Taschenbuch im Goldmann-Verlag erschienenen ...

REZENSION – Eine wahre Begebenheit hat sich der deutsche Schriftsteller Jan Costin Wagner (46) als Ausgangspunkt für seinen bereits 2017 veröffentlichten, kürzlich als Taschenbuch im Goldmann-Verlag erschienenen Roman „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ genommen, den sechsten Band seiner in 14 Sprachen übersetzten Kriminalreihe um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa. Im Sommer 2013 stieg ein verwirrter Mann am Berliner Alexanderplatz nackt ins Wasser des Neptunbrunnens und drohte, sich selbst mit einem Messer zu verletzen. Beim folgenden Polizeieinsatz wurde er von einem Beamten irrtümlich erschossen. In Wagners Roman geschieht dies im Marktplatzbrunnen der finnischen Stadt Turku. Bei ihm ist es der 19-jährige Sakari, der auf der Suche nach seinem Engel Emma, seiner „Fee des frühen Morgens“, durch die durchlässige Wasserwand steigt und vom Polizisten Petri Grönholm in einer Reflexhandlung erschossen wird. Petri versucht in seiner Verzweiflung, mehr über diesen jungen Menschen zu erfahren, und sucht Hilfe bei seinem Kollegen Kimmo.
Kommissar Kimmo Joentaa, der nach dem frühen Tod der Ehefrau allein für seine kleine lebensfrohe Tochter Sanna sorgen muss, sucht die Eltern des Toten auf und stößt auf Spuren einer drei Jahre zurückliegenden Familientragödie, die nicht nur den jungen Sakari in den Wahnsinn getrieben hat, sondern gleich zwei benachbarte Familien hat verzweifeln lassen. Während sowohl der damalige Motorradunfall – der 16-jährige Sakari hatte seine ein Jahr jüngere Freundin Emma aus dem Nachbarhaus unerlaubt auf eine Spritztour mitgenommen, bei der diese zu Tode kam – als auch der aktuelle Todesfall am Brunnen in einer Zeitungsmeldung nur wenige Zeilen in nüchternem Wortlaut ausmachen würden, lässt Wagner in seinem Roman den Kommissar tief in die Träume und Albträume seiner Protagonisten eintauchen und zeigt voller Dramatik, Melancholie und Mitgefühl, wie die Hinterbliebenen beider Familien noch Jahre nach dem Motorradunfall mit der aller Leben verändernden Tragödie umgehen, sie aus dem Bewusstsein verdrängen, um weiterleben zu können, oder haltlos am Schicksal zerbrechen.
Jan Costin Wagners sechster Kimmo-Joentaa-Roman ist wieder kein typischer Kriminalroman. Nicht die Ermittlungsarbeit nach einem Todesfall steht im Vordergrund, sondern die alleingelassenen Menschen, ihre Stimmungen, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnung. Wagner schreibt voller Poesie und malerisch in Farben. Blau ist die Farbe der Sehnsucht, des Himmels und der Engel, Gelb steht für Sonne und Leben. Während Sakari als Unfallverursacher auf der Suche nach Emma, seinem Engel, in den Wahnsinn abgleitet und, als Patient ins betreute Wohnen abgeschoben, in seinem Appartement großflächige Landschaftsbilder mit blauem Himmel und gelben Feldern malt und „durch Wände zu gehen“ lernt, wollten seine Eltern Auna und Magnus vergessen und haben mit dem nachgeborenen Sohn Valtteri ein neues Leben begonnen. Leena, die Mutter des damaligen Unfallopfers Emma, kann dagegen nicht loslassen, „tanzt mit dem Tod“, indem sie nachts die Gedenkseite im Internet pflegt. Ihr Ehemann Stefan hat die Familie verlassen und fliegt als Pilot in ein anderes Leben, während der erst elfjährige Sohn David als „Mann im Haus“ für die Mutter und seinen kleinen Bruder Erik sorgen muss. Niemand spürt, dass er auf Dauer damit völlig überfordert ist, unmerklich daran zerbricht und schließlich „die Sonne auslöscht“. Wagners Roman „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ ist kein Krimi, sondern ein psychologisch tiefgreifender, ein ergreifender Roman, der auch nach der letzten Seite noch lange Zeit nachwirkt.

Veröffentlicht am 26.08.2019

Ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte, lebendig geschrieben

Der Horizont der Freiheit
0

REZENSION – Auf den ersten Blick – und das Cover des Buches mit der eleganten Dame vor der Patriziervilla trägt leider seinen Teil dazu bei – mag das neue Buch von Ines Thorn (55) wie ein nicht allzu anspruchsvoller ...

REZENSION – Auf den ersten Blick – und das Cover des Buches mit der eleganten Dame vor der Patriziervilla trägt leider seinen Teil dazu bei – mag das neue Buch von Ines Thorn (55) wie ein nicht allzu anspruchsvoller Liebesroman wirken. Doch nach den ersten Seiten spürt man: Das Buch bietet einiges mehr. „Der Horizont der Freiheit“ ist ein historischer Roman über die Vortage der Märzrevolution von 1848, der uns Leser an der republikanisch-demokratischen Aufbruchstimmung jener Jahre in Deutschland teilhaben lässt. Arbeiter und Bürger lehnen sich gegen die Vorherrschaft von Adel und Monarchie auf, Frauen kämpfen für ihre Emanzipation in der Männerwelt und die seit jeher am Rand der christlichen Gesellschaft stehenden Juden hoffen auf gesellschaftliche Gleichstellung.
Dies alles ist Inhalt des in Frankfurt am Main spielenden Romans, der kürzlich zum 175-jährigen Jubiläum des 1844 gegründeten Verlags Rütten & Loening erschien, heute nur noch ein Imprint des Aufbau-Verlags. Wir erleben die beiden jüdischen Verlagsgründer, den Kaufmann Joseph Rütten (1805-1878), der zwar 1842 seinen Geburtsnamen Jacob Beer Rindskopf abgelegt hat, aber nicht zum Christentum konvertiert ist, und den Verleger Zacharias Loewenthal (1810-1884), der sich erst 1847 nach seinem Wechsel zum Protestantismus in Carl Friedrich Loening umbenennen wird.
Es sind die verschiedenen historischen Facetten, die Thorns Roman jenseits der Liebesgeschichte zwischen dem schüchternen Rütten und Wilhelmine Pfaff, der jungen Witwe eines benachbarten Druckereibesitzers, so interessant macht. Denn der Autorin gelingt es, Fakten und Fiktion symbiotisch miteinander zu verbinden und dadurch dieses wichtige Kapitel deutscher Geschichte, wenn auch räumlich auf Frankfurt begrenzt, trotz aller Sachlichkeit lebendig zu vermitteln.
So begleiten wir die Abgeordneten, zu denen 1848 auch Rütten und Loewenthal gehören, zur Nationalversammlung in die Frankfurter Paulskirche, wo sich bürgerliche Konservative erfolglos mit Republikanern zu einigen versuchen. Wir sind aber auch unter den demonstrierenden Arbeitern draußen vor der Frankfurter Paulskirche, in deren erster Reihe Wilhelmines beste Freundin, die rebellische Henriette Zobel (1813-1865) steht. Zobel ging tatsächlich als Regenschirm schwingende „Emanze“ und mutmaßliche Attentäterin in die Frankfurter Stadtgeschichte ein. Im Gegensatz zu ihr emanzipiert sich Wilhelmine Pfaff auf andere Art, in dem sie sich von der rechtlosen Ehefrau in eine erfolgreiche Unternehmerin wandelt – nicht zuletzt dank der Aufträge aus der „Literarischen Anstalt“ der beiden Verleger Rütten und Loewenthal. Beide machten sich, wie wir im Roman ebenfalls erfahren, einen Namen durch die Verbreitung revolutionärer Texte von Karl Marx, Ludwig Börne oder Karl Gutzkow. Den wirtschaftlich größten Erfolg ihrer Anfangsjahre verdankten sie aber dem heute legendären Kinderbuch „Struwwelpeter“ des Frankfurter Mediziners Heinrich Hoffmann.
„Der Horizont der Freiheit“ ist also weit mehr als ein nüchternes Auftragswerk zur Erinnerung an die vor 175 Jahren erfolgte Gründung des Verlags Rütten & Loening. Ines Thorn hat einen sorgsam recherchierten und historisch interessanten Roman geschrieben, der uns zu denken geben sollte: Vor 175 Jahren kämpften viele Deutsche unter Einsatz von Leib und Leben für Freiheit und Demokratie – für hohe Werte, die in unserer heutigen Gesellschaft vielfach missachtet und nicht mehr genügend wertgeschätzt werden.