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Veröffentlicht am 20.09.2025

Auch heute wieder relevant

Die Musketiere vom Wedding
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Vor ziemlich genau einem Jahr hat mir Orlando Stein sein Manuskript geschickt, mit der Frage, ob ich mal drüberschauen will. Ich erinnere mich noch genau an meine erste Reaktion: 1933? Berlin? Nazis? Joa, ...

Vor ziemlich genau einem Jahr hat mir Orlando Stein sein Manuskript geschickt, mit der Frage, ob ich mal drüberschauen will. Ich erinnere mich noch genau an meine erste Reaktion: 1933? Berlin? Nazis? Joa, okay, dachte ich, klingt wichtig, aber nicht gerade nach etwas, das ich regelmäßig lese. Ein Jahr später halte ich nun das fertige Buch in der Hand, mit einer Danksagung, in der mein Name auftaucht. Das hatte ich als Blogger auch noch nicht so oft. Die Wahrheit ist, das Buch Die Musketiere vom Wedding hat mir ein Setting nähergebracht, das ich vorher viel zu lange ignoriert habe.

Worum geht’s? Um vier Jungs aus dem Berliner Arbeiterbezirk Wedding, die seit ihrer Kindheit unzertrennlich sind. Willi, Emil, Joseph und Hans, beste Freunde, quasi Brüder. Sie teilen alles: Träume, Ängste, Kippen, das letzte Stück Brot. Die vier sind ein eingeschworenes Team. Doch 1933 ist nichts mehr wie früher. Die Nazis übernehmen die Macht, die Straßen werden gefährlicher, die Stimmung kippt. Und auch bei den Vieren fängt es an zu bröckeln.

Stein erzählt sicherlich keine einfache Geschichte. Es geht um Liebe, Verrat, um politische Überzeugungen und um Freundschaft, die hart an ihre Grenzen kommt. Es geht aber auch um Momente voller Wärme, Zusammenhalt und Nähe in einer der dunkelsten Zeiten der Welt.

Was mich auch beeindruckt hat: Wie viel Relevanz dieses Buch auch heute noch hat. Klar, es spielt 1933, aber man könnte es genauso gut in 2025 verorten. Die Themen sind dieselben. Rechte Hetze. Politische Radikalisierung. Menschen, die sich trauen, anders zu sein und dafür verfolgt werden. Es ist fast schon unheimlich, wie aktuell das alles wirkt.

Ich kann’s wirklich nur jedem ans Herz legen. Egal, ob queer oder nicht. Egal, ob du historisch interessiert bist oder nicht. Dieses Buch hat Herz. Es hat Haltung. Und es hat Tiefe. Es ist mutig, es ist warm, es ist schmerzhaft und schön zugleich. Für mich eins der stärksten Bücher, die ich als Blogger gelesen habe.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Toller Cozy-Crime

Wer das Ende verrät
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Ein Krimi für Leseratten, Küstenfans und alle, die sich im Herbst gern mit einer Tasse Tee auf dem Sofa verkriechen, so würde ich Wer das Ende verrät von Tobias Sommer wahrscheinlich anteasern. Dieses ...

Ein Krimi für Leseratten, Küstenfans und alle, die sich im Herbst gern mit einer Tasse Tee auf dem Sofa verkriechen, so würde ich Wer das Ende verrät von Tobias Sommer wahrscheinlich anteasern. Dieses Buch sticht charmant aus dem Cozy-Crime-Genre hervor: Ein leicht verschrobener Buchhändler mit Spürsinn, ein überforderter Dorfpolizist, ein merkwürdiger Einbruch und eine Kleinstadt, in der nicht alles ist, wie es scheint.

Moritz Wendtal ist nicht einfach nur Buchhändler, er ist eine Art Seelenklempner mit einem feinen Gespür für Menschen. Seine Buchhandlung, früher eine Apotheke, ist ein Zufluchtsort. Und als in Cruxdorf beim Bürgermeister eingebrochen wird, ohne Diebstahl, aber mit einer verstörenden Szene inklusive Tomatensaftdose und Gedichten, ist es Wendtal, der beginnt, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Die Atmosphäre im Buch ist Top!. Man riecht förmlich die Nordseeluft und hört die knarrenden Dielen in der Buchhandlung. Cruxdorf wirkt wie ein Prototyp der norddeutschen Kleinstadt, inklusive skurriler Figuren: etwa der betagten Buchladen-Aushilfe oder dem überforderten Polizisten, dessen größte Stärke wohl seine Ahnungslosigkeit ist.

Die Figuren sind das Herzstück des Romans, eigen, aber durch und durch sympathisch. Der Fall entwickelt sich langsam, aber das passt zum Genre. Spannung entsteht durch Atmosphäre und Neugier, nicht durch Action. Das Finale überrascht mit einer gelungenen Wendung und bringt alles stimmig zusammen.

Tobias Sommer liefert mit Wer das Ende verrät einen klug erzählten, charmanten und leicht zugänglichen Cozy-Crime, der vor allem durch seine Figuren und das atmosphärische Setting überzeugt.

Wer Lust auf einen ruhigen, aber nicht langweiligen Krimi mit norddeutschem Flair, literarischen Zwischentönen und einem Hauch Skurrilität hat, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Tolle Dystopie

2081
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Wenn man so viele Dystopien, in so kurzer Zeit liest, stumpft man ein bisschen ab. Die Zutaten ähneln sich: kaputte Welt, unterdrückendes System, rebellische Figuren. Konnte mich 2081 von A. L. Schüttler ...

Wenn man so viele Dystopien, in so kurzer Zeit liest, stumpft man ein bisschen ab. Die Zutaten ähneln sich: kaputte Welt, unterdrückendes System, rebellische Figuren. Konnte mich 2081 von A. L. Schüttler trotzdem begeistern? Ja, durchaus.

Die Geschichte spielt in einer Zukunft, in der die Erde durch die Klimakatastrophe unbewohnbar geworden ist. Die Menschheit hat sich in unterirdische Litho-Asylums gerettet: Tunnelsysteme, die Schutz bieten, aber auch gnadenlos den sozialen Status widerspiegeln. Der scheinbar einzige Ausweg: die Flucht zum Mars. Doch auch dort kein Zuckerschlecken, sondern neue (alte) Probleme. Die Gesellschaft ist in Sektoren unterteilt, streng reguliert, scheinbar perfekt, bis Gaia, unsere Hauptfigur, beginnt, hinter die Fassaden zu blicken.

Was wie ein Neuanfang wirkt, entpuppt sich als System mit alten Fehlern in neuem Gewand. A. L. Schüttler verbindet aktuelle Themen wie Klimakrise, soziale Ungleichheit, Kontrolle und Überleben zu einer düsteren, aber klugen Zukunftsvision. Es geht nicht nur ums große Ganze, sondern um das Menschliche im System: Angst, Macht, Anpassung, Hoffnung, oder das, was noch davon übrig ist.

Das Buch nimmt sich Zeit, seine Welt aufzubauen. Es gibt verschiedene Zeitstränge und Perspektiven, die sich langsam zu einem Gesamtbild fügen. Anfangs etwas sperrig, aber je tiefer man eintaucht, desto spannender wird es. Besonders gelungen: die Darstellung der Marsgesellschaft, strukturiert, durchdacht, aber auch nicht alles eitel Sonnenschein.

2081 ist fordernd, nachdenklich und streckenweise bedrückend. Es stellt nicht die großen Antworten in den Raum, sondern die richtigen Fragen. Das Finale ist klug, stimmig und genau richtig. Wie gesagt, nur der Einstieg war etwas zäh, ansonsten aber gut gelungen. Fans von (SciFi) - Dystopien können bedenkenlos zugreifen.

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Veröffentlicht am 16.09.2025

Ganz große Gefühle

HIM
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Ich bin ja normalerweise nicht der größte Romance-Leser. Große Gefühle, Seelenverwandtschaft und Herzschmerz, das findet man hier eher selten. Aber manchmal braucht man eben doch mal was fürs Herz.

Die ...

Ich bin ja normalerweise nicht der größte Romance-Leser. Große Gefühle, Seelenverwandtschaft und Herzschmerz, das findet man hier eher selten. Aber manchmal braucht man eben doch mal was fürs Herz.

Die queere Lovestory rund um Lukas und Nico hat mir richtig gut gefallen. Es geht um zwei Männer, die auf den ersten Blick mitten im Leben stehen: mit Job, Familie, Beziehungen. Lukas lebt in einer toxischen Beziehung mit seinem Ehemann Thomas, der ist dominant, kalt, manipulativ. Die Art von Beziehung, in der man sich selbst Stück für Stück verliert, ohne es gleich zu merken. Auf der anderen Seite ist Nico, Familienvater, verheiratet und innerlich zerrissen. Zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch, endlich ehrlich zu sich selbst zu sein. Sein inneres Ringen mit seiner sexuellen Identität war für mich fast das stärkste Element der Geschichte. Es zeigt, wie viel Mut es braucht, sich selbst zu akzeptieren, wenn alles auf dem Spiel steht.

Das Schöne an diesem Buch ist, dass es keinen geradlinigen Weg gibt. Beide Figuren kämpfen um ihre Beziehungen, ihre Gefühle. Dabei machen sie nicht alles richtig. Die Annäherung zwischen Nico und Lukas ist süß und emotional. Man hofft, dass beide ihr Glück finden können. Doch es wäre keine Romance, wenn nicht noch ein Drama im Hintergrund warten würde, und genau das bekommen wir hier auch.

Einziger kleiner Kritikpunkt: Die Ehefrau von Nico bleibt mir leider etwas blass. Gerade in einer Geschichte, in der so viel auf dem Spiel steht, hätte ich mir gewünscht, auch ihre Perspektive etwas besser zu verstehen. Ihre Gefühle, ihre Unsicherheit, vielleicht auch ihre Wut oder Angst, das hätte dem Buch noch eine zusätzliche emotionale Tiefe gegeben. Aber ich verstehe auch, dass der Fokus hier klar auf Lukas und Nico liegt. Und als Romance funktioniert das Buch auch so sehr gut.

Unterm Strich ist HIM mehr als nur eine Liebesgeschichte. Es ist ein Roman über Selbstfindung, über das Ringen mit den eigenen Gefühlen und über das Überwinden von toxischen Beziehungen. Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Solide

Totenbuch - Bloody Berlin
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Die ägyptische Mythologie hat mich schon immer fasziniert, klar also: Totenbuch – Bloody Berlin muss ich lesen. Ein Thriller / Krimi, der auf der Berliner Museumsinsel spielt, mit einem Mord direkt im ...

Die ägyptische Mythologie hat mich schon immer fasziniert, klar also: Totenbuch – Bloody Berlin muss ich lesen. Ein Thriller / Krimi, der auf der Berliner Museumsinsel spielt, mit einem Mord direkt im Kuppelsaal vor der Nofretete? Klingt erstmal ziemlich vielversprechend. Und ja, das Setting ist auch richtig stark. Auch wenn ich nie dort war, hatte ich sofort Bilder im Kopf. Der Autor versteht es, eine leicht düstere und morbide Atmosphäre aufzubauen.

Allerdings: Wer hier einen knallharten Thriller erwartet, könnte enttäuscht werden. Das Buch wird zwar als Thriller verkauft, liest sich aber eher wie ein klassischer Kriminalroman mit einem Hauch Mystery. Weniger Nervenkitzel, mehr Ermittlungsarbeit. Dafür gibt’s zwei gut erzählte Handlungsstränge, einen in Berlin mit Kommissarin Niedlich und ihrem pensionierten Kollegen Böhm, und einen in London mit DCI Reeves. Zwei Mordfälle, scheinbar unabhängig, aber natürlich hängt alles zusammen. Die Auflösung ist rund, auch wenn es bis dahin ein paar Längen gibt.

Die Figuren haben mir überwiegend gut gefallen, vor allem Magnus Böhm. Kantig, ein bisschen grummelig, mit viel Persönlichkeit. Annetta Niedlich bleibt da etwas blass, was vielleicht daran liegt, dass ich den ersten Band nicht gelesen habe. Die Dynamik zwischen den beiden stimmt aber trotzdem. Weniger überzeugen konnte mich der Gegenspieler, da hätte ich mir einfach mehr Tiefe und Überraschung gewünscht.

Sprachlich ist das Buch eher sachlich gehalten. Kein großes Feuerwerk, aber gut lesbar. Die Einbindung der ägyptischen Mythologie war für mich das Highlight, spannend, gut recherchiert, aber ich hätte mir sogar noch mehr davon gewünscht.

Fazit? Solider Krimi mit starkem Setting, etwas Luft nach oben bei Tempo und Thrill. Eingefleischte Krimifans kommen auf ihre Kosten, wenn man die Erwartungen etwas anpasst.

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