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Veröffentlicht am 28.03.2026

Wenn Absicherung zur Lebensfalle wird

Lebensversicherung
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Die Illusion der Sicherheit untersucht auf ungewöhnliche Weise den menschlichen Drang nach Absicherung und die Unvermeidbarkeit des Unglücks. Die Ich-Erzählerin wächst in einer Familie auf, deren Leben ...

Die Illusion der Sicherheit untersucht auf ungewöhnliche Weise den menschlichen Drang nach Absicherung und die Unvermeidbarkeit des Unglücks. Die Ich-Erzählerin wächst in einer Familie auf, deren Leben vollständig vom Versicherungswesen geprägt ist: Jede Katastrophe im Dorf wird zum Schadensfall, das Unglück zum Geschäftsmodell. Diese permanente Fixierung auf Risiken hinterlässt bei ihr tiefe Spuren – psychosomatische Beschwerden werden zum Ausdruck einer Welt, in der selbst totale Absicherung keine Rettung vor Endlichkeit bietet.

Formal wagt das Buch ein Experiment: Es arbeitet mit Fragmenten, Listen und kurzen Abschnitten, kombiniert eine nüchterne, teils kindlich wirkende Erzählhaltung mit sachlichen Einleitungen zu Versicherungsarten. Diese offene, fragmentarische Form macht die Lektüre ungewöhnlich und lässt viel Raum für eigene Deutungen.

Inhaltlich bleibt der Text schwer und von Grundangst durchzogen; die eigentliche Handlung tritt hinter dem atmosphärischen Zustandsbild einer traumatisierten Familie zurück. Erst das Ende setzt einen hoffnungsvollen Akzent, wenn die Erzählerin sich aus dem familiären Korsett löst.

Empfehlenswert ist das Buch vor allem für Leserinnen und Leser, die literarische Experimente schätzen und sich auf eine dichte, existenzielle Auseinandersetzung einlassen möchten, ohne eine klassische Romanstruktur zu erwarten.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

sehr lesenswert

Kekeli
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Jessica Mawuena Lawsons Roman „Kekeli“ zieht durch seine klare und unaufgeregte Sprache sofort in den Bann. Die vordergründig leichtgängige Geschichte über die Identitätssuche einer jungen Frau verbirgt ...

Jessica Mawuena Lawsons Roman „Kekeli“ zieht durch seine klare und unaufgeregte Sprache sofort in den Bann. Die vordergründig leichtgängige Geschichte über die Identitätssuche einer jungen Frau verbirgt eine tiefe gesellschaftspolitische Ebene. Ohne belehrend zu wirken, verwebt die Autorin schwere Themen wie koloniale Gewalt, die NS-Verfolgung Schwarzer Menschen und heutige Abschiebepolitik organisch in die literarische Handlung. Der Roman bewältigt diese harte Thematik mit großer Eleganz, berührt unsentimental und lenkt den Blick auf oft ignorierte Realitäten in Deutschland. „Kekeli“ ist ein wichtiges, widerständiges Buch, das dringend gelesen werden sollte – idealerweise auch im Schulunterricht, um Dialog und Empathie zu fördern.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

tolle Sprache, teilweise überkonstruiert

Die Schrecken der anderen
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Die Erzählung besticht durch ihre sprachliche Präzision und entfaltet sich zu Beginn wie ein klassischer Kriminalfall. Dabei hält sie einen konsequent kühlen, stellenweise aber auch heiteren Ton, der immer ...

Die Erzählung besticht durch ihre sprachliche Präzision und entfaltet sich zu Beginn wie ein klassischer Kriminalfall. Dabei hält sie einen konsequent kühlen, stellenweise aber auch heiteren Ton, der immer wieder eine fast archaische Atmosphäre erzeugt. Besonders stark ist der Text in Momenten, in denen die Handlung zu schwer zu werden droht: Dann nimmt er sich mit klaren, unaufdringlichen Sätzen zurück – wie an einer Grabstelle: „Für eine Weile stehen sie einfach da und denken ihre Sachen.“
Handwerklich ist der Roman klug durchdacht und dicht mit Querverweisen und Genre-Elementen verwoben. Im Idealfall entfalten solche literarischen Konstruktionen ihre Wirkung unbemerkt, während man bereits tief in der Geschichte steckt. Genau hier zeigt das Buch jedoch seine Schwäche: Die Mechanik des Textes bleibt zu sichtbar. Dadurch entsteht eine spürbare Distanz zum Geschehen, die verhindert, dass sich ein echter, durchgehender Sog entwickelt.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Satire mit Herz und Tiefgang

Nullzone
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Mit Nullzone wirft Isabella Straub einen satirischen Blick auf Gentrifizierung, soziale Ungleichheit und die absurden Versprechen des Immobilienmarkts. Im Zentrum steht der marode Sozialbau „Kratzer“, ...

Mit Nullzone wirft Isabella Straub einen satirischen Blick auf Gentrifizierung, soziale Ungleichheit und die absurden Versprechen des Immobilienmarkts. Im Zentrum steht der marode Sozialbau „Kratzer“, der ins Wanken gerät, weil nebenan ein futuristisches Luxusprojekt geplant ist – für die Bewohner droht der Verlust ihres Zuhauses.

Der Roman folgt drei sehr unterschiedlichen Figuren: Elfi, der pragmatischen Hausmeisterin, die den Alltag im bröckelnden Gebäude zusammenhält; Rachid, einem Paketzusteller mit dem Traum von Selbstständigkeit; und Gabor, einem Zukunftsforscher in der Krise, der an den Hochglanzvisionen seiner Branche zu zweifeln beginnt. Während der „Kratzer“ sich sichtbar neigt und der Protest der Bewohner Aufmerksamkeit bekommt, geraten auch ihre Leben ins Rutschen.

Straub verbindet Gesellschaftskritik mit Humor und erzählt aus wechselnden Perspektiven, jede mit eigener Stimme. Hinter der Satire steht ein warmherziger Roman über Menschen, die in einer rasant veränderten Stadt nach Halt und Zugehörigkeit suchen – klug, unterhaltsam und nachdenklich zugleich.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Gefährdete Leben

Die Wut ist ein heller Stern
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Der Roman handelt von Hedda Möller, die 1933 auf der Hamburger Reeperbahn im Varieté „Alkazar“ arbeitet, wo sie als Seilartistin über einem Becken mit Kaimanen auftritt. Der Besitzer Arthur Wittkowski, ...


Der Roman handelt von Hedda Möller, die 1933 auf der Hamburger Reeperbahn im Varieté „Alkazar“ arbeitet, wo sie als Seilartistin über einem Becken mit Kaimanen auftritt. Der Besitzer Arthur Wittkowski, früher selbst Hafenarbeiter, hält mit seinem Etablissement viele Menschen über Wasser, die in den Krisenjahren sonst arbeitslos wären. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich die Atmosphäre: Immer häufiger wird geflüstert, wer plötzlich verschwunden ist, und schließlich wird auch Arthur enteignet. Für Hedda und ihren körperlich behinderten Bruder Pauli hat das dramatische Folgen. Hedda versucht verzweifelt, Pauli vor den Zugriffen der Behörden zu schützen, während sich zugleich das Netz der nationalsozialistischen Rassenpolitik um sie und ihre Freundin Leni immer enger zieht. Wer als politisch verdächtig gilt, nicht den rassistischen Vorstellungen entspricht oder am Rand der Gesellschaft lebt, gerät schnell ins Visier von Denunziation, Verhaftung oder Zwangssterilisation.

Parallel verfolgt der Roman auch das Schicksal von Heddas Bruder Jaan, der hofft, als Harpunenschmied auf einem Walfänger anzuheuern und so Hamburg zu verlassen. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt – aus der Ichsicht von Hedda und Jaan sowie von einem auktorialen Erzähler. So entsteht ein vielstimmiges Bild des Lebens einfacher Menschen in den frühen 1930er Jahren, geprägt von Armut, Angst und den neuen Machthabern in Uniform.

Besonders eindrucksvoll fand ich die Verbindung zwischen der schillernden Welt der Reeperbahn und dem rauen Alltag des Hamburger Hafen- und Arbeitermilieus. Der Roman zeichnet ein dichtes Panorama dieser Zeit, in dem reale historische Bezüge und fiktive Figuren eng miteinander verwoben sind. Ein umfangreiches Namensregister im Anhang hilft dabei, die vielen Figuren und ihre Beziehungen zueinander im Blick zu behalten.

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