Profilbild von ConnieRuoff

ConnieRuoff

aktives Lesejury-Mitglied
offline

ConnieRuoff ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit ConnieRuoff über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.03.2020

Von Walter Benjamin bis zu Jürgen Habermas

Grand Hotel Abgrund
0

Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries (Rezension)
Inhalt
Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries (Rezension)
Von Walter Benjamin bis zu Jürgen Habermas
Der Titel „Grand Hotel Abgrund“
Inhalt „Grand ...

Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries (Rezension)
Inhalt
Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries (Rezension)
Von Walter Benjamin bis zu Jürgen Habermas
Der Titel „Grand Hotel Abgrund“
Inhalt „Grand Hotel Abgrund“
Der Aufbau „Grand Hotel Abgrund“
Die Entstehungsgeschichte „Grand Hotel Abgrund“
„Die Dialektik der Aufklärung„
Die Kritische Theorie „Grand Hotel Abgrund“
Kritik „Grand Hotel Abgrund“
Weitere Rezensionen
Bibliografie
Von Walter Benjamin bis zu Jürgen Habermas
„Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie konnte ich ahnen, dass Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen?“ „Grand Hotel Abgrund.“ S. 9.

Mit diesem Zitat von Theodor Wiesengrund Adorno lässt Stuart Jeffries sein Buch „Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit“ beginnen.

Der Titel „Grand Hotel Abgrund“
Die führenden Köpfe des Frankfurter Instituts, Theodor Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Friedrich Pollock, Franz Neumann und Jürgen Habermas waren Theoretiker, die in erster Linie den Faschismus kritisierten, aber nicht der „elften These über Feuerbach“ von Karl Marx folgten.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“
Ebenda, S. 9.

Der Titel stammt ursprünglich von Georg Lukács, der den Mitgliedern der Frankfurter Schule vorwarf, dass diese in einem schönen Hotel, das „mit allem Komfort ausgestattet“ – am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Absurdität, dem „Grand Hotel Abgrund“ residierten, dessen früherer Bewohner schon Arthur Schopenhauer war.

1969 kamen die Anführer der Studentenbewegung Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Sie wollten die kritische Theorie in die Praxis überführen. Der daraus abgeleitete Aufruf überstieg bei weitem die Grenzen zivilen Ungehorsams. Es war ein gewaltsam-autoritärer Aufruf zum Handeln – befreiende Aktionen. Jürgen Habermas wählte dafür die Bezeichnung „linker Faschismus“. Später zog er den Ausdruck zurück.

Lediglich Herbert Marcuse sympathisierte mit politisch militanten Aktionen und nahm in San Diego selbst an entsprechenden Aktivitäten teil.

Stewart Jeffries wagt die Vermutung, dass Walter Benjamin, der als Impulsgeber der Frankfurter Schule gilt, wenn er sich nicht in Paris 1940 das Leben genommen, sondern die Studentenbewegung noch erlebt hätte, auf Seiten, der auf die Barrikaden steigenden Studenten gewesen wäre.

Inhalt „Grand Hotel Abgrund“
Stuart Jeffries erzählt die Gründungsgeschichte des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“, der Menschen dahinter und die Geschichte des Gebäudes. Die Protagonisten sind Walter Benjamin, Theodor Wiesengrund Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Jürgen Habermas. Gleichzeitig lässt er den Leser an deren Leben teilhaben. Walter Benjamin, seine Flucht nach Paris und sein Tod aus verzweifelnder Angst sind genauso Teil der Geschichte, wie das Leben und Wirken der Philosophen im Exil der USA. Habermas und Horkheimer kehrten Anfang der 1950er Jahre wieder nach Deutschland zurück, während Fromm und Marcuse in den USA blieben.

Der Aufbau „Grand Hotel Abgrund“
Stuart Jeffries „Grand Hotel Abgrund“ hat sieben Teile, die zeitlich bis auf den ersten Teil 1900-1920, in Dekaden angeordnet sind.

Der Autor benennt chronologisch die Ziele der Frankfurter Schule, die Grenzen des Positivismus, des Dialektischen Materialismus und der Phänomenologie, mithilfe der kritischen Philosophie Kants, Hegels Dialektik und Marxscher Schriften zu überwinden.

Die Entstehungsgeschichte „Grand Hotel Abgrund“
Der erste Forschungsschwerpunkt war die Untersuchung sozialer Phänomene. „Studien über Autorität und Familie“ und „Die autoritäre Persönlichkeit“.

Der zweite Forschungsschwerpunkt war die Auseinandersetzung mit dem Wesen des Marxismus selbst. Daraus folgte das Konzept der kritischen Theorie, die Jürgen Habermas in den 1960er Jahren auf eine neue Stufe stellte.

Die Frankfurter Schule erstellt eine kritische Gesellschaftsanalyse, die den Zusammenhang zwischen subjektiver Vernunft und kapitalistischer Gesellschaftsordnung beleuchtet.

Die wichtigste Frage überhaupt war wohl, warum das Denken der Aufklärung, in die Barbarei des Nationalsozialismus umschlagen konnte.

Das Institut arbeitete interdisziplinär mit Psychoanalyse (Erich Fromm), Philosophie (Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno), Kulturtheorie (Walter Benjamin) und Soziologie (Leo Löwenthal) in Frankfurt und während der NS-Zeit im amerikanischen Exil an einer umfassenden Gesellschaftskritik.

„Die Dialektik der Aufklärung„
Das Hauptwerk „Die Dialektik der Aufklärung“ entstand in den 1940er-Jahren im Exil. Die Aufklärung endete in neuer Unterwerfung und Abhängigkeit, das wird auf die Vorherrschaft eines Vernunftideals zurückgeführt, dessen Ziel vollständige technische Naturbeherrschung, auch der menschlichen Natur (Bedürfnisse, Leidenschaften) war, das den Menschen überrollte. Adorno und Horkheimer zeigen ihre Theorien anhand Homers „Odyssee“.

Die Kritische Theorie „Grand Hotel Abgrund“
In der kritischen Theorie fließen die Denkrichtungen von Karl Marx – Kritik der politischen Ökonomie und der Psychoanalyse von Sigmund Freud zusammen, weshalb sie auch als Freudo-Marxismus bezeichnet wird.

Die religionsphilosophische These: Gott ist eine falsche Hypothese, Theologie ist sinnlos. Für Horkheimer und Habermas steht fest, dass Gott durch Geschichte, moderne Naturwissenschaften (Evolutionismus, Darwinismus und dogmatischen Marxismus widerlegt. Das Christentum sei eine Lüge.

Die Epoche des metaphysischen Denkens ist vergangen. Gott ist in der kritischen Theorie nur ein Phantasieprodukt der Menschen. Die „Moderne“ als Epoche des Massen-Atheismus. „Gott ist tot.“ Die Wiederbelebung des Nietschezianischen Atheismus.

Schon Jean Paul Sartre, Albert Camus und der christliche Schriftsteller Fjodor Dostojewski thematisieren die daraus folgenden Probleme, wie dass der absolute Bezugspunkt, die höchste Instanz fehlt, in ihren Schriften Gottes Tod. Warum sollen wir gut sein? Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt.

Ideologie ist eine der Grundlagen sozialer Strukturen.

Grand Hotel Abgrund Stuart Jeffries
Kritik „Grand Hotel Abgrund“
„Doch sind die Texte aus dem Kreis der Frankfurter Schule nutzbringend auch für uns, die wir gegenwärtig in einer anderen Art von Dunkel leben. Wir leben nicht in einer Hölle, die von den Denkern der Frankfurter Schule geschaffen wurde – vielmehr in einer Hölle, die sie uns helfen kann zu verstehen. Es ist also ein guter Zeitpunkt, ihre Flaschenpost zu öffnen.“
Ebenda. S. 21.

Mit diesen Worten endet das Vorwort und beginnt meine Kritik. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben, die Flaschenpost zu öffnen. Unsere politische Lage ist schwierig und wir sollten uns wieder auf unsere Vernunft und unsere Werte besinnen und nicht vergessen, dass die Freiheit unser höchstes Gut ist.

Stuart Jeffries „Grand Hotel Abgrund“ liest sich genauso spannend wie ein Roman. Er stellt die Fakten dar und lässt seine Protagonisten Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Erich Fromm zum Leben erwachen und ihre Thesen erläutern.

Ich hatte mich mit Georg Wilhelm Friedrich Hegels Aufklärungsbegriff aus der „Phänomenologie des Geistes. Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben“ beschäftigt. Aber während Hegel das Problem dialektisch auflöst, erklärt Adorno in „Die Dialektik der Aufklärung“, dieselbe für gescheitert.

Kann man das Projekt „Aufklärung“ überhaupt jemals als beendet betrachten oder sollten wir den Weg zur „Aufklärung“ besser als einen Habitus ansehen, den wir jeden Tag einüben müssen? Gerade in unserer Zeit

Dieser Artikel ist lediglich eine laienhafte Darstellung der Frankfurter Schule und ihrer Philosophie. Zugrunde gelegt war „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries. Nicht berücksichtigt wurde Jürgen Habermas Richtungswechsel zur Sprachphilosophie, die negative Kritik und „Die Befreiung der Sexualität“ und weitere. Auch diese Themen werden in vorliegendem Buch beleuchtet.

„Grand Hotel Abgrund“ gefällt mir sehr. Das liegt mit daran, dass ich vor einigen Monaten „Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger gelesen und rezensiert habe, das die Zeit der 1920er-Jahre und Walter Benjamin, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Ernst Cassirer beleuchtet. Sozusagen war „Grand Hotel Abgrund“ nur ein Schritt weiter im philosophischen Weltgeschehen.

Vielleicht konnte ich im Sinne der Aufklärung – engl. Enlightment, ein wenig Licht ins Thema bringen und zum kritischen Lesen und Denken ermuntern.

„Sapere Aude! – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Immanuel Kant.

Dieses Buch ist ein kleines Mosaikstück auf dem Weg der Aufklärung, das ich wärmstens empfehle.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.02.2020

Mischung aus Krimi, Thriller oder Space Opera

Exodus 2727 - Die letzte Arche
0

Sciencefiction, Kriminalroman, SpaceOpera oder Thriller?
Zum Inhalt von: „Exodus 2727 – Die letzte Arche“ von Thariot
„Exodus 2727“ von Thariot wirft den/die Leserin gleich mitten ins Geschehen und lässt ...

Sciencefiction, Kriminalroman, SpaceOpera oder Thriller?
Zum Inhalt von: „Exodus 2727 – Die letzte Arche“ von Thariot
„Exodus 2727“ von Thariot wirft den/die Leserin gleich mitten ins Geschehen und lässt keine Zeit zum Atem holen. Er/sie gerät sogleich in eine Intrige, einen Verrat, und ein spannendes Kampfszenario. In dem neuen Buch von Thariot ist nichts so, wie es scheint.

Die USS London wird mit 490 Besatzungsmitgliedern und 3 Millionen Embryos auf eine Expedition zu einem fernen Planeten geschickt, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Das Ziel ist 49 Lichtjahre entfernt. Die Reise dauert über 100 Jahre.

Durch einige Vorkommnisse wird die vierzigjährige Ärztin Jazmin Harper, die Nr. 3 in der Rangliste, zur Nr. 1 des Raumschiffs und die KI, namens „Mutter“, überträgt ihr die Kommandogewalt.

Schon nach kurzer Zeit geschehen mysteriöse Dinge auf dem Schiff, für die es keine vernünftige Erklärung gibt.

Worum geht es in „Exodus 2727 – Die letzte Arche“ von Thariot?
Was sind die Risiken einer Reise, bei der die Mannschaft Jahre oder sogar Jahrzehnte auf einem Raumschiff „gefangen“ ist?

Wie moralisch muss oder darf Wissenschaft sein?

Ist Künstliche Intelligenz oder artificialis Intelligence für die Menschheit ein Fluch oder ein Segen?

Wie humanoid dürfen Roboter sein? Was sind die Risiken, wenn man Androiden nicht mehr von Menschen unterscheiden kann?

Ist es, vertretbar Menschen zu züchten, zu klonen?

Wie man sieht, hat Thariot einige Zukunftsvisionen eingebaut, die große Risiken bergen?

Sprachlicher Aufbau „Exodus 2727 – Die letzte Arche“ von Thariot
Das Geschehen wird in zwei Handlungssträngen erzählt. Im Fokus des Haupthandlungsstrangs steht das Geschehen auf der USS London, meistens aus Jazmin Harpers Sicht.

Der zweite Handlungsstrang wird aus der Sicht ihres Bruders, Atticus Finch Harper, erzählt. Dabei erfahren wir viel über den Vater Duncan Harper, dem Entwickler des Raumschiffs, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz,

Der Autor erinnert den/die Leser
in geschickt an bekannte und beliebte Scifi-Serien. Wir begegnen zwei Drohnen, die den Namen R2 und D2 tragen.

Auch an einen berühmten amerikanischen Klassiker erinnert er uns. Wer kennt nicht „Wer die Nachtigall stört?“ (Originaltitel „Killing a Mocking Bird“)? Der Protagonist Atticus Finch gab seinen Namen an Jazmine Harpers Bruder weiter und offenbart, damit sofort den Charakter des Corps, ohne es viel beschreiben zu müssen, das übernimmt der Leser selbst.

Das Hörbuch „Exodus 2727 – Die letzte Arche“ von Thariot
Das Hörbuch wird von Mark Bremer gesprochen und hat eine Hördauer 12 Stunden und 47 Minuten. Das ungekürzte Hörbuch ist im Bookbeat Katalog enthalten.

Meine Kritik zu „Exodus 2727 – Die letzte Arche“ von Thariot
Der Roman ist eine Mischung aus Raumschiff Enterprise (Star Treck), Star Wars und ein wenig Blade Runner.

Ein Raumschiff mit Crew verirrt sich in der „Unendlichen Weite des Weltalls“. Die Crew kämpft gegen die Außenwelt. Die Crew kämpft gegen den „Lagerkoller“. Immer mal wieder wird ein Verräter entlarvt. Die einzelnen Protagonisten werden manchmal von der eigenen Vergangenheit eingeholt.

Der Autor spielt mit dem/der Leser
in und wirft ihm Segmente oder Namen aus Filmen, Serien und Literatur zu, dadurch fühlt sich der/die Leserin schnell im Weltenbau und der Geschichte wohl. Es vermittelt das Gefühl von „Nachhause kommen“.

Auch „Wer die Nachtigall stört“, ein gesellschaftskritischer Roman (Rassismus), der oftmals im Fach Englisch zum Lehrplan gehört, wird von Thariot, als Spiegel benutzt.

An der Figur Atticus Finch Harper lässt sich das gut erklären: Atticus Finch Harper in „Exodus 2727“ erhält nicht nur den Namen der Hauptfigur, sondern noch dazu den Nachnamen der Schriftstellerin. Der/die Leser
in, der „Wer die Nachtigall stört“ kennt, weist dem Charakter aus dem Thariot Roman nach wenigen Worten, die Eigenschaften des Originalcharakters zu. Thariot liefert dazu noch ein paar rassistische Dialoge zwischen einem Verräter und Jazmin Harper. Und schon hat Thariot den/die Leserinin sozusagen mit der nötigen Atmosphäre ausgestattet.

Aber Vorsicht vor Stereotypen! Es ist wichtig, dass Thariot für die Figur Atticus persönliche Züge entwickelt, die sich eindeutig von Harpers Originalfigur unterscheiden. Im vorliegenden Roman spielt Atticus die Rolle, eines unbestechlichen Aufklärers, der die versteckte Wahrheit offenlegt. Im weitesten Sinne ein Whistleblower.

Der Roman ist gut konstruiert und am Schluss wird alles, was nicht passt, passend gemacht durch den Auftritt von Damon Harper (Deus ex machina). Der Schöpfer erklärt sein Werk als Halo Figur !

Wie gefällt mir der Roman? Das ist gar nicht so einfach.
Der Roman hat mich sofort für sich eingenommen. Die Idee mit Atticus Finch Harper fand ich genial. Sicherlich spricht es dafür, dass Thariot ein Fan der Figur und/oder der Autorin ist.

Aber er ist halt konstruiert, aber auf geniale Weise. Er gefällt mir mit einigen Abzügen ganz gut. Er ist absolut spannend und voll mit Action! Es ist wie bei einer Schnitzeljagd, du hangelst dich von Entdeckung zum nächster Rätsel, um auch diese zu entschlüsseln, Die Lösung birgt oft weitere Rätsel. Man hat kaum ruhigere Sequenzen. Ich hatte den Roman in 2-3 Tagen gelesen.

Wenn die Figur des Atticus Finch Harper nicht aufgetreten wäre, hätte sich am Haupthandlungsstrang nichts geändert. Ist es überflüssig? Aber vielleicht hast du eine andere Meinung, dann würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen.

Viel Spaß beim Lesen! Für jeden Scifi Liebhaberin, dem/der Raumschiffabenteuer mit Crew gefallen. Thariot zeigt uns eine intelligente Zukunft mit winzigen Fehlern im Detail.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.01.2020

Literarisches Action Painting

Canto
0

„Canto“ von Paul Nizon (Rezension)
Inhalt
„Canto“ von Paul Nizon (Rezension)
„Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“
Wer ist Paul Nizon?
Zum Inhalt „Canto“ von Paul Nizon
Worum geht es dann?
Die sprachliche ...

„Canto“ von Paul Nizon (Rezension)
Inhalt
„Canto“ von Paul Nizon (Rezension)
„Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“
Wer ist Paul Nizon?
Zum Inhalt „Canto“ von Paul Nizon
Worum geht es dann?
Die sprachliche Gewalt in „Canto“ von Paul Nizon – oder Literarisches Action Painting
Warum bezeichnet sich Paul Nizon in „Canto“ als „Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“?
„Canto“ – Warum dieser Titel?
Kritik „Canto“ von Paul Nizon
Bei der Recherche zu „Canto“ stieß ich auf das Buch „Die Republik Nizon“
Video mit Paul Nizon „Schreiben ist Leben“, Neue Zürcher Zeitung
Weitere Rezensionen und Links zum Buch
„Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“
Suhrkamp veröffentlicht 56 Jahre nach der Erstausgabe eine Neuausgabe von „Canto“, anlässlich des 90. Geburtstages von Paul Nizon. Dieses Werk steht schon lange auf meiner Leseliste.

Ich hörte schon einiges über „Canto“, wusste nichts Konkretes, aber dieser Kommentar auf Seiten des Verlags,

„Paul Nizon nennt für sich zwei Geburtsdaten: das Jahr, in dem er in Bern zur Welt gekommen ist, und das Jahr, in dem er sich mit dem Canto selber zur Welt gebracht habe. 1929 und 1963.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

hat mich neugierig gemacht. Warum hat es dem Autor dieses Gefühl gegeben? Und ich begann zu lesen.

Schon nach wenigen Seiten geriet ich in einen Strudel der Emotionen und konnte nicht glauben, dass dieses Werk tatsächlich Anfang der sechziger Jahre entstanden ist.

„Canto“ verstehe ich als Teil von Paul Nizon. „Canto“ kommt man nur dann nahe, wenn man sich auch mit seinem Autor beschäftigt.

Also beginnen wir erst einmal mit Paul Nizon.

Wer ist Paul Nizon?
1959 veröffentlicht der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon bei Scherz in Bern seinen Erstling, den Prosaband, „Die gleitenden Plätze“. Einige Persönlichkeiten des Literaturbetriebs, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Carl Seelig und weitere, werden auf ihn aufmerksam. Er wird mit einem Stipendium des Schweizer Instituts nach Rom eingeladen.

Diese „römischen“ Erlebnisse verändern sein Leben. Er kehrt zurück in die Schweiz, wird leitender Kunstkritiker bei der Neuen Zürcher Zeitung. Aber er kann die Enge des Berufs- und Ehelebens nicht dauerhaft ertragen. Seine Frau verlässt ihn, er kündigt bei der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt „Canto“ – über sein römisches Jahr. 1962 gibt er das Manuskript dieser Auftragsarbeit bei Suhrkamp ab. Siegfried Unseld (Verleger / Suhrkamp) hält ihn für ein Genie.

Doch entgegen der Voraussage bleibt Paul Nizon in Deutschland ein Geheimtipp. Die Franzosen lieben ihn.

Zu einer ausführlicheren Zeittafel über Paul Nizons Vita verweise ich auf die Suhrkamp Verlagsseite.

Jan Küveler („Welt“ Feuilleton) schrieb über ihn:

„Es wäre ein Irrtum, Nizon für eitel zu halten. Nizon pflegt stattdessen ein erotisches Verhältnis zum eigenen ich, eins von der unstillbaren Art, er spürt in sich hinein, tastet sich ab und wird mit der Skulptur doch nie fertig.“

Zum Inhalt „Canto“ von Paul Nizon
Dieser Prosaband erzählt das Jahr in Rom, das Paul Nizon so beeindruckte. Es ist keine Geschichte, es hat keinen Plot – und doch bin ich beim Lesen unglaublich nah beim Autor. Ich glaubte, selbst zu spüren, was Paul Nizon beschreibt.

Worum geht es dann?
Es geht um Paul Nizon. Er durchlebt Rom, mit allen seinen Sinnen. Es ist ein manisches Aufsaugen sämtlicher Gefühlswallungen und Empfindungen, erzeugt von einer sich immer schneller drehender Helix mit Namen Paul Nizon. Wirklich außergewöhnlich dabei ist, dass er den Leser nicht nur beim Lesen auf diese Reise mitnimmt, sondern auch beim Fühlen. Man könnte versucht sein zu sagen, die Spiegelneuronen springen umgehend auf Paul Nizons Worte an und lassen dich die Emotionen umgehend spüren.

„Den wir als Ich leben ließen, den lassen wir laufen, uns zu suchen. Zusammenzusuchen aus den Plätzen für Lebensminuten, den Minutenplätzchen in Rom. Der ist Stipendiat in Rom. Der liegt auf dem Bauch unter dem Baum mit dem Ding. Der möchte hinaus aus dem Bann, der ihn auf Bauch warf und hinein in das Ding. Das hier Rom heißt.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

Der Autor schlendert durch Rom. Wie ein Minnesänger betet er die Geliebte an. Wer aber ist die Geliebte? Die Stadt Rom? Oder sind es die (geliebten) Gefühle, Empfindungen, Reize und Begegnungen, ihm die diese Stadt beschert?

Die sprachliche Gewalt in „Canto“ von Paul Nizon – oder Literarisches Action Painting

Paul Nizon spricht eine bildgewaltige Sprache. Er bereichert und formt die Sprache in einer Art Rausch zu überwältigenden Bildern, denen man nicht fliehen kann.

Dieser Text ist für jeden Sprachwissenschaftler ein Füllhorn an literarischen Stilmitteln. Der Autor erzählt uns von „zirpender Milch“ und „fauchender Maschine“. Und er beschreibt Rom, wie er die Stadt empfindet. Er erzählt auch von Frauen, Huren, Gabriella.

„Lacht. Mit Schluchzern in der Stimme. Über sich, über Mauro, über die Rosen, über dies verrückte, heiße, schöne Tier Rom, dessen Glieder von dunkel gekleideten Menschen wimmeln, dessen Kadaver von losgelassenen Wagen juckt, dessen Leib dampft, kocht, blendet. Und sie muß nun wirklich zurück. Um die Koffer zu holen. Mit dem Rosenstrauß in durchsichtigem Zellophan. Wie eine Gefeierte. Allein nach dem Applaus.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“


Warum bezeichnet sich Paul Nizon in „Canto“ als „Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“?
Er selbst sagt, es sei „ein vorübergehendes Amt ehrenhalber“. Der Hurenhirt „kennt die Stunden des Schichtwechsels“. Er kennt die Mädchen und sieht keine Huren, sondern Frauen, Menschen.

Ja, wie man sehen kann, ist der Text so aussagekräftig, dass ich eigentlich gar nicht zum Ende kommen kann. Ich höre jetzt damit auf und sage nur noch: „Canto“ ist der erste Teil der siebenbändigen Ausgabe der „Gesammelten Werke“.

„Ich klammerte mich an fühlbare, greifbare Dinge, weil ich durch mein Fehlen von Handlung und Einfall nichts anderes besaß. Ich hatte nicht den geringsten Plan, und ich ersetzte diesen Mangel durch eine mu-sikalische Struktur, die an eine Sonate in drei Sätzen denken läßt.“
Auszug aus „Die Republik Nizon“

„Canto“ – Warum dieser Titel?
Der Titel bedeutet: Ich singe. Was hat das mit dem Inhalt zu tun? Es ist mir unbegreiflich, dass es kein Hörbuch zu „Canto“ gibt. Wenn man den Text laut liest, hört man, dass sich der Text in eine Art Ballade verwandelt. Aus dem rein visuellen Text, wird eine hörbare Botschaft. Ich stelle es mir als Hörbuch, gelesen von einem Sprecher, wie z. B. Burghart Klaußner, großartig vor.

Kritik „Canto“ von Paul Nizon
Eine Buchbewertung finde ich immer schwierig. Habe ich wirklich alle Fakten objektiv gesehen und bewerte ich angemessen? Aber dieses Buch ist so außergewöhnlich, dass man es nur lieben oder schrecklich finden kann. Ich liebe es, wenn ein Autor mit der Sprache spielt. Ich liebe es, wenn der Autor mit Worten malt, und sich vor meinem inneren Auge, andere nennen es Kopfkino, ein Film entwickelt, der einzigartig ist. Aber hier entwickelt sich noch dazu eine Filmmusik! Also halten wir fest: Es ist ein einzigartiges Buch. Paul Nizon steht in dem Ruf, ein Egomane, ein Erotomane zu sein, der sich um die „Nizon-Republik“ dreht.

Ich würde es ein klein wenig anders sehen. Paul Nizon liebt die Abgründe und Höhen, die Gefühle, Begegnungen, das Leben überhaupt und vor allem, wie der „Mensch Paul Nizon“, darauf reagiert, und das möchte Paul Nizon „in einer Sonate ähnliche Struktur“ dem Leser darreichen. Und er liebt die Freiheit, die für ihn über Allem steht.

Du, als Leser, musst entscheiden, ob du dieser Form eine Chance geben möchtest. Ich empfehle es, du triffst einen sehr offenen empathischen Autor, dem es sehr wichtig erscheint, im Hier und Jetzt des Augenblicks zu leben und alles aus diesem Wimpernschlag herauszusaugen und für die Ewigkeit festzuhalten und zu verschriften.

Ein Leseerlebnis, der etwas anderen Art, eine Lautmalerei der Gefühle.


Bei der Recherche zu „Canto“ stieß ich auf das Buch „Die Republik Nizon“
Eine Biographie in Gesprächen, geführt mit Philippe Derivière.“, zur Hilfe. In diesem Buch spricht Paul Nizon selbst über seine Bücher. Das Buch ist im Haymon Verlag erschienen.

Ein herzliches Dankeschön geht an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Canto Paul Niizon Cover
Canto Paul Nizon
Erschienen: 11.11.2019
Leinen, 254 Seiten
ISBN: 978-3-518-42904-4
Auch als ebook erhältlich
Video mit Paul Nizon „Schreiben ist Leben“, Neue Zürcher Zeitung

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.01.2020

Eine Biographie der etwas anderen Art

Von Beruf Schriftsteller
0

„Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami (Rezension)
„Von Beruf Schriftsteller“ eine Autobiografie?
Wer ist Haruki Murakami? Er ist einer der der größten und erfolgreichsten Schriftsteller unserer ...

„Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami (Rezension)
„Von Beruf Schriftsteller“ eine Autobiografie?
Wer ist Haruki Murakami? Er ist einer der der größten und erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit. Ja! Sicherlich, er ist ein Bestseller Autor. Aber was wissen wir über den japanischen Autor selbst? Ich war sehr neugierig. Ich hatte mich schon mit „Naokos Lächeln“ und „1q84“ beschäftigt und mochte seinen Schreibstil auf Anhieb.

Haruki Murakami wählt hier einen etwas anderen Weg als eine Autobiografie. Er schreibt Essays über „Schriftsteller – ein toleranter Menschenschlag“ und „Wie ich Schriftsteller wurde“, oder „Worüber soll ich schreiben“. Und er beleuchtet noch weitere Themen, die zum Thema Schreiben gehören.

Bei jedem Thema schildert er zuerst die allgemeine Übersicht zum Thema und dann schildert er den Einzelfall sozusagen an eigener Person.


Und was erfahre ich?
Ja, das kann ich nicht wirklich greifen oder weitergeben. Keinesfalls erfahren wir etwas wirklich Privates über Haruki Murakami. Erhalten wir eine Anleitung zum Schreiben? Nicht unbedingt. Wir erfahren, dass der Autor selbst Texte aus dem Englischen ins Japanische übersetzt, z. B. für Raymond Carver, Raymond Chandler..

Er liebt klassische Musik und ist von Jazz fasziniert.

Er mag Baseball.

Er läuft jeden Tag eine Stunde und einmal im Jahr einen Marathon.

Sechs dieser elf Essays wurden vor einigen Jahren schon in einer japanischen Literaturzeitschrift veröffentlicht.

Sind „Schriftsteller – ein toleranter Menschenschlag“?
Auf eine gewisse Art und Weise ja! Es ist eine offene Gruppe. Jedem steht der Zutritt offen. Man benötigt keine Lehre oder einen Meisterbrief. Jeder kann mit Füller, Papier, Schreibmaschine, Laptop, PC, Diktiergerät, Bleistift oder sogar einer Serviette loslegen.

„Einen Roman zu schreiben ist nicht besonders. Auch einen ausgezeichneten Roman zu schreiben ist je nach Person nicht allzu schwierig. Ich will nicht behaupten, dass es einfach ist, aber unmöglich ist es nicht. Ausnehmend schwierig ist es jedoch, unentwegt Romane zu schreiben.

Na ja! Ich kenne einige Menschen einschließlich mir, die einen Roman zu schreiben, nicht so einfach finden. Wie kam Haruki Murakami eigentlich dazu, Schriftsteller zu werden?

Haruki Murakami saß beim Baseball, schaute dem Pitcher zu.

«Der schöne satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf, hallte im ganzen Stadion wider. Es ertönte vereinzelter Applaus. Und just in diesem Moment kam mir völlig zusammenhanglos der Gedanke: „Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben“»

Er kaufte sich Füller und Papier, setzte sich an den Küchentisch und schrieb seinen Debütroman. Er schrieb diesen nicht etwa auf Japanisch, sondern in Englisch, den er dann auf Japanisch übersetzte. Für genau diesen Roman „Wenn der Wind singt“ gewann er einen Preis für Nachwuchsschriftsteller.

Ja, ich bin zwiegespalten, wie das bei mir ankommt. Zum einen glaube ich, dass es vielleicht genau dieser Arroganz und zweifellos Überzeugung bedarf, dass es diesbezüglich überhaupt keine Handlungsalternative gibt, dies mit hundertprozentiger Kraft auszuführen.

Zum anderen überlege ich mir, war das wirklich so gewesen, oder spielt dabei auch das eigene Ich eine manipulierende Wirkung?

„Von Beruf Schriftsteller“ ist Beharrlichkeit und Fleiß
Die wichtigste Eigenschaft eines Schriftstellers ist die Beharrlichkeit. Aber in diesem Buch zeigt sich auch, wie diszipliniert Haruki Murakami ist und sicherlich auch ein entsprechend fleißiger Kontrollfreak. Er arbeitet ständig an sich und seinen Werken. Und er öffnet sich und lässt fremde Prüfung zu. Obwohl Haruki Murakami selbst aus dem Englischen ins Japanische übersetzt, lässt er beim Übersetzen Ursula Gräfe freie Hand. Bevor das Manuskript ins Lektorat geht, hat es die Prüfung Frau Murakamis bestanden.

Es wirkst so, als wäre der Benefit eines freien Schriftsteller-Daseins, damit meine ich, keine Deadline zu versäumen, weil man keine Termine ausmacht, sich nicht auf Multitasking zu verlassen, sondern sich immer nur auf eine Handlung zu konzentrieren und sich voll darauf einzulassen, alles andere muss so lange warten, bis die Handlung vollendet ist, gibt dem Werk große Qualität – zumindest ist es für diesen Autor, wie er selbst auch betont, der richtige Weg.

Welche Erwartungen hatte ich an „Von Beruf Schriftsteller“?
Ich habe „mehr“ erwartet. Es liest sich wie eine Studie: Wie ich schon erwähnt habe, stellt er zuerst den Begriff „Schriftsteller“ vor und definiert ihn. Dann beschreibt er das, wie das z. B. bei ihm selbst ist. Das empfinde ich als sehr distanziert. Ich hätte es gerne emotionaler.

Etwas mehr von dem „Haruki Murakami“, den ich in „Naokos Lächeln“ oder „1Q84“ gelesen habe. Also kurz und gut, ich kann mit „Von Beruf Schriftsteller“ nicht viel anfangen. Ich lese dafür demnächst „Kafka am Strand“. Ich glaube, das gibt mir mehr.

Trotzdem ist es interessant und manche Herangehensweise ist sicherlich eine Überlegung wert. Zum Beispiel: Jeden Tag eine Stunde zu laufen, würde wahrscheinlich jedem guttun.

Ich fand es spannend, nach und nach zu verstehen, warum der Autor glaubt, es sei einfach einen Roman zu schreiben.

Weil es für ihn selbstverständlich ist, sich ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren. Er lässt sich von nichts ablenken. Er ist ein Virtuose der Sprache und ich denke, das liegt auch daran, dass er Romane übersetzt und dadurch natürlich auch einen sehr großen Wortschatz hat und diesen exakt und raffiniert einzusetzen weiß. Er glaubt, noch nie eine Schreibblockade gehabt zu haben. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er keine Aufträge annimmt, sondern frei entscheidet, ob er seine Kraft für Übersetzen, Kurzgeschichten oder Artikel zu schreiben oder sich auf ein Großprojekt, wie einen Roman einlässt.

Haruki Murakami ist diszipliniert, fleißig, macht Sport und gibt in der Sache, die er gerade macht, 100 Prozent. Er ist ehrgeizig und ein Perfektionist. Außerdem liebt er die Freiheit und die Unabhängigkeit. Also habe ich, wohl doch viel mehr erfahren, als es auf den ersten Blick aussieht.

Trotzdem habe ich den Menschen „Haruki Murakami“ vor lauter „Von Beruf Schriftsteller“ nicht entdecken können.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.01.2020

Ob Kafka das gefallen hätte?

Die Kakerlake
0

„Die Kakerlake“ von Ian McEwan (Rezension)
Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat sich nun, ein halbes Jahr nach „Maschinen wie ich“, mit „Die Kakerlake“ eine Antwort auf den Brexit-Ausstieg einfallen ...

„Die Kakerlake“ von Ian McEwan (Rezension)
Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat sich nun, ein halbes Jahr nach „Maschinen wie ich“, mit „Die Kakerlake“ eine Antwort auf den Brexit-Ausstieg einfallen lassen.

In Form einer dystopischen Novelle bediente er sich bei Franz Kafka und schrieb die „Verwandlung“, diese Metamorphose neu.

Während Kafka die Geschichte in drei Kapiteln geschehen lässt, nimmt sich McEwan vier Kapitel lang Zeit.

Schon die ersten Worte zeigen die Richtung an.

„Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors, und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig.“
Die Kakerlake, Seite 7.

Aber erinnern wir uns zuerst nochmal an die „Metamorphose“ von Kafka.
Gregor Samsa wacht eines morgens auf und stellt fest, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat. Seine Familie zieht sich immer weiter von ihm zurück. Nur seine Schwester Grete kümmert sich noch um ihn. Aber auch Grete wendet sich von ihm ab und Gregor stirbt einsam und wird wie Müll entsorgt.

Zurück zu „Die Kakerlake“
„Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ (Franz Kafka)



Genau wie Gregor Samsa setzt sich Jim Sams im ersten Kapitel damit auseinander, dass er in anderer Gestalt erwacht. Während Gregor ein Mensch war und zum Käfer wurde, ist Jim eine Kakerlake, die als Mensch aufwacht.

„Und er fand heraus, dass es bequemer war, die Zunge im trieffeuchten Mundkerker zu verwahren, statt sie einfach über die Lippen hängen zu lassen, so dass es hin und wieder auf seine Brust tropfte. Grässlich. Allmählich bekam er ein Gefühl dafür, wie sich seine neue Gestalt steuern ließ.“ (Ian McEwan S. 14)

Der geneigte Leser hat natürlich sofort die Namensähnlichkeit zwischen Gregor Samsa und Jim Sams entdeckt. Der britische Premier wird sozusagen von einer Kakerlake unterwandert. Aber schnell erfährt der Leser, dass ganz Groß-Britannien von Kakerlaken regiert wird. Es könnte sogar sein, dass Amerikas Präsident der gleichen Spezies angehört.

Ian McEwan ändert das Wirtschaftssystem in den „Reversalismus“. Ein Gedankenspiel, das „Schrödingers Katze“ vor Neid erblassen lässt.

Wie sehe mein Alltag im System des Reversalismus aus?
Ich gehe zuerst in den Bioladen und „kaufe“ mir Lebensmittel und was ich noch so benötige ein. An der Kasse bezahlt mich die Verkäuferin für meine Waren.

Dann gehe ich zur Arbeit und gebe meinem Chef erst einmal Geld dafür, dass ich arbeiten darf. Und wenn ich kein Geld für Arbeit ausgeben möchte? Ja, dann fangen die Probleme an, weil ich kein Geld sparen oder sammeln darf. Das ist bei Strafe verboten.

Jeden Monat bezahlt mir mein Vermieter die „Miete“. Damit der Vermieter genügend Geld verdient, um meine Miete zu bezahlen, kann er z. B. die Wohnung hochwertig einrichten und renovieren, denn dafür erhält er von den Handwerkern Geld, wenn er sie beauftragt.

Den Rest dürft ihr euch zusammenreimen und den Wirtschaftskreislauf darstellen, ich habe jetzt Kopfweh!

„Die Kakerlake“, eine böse Satire, Blödsinn oder Beleidigung?
Das muss der Leser selbst entscheiden, wie viel künstlerische Freiheit und moralisches Fingerspitzengefühl er dem Autor zugesteht. Ich finde es sprachlich gut gelungen.

Jim Sams der fiktive britische Premier bricht Verträge. Ein Politiker bricht Verträge oder Vereinbarungen? Fiktion oder trauriges Zeitgeschehen?

McEwan zeigt uns ein fiktives Groß-Britannien, das in zwei Lager gespalten ist. Die Brexit-Gegner und -Anhänger. Bei McEwan haben die Brexit Gegner, die Vor-Dreher, keine Stimmen mehr. Und wir, das Volk, lassen uns von den Reversalisten einlullen.

Auch hier frage ich, „Ein Land, das in zwei Lager gespalten ist?“, ist das Phantasie oder ein Abbild der Wirklichkeit?

Letztendlich gibt es nur einen Gewinner: die Kakerlaken. Ohne Moral, Skrupel oder Rechtsempfinden haben sie erkannt:

„In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Volk einen verlässlichen Feind.“

„Die Kakerlake“ ist ein McEwan, den der Leser noch nicht kennt. Aber ich finde das Buch lesenswert, amüsant und böse. Man muss nicht lange darüber nachdenken, ob McEwan ein Brexit-Gegner ist.

Ich finde es sehr mutig, Kafkas „Verwandlung“ als Bühne zu benutzen. Der Autor hat Kafkas Stil faszinierend umgesetzt. Respekt! Der Text ist wirklich kafkaesk.

Die Novelle ist hoch aktuell und es macht ein wenig betroffen, dass manche „Kakerlake“ uns bekannt vorkommt, bzw. dass es Menschen gibt, deren Verhalten unmoralisch, böse, hetzerisch und kriminell ist. Erinnern wir uns daran, dass wir in einer Demokratie die Wahl haben!

@Diogenes Verlag
Herzlichen Dank für die Bereitstellung dieses erbaulichen Rezensionsexemplars.

Die Kakerlake Ian McEwan
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Hardcover Leinen
144 Seiten
erschienen am 27. November 2019
„Die Kakerlake“ als Hörbuch gelesen von Burghart Klaußner


Burghart Klaußner hat in Berlin Germanistik und Theaterwissenschaft studiert und eine Schauspielausbildung an der Max-Reinhard-Schule absolviert. Ende März 2019 war er in der ARD im zweiteiligen Dokudrama „Brecht“ von Heinrich Breloer zu sehen. Viele kennen ihn vielleicht aus Filmen wie „Rossini“, „Good Bye Lenin“ und „Das weiße Band“, oder aus Serien wie „Solo für Schwarz“ und „Adelheid und ihre Mörder“. Und er spielte die Titelrolle in „Der Staat gegen Fritz Bauer“, wofür er mehrfach ausgezeichnet wurde.

Burghard Klaußner spielt Theater. „Kaufmann von Venedig“. Auch mit folgenden Stücken „Der Gott des Gemetzels“, „Das weite Land“, „Iphigenie“ und „Don Carlos“ stand er schon auf der Bühne.

Am 8.8.2019 las er auf den Salzburger Festspielen „Ulyssys“.

Burghart Klaußner singt. Im Repertoire hat er Lieder von Charles Trenet, Cole Porter, Tom Waits, den Stones, Karl Valentin und Johnny Cash.

Burghard Klaußner hat einige Hörbücher gesprochen: „Warte nicht auf bessere Zeiten“ von Wolf Biermann, „Solar“ von Ian McEwan, „F“ von Daniel Kehlmann, „Stoner“ von John Williams, mehrere Bücher von Ferdinand von Schirach und natürlich von Paul Auster.

Also du siehst, Burghart Klaußner ist ein sehr begabter und vielseitiger Künstler. Ich empfehle einen Besuch seiner Website. Besonders das Video „Ein Koffer für Berlin“ lohnt sich nicht nur musikalisch, sondern auch der Text ist eine Bereicherung.

Ein Besuch auf seiner offziellen Seite lohnt sich.

Die Kakerlake Hörbuch Ian McEwan, gelesen von Burghart Klaußner

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere