Eine Ode an die Musik und an eine verlorene Liebe
Für Polina
In Takis Würgers Roman Für Polina entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, getragen von einer Klaviermelodie, die über Jahrzehnte hinweg Seelen verbindet. Zwischen Idylle, Sehnsucht und leisen Konflikten ...
In Takis Würgers Roman Für Polina entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, getragen von einer Klaviermelodie, die über Jahrzehnte hinweg Seelen verbindet. Zwischen Idylle, Sehnsucht und leisen Konflikten entsteht ein Plädoyer für Authentizität und die heilende Kraft der Musik. Ein gelungener Liebesroman – oder doch Kitsch?
Inhalt / Zusammenfassung „Für Polina“
„Für Polina“ erzählt eine melancholische Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte, die sich über drei Jahrzehnte erstreckt. Der schüchterne Pianist Hannes Prager verliebt sich als Jugendlicher in Polina, komponiert für sie eine einzigartige Melodie und verliert sie aus den Augen. Jahre später, von innerer Leere gequält, sucht er sie mit dieser Komposition wieder. Der Roman verwebt Heilung, Hoffnung und Harmonie, durchzogen von der Magie der Musik.
Worum geht es in „Für Polina“?
Der Roman zeigt, wie Musik Menschen verbindet und verändert. Hannes, ein begnadeter Klavierspieler, schenkt Polina mit 14 Jahren eine Melodie, die ihr tiefstes Sehnen einfängt. Doch ein Bruch – Hannes hört auf zu spielen – trennt ihre Wege. Jahre später erkennt er, dass nur diese Melodie Polina erreichen kann. Würger entwirft eine kleine Utopie, in der Figuren wie die alleinerziehenden Mütter Fritzi und Güneş sowie der Vermieter Heinrich Hildebrand eine Oase der Ehrlichkeit schaffen. Themen wie verpasste Chancen, Ängste, familiäre Wunden und die Suche nach Verbindung prägen die Geschichte, stets begleitet von Klängen, die wie unvollendete Stücke wirken.
Die Protagonisten in „Für Polina“
Hannes Prager: Der schweigsame, schüchterne Protagonist, ein Klavierwunderkind aus einer alten Villa bei Hannover. Als Säugling kuschelt er mit Polina, als Teenager verliebt er sich hoffnungslos und komponiert seine erste Sonate für sie. Später kämpft er mit emotionaler Kälte und innerer Leere, bis die Musik ihn zurück ins Leben holt.]
„Sie hatten nie aufgehört, aneinandergerollt ihren Mittagsschlaf zu machen, dabei hätten Polina und Hannes unähnlicher kaum sein können, was allerdings niemanden störte – was niemand in diesem Moor auch nur bedachte, Hannes lauschte vorsichtig in die Welt hinein wie in eine dunkle Höhle, in der Ungeheuer lauern.“
Polina: Die wilde, rebellische Tochter von Güneş, ein freigeistiges, unkonventionelles Mädchen, das Sehnsucht und Unabhängigkeit verkörpert. Benannt nach Dostojewskis Figur in „Der Spieler“, bleibt sie oft im Hintergrund, wirkt aber dennoch faszinierend.
„Zwei Jahre lang hatte sie kaum den Antrieb gefunden, ihr Bett zu verlassen. Sie hatte sich über nichts freuen können, über keine Blume, keine Musik, kein Babylachen. Sie hatte nur über dem schwarzen Puzzle ihres Lebens gegrübelt, über die fehlenden Teile, von denen eins Hannes Prager war.
Fritzi Prager: Hannes’ Mutter, eine tatkräftige Reinigungskraft bei Netto, die aus einem gewalttätigen Elternhaus stammt und Jura studieren will. Sie zieht allein von Hannover nach Italien und schafft für ihre Familie einen Ort der Akzeptanz.
„Sie hoffte, sie würde noch einmal in sein Gesicht blicken dürfen, noch einmal für ihn kochen, noch einmal mit ihm zusammen durch die Windschutzscheibe des Jeeps den hellroten Abendhimmel sehen, aber sie wusste, sie würde jetzt gehen“
Güneş: Polinas türkischstämmige Mutter, ebenfalls Putzfrau bei Netto und Fritzis beste Freundin. Die beiden Frauen verbindet eine tiefe Freundschaft, die in den Babytagen ihrer Kinder wurzelt.
Nebenfiguren: Heinrich Hildebrand, der warmherzige Vermieter ergänzt das Ensemble mit Tiefe und Makeln, die Würger mit zärtlicher Präzision zeichnet.
Wer ist Takis Würger?
Takis Würger "Für Polina" (Rezension)
Takis Würger, geboren 1985, ist ein Schweizer Autor, der 2017 mit seinem Debütroman „Der Club“ die deutschsprachige Literaturszene eroberte. Sein Werk umfasst inzwischen fünf Romane, darunter historische Stoffe wie „Stella“. Mit „Für Polina“ (Diogenes Verlag, 2025, 294 Seiten) wendet er sich einem zeitgenössischen, musikalischen Liebesroman zu. Würger schreibt präzise und einfühlsam – knapp, sachlich, doch weich und feinsinnig. Er vermeidet Sentimentalität und zeichnet seine Figuren mit liebevoller Akribie, inklusive Ecken und Kanten. Seine Texte ziehen durch emotionale Zurückhaltung und eindringliche Szenen in den Bann.
Fazit und Kritik „Für Polina“
Während des Lesens stellte ich mir die Frage, berührt das Buch oder gleitet es in Kitsch ab? Aber das ist nicht die richtige Frage. Wichtig ist, brauchen wir in dieser unruhigen Zeit, ein emotionales Buch, das ein wenig Kitsch innehat?
„Für Polina“ ist ein modernes Märchen voller Musik und Magie, das mit leisen, tiefgehenden Emotionen überzeugt. Würgers klarer, ruhiger Stil passt perfekt zum schüchternen Helden. Seine Figuren berühren durch Authentizität und Tiefe. Das Ende wirkt stimmig – oder doch kitschig? Der Roman plädiert für ehrliches Miteinander und feiert Musik als Ausdruck von Liebe.
Doch trotz seiner Stärken birgt der Roman Kitschgefahr. Die idyllische Umgebung, die emotionale Kälte des Vaters – die kaum Einfluss auf die Handlung hat – und Polinas Klischee als Dreamgirl wirken teils überzogen. Manche Rezensenten kritisieren Sentimentalität und triviale Elemente, die Würger zwar geschickt umschifft, aber nicht immer auflöst. Die Handlung bleibt stellenweise vorhersehbar, und Nebenfiguren überstrahlen gelegentlich den Plot.
Eine Empfehlung für Leser, die Heilung und Harmonie suchen.
Bibliographie „Für Polina“ Takis Würger
"Für Polina" Takis Würger (Rezension)
Covermotiv: Gemälde von Jan Sluijters, "Portrait of a Girl", ca. 1938
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