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Veröffentlicht am 24.07.2026

Wenn das Paradies zur Drogenhölle wird

Heaven's Gate
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„Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender ist ein Hardboiled-Krimi und zugleich der Auftakt einer Reihe um den Ex-Profisurfer und Privatdetektiv Caruso. Auf der philippinischen Insel Surogao wollte Caruso nur ...

„Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender ist ein Hardboiled-Krimi und zugleich der Auftakt einer Reihe um den Ex-Profisurfer und Privatdetektiv Caruso. Auf der philippinischen Insel Surogao wollte Caruso nur noch surfen, trinken und seine Vergangenheit ertränken – doch die Realität ist teurer als der Rum. Der ehemalige deutsche Profisurfer und abgehalfterte Privatdetektiv steht tief in der Kreide, als eine betörende Spanierin ihn bittet, ihren verschwundenen Sohn zu finden.

Wenn das Paradies zur Drogenhölle wird: „Heaven’s Gate“
Inhalt / Zusammenfassung „Heaven’s Gate“
Im Zentrum von „Heaven’s Gate“ steht Caruso, ein ehemaliger deutscher Profisurfer, der sich auf der philippinischen Insel Surogao mehr schlecht als recht als Privatdetektiv durchschlägt. Von einem erfolgreichem Surfer, ist nur noch ein abgehalfterter Inseldetektiv übrig: verschuldet, zynisch, ständig kurz vor dem Absturz. Genau dieser Antiheld ist das Herz des Romans.

Der Plot folgt einer bewusst klassischen Hardboiled-Struktur: Eine schöne, geheimnisvolle Spanierin beauftragt Caruso, ihren verschwundenen Sohn Jean „John John“ zu finden – zunächst ein scheinbar überschaubarer Auftrag. Doch die Suche führt ihn tief hinein in ein Geflecht aus Drogenhandel, korrupten Politikern, Gangstern mit politischen Ambitionen und Polizisten, deren Loyalität längst käuflich ist. Caruso wird verprügelt, beinahe ertränkt, entführt und gefoltert; sein Leben ist bald „keinen Peso mehr wert“. Die Eskalation der Gewalt gehört zum Kern der Erzählung, ohne je in reine Effekthascherei abzurutsche

»Warum sitzt du in meinem Zimmer, während ich schlafe?«, fragte ich Yahoo. »Woher soll ich wissen, dass du bis mittags im Koma liegst? Hast du dich geprügelt?« »Keine Ahnung. Möglich.« »Mit dem Russen?« »Woher weißt du vom Russen?« »Weil die ganze Insel von ihm weiß. Angeblich hat er ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt.« »Shit. Das also auch noch. Und du bist hier, weil du mich warnen wolltest?«

Daniel Faßbender. Heavens Gate (Function). Kindle Edition.

Faßbender inszeniert Surogao gleichzeitig als Traumkulisse und Abgrund: perfekte Wellen, Strand und Surferflair stehen neben Armut, Perspektivlosigkeit, Drogenkriminalität und allgegenwärtiger Korruption. Der Kontrast „hardboiled unter gleißender Sonne“ macht den Reiz des Settings aus; wie Deutschlandfunk treffend bemerkt, knüpft der Roman damit an Traditionen von California- und Surf-Noir (etwa bei Charlotte Armstrong oder Don Winslow) an, ohne diese einfach zu kopieren.

Starke Atmosphäre: Tropische Inselkulisse trifft auf harte Krimihandlung. Lässiger, hardboiled Ton: Mehrere Rezensionen heben den desillusionierten, zynischen Ermittlertyp und den humorvoll-lässigen Erzählstil hervor.

Protagonisten
Besonderer Protagonist: Caruso ist kein klassischer Ermittler, sondern ein Surfer mit Schattenseiten und Vergangenheit. Besonders stark ist die Figurenbeziehung zu Dieter „Diego“ Mühle, dem Vater des verschwundenen Surfers: ein Ex-Knacki, Zuhälter und Drogenhändler der alten Schule, der als „Sidekick“ viel Reibung und Buddy-Witz in die Handlung bringt. Diego ist einerseits voll klassischer Macho- und Genre-Klischees, andererseits nutzt Faßbender ihn, um diese Klischees sichtbar zu machen und zu brechen – etwa, wenn Caruso dessen Sexismus explizit benennt. Damit reflektiert der Roman die Hardboiled-Tradition, statt sie unkritisch fortzuschreiben.

Sprache und Schreibstil
Sprachlich arbeitet Faßbender mit knappen, harten Sätzen, lakonischen Dialogen und viel Sarkasmus. Der Stil erzeugt Tempo und eine dichte, filmische Bildhaftigkeit; die Szenen stehen knapp umrissen, aber scharf vor Augen. Caruso als Erzählerfigur ist genau in diesem Ton verankert: lakonisch, ironisch, meist nur einen Drink oder einen Schlag davon entfernt, komplett aus der Kurve zu fliegen. Das macht ihn zum typischen Hardboiled-Antihelden, aber nicht zur bloßen Genre-Schablone.

»Zahl deine Schulden, Caruso! Oder verschwinde lieber ganz schnell, bevor meine Frau dich sieht.« Erst als ich meine offene Rechnung beglichen hatte, schenkte mir Arturo seine professionelle Surfer-Lockerheit und setzte sich mit einem Flaschenbier zu mir.

Daniel Faßbender. Heavens Gate (Function). Kindle Edition.

Erzähltechnisch bleibt Heaven’s Gate eng an der Hardboiled-Musterformel: der zu große Auftrag, das Labyrinth aus Täuschungen, das schmerzhafte Hineinstolpern in eine Dimension von Gewalt, die über Carusos Liga hinausgeht. Der SPIEGEL hebt hervor, dass diese Struktur „alles andere als originell“ ist – aber genau darin liegt ein bewusster Kunstgriff. Faßbender nimmt die klassische Form ernst und füllt sie mit einem neuen Schauplatz, einem zeitgenössischen politischen und sozialen Untergrund und einem spezifisch deutschen, surfgeprägten Blick.

Ángel saß reglos vor mir. Ein leichtes Zittern um den Mund herum, mehr spielte sich in ihrem Gesicht nicht ab. Sie sah mich an, als ahnte sie, dass ich ihr nicht die ganze Wahrheit sagte. Die Angelegenheit mochte zu groß für mich sein, aber das war es nicht, was mich daran hinderte, meinem ersten Impuls nachzugeben und ihr zu helfen.

Daniel Faßbender. Heavens Gate (Function). Kindle Edition.

Die Spannung entsteht weniger aus überraschenden Twists als aus Atmosphäre, Eskalation und existenzieller Zuspitzung: Caruso taumelt permanent an der Grenze zum Scheitern, mal diesseits, mal jenseits. Mehrere Rezensionen betonen, dass der Roman eher über seine stete Drucksteigerung, seine Figuren und sein Milieu funktioniert als über einzelne „Spannungsspitzen“. Heaven’s Gate steht klar in der Tradition des amerikanischen Hardboiled: Der Roman nennt selbst Dashiell Hammett und Jörg Fauser als Vorbilder, und hinter Fauser stehen wiederum Chandler und Hammett. Die zentrale Figur – abgehalfterter Privatdetektiv, Alkoholproblem, Auftrag einer verführerischen Frau, ein Fall, der zu groß ist – ist fast eine Lehrbuch-Konstellation des Genres.

Zu Daniel Faßbender
Der Autor lebt in Köln und war mit Heaven’s Gate Stipendiat des 1:1-Mentorings des Literaturbüros NRW und des Literaturhauses Bonn. Das Goethe-Institut bezeichnet das Buch als seinen zweiten Roman.

Fazit / Kritik „Heaven’s Gate“
Haven’s Gate von Daniel Faßbender ist ein sehr gelungenes Hardboiled-Debüt, das klassische Genre-Muster souverän nutzt und zugleich mit Surf noir vor tropischer Kulisse einen eigenen Ton findet. Es steht nicht zufällig auf Platz 1 der Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur – der Roman verbindet Härte, Atmosphäre und kluge Genre-Reflexion bemerkenswert stimmig.

Unterm Strich ist Heaven’s Gate ein atmosphärisch dichter, rauer Krimi, der mit Surfer-Flair, politischer Korruption, Drogenmilieu und ironischem Humor einen sehr eigenständigen Platz im deutschsprachigen Hardboiled einnimmt.

Heaven’s Gate steht klar in der Tradition des amerikanischen Hardboiled: Der Roman nennt selbst Dashiell Hammett und Jörg Fauser als Vorbilder, und hinter Fauser stehen wiederum Chandler und Hammett. Die zentrale Figur – abgehalfterter Privatdetektiv, Alkoholproblem, Auftrag einer verführerischen Frau, ein Fall, der zu groß ist – ist fast eine Lehrbuch-Konstellation des Genres.

Gleichzeitig handelt es sich um Surf noir: Wie bei Don Winslow oder Kem Nunn wird die Surferkultur als Zugang zu einem kriminellen Untergrund genutzt; die vermeintliche Freiheit des Wellenreitens kollidiert mit brutaler Realität von Drogenkartellen, korrupter Politik und Gewalt. Faßbender nutzt diesen Widerspruch – Trauminsel vs. Abgrund, Freiheit vs. Netz aus Korruption – als zentrale erzählerische Triebfeder. Im deutschsprachigen Kontext reiht sich der Roman ein in eine Linie von Hardboiled-Krimis mit starkem eigenem Ton, etwa Jörg Fausers „Schlangenmaul“.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars „Heaven’s Gate“.

Für meine Recherche arbeite ich mit der KI Perplexity.

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Veröffentlicht am 12.06.2026

Eine Ode an die Musik und an eine verlorene Liebe

Für Polina
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In Takis Würgers Roman Für Polina entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, getragen von einer Klaviermelodie, die über Jahrzehnte hinweg Seelen verbindet. Zwischen Idylle, Sehnsucht und leisen Konflikten ...


In Takis Würgers Roman Für Polina entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, getragen von einer Klaviermelodie, die über Jahrzehnte hinweg Seelen verbindet. Zwischen Idylle, Sehnsucht und leisen Konflikten entsteht ein Plädoyer für Authentizität und die heilende Kraft der Musik. Ein gelungener Liebesroman – oder doch Kitsch?

Inhalt / Zusammenfassung „Für Polina“
„Für Polina“ erzählt eine melancholische Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte, die sich über drei Jahrzehnte erstreckt. Der schüchterne Pianist Hannes Prager verliebt sich als Jugendlicher in Polina, komponiert für sie eine einzigartige Melodie und verliert sie aus den Augen. Jahre später, von innerer Leere gequält, sucht er sie mit dieser Komposition wieder. Der Roman verwebt Heilung, Hoffnung und Harmonie, durchzogen von der Magie der Musik.

Worum geht es in „Für Polina“?
Der Roman zeigt, wie Musik Menschen verbindet und verändert. Hannes, ein begnadeter Klavierspieler, schenkt Polina mit 14 Jahren eine Melodie, die ihr tiefstes Sehnen einfängt. Doch ein Bruch – Hannes hört auf zu spielen – trennt ihre Wege. Jahre später erkennt er, dass nur diese Melodie Polina erreichen kann. Würger entwirft eine kleine Utopie, in der Figuren wie die alleinerziehenden Mütter Fritzi und Güneş sowie der Vermieter Heinrich Hildebrand eine Oase der Ehrlichkeit schaffen. Themen wie verpasste Chancen, Ängste, familiäre Wunden und die Suche nach Verbindung prägen die Geschichte, stets begleitet von Klängen, die wie unvollendete Stücke wirken.

Die Protagonisten in „Für Polina“
Hannes Prager: Der schweigsame, schüchterne Protagonist, ein Klavierwunderkind aus einer alten Villa bei Hannover. Als Säugling kuschelt er mit Polina, als Teenager verliebt er sich hoffnungslos und komponiert seine erste Sonate für sie. Später kämpft er mit emotionaler Kälte und innerer Leere, bis die Musik ihn zurück ins Leben holt.]

„Sie hatten nie aufgehört, aneinandergerollt ihren Mittagsschlaf zu machen, dabei hätten Polina und Hannes unähnlicher kaum sein können, was allerdings niemanden störte – was niemand in diesem Moor auch nur bedachte, Hannes lauschte vorsichtig in die Welt hinein wie in eine dunkle Höhle, in der Ungeheuer lauern.“

Polina: Die wilde, rebellische Tochter von Güneş, ein freigeistiges, unkonventionelles Mädchen, das Sehnsucht und Unabhängigkeit verkörpert. Benannt nach Dostojewskis Figur in „Der Spieler“, bleibt sie oft im Hintergrund, wirkt aber dennoch faszinierend.

„Zwei Jahre lang hatte sie kaum den Antrieb gefunden, ihr Bett zu verlassen. Sie hatte sich über nichts freuen können, über keine Blume, keine Musik, kein Babylachen. Sie hatte nur über dem schwarzen Puzzle ihres Lebens gegrübelt, über die fehlenden Teile, von denen eins Hannes Prager war.

Fritzi Prager: Hannes’ Mutter, eine tatkräftige Reinigungskraft bei Netto, die aus einem gewalttätigen Elternhaus stammt und Jura studieren will. Sie zieht allein von Hannover nach Italien und schafft für ihre Familie einen Ort der Akzeptanz.

„Sie hoffte, sie würde noch einmal in sein Gesicht blicken dürfen, noch einmal für ihn kochen, noch einmal mit ihm zusammen durch die Windschutzscheibe des Jeeps den hellroten Abendhimmel sehen, aber sie wusste, sie würde jetzt gehen“

Güneş: Polinas türkischstämmige Mutter, ebenfalls Putzfrau bei Netto und Fritzis beste Freundin. Die beiden Frauen verbindet eine tiefe Freundschaft, die in den Babytagen ihrer Kinder wurzelt.

Nebenfiguren: Heinrich Hildebrand, der warmherzige Vermieter ergänzt das Ensemble mit Tiefe und Makeln, die Würger mit zärtlicher Präzision zeichnet.

Wer ist Takis Würger?
Takis Würger "Für Polina" (Rezension)
Takis Würger, geboren 1985, ist ein Schweizer Autor, der 2017 mit seinem Debütroman „Der Club“ die deutschsprachige Literaturszene eroberte. Sein Werk umfasst inzwischen fünf Romane, darunter historische Stoffe wie „Stella“. Mit „Für Polina“ (Diogenes Verlag, 2025, 294 Seiten) wendet er sich einem zeitgenössischen, musikalischen Liebesroman zu. Würger schreibt präzise und einfühlsam – knapp, sachlich, doch weich und feinsinnig. Er vermeidet Sentimentalität und zeichnet seine Figuren mit liebevoller Akribie, inklusive Ecken und Kanten. Seine Texte ziehen durch emotionale Zurückhaltung und eindringliche Szenen in den Bann.

Fazit und Kritik „Für Polina“
Während des Lesens stellte ich mir die Frage, berührt das Buch oder gleitet es in Kitsch ab? Aber das ist nicht die richtige Frage. Wichtig ist, brauchen wir in dieser unruhigen Zeit, ein emotionales Buch, das ein wenig Kitsch innehat?

„Für Polina“ ist ein modernes Märchen voller Musik und Magie, das mit leisen, tiefgehenden Emotionen überzeugt. Würgers klarer, ruhiger Stil passt perfekt zum schüchternen Helden. Seine Figuren berühren durch Authentizität und Tiefe. Das Ende wirkt stimmig – oder doch kitschig? Der Roman plädiert für ehrliches Miteinander und feiert Musik als Ausdruck von Liebe.

Doch trotz seiner Stärken birgt der Roman Kitschgefahr. Die idyllische Umgebung, die emotionale Kälte des Vaters – die kaum Einfluss auf die Handlung hat – und Polinas Klischee als Dreamgirl wirken teils überzogen. Manche Rezensenten kritisieren Sentimentalität und triviale Elemente, die Würger zwar geschickt umschifft, aber nicht immer auflöst. Die Handlung bleibt stellenweise vorhersehbar, und Nebenfiguren überstrahlen gelegentlich den Plot.

Eine Empfehlung für Leser, die Heilung und Harmonie suchen.

Bibliographie „Für Polina“ Takis Würger
"Für Polina" Takis Würger (Rezension)
Covermotiv: Gemälde von Jan Sluijters, "Portrait of a Girl", ca. 1938
Copyright 2025, ProLitteris, Zurich

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Veröffentlicht am 26.05.2026

Eine Odyssee von Herkunft und Schicksal

Königin Esther
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In John Irvings neuem Roman „Königin Esther“ verschmelzen Familiendrama, jüdische Geschichte und typische Irving-Eskapaden zu einer fesselnden Reise von Neuengland nach Wien und Israel. Jimmy sucht seine ...


In John Irvings neuem Roman „Königin Esther“ verschmelzen Familiendrama, jüdische Geschichte und typische Irving-Eskapaden zu einer fesselnden Reise von Neuengland nach Wien und Israel. Jimmy sucht seine mysteriöse Mutter Esther – doch wer ist die Frau, die als Leihmutter agiert und später zum Mythos wird? Ein Spätwerk voller Wendungen, das Themen wie Abtreibung und Identität mit Ironie und Tiefe beleuchtet.

Inhalt/Zusammenfassung „Königin Esther“
„Königin Esther“ erzählt von der Familie Winslow, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Neuengland lebt und Waisenkinder adoptiert. Im Zentrum steht Esther Nacht, eine jüdische Waise aus dem Waisenhaus St. Cloud’s (bekannt aus Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“), die als Kindermädchen bei den Winslows arbeitet. Sie schließt einen Pakt mit der jüngsten Tochter Honor: Esther lässt sich schwängern, gebärt Jimmy und verschwindet dann nach Wien und Israel. Der junge Jimmy, Adoptivsohn der Winslows und leiblicher Sohn von Esther, reist in den 1960er-Jahren nach Wien, um auf Honors Wunsch ein Kind zu zeugen und Spuren seiner Herkunft zu finden. Die Handlung spannt sich über Jahrzehnte, verbindet Familiengeschichten mit der Gründung Israels und endet mit einem Treffen in Israel.

Worum geht es wirklich in „Königin Esther“?
Der Roman dreht sich um Herkunft, Identität und familiäre Bindungen. Irving webt eine komplexe Erzählung, in der Esther als abwesende, mythische Figur wirkt – inspiriert von der biblischen Königin Esther. Esther trägt für Honor ein Kind aus. Jimmy begibt sich später auf eine „Irrfahrt“ nach Wien, wo er in einer WG mit der lesbischen Jolanda und dem schüchternen Claude lebt und seine Mission erfüllt. Rückblenden enthüllen Esthers Schicksal: Als Jüdin, deren Eltern aus Europa flohen und deren Mutter in Portland von Antisemiten ermordet wurde, sucht sie ihre Wurzeln. Irving verknüpft dies mit Querverweisen zu seinen früheren Werken und reflektiert über Antisemitismus, Zionismus und das 20. Jahrhundert.

Der Charakter von Esther: Mythos oder Mensch?
Esther Nacht ist die titelgebende geheime Heldin, eine rätselhafte Abwesenheit, die den Roman antreibt. Als 14-Jährige lässt sie sich aus „Jane Eyre“ den Satz „Je einsamer ich bin, je weniger Freunde ich habe, je weniger man mir hilft, desto mehr will ich mich selbst achten“ tätowieren – ein Symbol ihrer Unabhängigkeit und inneren Stärke. Das Zitat „Mich kümmert’s“ fängt Irvings typische provokative Haltung ein. Es stammt aus Esthers rebellischer Jugend, vielleicht im Kontext ihrer Entscheidung für das Tätowieren oder den Leihmutterschaftspakt – ein Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen und gesellschaftlichem Druck. Es unterstreicht ihre Unabhängigkeit: Trotz Einsamkeit und Verlusten kümmert sie nur ihr Selbstwert. Eine trotzige Antwort auf Ablehnung, die durch den Roman hallt und auch Jimmys Suche begleitet. Geboren in Wien, Waise, pflegt sie Honor wie eine Schwester, opfert sich als Leihmutter und zieht dann in die Welt: Wien, Haifa, Israel, wo sie für den Geheimdienst arbeitet. Sie bleibt „merkwürdig abwesend“, ein Zentrum der Lücke, das durch Briefe und Erinnerungen wirkt – weniger konkrete Person, mehr mythische Kraft, die Familie und Geschichte beeinflusst. Kritiker sehen in ihr eine „zionistische Kämpferin“, die als Racheengel Israel verteidigt.

Falls Esthers ständig wechselnde Anschriften etwas zu bedeuten hatten, so behielt sie das für sich. John Irving. Königin Esther (Function). Kindle Edition.1951 lautete die Anschrift für eine Weile HaYarkon-Straße in Tel Aviv; ursprünglich hatte sich dort das Büro des Mossad befunden. »Das könnte auch Zufall sein«, sagte Isaac Drucker nur. Später zog das Hauptquartier des Mossad in die Büros des Ministeriums in Sarona, das Esther die Kirya nannte; es hätte auch Zufall sein können, dass Esther dort ebenfalls eine Anschrift hatte.

John Irving. Königin Esther (Function). Kindle Edition.

Jimmy Winsl0w – „Königin Esther“
Jimmy Winslow verkörpert die unbeholfene Jugend. Als Student in den 1960ern reist er nach Wien, um Vater zu werden – eine skurrile Mission, um einer Einberufung zum Vietnamkrieg zu entgehen, wie Honor andeutet. Unbeholfen, neugierig und literaturliebend, taucht er in das Wien der 60er ein: voller Geheimnisse, Versuchungen und seiner WG mit exzentrischen Freunden. Jimmy sucht nicht nur seine Mutter Esther, sondern seine Identität inmitten von „großen Gefühlen und unglaublichen Wendungen“. Er wird Vater einer Tochter mit zwei Müttern, bleibt aber geprägt von der Abwesenheit Esthers, die aus Israel schützend wirkt. Seine Reise endet in einem symbolträchtigen Treffen mit Esther – ein Höhepunkt tragikomischer Irving-typischer Entwicklung.

Die Figuren sind typisch Irving: skurril, liebenswert, tragikomisch. Constance und Thomas Winslow – sie Bibliothekarin, er kleiner Dickens-Fan – bauen eine Tugend-familiäre Idylle mit Töchtern (nach Tugenden benannt) und adoptierten Kindermädchen. Honor, seelenverwandt mit Esther, betreut Jimmys Mission. Nebenfiguren wie Jolanda (lesbisch, unterstützend), Claude (schüchtern) und Frau Holzinger bereichern die WG-Chaos. Alle wachsen dem Leser ans Herz durch „Verschrobenheiten“ – Tätowierungen, Pakte, Irrfahrten.

Sprache und Stil in „Königin Esther“:
Irving’s Sprache ist ein Meisterwerk: langsam, vielstimmig, ironisch, mit glänzenden Dialogen und dickensschem Flair. Er „zieht in ein soziales Gewebe“, baut Atmosphäre durch Alltagsgespräche, Vorurteile und Eigentümlichkeiten auf – kein klassischer Plot, sondern Ton und Haltung. Rückblenden und Querverweise (z.B. zu Dickens, Balzac, Grass) changieren elegant. Wien der 60er lebt durch Geheimnisse, Neuengland durch familiäre Wärme. Kritiker loben die „große Erzählkunst“, die Figuren ans Herz wachsen lässt.

"Königin Esther" John Irving (Rezension)
Fazit/Kritik „Königin Esther“
Irving greift sein Lieblingsthema Schwangerschaftsabbruch auf, verknüpft mit dem Waisenhaus St. Cloud’s und Dr. Larch (aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“). Esthers Leihmutterschaft als Gegensatz zu Abtreibung als Wahl: Sie gebärt freiwillig für Honor, statt zu unterbrechen. Es geht um Frauenrechte, Verantwortung und Konsequenzen – politisch aufgeladen, wie Honors kryptische Einberufungs-Vermeidung via Vaterschaft zeigt. Im Kontext von Antisemitismus und Israel-Gründung wird Abtreibung subtil als Freiheit thematisiert.

Irving entwickelt faszinierende Figuren. Manchmal überladen mit Symbolik (Happy-End „mit Brechstange“). Ein Buch, das ideal für Fans ist. Ich lese Irving sehr gerne, weil man, wenn man sich darauf einlässt, in weitere Stufen des Romans eintauchen kann. Die Romane von Irving sind ein Füllhorn der Symbole aus Geschichte, Philosophie und Gegenwart. Gleichzeitig schafft Irving eine eigene Welt, indem er auf andere seiner Bücher Bezug nimmt. Ich liebe es!

Eine eindringliche Leseempfehlung!

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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Veröffentlicht am 26.05.2026

Wenn das Offensichtliche zum Albtraum wird

Die Elefanten
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Elefanten erobern die Stadt, doch niemand beachtet sie. Sasha Filipenkos satirischer Roman „Die Elefanten“ entlarvt unsere Verdrängung. Pawel kämpft gegen das Unsichtbare: Humor trifft Politik. Warum ich ...

Elefanten erobern die Stadt, doch niemand beachtet sie. Sasha Filipenkos satirischer Roman „Die Elefanten“ entlarvt unsere Verdrängung. Pawel kämpft gegen das Unsichtbare: Humor trifft Politik. Warum ich empfehle, es zu lesen!

Wenn das Offensichtliche zum Albtraum wird
Inhalt/Zusammenfassung „Die Elefanten“ –
Plötzlich tauchen Elefanten in der Stadt auf – sie blockieren Straßen, Plätze und dringen in Häuser ein. Doch die Menschen ignorieren sie hartnäckig. Nur der Stand-up-Comedian Pawel bricht das Schweigen: Von der Bühne aus fordert er die Menschen auf, die Realität zu sehen. Das kostet ihn fast alles – sein Leben, seine Freiheit und seine Liebe zu Anna, der Tochter eines berühmten Schriftstellers, die besessen Kreuzworträtsel löst (und eines im Roman knackt). Als die Unglücksfälle zunehmen, wird Pawel zum Sündenbock.

Worum geht es wirklich?
Auf den ersten Blick ist „Die Elefanten“ eine Parabel über Verdrängung: Der „Elefant im Raum“ wird hier wörtlich genommen. Diese massiven Tiere blockieren den Alltag, doch niemand reagiert – weder mit Panik noch mit Neugier. Filipenko nutzt reale Elefantenfakten (Trauerrituale, Herdendemokratie, Nachtragendheit), um menschliches Verhalten zu sezieren. Im Zentrum steht Pawel, ein zynischer Comedian, dessen Auftritte mit Elefanten auf der Bühne zum Akt des Widerstands werden. Ihm gegenüber: Anna, die Rätsellöserin, und ihr Vater, ein Autor, der lieber fiktive Ideen spinnt, als hinzuschauen. Eingestreut sind Kommentare und ein lösbares Kreuzworträtsel, das die Themen verdichtet.

Es geht um Kompromisse: Kleine Zugeständnisse an das Absurde – Schweigen aus Bequemlichkeit – ebnen den Weg für Katastrophen. Filipenko kontrastiert Elefantenintelligenz mit menschlicher Dummheit und zeigt, wie Ignoranz zu Entmenschlichung führt.

Nashörner reloaded: „Die Elefanten“ im Vergleich zu Ionesco
Im dekoder-Interview (Meduza/dekoder. org, 2024/2025, übersetzt von Ruth Altenhofer) enthüllt Filipenko seine Schreibweise. Er recherchierte mit Dompteuren und Tierpsychologen, um Elefanten als Metapher zu schärfen: „Sie trauern, wählen fair und sind nachtragend – im Gegensatz zu uns Menschen. “ Eine Telegram-Umfrage („Was tust du mit einem Elefanten im Zimmer? “) inspirierte satirische Antworten wie „Ihn waschen“. Filipenko betont: „Kleine Kompromisse bauen Regime auf. “

Aus seiner Exil-Erfahrung (seit den Minsk-Protesten 2020 als „extremistisch“ eingestuft) plädiert er für Literatur als Therapie: „Häftlinge schreiben mir – sie heilt Einzelne, nicht Massen. “ Humor sei Überlebensstrategie: „In Moskau zynisch, aber lebenswichtig. “ Ohne das Buch zu verraten, unterstreicht das Interview Filipenkos Agenda: Unbequeme Wahrheit ohne Pathos, inspiriert vom Ukraine-Krieg und Belarus. Es macht Die Elefanten greifbarer – ein Autor, der nicht verstummt.

Politische Metaphern und Ionesco-Bezug:
Filipenko interpretiert Eugène Ionescos Nashörner (1959) neu: Dort verwandeln sich Menschen in Nashörner (Konformismus, Faschisierung). Hier erscheinen Elefanten als reale Symbole für Kriege, Unterdrückung und Krisen, die alle ignorieren. Er nennt es „Ionescos Erbe“ – unbequem, weil es uns meint (Zehnder-Rezension). Das russische Wort Slon (Elefant) ist zentral: Es erklärt alles – von Alltagsverdrängung bis Systemversagen. Filipenko betont: Kleine Kompromisse (z. B. Schweigen) bauen Diktaturen auf. Inspiriert von Belarus (Lukashenko) und Russland (Ukraine-Krieg).

Figuren im Detail – „Die Elefanten“
Pawel ist kein Superheld – ängstlich, impulsiv, kompromisslos. Seine Schwächen machen ihn greifbar, nicht heldenhaft perfekt. Kein „Auserwählter“-Klischee. Pawel als Comedian sticht heraus – Witze als Waffe gegen Elefanten-Chaos. Sein Humor ist nicht nur Waffe sondern auch ein Fluch. Er performt mit einem Elefanten auf der Bühne – riskiert Leben, Freiheit und Liebe. Filipenko: „Er behält Menschlichkeit durch Lachen. “

Filipenkos Figuren sind Meisterstücke – basierend auf Schreib-Tipps. Hier, wie er sie lebendig macht: Anna? Obsessive Rätsel-Löserin, Tochter eines Illusionisten. An Grenzen bringen: Jede Figur scheitert spektakulär – Leser denkt: „Die schaffen das nie! “ – doch Filipenko dreht es clever um. Interaktionen mit Anderen: Pawel kollidiert mit Anna (Liebe vs. Ignoranz), Vater (Intellekt vs. Realität). Beziehungen formen sie – Konflikte entfalten Tiefe.

Gemeinsamkeiten mit Ionescos Nashörnern
Filipenkos Roman ist eine Hommage an Eugène Ionescos Nashörner (1959). Bei Ionesco verwandeln sich Menschen in Nashörner – Symbol für Konformismus und Faschisierung. Der „Held“ Bérenger bleibt als Letzter menschlich. Filipenko dreht es um: Keine Verwandlung, sondern Ignoranz. Elefanten erscheinen real, werden aber ignoriert – eine Steigerung des Absurden. Pawel entspricht Bérenger: Der Comedian leistet Widerstand, verliert alles (Verhaftung, Folter, Prozess). Der YouTube-Talk „Ionescos Erbe“ nennt es „Nashörner neu geschrieben – und meint uns“. Filipenko vermeidet Schwarz-Weiß: Subtiler, mit Tierfakten und Humor. Beide kritisieren Verdrängung, doch Filipenkos Version passt zur Putin-Ära: Innere Verrohung statt äußerer Mutation. Perfekte Ergänzung für Ionesco-Leser.

Politisch aufgeladen, ohne didaktisch zu wirken, spiegelt der Roman autoritäre Systeme wider, in denen Dissens teuer erkauft wird. Der Humor bleibt trocken-belarussisch: Pawels Witze sind scharf, die Absurdität entspricht Ionesco. Und doch am Ende subtiler als bei Ionesco – keine physische Verwandlung, sondern innere Verrohung. Ein Roman, der lacht, bis es wehtut, und fragt: Was ignorierst du?

„Das Geschenk“ Gaea Schröter
„Das Geschenk“ von Gaea Schoeters ist eine kurze, sehr pointierte Politsatire (ca. 144 Seiten, Zsolnay 2025), die ein bewusst absurdes Szenario entwirft, um über Migration, Postkolonialismus und europäische Politik zu sprechen.

In Deutschland tauchen plötzlich überall Elefanten auf – in Berlin, in den Städten, mitten im Alltag. Bald wird klar: Sie sind nicht aus dem Zoo entlaufen, sondern ein „Geschenk“ des Präsidenten von Botswana. Hintergrund: Deutschland hat ein Einfuhrverbot für Jagdtrophäen beschlossen. In Botswana breiten sich dadurch die Elefanten massiv aus, gefährden die Lebensgrundlage armer Regionen – also schickt der Präsident 20.000 Elefanten nach Deutschland zurück.

Die Tiere richten Chaos an, es gibt Unfälle, Kosten, Konflikte. Die Bundesregierung muss reagieren: Es entsteht ein Elefantenministerium, es werden Quoten für Bundesländer festgelegt, Behörden, Länder und Parteien streiten. Gleichzeitig versuchen Populisten, aus der „Elefantenkrise“ politisches Kapital zu schlagen („Der Elefant gehört zu Deutschland“ ist eine der satirischen Pointen).

Sasha Filipenko
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Sasha Filipenko (1984, Minsk), auf Russisch schreibend, ist Exil-Star: Nach Rote Kreuze (Spiegel-Bestseller 2020) und Der Schatten einer offenen Tür (2024, Krimi über Waisenkinder-Suizide in russischem Nirgendwo) festigt „Die Elefanten“ seinen Ruf. Perlentaucher hebt die „böse Politsatire“ hervor, Zehnder nennt es „Buch der Woche“. Kritik: Manche finden es „zu subtil“ (kein Paukenschlag-Ende), andere loben genau das – psychologische Tiefe statt Sensationalismus. Filipenkos Stärke: Nuancen (keine Plakate), belarussisch-russischer Zynismus. Schwäche? Für Unkenner Ionescos weniger zugänglich. Die Satire ist zeitlos aktuell, wie Gaea Schoeters „Das Geschenk“. Ein Fest für Satire-Fans!

Eugène Ionesco
Eugène Ionesco (
1909 in Slatina, Rumänien; †1994 in Paris) war einer der bedeutendsten Dramatiker der Nachkriegszeit und eine Schlüsselfigur des „absurden Theaters“. Als Kind lebte er sowohl in Rumänien als auch in Frankreich, schrieb aber seine wichtigsten Werke auf Französisch und nahm 1950 die französische Staatsbürgerschaft an.

Berühmt wurde er mit Stücken wie „Die kahle Sängerin“ („La Cantatrice chauve“), „Die Stühle“ („Les Chaises“) und „Die Nashörner“ („Rhinocéros“). In ihnen entlarvt er mit grotesken Situationen, Sprachspielen und scheinbar sinnlosen Dialogen die Leere bürgerlicher Konventionen, die Manipulierbarkeit von Menschen und die Gefahren totalitärer Ideologien.

Ionescos Theater ist komisch und verstörend zugleich: Hinter dem absurden Humor steht stets eine existenzielle, oft politische Aussage. Ab den 1960er-Jahren wurde er international gefeiert, in die Académie française aufgenommen und bis heute weltweit gespielt und gelesen.

Kritik
Sasha Filipenko ist nie einfach zu lesen. Die Szenen der Entmenschlichung sind böse und schwer zu ertragen. Aber das ist vielleicht das Besondere an Filipenko: Er erzählt uns nicht, wie böse es in seiner Heimat zugeht, sondern er lässt es uns fühlen.

„Die Elefanten“ beißt zu – witzig, scharf, notwendig. Filipenko zeigt: Ignoranz ist der wahre Horror. Ich kann nur noch empfehlen: Kauft es, lest es, redet drüber. Nur so kann man verhindern, dass der Elefant zu dir kommt.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf unser Wiesbadener Literaturfestival „Ins Offene 6“ hinweisen. Hier ist Sasha Filipenko mit seinem Buch „Die Elefanten“ am 24. Juni 2026 zu Gast.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Ein Abenteuer ohne Happyend

»Wir haben es nicht gut gemacht.«
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„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg ...

„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch unter Verschluss. Jetzt offenbaren sie die zerstörerische Ambivalenz einer der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur – und räumen mit hartnäckigen Mythen auf. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag und Piper Verlag, 2022.

Ein Abenteuer ohne Happy End
Kurze Vita: Ingeborg Bachmann (15. Juni 1926 – 1973)
Die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann war eine Ikone der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. 1952 nimmt Bachmann das erste Mal an einer Tagung der Gruppe 47 teil. Ihr Lyrikdebüt „Die gestundete Zeit“erschien 1953 in Alfred Anderschs Buchreihe „Studio Frankfurt“. Es folgte u. a. der Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ erscheint 1956. Bachmann wird Autorin des Piper Verlags. 1958 kamen Hörspiele wie „Der gute Gott von Manhattan“. 1962 beginnt die Autorin mit einer Arbeit, aus der sich das unvollendete „Todesarten-Projekt“ entwickelt.

1971 erschien ihr Roman „Malina“ beim Suhrkamp Verlag.

Bachmanns Themen sind:
– Sprache und Macht
– patriarchale Gewalt
– Nachwirkungen des Faschismus
– weibliche Subjektivität und Verletzbarkeit.

Kurze Vita: Max Frisch, (15. Mai 1911– 4. April 1991)
Der Schweizer Romancier und Dramatiker hat folgende Werke geschrieben: „Stiller“, „Homo Faber“, „Biedermann und die Brandstifter“, „Andorra“, „Mein Name sei Gantenbein“ und einige bedeutende Tagebücher.
Seine Themen sind: Identität und Rolle, Moral und Verantwortung, Privatleben versus Öffentlichkeit.
Frisch wird weltweit rezipiert. Seine Werke prägen bis heute das Nachdenken über Erzählen und Selbstentwurf. Zur ausführlichen Vita Max Frisch.

Wie es zum Buch „Wir haben es nicht gut gemacht“ kam
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch war lange Zeit ein Geheimnis der deutschsprachigen Literaturwelt. Bachmann selbst hatte ihre Briefe vernichtet; Frisch jedoch fertigte Durchschläge und Abschriften an, deren Sperrung erst 2011 aufgehoben wurde.

Der Band versammelt den überlieferten Briefwechsel aus den Jahren ihrer Beziehung, von den späten 1950er bis zu den frühe 1960er. Die Briefe werden ergänzt durch Karten und Telegramme, soweit sie vorhanden sind.

Grundlage sind die Nachlässe und Archive (u. a. Ingeborg-Bachmann-Archiv und Max-Frisch-Archiv); nach jahrzehntelanger Sperrfrist und editorischer Aufarbeitung wurden die Briefe in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp und Piper veröffentlicht.

Der Titel – „Wir haben es nicht gut gemacht“ – zitiert die selbstkritische Bilanz einer Liebe, die an künstlerischen Ansprüchen, Eifersucht, Freiheitsbedürfnis und Rollenbildern zerbricht.

Die Publikation löste Debatten über literarischen Erkenntnisgewinn versus Intimsphäre aus – und macht zugleich sichtbar, wie nah sich Werk und Leben berühren.

Aufbau des Buches „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite, die Frau, sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wußte ich, trotzdem drängte es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen: Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.
Max Frisch, Montauk (1975).

Mit diesem Zitat aus beginnt das Buch, mit dem Briefwechsel. es sind 299 Briefe. Dann folgt der Kommentar von Thomas Strässler und Barbara Wiedemann, darauf 300 Seiten Stellenkommentare. Die Zeittafel gibt einen Blick auf die Beziehung frei. Am Schluss kommen das Abkürzungsverzeichnis mit Bibliografie, das Werkregister Bachmann und das Werkregister Frisch.

Inhalt / ZUSAMMENFASSUNG „Wir haben es nicht gut gemacht“
Die Briefe zeigen das Kennenlernen, die Anziehung und das Arbeitsbündnis. Die frühen Briefe kreisen um Sehnsucht, Reiserouten zwischen Rom, Zürich und Aufenthalten anderswo, und um gegenseitige Lektüre. Man spürt Bewunderung und das Versprechen, einander „Arbeitsruhe“ und Schutz zu geben.

Die Liebe zwischen Bachmann und Frisch entstand im Sommer 1958. Anfang Juni schrieb Bachmann den ersten Brief, in dem sie ihre Gefühle mit einer Bestimmtheit ausdrückte.

Es war Frisch, der sich dieser Liebe nach einem einzigen Pariser Treffen mit „Haut und Haar ergab“. Es zeigt sich ein komplexes, menschliches Bild zweier verletzlicher Menschen in einer Liebe, die nicht alltagstauglich ist.

„Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein.“

Die Korrespondenz zeigt auch den Alltag. Mit dem Zusammenleben mehren sich Briefe voller Organisation und Logistik. Im Focus stehen die Wohnungen, die Termine und Proben. Man erkennt aber auch verdeckte Machtspiele: Wer darf schreiben, wenn der andere Raum braucht? Wessen Werk hat Priorität?

Man kann zusehen, wie es zu Rissen in der Beziehung kommt. Eifersucht und die Angst, literarisch „verwendet“ zu werden, sind u. a. daran schuld. Dazu kommen Kränkungen durch Öffentlichkeit und Berufserfolg. Frischs nüchterner Selbstbericht steht Bachmanns verletzlicher, zugleich entschiedener Stimme gegenüber. Beide fordern vom Anderen und verfehlen sich.

Trennungsabsichten wurden ausgesprochen und im nächsten Moment untergraben. Entscheidungen wurden getroffen und kurz darauf widerrufen. Frisch schrieb:

„Ich fühle mit leiblicher Deutlichkeit, wie der Abschied, den ich verhängt habe, noch geleistet werden muss von mir.“

Bachmann antwortete:

„Sag mir, ob ich Dich ganz befreien soll von mir.“

Diese wechselnde Dynamik, in der beide ständig um gegenseitige Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe buhlten, während sie sich gegenseitig verletzten, prägt den gesamten Briefwechsel bis zur endgültigen Trennung.

Späte Schreiben protokollieren Entfremdung, Schuldfragen und Versuche, die Verbindung nicht in Bitterkeit enden zu lassen. Der Band zeigt, wie Erfahrungen im Werk der beiden sich niedergeschlagen haben (Bachmanns Malina/Todesarten, Frischs Prosatexte).

Wir haben es nicht gut gemacht - Briefwechsel Ingeborg Bachmann - Max Frisch - Rezension
Schreibstil und Ton „Wir haben es nicht gut gemacht“
Es sind zwei unverwechselbare Stimmen:
Ingeborg Bachmanns Briefe sind lyrisch verdichtet und sensibel mit feinen Untertönen – ein Tasten zwischen der Bitte um Nähe und Selbstschutz. Es sind elegante Sätze, die zugleich versteckt versuchen zu manipulieren.
Dagegen die Stimme von Max Frisch. Meist nüchtern und analytisch. Er kontrolliert den Ton, dabei ist er präzise, manchmal protokollarisch, mit plötzlichen Ausbrüchen von Zärtlichkeit oder Ironie.

Die Korrespondenz besteht aus langen Briefen, eilenden Zetteln und Telegramme bis zu Funkstille. Dieser Ablauf der Korrespondenz bildet die Beziehungskurve ab. Beide sprechen über das Schreiben unter Liebesbedingungen – über Aneignung, Fiktionalisierung, die Angst, im Text des anderen zu verschwinden.

Fazit/Kritik „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ein attraktiver Briefwechsel, eine stilistische Meisterschaft. Zwei Schriftsteller ersten Ranges kommunizieren miteinander und verfügen über alle psychologischen und sprachlichen Mittel, ihre Gefühle mit genauestens zu beschreiben. Die Briefe lesen sich stellenweise wie ein Roman – mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, allen Widersprüchen und Wunden, die echte Leidenschaft hinterlässt.

Der hervorragend kommentierte Briefwechsel „Wir haben es nicht gut gemacht“ ist weit mehr als eine Sensation aus der Literaturgeschichte. Er ist ein zeitloses Dokument menschlicher Verletzlichkeit, ein Zeugnis von zwei Menschen, deren Liebe ein Abenteuer war, das sie nicht bestanden – aber das sie „so ungeschützt und absolut“ verfolgten. Eine absolute Empfehlung für jeden, der verstehen möchte, wie Leben und Werk untrennbar verbunden sind.

Vor ein paar Jahren habe ich das Buch „Wir sagen uns Dunkles“ von Helmut Böttiger rezensiert. Darin geht es um die kurz aber sehr intensive Beziehung von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Wem „Wir haben es nicht gut gemacht“ gefällt, empfehle ich „Wir sagen uns Dunkles“.

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