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Veröffentlicht am 25.10.2020

Schöner Erzählstil - aber für mich zu grausam und zu lang

Der Halbbart
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Der Junge Sebi ist etwas 11 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Dorf in der Talschaft Schwyz. Es ist das frühe 14. Jahrhundert. Das Leben ist hart, anerkannt ist, wer stark ist und sich durchsetzen kann. ...

Der Junge Sebi ist etwas 11 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Dorf in der Talschaft Schwyz. Es ist das frühe 14. Jahrhundert. Das Leben ist hart, anerkannt ist, wer stark ist und sich durchsetzen kann. Sebi ist dafür kaum geeignet. Er ist ein sogenannter "Finnögel", ein zartes Kerlchen - weder fürs Kämpfen noch für die Feldarbeit zu gebrauchen. Er ist zwar sehr intelligent - genauso wie sein älterer Bruder Geni - aber das zählt in diesen Zeiten wenig. Schule gibt es nicht. Und Lesen und Schreiben können nur einige Mönche im Kloster Einsiedeln. Dort will er vielleicht mal hin - denn was soll er sonst machen? Doch dann kommt ein Fremder ins Dorf. Er hat ein verunstaltetes Gesicht und nur einen halben Bart - daher der Titel "Der Halbbart". Der Fremde macht sich bald als Ratgeber und Helfer bei medizinischen Dingen einen Namen. Und er wird für Sebi zu einer Art Vater-Ersatz. Denn sein eigener Vater ist früh gestorben und auch die Mutter wird bald das Zeitliche segnen. Sebi wird also durch viele Wechselfälle des Lebens gehen - und das alles, bis er ungefähr 14 ist. Diese Zeit erzählt das Buch bzw. Sebi erzählt. Seine Erzählweise ist lakonisch, auch humorvoll und voller Weisheiten. Manchmal schon fast zu viel Weisheiten für so einen jungen Kerl - aber Kindheit in dem Sinne gab es damals nicht. Kinder mussten helfen und arbeiten und ganz früh erwachsen werden.

Es war der Erzählton, der mich die ersten 300 Seiten durch das Buch getragen hat und mich berührt und begeistert hat. Doch danach wurden die Geschehnisse immer grausamer (abgetrennte Beine, Vergewaltigung, tote Babys im Kloster die im Schweinetrog entsorgt werden sollten usw.). Und ich hatte immer weniger Lust, weiter zu lesen. Immer wieder verschwanden lieb gewordene Personen. Und nicht so sehr viele Lichtstreife am Horizont. Sicherlich sind die Beschreibungen realistisch - das Mittelalter war eine grausame Zeit - aber irgendwann mochte ich es nicht mehr lesen. Der Zauber der Erzählkunst wirkte nicht mehr. Besonders betroffen haben mich die Machenschaften und die Scheinheiligkeit der Mönche und Äbte. Und die Bravheit der Dörfler, die mit Drohungen von Fegefeuer und Hölle in Schach gehalten wurden. Das war ja noch bis Anfang des letzten Jahrhunderts sehr verbreitet - auch in Deutschland. Ich erinnere mich noch an die Geschichten meiner Oma....

Nein, das Lesen ist mir dann schwergefallen. Wobei ich sagen muss, dass ich dem Autor großes Können, gute Recherchen und vor allem eine tolle Sprache attestieren muss. Menschen, die sich fürs Mittelalter interessieren, finden mit diesem Buch die ideale Lektüre.

Aber ich habe jetzt beschlossen: Nie mehr Mittelalter!

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Veröffentlicht am 19.09.2020

Gute Krimi-Unterhaltung - mit noch etwas Luft nach oben

Die Stille des letzten Tages
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Auf den ersten Blick wirken Titel und Titelbild nicht wie ein Krimi. Es ist aber einer. Ein spannender und gut geschriebener Krimi. Vielleicht war einiges doch zu vorhersehbar und einige Charaktere sind ...

Auf den ersten Blick wirken Titel und Titelbild nicht wie ein Krimi. Es ist aber einer. Ein spannender und gut geschriebener Krimi. Vielleicht war einiges doch zu vorhersehbar und einige Charaktere sind noch nicht so ganz ausgereift - aber ich habe das Buch gerne gelesen und werde bei Gelegenheit noch die anderen bisher erschienenen Krimis der Autorin lesen, bei denen wohl die gleichen Ermittler vorkommen.

Auch wenn ich ein klein wenig Angst vor der Handlung habe. Denn teilweise war es schon grausam. Es starben einige sehr nette Menschen - das fand ich etwas hart - für Fans von eher härteren Thrillern könnte das aber genau das Richtige sein - wobei es nicht so sehr blutrünstig wird. Aber es kommt viel Gewalt vor.

Es geht um einen toten Universitätsprofessor, der an einer einsamen Stelle an der Isar tot aufgefunden wird. Dann ist noch eine junge Mutter verschwunden, mit ihrer Tochter. Und der Vater des Kindes macht sich mehr als verdächtig. Der zuständige Ermittler, Dominik Steiner, hat noch mit einigen privaten Problemen zu kämpfen (was ihn jetzt nicht sooo sympathisch macht) und seine neue Assistentin ist ein wenig übereifrig (was zwar einerseits sympathisch aber andererseits auch unprofessionell ist) und die Psychologin Emma wird eher zufällig in die Ermittlungen involviert - trägt aber nicht unwesentlich zur Lösung bei.

Mich hat dieser Krimi gut unterhalten. Durch unterschiedliche Handlungs-Ebenen war es immer spannend und die Geschichten gingen mir auch nah. Insgesamt war es mir ein wenig zu düster - aber ich sehe da viel Potential und daher : Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.09.2020

Sprachlich gelungen - Inhaltlich war es mir dann doch zu wenig

Dieses schmale Stück Himmel über Paris
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Eine nicht mehr ganz junge Frau fährt alleine nach Paris. Sie will darüber nachdenken, ob sie in ihrer Ehe bleiben will. Sie streift durch die Straßen, besucht Freunde auf dem Land und in vielen Gedankengängen ...

Eine nicht mehr ganz junge Frau fährt alleine nach Paris. Sie will darüber nachdenken, ob sie in ihrer Ehe bleiben will. Sie streift durch die Straßen, besucht Freunde auf dem Land und in vielen Gedankengängen kommt sie zu Erkenntnissen.

Dieses Buch eignet sich gut für Leser, die an einem Wendepunkt im Leben stehen. Gehen oder bleiben? Etwas Neues oder das Alte weiterführen? Das Alte mit neuen Ideen weiterführen? Das sind die Fragen, die dieses schmale Buch behandelt. Es handelt sich fast ausschließlich um Gedanken und Gespräche. Durchaus anspruchsvoll geschrieben und mit Tiefgang. Trotzdem hat das Buch mich am Ende dann doch etwas unzufrieden zurückgelassen. So viele Gedanken - und so wenig Erkenntnis. So wenig für mich nachvollziehbare Erkenntnisse. Fand ich. Einige Leser mögen das anders sehen.

Ich mochte das Buch also - aber so hundertprozentig hat es mich nicht überzeugt. Trotzdem empfehle ich die Lektüre - denn diese vielen Gedanken, die Streifzüge durch Paris, das Wandern am Meer entlang, die Betrachtung der Beziehung der Freunde - das fand ich gut gelungen.

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Veröffentlicht am 25.08.2020

Beeindruckendes Debut - Coming-of-Age in einem sehr besonderen Stil

Am Rand der Dächer
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Das Buch beginnt Anfang der 90er Jahre in Berlin-Mitte. Nachwendezeit. Die Häuser sind oft noch verfallen, viele Wohnungen werden noch mit Kohle beheizt und die ersten Hausbesetzer tauchen auf. Das ist ...

Das Buch beginnt Anfang der 90er Jahre in Berlin-Mitte. Nachwendezeit. Die Häuser sind oft noch verfallen, viele Wohnungen werden noch mit Kohle beheizt und die ersten Hausbesetzer tauchen auf. Das ist die Welt von Simon und Andrej. Sie streifen durch ihr Viertel, von Spielplatz zu Bolzplatz und von verlassenen Plätze zu verwilderten Grundstücken. Oft ist auch Anton, der Bruder von Andrej dabei. Obwohl die Kinder anscheinend aus recht geordneten Verhältnissen kommen, haben sie doch viel Freiheit. Kein Vergleich zu heute, wo die Kinder in Berlin-Mitte und im angrenzenden Prenzlauer Berg (und auch anderswo) von ihren Helikopter-Eltern nicht aus den Augen gelassen werden. Damals war das anscheinend anders. Und so treiben sich die Jungs durch die Nachmittage und über die Jahre, oft am Rande der Dächer, die in den ersten Jahren noch nicht von Dachterrassen und Maisonette-Wohnungen belegt sind. Der Ausdruck "am Rande" weist schon darauf hin, dass der Grad schmal ist. Manches läuft aus dem Ruder - mal wird unabsichtlich ein Brand gelegt, mal zerplatzt durch eine Wasserbombe eine Windschutzscheibe und später wird Simon stolz darauf sein, dass er die Süßigkeiten und die Cola, die sie auf dem Dach trinken, jetzt "richtig" klaut. Ein Coming-of-age in einer besonderen Zeit und an einem besonderen Ort. In Berlin, wo sich Ost und West treffen und wo eine Gesellschaft sich neu finden muss - und wo die Kinder und Jugendlichen irgendwo dazwischen erwachsen werden.

Dieser Roman erzählt in einer sehr bildhaften und beschreibenden Sprache vom Heranwachsen, aus der Retrospektive. Denn so viele beschreibende Wort hätte Andrej in dem Alter noch gar nicht gehabt. Trotzdem taucht man als Leser tief in den Erlebnishorizont der Jungs ein. Der Autor "dehnt" die Zeit. Erzählt wird (fast) nur das, was die Jungs wirklich beeindruckt und bewegt. Die Zeit mit den Hausbesetzern, das Zimmer von Simon (so ein typisches Berliner Zimmer - riesengroß - aber mit nur einem Fenster zum Innenhof), das wandern von Dach zu Dach. All dies wird sehr bildhaft und ausufernd erzählt (ok, manchmal zu ausufernd). Die Rahmenhandlung bleibt schemenhaft. Über die Eltern wird verhältnismäßig wenig erzählt, die Schule wird kaum erwähnt - außer, als klar wird, das Simon es mal wieder nicht packt und wieder die Schule wechseln muss. Andrej ist da pragmatischer. Er fragt sich zwar auch, was die Schule soll - reiht sich aber ein. Das, was eine Kindheit und Jugend ausmacht, wird sehr eindringlich dargestellt - der Rest bleibt oft ein wenig im Nebel. Das macht die Erzählweise sehr besonders und bringt dem Leser viel Nähe zu den Jugendlichen. Allerdings brauchte ich persönlich einige Zeit, um diese Besonderheit zu bemerken und mich darauf einzustellen.

Sobald man sich als Leser darauf einlässt, liest man ein wunderbares und besonderes Buch.

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Veröffentlicht am 19.08.2020

Statt das Besondere im Alltäglichen nun das Alltägliche im Besonderen

Der letzte Satz
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Gustav Mahler tritt die letzte große Reise seines Lebens an. Über den Atlantik. Er ist krank und schwach und schaut aufs Meer und reflektiert sein Leben. Die Zeit an der Wiener Hofoper. Die Erfolge ...

Gustav Mahler tritt die letzte große Reise seines Lebens an. Über den Atlantik. Er ist krank und schwach und schaut aufs Meer und reflektiert sein Leben. Die Zeit an der Wiener Hofoper. Die Erfolge in New York. Seine immer schon schwache Gesundheit. Seine Liebe zu seiner Frau Alma. Die Trauer um seine älteste, früh verstorbene Tochter. Die Liebe zu seiner jüngsten Tochter, die mit auf der Reise ist. Genauso, wie seine Frau. Die wunderschöne und umschwärmte Alma, die wohl nur noch bei ihm ist, weil sie weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat.

Sehr komprimiert, in weniger als 150 Seiten, erzählt Robert Seethaler von den menschlichen Aspekten im Leben eines berühmten Komponisten und Dirigenten. Mich hat das Buch immerhin dazu gebracht, viel über Mahler nachzulesen. Und ich habe gemerkt, dass ich die Biografie von Alma Mahler-Werfel im Regal stehen habe, die ich bisher noch nicht gelesen hatte. So ganz gelesen habe ich sie noch immer nicht - dazu ist mein Verhältnis zu dieser Frau zu ambivalent. Als typische Frau meiner Generation denke ich: Warum hat sie sich immer an berühmte Männer angehängt, statt selbst etwas aus ihrem Leben zu machen? Allerdings wird im Buch schon deutlich, dass es für eine Frau zu dieser Zeit keine eigene Karriere gab. Alma Mahler-Werfel war zwar formal wohl nicht sonderlich gebildet - aber eine begabte Komponistin - aber sie musste zurückstecken - auch bei Gustav Mahler.

Dieses Buch von Robert Seethaler ist sehr schön geschrieben. Seethaler kann schreiben. Aber emotional hat mich dieses Buch kaum berührt. Ich mag wohl lieber die Bücher des Autors, die das Besondere im Leben von vermeintlich "einfachen" Menschen zeigen. Wie bei "Ein ganzes Leben" oder "Der Trafikant". Bei einem berühmten Menschen, der immer sich selbst in den Mittelpunkt gestellt hat und nun dahinsiecht hat sich dieses emotionale Gefühl der Nähe bei mir nicht eingestellt.

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