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Veröffentlicht am 20.04.2026

Eigentlich geht es gar nicht um Namen....

Die Namen
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Laut Titel geht es in diesem Roman darum, wie ein Name den Lebenslauf verändern kann. Doch das ist einfach nur falsche PR. Es geht eigentlich um Häusliche Gewalt und um Femizid und darum, wie ...

Laut Titel geht es in diesem Roman darum, wie ein Name den Lebenslauf verändern kann. Doch das ist einfach nur falsche PR. Es geht eigentlich um Häusliche Gewalt und um Femizid und darum, wie dies das Leben der Beteiligten = Opfer beeinflusst. Hier fehlte definitiv eine Triggerwarnung.

Es fängt damit an, dass eine junge Mutter ihren Sohn beim Standesamt anmelden soll. Der Ehemann und Vater will, dass der Junge Gordon heißt, wie er und sein Vater und alle (ziemlich ekelhaften) Väter davor. Die Mutter will das Kind Julian nennen und die große Schwester wünscht sich Bear, weil das gleichzeitig stark und knuddelig klingt.
Der Roman erzählt nun in Abständen von jeweils sieben Jahren den Lebensverlauf des Jungen und seiner Familie mit dem jeweiligen Namen, also eine Art Parallelverlauf.
Häusliche Gewalt bzw. deren Folgen sind immer Thema, unabhängig davon, welcher Namen gewählt wurde. Ausschlaggebend ist stets, wie die Ehefrau und Mutter mit dem Thema umgeht. Wie sie sich wehrt oder eben nicht, ob sie beim Mann bleibt oder oder....

In (fast) jedem Erzählstrang stirbt jemand, das war hart. Und auf jeden Fall leidet die Tochter, denn sie hat schon von Kindheit an die Situation in ihrem Elternhaus erlebt. Die Spannungen, die Erniedrigungen der Mutter, die Gewalt. Und auch der Junge verspürt das Unbehagen, auch wenn er in zweien der Erzählstränge nicht direkt betroffen ist. Die Mutter ist ein typischer, tragischer (und wohl realistischer) Fall: Sie erträgt und harrt aus und.... das war etwas, was ich nur schwer ertragen konnte. Da ich persönlich von diesem Thema nicht betroffen bin, fehlt mir einfach jedes Verständnis dafür, wieso Frauen das aushalten.

Die unterschiedlichen Erzählstränge verlangen ein wenig Konzentration, es ist sicher empfehlenswert, eine Tabelle mit den einzelnen Namen und den Ereignissen zu erstellen, dann bleibt es übersichtlicher. Grundsätzlich hat die Autorin die Stories jedoch im Griff. Die aktuellen Bezüge zwischendurch (Attentat in Paris. Covid) hätte es m.E. nicht unbedingt gebraucht, aber nun gut, brachte auch ein wenig Abwechslung und Spannung rein. Überhaupt, das Buch ist spannend, trotz des schwierigen Themas und es gibt zwischendurch auch viel Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt. Sonst wäre die Geschichte allerdings auch kaum auszuhalten.

Der Vater / Ehemann = Täter bekommt kaum Raum, was gut ist. Allerdings fand ich es dann umso unverständlicher, dass ihm der letzte Abschnitt gewidmet wurde. Genauso unverständlich fand ich, dass im "Gordon" Kapitel keiner direkt stirbt, bei Bear sogar zwei Personen (der zweite Todesfall war m.E. unnötig und bitte: WHY?) und bei Julian eine Person. Ein paar inhaltliche Schwächen gibt es also durchaus, die die Frage, was die Autorin uns sagen will, ein wenig unbeantwortet lassen.

Trotzdem: Ein lesenswertes Debut, sehr gut geschrieben, mit einigen inhaltlichen Schwächen.
Die fehlende Triggerwarnung laste ich jetzt mal dem Verlag an.
Ich habe extra "Da, wo ich dich sehen kann" von Jasmin Schreiber nicht gelesen, wegen Femizid. Dann landete ich bei diesem Roman .... Bedauert habe ich die Lektüre jedoch nicht und den Roman von Jasmin Schreiber werde ich wohl bei Gelegenheit auch noch lesen.

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Veröffentlicht am 05.04.2026

80er vibes at its best! Krimi eher so mittelspannend

Tainted Love
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Dieser Kriminalroman von Vincent Tal hat mich mit seinem Retro-Charme überzeugt! Sehr stimmungsvoll und mit vielen passenden Details werden die 1980er Jahre wieder lebendig.

1986, ein heißer Sommer in ...

Dieser Kriminalroman von Vincent Tal hat mich mit seinem Retro-Charme überzeugt! Sehr stimmungsvoll und mit vielen passenden Details werden die 1980er Jahre wieder lebendig.

1986, ein heißer Sommer in der deutschen Provinz. Nordhessen, die Gegend rund um Witzenhausen und Bad Sooden-Allendorf. Damals noch "Zonenrandgebiet" und entsprechend weit ab vom Schuss. Hier lebt Martin Ritter. Ursprünglich stammt er aus dem Ruhrgebiet, ist aber jetzt sehr glücklich mit seinem Job in der örtlichen Bibliothek und dem ruhigen Landleben. Seine Freundin Christine Lehmann arbeitet bei der örtlichen Zeitung und lebt im nahegelegenen Kassel. Kennengelernt haben sie sich vor einigen Jahren, als die kleine Tochter von Christines Freundin spurlos verschwand. Irgendwie liegt dieser ungeklärte Fall wie eine dunkle Wolke über ihrem Leben. Aber zunächst geht es in diesem Roman nicht darum, sondern um andere Dinge: Ein Autowrack wird aus einem See geborgen, der Inhaber des örtlichen Fotoladens verhält sich äußerst seltsam und in einem Haus, das Martin kaufen will, findet sich ein Fläschchen mit Gift. Und dann passiert: Erst mal quasi nichts. Der Sommer ist weiterhin heiß. Die Beziehung zwischen Martin und Christine in einer Art luftleerem Raum und da ist noch der unbekannte Vater von Martin, der im Krieg geblieben ist und über den er mehr wissen will.. also jede Menge angefangene Spuren. Aber nichts Konkretes. Die Auflösung kommt dann etwas überstürzt und hat mich persönlich jetzt nicht so ganz mitgerissen. Genossen habe ich aber das 80er Flair des Romans.

Der Kriminalfall entwickelt daher also gemächlich. Mich hat es nicht so sehr gestört, für Fans von blutigen Thrillern und rasanten Verfolgungsjagden sicher nicht das richtige Buch. Für alle, die sich noch an die Stimmung der 80er Jahre erinnern können, lohnt sich die Lektüre.

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Faszinierend und anders, als erwartet

Real Americans
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Was auf den ersten Blick wie eine American Novel über Klassenunterschiede in einer Beziehung aussieht, entpuppte sich als viel mehr: Die Suche nach der eigenen Identität, Rassismus, Genmanipulation ...

Was auf den ersten Blick wie eine American Novel über Klassenunterschiede in einer Beziehung aussieht, entpuppte sich als viel mehr: Die Suche nach der eigenen Identität, Rassismus, Genmanipulation und das Streben nach Glück, Perfektion und einem langen Leben bieten ein breites Spektrum an Themen.

Fast zu viele Themen und oft leidet darunter der Tiefgang. Aber insgesamt war ich doch hingerissen von diesem Roman.

Es beginnt mit mit einem Prolog in China, in dem junge Menschen versuchen, während der Kulturrevolution alte Kostbarkeiten aus einem Museum zu retten. Im dritten Teil des Romans werden wir dann noch einmal nach China und zu dieser Situation zurückgeführt. Doch ich will hier nicht zu viel verraten, denn meiner Meinung nach ist bereits der Klappentext zu weitgreifend. Das hätte man besser, geheimnisvoller und spannender formulieren können.

Aber jetzt weiter zum Buch: Im ersten Teil des Romans die Liebe zwischen Lily und Matthew erzählt. Sie ist die Tochter eingewanderter chinesischer Wissenschaftler. Collegeabsolventin in Kunstgeschichte, meist ohne Geld, derzeit mit einem unbezahlten Praktikum bei einem Onlineverlag. Matthew ist hingegen der Neffe des Chefs vom Verlag, Investmentbanker mit hohem Gehalt und einer sehr reichen Familie im Hintergrund (die später noch eine wichtige Rolle spielen wird).
Der zweite Teil handelt von Nick, dem Sohn von Lily und spielt 21 Jahre später, dieser Abschnitt gefiel mit sehr gut, wirkte alleine durch die Sprache und aus Sicht von Nick geschrieben, sehr authentisch. Der dritte Teil spielt in China und erzählt viel über die Zeit unter Mao, im letzten Teil blicken wir in die Zukunft und sehen, welche Auswirkungen die Vergangenheit und die Entscheidungen dieser Zeiten für die Nachkommen haben. Alle Fäden laufen hier zusammen, was die weitläufige Erzählung zu einem Abschluss bringt.

Stilistisch auffallend ist, dass viele Geschehnisse quasi im Zeitraffer erzählt werden. Das führt dazu, dass oft wichtige Informationen und vor allem die Tiefe fehlen. Einiges wird im nächsten Abschnitt wieder aufgegriffen, manches aber nicht. Die Charaktere wirken auch häufig ein wenig eindimensional, dies ist aber auch der Fülle der Themen und dem großen Zeitraum geschuldet, der erzählt wird. Manchmal wäre hier weniger mehr gewesen.

Trotz aller Schwächen habe ich den Roman jedoch sehr gerne und in recht kurzer Zeit gelesen, es sind immerhin etwas über 500 Seiten. Es ist auf gewisse Weise ein typisch amerikanischer Roman (da passt der Titel!) der sich nicht nur damit beschäftigt, wer wirklich ein "Real American" ist (derjenige, der weiß aussieht oder derjenige, der den American Lifestyle lebt? Oder wer sonst noch?) sondern auch wichtige und aktuelle Themen wie Genmanipulation, Rassismus, Longevity und den Umgang mit Migration behandelt. Darüber hinaus geht es auch um den "Pursuit of Happiness", das ur-amerikanische Streben nach Glück. Dazu sind viele Menschen bereit, große Opfer zu bringen, Manipulationen vorzunehmen, ein neues Leben in einem neuen Land zu beginnen oder viel Geld in neue wissenschaftliche Wege zu investieren.
Wie der Roman zeigt, führt dies nicht unbedingt zum Erfolg. Daher könnte man auch ein wenig Kritik an aktuellen Tendenzen in den USA wahrnehmen. Doch diese Schlussfolgerungen sollte jeder Leserin selbst ziehen.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Ruhiger, leiser und doch sprachgewaltiger Roman -neu aufgelegt

Halber Stein
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"... gibt es Orte, die uns in die Vergangenheit blicken lassen und uns gleichzeitig die Zukunft zeigen?"
Dieser Satz am Anfang des Romans weist bereits auf wesentliche Inhalte hin. Die Suche ...

"... gibt es Orte, die uns in die Vergangenheit blicken lassen und uns gleichzeitig die Zukunft zeigen?"
Dieser Satz am Anfang des Romans weist bereits auf wesentliche Inhalte hin. Die Suche nach Herkunft, Familie, Zugehörigkeit und gleichzeitig der Wunsch nach einer selbst bestimmten Zukunft.
Sine, die Protagonistin, ist mit ihrem Vater zur Beerdigung ihrer Großmutter Agneta in das kleine Dorf in Siebenbürgen zurückgekehrt. Viele Jahre war sie nicht mehr dort, seit der Auswanderung mit ihren Eltern nach Deutschland. Denn ihre Mutter hatte mit dem Kapitel Siebenbürgen abgeschlossen. Nicht so ihr Vater, er hatte seine Mutter oft besucht. Aber immer ohne Sine. Jetzt jedoch erinnert sie sich an die Sommer ihrer frühen Kindheit, die sie bei der Großmutter verbracht hat. An die Hitze, die Felder, den Blick auf die Karpaten am Horizont und an den Kirschbaum im Garten. Und sie trifft Julian wieder, ihren Kindheitsfreund. Er ist geblieben und fragt sich, warum Sine in der Ferne das Glück sucht, wenn die ursprüngliche Heimat doch so viel bietet.

Dies ist der Debütroman von Iris Wolff, die selbst Rumäniendeutsche ist und als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland auswanderte. Ihre Romane spielen immer in Siebenbürgen und im Banat. Dort, wo Jahrhunderte lang Deutschstämmige wohnten. Dann kamen die Jahre der Auswanderung, als die Deutschen aus Rumänien auf ein besseres Leben in der Bundesrepublik hofften. Und in Deutschland doch erst einmal fremd waren. Sie haben sich angepasst und ein neues Leben gefunden. Doch eine gewisse Sehnsucht nach der Herkunft und der verlassenen Heimat beschäftigt doch noch viele. Auch wenn sie es verdrängen, wie Sine.

Wir tauchen tief ein in das Dorfleben in Siebenbürgen und in Erinnerungen. Das alles wird ruhig und leise und doch so sprachgewaltig erzählt, wie das eben nur Iris Wolff kann. Ihre Romane sind wahre Sprachwunder, poetisch und bildhaft und doch flüssig lesbar. Wobei einige Pausen gut tun, um den Text einfach wirken zu lassen.
Die späteren Romane von Iris Wolff sind kürzer, komprimierter. Für "Die Unschärfe der Welt" war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert, vollkommen berechtigt. Damals habe ich diese grandiose Schriftstellerin entdeckt und mochte auch ihren vorherigen Roman "So tun als ob es regnet" sehr gerne. Mit ihrem neuen Roman "Lichtungen" bin ich hingegen nicht richtig warm geworden. Hier war mir die Verdichtung ein wenig zu viel und da zusätzlich noch rückwärts erzählt wurde, habe ich leider irgendwann den Faden der Handlung verloren.

Nicht so in diesem Roman. Dieser hat mich gefangen gehalten, obwohl vordergründig gar nicht sooo viel passiert. Aber die Art, wie erzählt wird, die fand ich wunderschön.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Ruhige und fast zarte Coming-of-Age Geschichte vor der rauen Küste von Neufundland

Sommer auf Perigo Island
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Perigo Island, eine kleine (fiktive) Insel vor der Küste von Neufundland. Hier wächst Pierce als Sohn eines Fischers auf. Der Vater verschwindet irgendwann auf See, wie so viele zuvor. Das Leben wird für ...

Perigo Island, eine kleine (fiktive) Insel vor der Küste von Neufundland. Hier wächst Pierce als Sohn eines Fischers auf. Der Vater verschwindet irgendwann auf See, wie so viele zuvor. Das Leben wird für Pierce und seine Mutter nun härter, denn die einzigen Arbeitsstellen auf der Insel sind Fischen, in der Fischfabrik arbeiten oder Kabeljauzungen schneiden, letzteres machen die Kinder. Dazu kommt, dass die Fangmengen drastisch zurückgehen und die Existenzen bedroht sind. Halt findet Pierce bei Anna, einem eigenwilligen Mädchen, älter als er. Sie sieht er zwar nur selten, aber irgend etwas verbindet die Beiden. Als Anna im Sommer 1991 spurlos verschwindet, ist Pierce 12 Jahre alt und gemeinsam mit zwei Freunden von der Insel und Emily, zu Besuch aus New York, macht er sich auf die Suche. Sie verfolgen einen geheimnisvollen Einzelgänger, der in einem abgelegenen Haus wohnt, gehen auf geheime Ausflüge und riskieren dabei mehr als einmal ihr Leben. Denn die Natur rund um Neufundland ist rau. Die Klippen stürzen steil ins Meer, Eisberge tauchen vor der Küste auf, zerbrechen und machen Bootsfahrten gefährlich und dann gibt es noch eine Gruppe von gewaltbereiten Jungs, die allen anderen das Leben zur Hölle machen. Doch es gibt auch Lichtblicke: Die Mutter, die mit viel Feingefühl reagiert. Die zarten Bande, die sich zwischen Emily und Pierce entwickeln, der Zusammenhalt der Freunde und unerwartete Hilfe von unerwarteter Seite. Eine perfekte Mischung aus harter Realität, Spurensuche, Verlust und Neuanfängen zeichnet diesen ruhigen und gleichzeitig eindringlichen Roman aus. Ein typisches Buch des mare-Verlags: Sprachlich hochwertig und doch gut lesbar, realistisch und mit einem menschlichen Blick auf Unzulänglichkeiten, Verluste und neue Hoffnungen.
Und ein besonders schönes Zitat zum Schluss: „Ich weiß, du vermisst deinen Dad. Aber das Beste, was wir tun können, um die zu ehren, die wir verloren haben, ist, ein möglichst gutes Leben zu führen.“

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