Profilbild von DerMedienblogger

DerMedienblogger

aktives Lesejury-Mitglied
offline

DerMedienblogger ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit DerMedienblogger über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.01.2022

Interessanter Blickwinkel; allerdings geht schnell die Puste aus!

Es kann nur eine geben
0

Zu viel Konkurrenzkampf, zu wenig Solidarität: Mit dieser These beschreibt Star-Comedian Carolin Kebekus den heutigen Zusammenhalt unter Frauen. In ihrem Werk «Es kann nur eine geben» versucht sie, Wogen ...

Zu viel Konkurrenzkampf, zu wenig Solidarität: Mit dieser These beschreibt Star-Comedian Carolin Kebekus den heutigen Zusammenhalt unter Frauen. In ihrem Werk «Es kann nur eine geben» versucht sie, Wogen zu glätten – und den Weg zu ebnen für eine gemeinsame Bekämpfung des Patriarchats.

Es gibt sie aber, diese raren Momente, in denen ich mal nicht daran denke, dass ich eine Frau bin. In denen mein Geschlecht keine Rolle spielt und ich einfach nur Menschen zum Lachen bringe. (…) Aber dann spüre wieder diese Leere zwischen meinen Beinen und lande auf dem Boden der Tatsachen.

Kebekus äußert diese Kritik vor allem durch die subjektiven Erfahrungen, die ihr Leben als als aufsteigende Comedienne, aber auch als Privatperson geprägt haben: So setzt sie sich in gebündelten Themenblöcken etwa mit der frauenverachtenden Politik der katholischen Kirche auseinander, die sie letztendlich zum Austritt bewogen hat. Oder aber sie bemängelt das Defizit an weiblichen Repräsentationsmöglichkeiten in Film und Fernsehen.

Dabei besticht «Es kann nur eine geben» durch den außergewöhnlichen Blickwinkel, den die „DCKS“-Moderatorin einnimmt: Ihre autobiografischen Berichte verleihen dem Buch hohen Authentizitätsgrad und geben einen Blick hinter die Kulissen ihrer oft sexistisch geprägten Karriere. Leider unterläuft ihr dabei teils ein naheliegender Fehler: sie bezieht ihre eigenen Eindrücke auf die Allgemeinheit und generalisiert dadurch grob.

Als hätte sie das selbst bemerkt, betont sie, dass sie nicht den Anspruch an sich selbst habe, für alle Frauen und weiblich gelesene Personen zu sprechen. Erfrischend sind daher die Passagen, an denen sie den Redeball abgibt und Frauen zu Wort kommen lässt, die größere Fachkompetenz zu bestimmten Thematiken besitzen.

Durch den angenehmen Schreibstil bietet Carolin Kebekus einen leicht verständlichen Einstieg in feministisch-theoretische Literatur, ohne sich dabei in Fachformulierungen zu verklausulieren. Einige amüsante Illustrationen verbildlichen das Gesagte auf niedliche Art und Weise; das ausführliche Glossar gibt einige interessante Recherchetipps und -möglichkeiten mit auf den Weg.

Sie legt einen sarkastischen, nicht ganz ernst zu nehmenden Tonfall an den Tag, der stark an ihre Bühnenauftritte erinnert. Tatsächlich werden in «Es kann nur eine geben» ganze Pointen und satirische Darstellungen ihres Programms wiederverwertet. Das Problem: In schriftlicher Form funktionieren einige Gags nicht. Für Kebekus-Fans bietet das Buch nur wenig Neues.

Wenn du von einem bestimmten Mechanismus in der Gesellschaft profitierst, dann bist du Teil des Systems. Wir leben nun mal in bestimmten über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen, und manche von uns profitieren davon, ohne dass uns das bewusst ist.

Auch sorgt ihre “stream of consciousness“-artige Formulierungsweise für einige Dopplungen innerhalb des eigenen Werks. Statt ihre (durch und durch angemessenen) Kritikpunkte mit Zahlen und Fakten zu füttern, verirrt sie sich in nur wenig Neues bietenden Passagen. Die konkreten Handlungsvorschläge, die Kebekus am Ende anführt, hätten eine prominentere Stellung im Buch verdient. Es fehlt teils der Mut, das Patriarchat und konkret verantwortliche Subjekte zur Rechenschaft zu ziehen.

«Es kann nur eine geben» betont die Gemeinsamkeit im Kampf gegen das Patriarchat. Carolin Kebekus geht trotz ihren locker-lustigen Schreibstil teils die Puste aus.

3/5 Sterne

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 13.01.2022

Wütender Befreiungsschlag!

Schwarzes Herz
0

Wut. In Jasmina Kuhnkes Debütroman brodelt es vor überschäumender Wut: von offensivem und aggressivem Hass, sozialisierter und teils unterschwelliger Diskriminierung und verzweifeltem, schambesetztem Zorn. ...

Wut. In Jasmina Kuhnkes Debütroman brodelt es vor überschäumender Wut: von offensivem und aggressivem Hass, sozialisierter und teils unterschwelliger Diskriminierung und verzweifeltem, schambesetztem Zorn. „Schwarzes Herz“ erzählt die Geschichte einer Ich-Protagonistin, die Opfer der rassistischen und patriarchalen Umstände ist, in denen wir leben. – Eine Rezension von Johannes Streb

Rauer Ton wie ein Schlag ins Gesicht
Die Autorin schreibt offen und direkt; schon die ersten Seiten, in denen Kuhnke ihren unbarmherzigen Ton klarstellt, wirken wie ein Schlag ins Gesicht. In angenehm unverschnörkeltem, parataktischem Erzählstil nimmt sie kein Blatt vor den Mund – und scheut sich nicht davor, ihre Leserinnen mit (noch immer) aktuellen sprachlichen Wirklichkeiten zu konfrontieren.

„Schwarzes Herz“ lässt sich, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen. Die Sätze, die Kapitel, das ganze Buch ist recht kurz und lässt dem Lesepublikum bei all seiner inhaltlichen Härte nur wenig Luft zum Aufatmen. Die Triggerwarnung zu Beginn sollte daher gut studiert werden.

Bericht rassistischer und sexistischer Gewalterfahrungen
Im Zentrum des Romans steht eine namenlose Schwarze Protagonistin, die ihre rassistischen und sexistischen Gewalterfahrungen aus der Ich-Perspektive teilt. Ihre ganze Lebenskraft zieht sie aus ihrer Funktion aus Mutter; verzweifelt versucht sie, ihre Kinder vor der Wut und der Gewaltbereitschaft in ihrem Umfeld zu schützen. Dieses Motiv gibt ihr, auch wenn wir ihren Namen nie kennenlernen, eine immense Kraft als zentrale Figur.

Gleichzeitig bekräftigt dieser Verfremdungseffekt der Namenlosigkeit die gesellschaftliche Omnipräsenz der Anfeindungen: Jede
m könnte das passieren, überall. Und es ist wichtig, dass darüber immer wieder gesprochen wird und werden kann – im politischen Sinne, aber auch im privaten Kreise. Kuhnke stellt eine verbitterte Vision der Isolation und unerwiderten Liebe dar, denn die Hauptfigur ist alleine mit ihren Problemen: keiner hört ihren Schmerz, niemand würdigt die Kraft, die sie für ihre Kinder dennoch aufbringt, ihr fehlt es an Ansprechpartnerinnen.

Protagonistin mehr Objekt der Umstände als Subjekt
Man wünschte sich, Kuhnke würde sich ein wenig mehr Zeit für subtile und persönliche Töne lassen: Oft wirkt das Buch mehr wie eine Bestandsaufnahme als eine szenische Erzählung. Einige ungelenke und nicht sofort ersichtliche Zeitsprünge in der Handlungschronologie sorgen für einen kurzen Verwirrungsmoment. Diese Distanz ist teils so groß, dass die Protagonistin entfremdet wirkt – andererseits zeigt sie ihre Position als von ihren Umständen gebeutelte Figur. Sie ist mehr Objekt als Subjekt, und bis auf ihre Liebe zu ihren Jüngsten wird sie in „Schwarzes Herz“ nicht zu viel mehr emotional befähigt, als die Ungerechtigkeiten zu ertragen.

Befreiender Trotz gegen bestehende Machtgefälle
Der Leistungssport stellt hier eine glaubwürdige Kompensationsmöglichkeit für sie dar, in denen sie sich über gesellschaftliche Unterdrückung, über fehlende Selbstwertgefühle und das manifestierte Gefühl, nicht dazu zu gehören, hinwegsetzen kann. Hier möchte sie jemand sein, unabhängig von ihrer Geschichte, ihrer Herkunft – und doch: allein.

„Schwarzes Herz“ ist, wie eingangs schon erwähnt, ein wütendes Buch. Auf jeder Seite spürt man das Verlangen der Autorin, Klartext zu sprechen und bestehenden Machtgefällen zu trotzen: sei es das Patriarchat, seien es Rassistinnen, seien es Nazis und Skinheads. Wenn sich diese Frustration auf die Leserinnen überträgt, dann kann daraus eigene Handlungsbereitschaft erwachsen – eine große Qualität des Buchs. Das Schlussplädoyer kann vielen Betroffenen Kraft und Identifikationsmöglichkeiten bieten.

Fazit
„Schwarzes Herz“ rüttelt wach und tut weh – ein kraftvolles und wütendes Plädoyer.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.12.2021

Das queere Buch zur rechten Zeit!

Felix Ever After
0

Das Buch zur rechten Zeit – wieso ich „Felix Ever After“ für das Werk halte, das die jugendliche Generation braucht

Schwarz, queer und transident: Große Identifikationsfläche für bunte Leserinnen
Felix ...

Das Buch zur rechten Zeit – wieso ich „Felix Ever After“ für das Werk halte, das die jugendliche Generation braucht

Schwarz, queer und transident: Große Identifikationsfläche für bunte Leserinnen
Felix hat es sich zur Aufgabe gemacht: er möchte sich zum ersten Mal verlieben, Schmetterlinge im Bauch fühlen, endlich in dem euphorischen Glücksgefühl zu schweben, über das so viele Musiker
innen schwärmen. Doch sein Umfeld legt ihm immer wieder Steine in den Weg und möchte seine Identität nicht akzeptieren: Denn er ist Schwarz, queer und transident.

Das kann man dem Roman hoch anrechnen: Dass er sich auf Augenhöhe mit den Marginalisierungsformen innerhalb der queeren Community annimmt – und eben nicht „nur“ einen weißen schwulen Cis-Jungen in den Vordergrund rückt. Dies bietet vielen bunten Leserinnen Identifikations- und Reflektionsfläche für innere und äußere (gesellschaftliche) Entwicklungen.

Selbstfindungsprozess mit dem Coming-Out nicht abgeschlossen
Autor
in Kacen Callender wählt hierfür einen erfrischenden Ausgangspunkt für die Handlung: Die Transidentität ist zwar ab dem ersten Kapitel gegeben; mit einem Coming-Out ist der Prozess der Identitätsfindung jedoch nicht zwangsläufig abgeschlossen – und durch dieses Narrativ ermutigt der Roman zur weiteren Auseinandersetzung mit dem eigenen geschlechtlichen und sexuellen Individuum. Zudem erweckt er Lust, sich weiter in die Materie der queeren Begriffe einzuarbeiten.

Ein quietschbuntes queeres Figurenensemble
Tag für Tag für Anerkennung und Gleichberechtigung zu kämpfen: die gesellschaftliche Intoleranz und eine weit verbreitete Unwissenheit erschweren den Weg vieler queerer Jugendliche. In „Felix Ever After“ ist die Mehrzahl der auftretenden Figuren nicht-hetero oder cis-gelesen. Dies bietet viele sympathische Identifikationsfiguren und zeigt, dass da noch mehr Menschen sind, die ähnliches durchmachen – auch wenn es oft nicht so scheint.

Eine Ausstellung, auf der gelöschte Instagram-Bilder und sein Deadname veröffentlicht wird; transphobe Hassnachrichten; Freund*innen, die sich von ihm abwenden – Felix weht auf seinem Weg jede Menge Queerfeindlichkeit entgegen. Diese Wut lässt er in Mailentwürfen an seine Mutter heraus, die die Familie vor einigen Jahren verlassen hat. Oder aber er steckt diese Verzweiflung in dem Erschaffen von Acrylgemälden: Beides fungiert als authentischer Kompensationspunkt. Seine inneren Auseinandersetzungen sind teils jedoch nicht nachvollziehbar: Wieso blockiert er den Instagram-Account nicht, wieso tut er sich diesen Schmerz an?

Süße Chemie zwischen Felix und Ezra
Glücklicherweise setzt sich sein bester Freund Ezra mit rührender Vehemenz bei rassistischen, trans- oder queerfeindlichen Redebeiträgen für Felix ein – und zeigt mit aller Deutlichkeit, wie wichtig es ist, für andere Menschen und gegen Hass einzutreten. Dem freundschaftlichen Verhältnis stehen teils die unterschiedlichen Sozialisationen der Freunde im Weg: Während Ezra in einem glanzvollen Loft in der Innenstadt lebt, lebt Felix mit seinem Vater auf wenigen Quadratmetern am Rand der Stadt.

Trotz des flotten Tempos bietet „Felix Ever After“ hält sich das Buch strikt an den schnell vorhersehbaren Spannungsbogen und hält nur wenige Überraschungen im Handlungsverlauf bereit. Der durchgehende rosig-kitschige Optimismus mag zwar angenehm zu lesen sein, wirkt aber alles andere als realistisch: Man wünscht sich vergeblich stärkere Tipps im Verhalten gegen Queerfeindlichkeit. Hier hätte das Werk deutlich schlagkräftiger sein können.


Fazit
„Felix Ever After“ ist ein rührendes Plädoyer für gegenseitige Toleranz – und zeigt die Notwendigkeit zum Zusammenhalt innerhalb der queeren Community.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.12.2021

Bitterböse Kampfansage in gesichtsloser Geschichte

Animal
0

Joan will nicht mehr nur Opfer sein – Lisa Taddeos «Animals» ist eine bitterböse feministische Kampfansage


Eine von Männern gepeinigte und sexualisierte Protagonistin auf Rachezug – das liefert Lisa ...

Joan will nicht mehr nur Opfer sein – Lisa Taddeos «Animals» ist eine bitterböse feministische Kampfansage


Eine von Männern gepeinigte und sexualisierte Protagonistin auf Rachezug – das liefert Lisa Taddeo mit ihrem zweiten Roman «Animal». Mit diesem feministischen Roman möchte die US-amerikanische Schriftstellerin an den Erfolg ihres preisgekrönten Debüts «Three Woman» anknüpfen. Herausgekommen ist dabei ein durchaus unterhaltsames, aber weniger emanzipatorisches Werk, das hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

«Animal» erzählt die Geschichte von Joan: sie ist eine von ihrer schwarzen Vergangenheit gebeutelte Figur, die aus der Großstadt in die Natur flieht. In Rückblenden rollt Taddeo diese Umstände nach und nach aus, die Joans entnervten Pessimismus auf nahezu alles nachvollziehbar machen. So bereits am Anfang: Der Roman beginnt mit einer schlagkräftigen und ziemlich heftigen Szene, die sofort mitreißt – und einen ersten Vorgeschmack auf das gibt, was die Leser*innen auf den nächsten 400 Seiten erwartet.

Die Ich-Perspektive erlaubt die ungefilterte Teilhabe an Joans Gedankenstrom; teils spricht sie ihr ungeborenes Kind in zweiter Person Singular an und gibt ihm Ratschläge mit, die sie sich über Jahre hinweg selbst erst aneignen musste. »Ich wünsche mir, dass du nicht durch die Welt gehst im Glauben, du müsstest eine vermeintliche Leere in dir mit dem Fleisch eines anderen Menschen ausfüllen. Auch deshalb erzähle ich diese Geschichte», heißt es da etwa an einer Stelle.

Schnell entpuppt sich Joan als eine von Misstrauen und Rachsucht getriebene Figur, die sich geschworen hat, sich nie wieder von patriarchalen Strukturen unterdrücken zu lassen – und wenn doch, nur mit ihrem Willen. Diese Verbitterung verbirgt einen Abschreckungsfaktor gegen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse mit Männern, denen sie sich (verständlicherweise) nicht mehr ausliefert. Diese Wut verdient es definitiv, gehört zu werden!

Jedoch verzettelt sich die Autorin in platten Täter-Opfer-Stigmata, ohne großen Raum für Selbstreflexion zu lassen. Die Hauptfigur entfremdet sich zunehmend von ihrer Außenwelt – und verliert fast vollkommen die Fähigkeit, Zuneigung (geschweige denn Liebe) zu ihren Mitmenschen zu empfinden und zu zeigen. Die Konversationen mit Alice – einer Frau, mit der Joans Leben ineinander verwoben zu sein scheint – wirken hier wie ein befreiender Ausgleich: eine Auszeit von dieser gedanklichen Welt voller Rachegedanken; Momente, in denen zumindest ein Anflug von moralischem Anspruch gilt.

Es scheint so, als wäre in «Animal» trotz ausschweifender und detailgetreuer Beschreibungen keine Figur richtig greifbar. Dadurch mutiert der Roman zu einer erschreckend gesichtslosen Handlung, die dadurch große Schlagkraft einbüßt. Der Schockfaktor über Joans schreckliche Beziehungs- und Familienverhältnisse kann nicht über die Längen hinwegtäuschen, die sich der Plot durch einige erzähltechnische Schlenker erlaubt.

Nein, es reicht nicht, „nur“ wütend zu sein: Die geballte Wut in «Animal» verdient eine große Bühne, ist aber zu plump formuliert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.11.2021

Ein Plädoyer für medienethische Verantwortung

Off the Record. Unsere Worte sind unsere Macht
0

Eine junge Nachwuchsjournalistin, die bei ihrem ersten großen Auftrag einen Missbrauchsskandal aufdeckt – mit „Off The Record“ legt Camryn Garrett ein Plädoyer für medienethische Verantwortung vor

Totgeschwiegener ...

Eine junge Nachwuchsjournalistin, die bei ihrem ersten großen Auftrag einen Missbrauchsskandal aufdeckt – mit „Off The Record“ legt Camryn Garrett ein Plädoyer für medienethische Verantwortung vor

Totgeschwiegener sexueller Missbrauch am Filmset
Sie kann es kaum fassen, als Josie erfährt, dass sie bei einem Wettbewerb für journalistische Nachwuchstalente gewonnen hat. Der Preis: eine mehrwöchige Pressetour zu einem Filmdrama über Konversionstherapien; über den jungen Hauptdarsteller darf sie ein Porträt für ein gefeiertes Popkultur-Magazin schreiben.

Bei ihrer Reise durch die Staaten erhält sie einen Blick hinter die Kulissen mehrerer US-amerikanischer Filmproduktionen. Und deckt dabei Schreckliches auf: Ein gefeierter Regisseur vergreift sich am Set an mehreren Schauspielerinnen – und niemand spricht darüber; niemand deckt diese sexuellen Missbräuche auf. In ihrem Roman „Off The Record – Unsere Worte sind unsere Macht“ betont die 21-jährige Autorin Camryn Garrett die Wichtigkeit gut recherchierter journalistischen Inhalten – gerade in Zeiten von mehr schlecht als recht recherchierten Beiträgen auf sozialen Medien und Fake News ist das eine essenzielle Botschaft.

Buch bietet Fülle an wichtigen Thematiken
Durch die einfache Sprache und den oft parataktischen Satzbau kann das jugendliche Lesepublikum schnell in die Handlung eintauchen. Das vorliegende Buch reißt eine Fülle wichtiger Thematiken an, ohne dabei überladen zu wirken – und ist trotz des aufwühlenden Inhalts über 400 Seiten durchweg kurzweilig.

Josie funktioniert als authentische Hauptfigur, die den Leser
innen ungefiltert ihre inneren Konflikte mitteilt. Sei es ihr eigenes Übergewicht, an dem sie ihren Selbstwert misst; ihr unersättlicher Ehrgeiz, der sie zwischenmenschliche Nähe kostet; ihre Angststörung, die sie in Interviewsituationen erstarren lässt; ihre Bisexualität, die sie für sich erkunden muss; ihre Hautfarbe, wegen der sie sich unter weißen Personen oft unwohl fühlt – diese Konflikte spricht sie mit ehrlicher und erfrischender Direktheit an, die vielen jungen Leserinnen große Identifikationsfläche bieten dürfte.

Hinterfragen der Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“
Die politische Brisanz des Buchs wird nicht nur deutlich, wenn man sich den großen Missbrauchsskandal von Harvey Weinstein und das bestehende Machtverhältnis vor Augen führt: ein Filmschaffender, der sich an Angestellten vergreift. Vielmehr ist „Off The Record“ ein Versuch, die Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“ – als überzeichnetes Stereotyp für Personen, die aufgrund angeborener Umstände alle gesellschaftlichen Privilegien genießen – zu hinterfragen.

Starke Dialoge über die Scham der Missbrauchsopfer
Camryan Garrett beweist ihr schreibtechnisches Feingefühl vor allem in den starken Dialogen: Die verzweifelte Scham der sexuell missbrauchten und objektifizierten Personen schnürt einem den Hals zu und lässt sprachlos werden angesichts der Ungerechtigkeiten, die sich abspielen. Sich trotz möglicher Konsequenzen dagegen aufzulehnen und die Stimme zu erheben – dazu möchte die Autorin ihre Leser
innen ermutigen.

Plädoyer für konstruktiven Journalismus
Das vorliegende Jugendbuch ist ein Plädoyer für den konstruktiven Journalismus und die medienethische Verantwortung. Es möchte beweisen, dass man mit dem Mut zur Wahrheit gesellschaftliche Veränderung erzielen kann.

Belanglose Liebesgeschichte und vorschnelles Ende nehmen Schlagkraft
Diese Schlagkraft wird teils verschleiert durch die romantischen Elemente, die die Handlung in sich birgt. Die recht vorhersehbare Liebesgeschichte wirkt bei all dem harten thematischen Tobak zwar auflockernd, gleichzeitig aber deplatziert und überflüssig. Auch wirkt das Ende etwas schnell „abgefrühstückt“: Die Auswirkungen von Josies Mut – und dem daraus entstehenden Medienecho – sind nur ansatzweise erkennbar; das Fortschreiten ihrer beruflichen Zukunft als Ausgangspunkt der Handlung bleibt offen; und auch über die rechtlichen Konsequenzen für den Regisseur erhalten die Leser*innen keine Auskunft.

Fazit
Insgesamt ist „Off The Record“ aber ein kraftvoller Roman einer inspirierenden Autorin über journalistische Verantwortung, gegenseitige Fürsorglichkeit und den Mut, über sich selbst herauszuwachsen – unbedingte Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere