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Veröffentlicht am 17.10.2025

"India is Broken, A People Betrayed, Independence to Today"

Das gespaltene Indien
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So lautet der Originaltitel dieses Buches. Was macht der deutsche Verlag daraus? "Das gespaltene Indien". Das ist ein völlig anderer Titel, vor allem aber passt er nicht zum Inhalt. Ich habe keine Ahnung, ...

So lautet der Originaltitel dieses Buches. Was macht der deutsche Verlag daraus? "Das gespaltene Indien". Das ist ein völlig anderer Titel, vor allem aber passt er nicht zum Inhalt. Ich habe keine Ahnung, was da in den verantwortlichen Leuten vorgegangen ist – mir schwant aber, dass sie sich vom linken Zeitgeist in die Irre haben führen lassen. Denn Spaltung der Gesellschaft ist dort ein Lieblingsthema.

Thema dieses Buches ist jedoch die fast schon systematische Zerstörung Indiens durch verschiedene ideologische Akteure. Angefangen hat alles mit Nehru, der von irgendeiner Art Sozialismus träumte. Einen wirklichen Plan hatte dieser Staatsmann wohl nicht. Aber er legte die Anfänge für ein durch und durch korruptes System. Man spricht im Westen immer gerne von der größten Demokratie der Welt. Wenn man dieses Buch gelesen hat, dann glaubt man das nicht mehr. Hinter der Fassade der angeblichen Demokratie steckt ein käufliches System, das kriminelle Energie belohnt. So jedenfalls schildert es der Autor. Ob das tatsächlich so ist, kann man von Deutschland aus schlecht beurteilen.

Neuerdings wird Indien als die neue wirtschaftliche Supermacht gesehen. Gewissermaßen das kommende neue China. Geht es nach den Einsichten des Autors, dann ist das kompletter Unsinn. Dazu müsste Indien ein in sich logisches und geschlossenes Bildungssystem besitzen. Das aber ist nicht der Fall. Zwar gehen wohl inzwischen alle Kinder wenigstens in die Grundschule, aber danach wird es angeblich immer enger. Der Unterschied zu China oder Vietnam, den der Autor immer wieder beschreibt, ist riesig. Dazu kommt noch, dass die Korruption auch das Hochschulwesen durchdrungen hat. Diplome kann man kaufen. Sie sagen also nichts über die Qualität ihrer Besitzer aus.

Indien besitzt keine entwickelte Infrastruktur. Insbesondere in den großen Städten fehlt es an einem vernünftigen Entsorgungssystem, an Wohnungen, sauberem Wasser und vielen anderen Voraussetzungen für wirtschaftlichen Fortschritt. Der Bevölkerungszuwachs pro Monat wird in Millionen angegeben. Oder mit anderen Worten: Es gibt einfach zu viele Inder. Alle Versuche, den Bevölkerungszuwachs zu verlangsamen oder gar zu stoppen, sind fehlgeschlagen. Wenn unter diesen Voraussetzungen fast die Hälfte der Inder in der Landwirtschaft arbeitet, dann bedeutet dies immer kleiner werdende Parzellen. Außerdem steigt der Wasserverbrauch, wodurch immer tiefere Brunnen gebohrt werden müssen, der Grundwasserspiegel also sinkt. Die Folgen kann man sich leicht überlegen.

Industrielle Arbeitsplätze sind Mangelware. Auch das ist bei einer rasant steigenden Bevölkerung kein Wunder. Das niedrige (tatsächliche) Bildungsniveau erschwert die Lage zusätzlich. Das Rechtssystem ist durch Korruption ausgehöhlt. Und im Land gibt es mit großer Regelmäßigkeit Gewaltexzesse, die auch noch von den Regierungen angestachelt werden. Von der schlechten Position der weiblichen Bevölkerung zeugen gelegentlich bis nach Europa vordringende Meldungen über Massenvergewaltigungen.

Kurzum: Indien besitzt zwar auf bestimmten Gebieten auch einmal annähernd das Niveau des Westens. Doch das scheinen eher irreführende Ausnahmen zu sein. Glaubt man dem Autor, dann ist Indien kaputt. Denn so lautet auch der eigentliche Titel des Buches.

Ob das alles so stimmt, wie es der Autor behauptet, kann man nicht wirklich aus Deutschland überprüfen. Eine wirtschaftliche Weltmacht ist Indien jedoch keineswegs. Eher ein gescheiterter Staat.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

"Man steckt es nicht einfach so weg, wenn man (es) mit brutalen Taten … zu tun hat"

Immer am Abgrund
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Der Polizeidienst in der gehobenen Laufbahn ist vermutlich kein Beitrag zur körperlichen und mentalen Gesundheit. Und wenn man dann auch noch in Mordkommissionen arbeitet oder sie gar leitet, dann erst ...

Der Polizeidienst in der gehobenen Laufbahn ist vermutlich kein Beitrag zur körperlichen und mentalen Gesundheit. Und wenn man dann auch noch in Mordkommissionen arbeitet oder sie gar leitet, dann erst recht nicht.

Neben den kurzen Beschreibungen seiner schlimmsten Fälle kann man aus diesem Buch des Ersten Kriminalhauptkommissars Klaus-Peter Lipphaus genau das auch herauslesen. Es sind auf der einen Seite die Brutalität vieler Fälle und das Leiden der Opfer und ihrer Hinterbliebenen, und auf der anderen Seite der Druck und Dauerstress, die diesem und vermutlich vielen anderen Polizeibeamten das Leben nicht leicht machen. Von ihren Familien ganz zu schweigen.

Lipphaus schildert in seinem Buch sowohl seinen beruflichen Werdegang als auch zahlreiche seiner Fälle. Wenn man es nicht auch so schon wusste, dann kann man es hier lernen: Mit den Fiktionen von Kriminalromanen hat die Wirklichkeit nicht viel zu tun. Polizisten treffen weniger auf superintelligenten Psychopathen, sondern mehr auf minderbemittelten Impuls-Täter, deren Mordmotive man aus einer vernunftorientierten Perspektive nicht verstehen kann. Es sind eben meistens niedere Beweggründe wie Gier oder Rache, manchmal auch Angst vor der Entdeckung anderer Straftaten oder ein ungezügelter Trieb.

Der Autor ist kein talentierter Schriftsteller, sondern eher ein nüchterner Betrachter, der sachlich über sein Berufsleben berichtet. Das Buch ist sehr authentisch, enthält aber nicht viel Überraschendes.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

"Menschen, die aus Angst eine Mission haben, sind bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich"

Aus Angst
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Die Betonung liegt hier auf "Mission" und meint eine Umweltsekte, die an die "Letzte Generation" erinnert. Weltuntergangsgläubige gab es schon immer, aber in der Gegenwart besitzen sie eine überdimensionale ...

Die Betonung liegt hier auf "Mission" und meint eine Umweltsekte, die an die "Letzte Generation" erinnert. Weltuntergangsgläubige gab es schon immer, aber in der Gegenwart besitzen sie eine überdimensionale mediale Bedeutung, weil sie ein staatliches Narrativ unterstützen, mit dem man Menschen den Sündenfall einredet und sie danach zur Kasse bittet. Eine Methode, die sich seit Jahrhunderten immer wieder bewährt hat.

Im Buch erpresst eine solche Gruppe eine international tätige Wirtschaftskanzlei mit einer angeblichen Umweltverschmutzung ihres wichtigsten Mandanten. Ein oder mehrere Anwälte der Kanzlei sollen geholfen haben, diesen Skandal zu vertuschen. Daraufhin wird der Bruder eines Teilhabers der Kanzlei mit der Aufdeckung der Zusammenhänge beauftragt. Schließlich hängt ihre wirtschaftliche Existenz davon ab, ob an der Sache etwas dran ist.

Je mehr er sich mit dem Fall beschäftigt, umso komplexer und scheinbar undurchschaubarer erweist sich das Ganze. Kein Wunder, denn schließlich haben sich Anwälte diese Konstruktion ausgedacht. Mit der Untersuchung kommen auch immer wieder Ängste zum Vorschein. Die Angst vor der Aufdeckung einer Untat oder einer Lebenslüge, oft auch die Angst vor dem sozialen Abstieg. Abstrakt gesehen geht es immer um Verlustängste. Selbst die positiven Figuren in diesem Wirtschaftskrimi kämpfen mit solchen Bedrohungen.

Die tatsächlich komplexe Geschichte erzählt ihr Autor mit einer gewissen Brillanz, sprachlich als auch fachlich. Schritt für Schritt kann man verfolgen, wie der Hauptheld dieses Buches die Zusammenhänge enttarnt und dabei auch ins persönliche Risiko geht. Immerhin handelt es sich ja um einen Kriminalroman.

Allerdings sind Wirtschaftskrimis eher selten, weil es in ihnen nicht immer um Mord und Totschlag, sondern um Zusammenhänge geht, die sich vielleicht dem allgemeinen Publikum nicht immer erschließen. Oder die nicht interessant genug zu sein scheinen. Bei der Mördersuche kann man mitraten, bei wirtschaftlichen Zusammenhängen eher nicht, zumal es um wirtschaftliche Grundkenntnisse in Deutschland nicht gut bestellt ist.

Leider hat sich der Autor, aus welchen Gründen auch immer, zum Selbstverlag entschieden. Damit fehlt dem Buch die Verlags-Lobby, die einen Krimi aus der Masse der Neuerscheinungen dieses Genres hervorhebt. Das ist schade, denn das Buch ist spannend und lehrreich, also eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

"Ich will keine Panik verbreiten"

Deutschland in der Krise
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Aber vielleicht ein wenig Angst? Albrecht Broemme war ein Funktionär im Staatsdienst, und deshalb trägt er auch alle Narrative der Regierenden aus den letzten Jahren mit. Und er lässt an seinem (richtigen) ...

Aber vielleicht ein wenig Angst? Albrecht Broemme war ein Funktionär im Staatsdienst, und deshalb trägt er auch alle Narrative der Regierenden aus den letzten Jahren mit. Und er lässt an seinem (richtigen) politischen Standpunkt im ersten Kapitel keinen Zweifel. Solche Offenbarungen auch in Sachbüchern waren in den zwei deutschen Diktaturen Standard. Nun sind sie es wohl wieder.

Hat Herr Broemme die fehlende Corona-Aufarbeitung gemeint als er von einer "ehrlichen Fehlerkultur" schrieb, "an der es uns Deutschen prinzipiell mangelt"? Ich bezweifle das. Schon das einleitende Kapitel lässt erkennen, dass es auch Broemme ums Angstmachen geht, denn es mangelt ihm oft an Sachlichkeit, Vernunft und Abstand. Oder an Kenntnissen. Natürlich kommt immer wieder der "menschengemachte" Klimawandel in seinem Text vor. Dafür jedoch fehlt nach wie vor ein überzeugender Beweis. Vielmehr stammen all die schrecklichen Voraussagen aus sogenannten Klimamodellen, die nicht wirklich funktionieren, da sie nicht einmal eine bekannte Vergangenheit aus einer noch ferneren Vergangenheit voraussagen konnten.

Man kann Broemme nicht vorwerfen, dass er von Mathematik und Physik keine Ahnung hat. Aber er müsste wissen, dass jede Voraussage mit einem Prognose-Fehler behaftet sein muss. Der wird bei den Klimaprognosen aber bewusst nie angegeben. Stattdessen benutzt man bei der Temperatur immer den schlimmsten Fall. Da diese Prognosen aber über einen sehr langen Zeitraum erfolgen, dürfte der mögliche Fehler riesig sein, sodass all das ein einziger Nonsens ist. Aus der Corona-Zeit weiß man, dass die Politik nicht der Wissenschaft gefolgt ist (RKI-Files), sondern auf den Faktor Angst setzte, um die überzogenen Maßnahmen durchzusetzen. Derselbe Trick wird auch beim Klima angewandt. Und Broemme macht dabei mit. In seinem Buch gibt es ein Kapitel "Tödliche Hitze", indem er düstere Schreckensszenarien ausmalt. Dabei vergisst er, dass es in Europa Länder wie Spanien gibt, in denen solche Szenarien gelegentlich auftreten. Spanien existiert übrigens noch, während in Broemmes Szenario Deutschland 2026 bei solchen Bedingungen kollabierte. Der Autor schreibt auch von Tsunamis in Ost- und Nordsee, Erdbeben in Deutschland und anderen sehr unwahrscheinlichen Ereignissen. Wozu soll das gut sein?

Nachdem er alle möglichen Katastrophen an die Wand gemalt hat, beginnt der Autor im zweiten Teil dann mit der weiteren Ausgestaltung von Schreckensszenarien. Zunächst analysiert er die Flutkatastrophe im Ahrtal. Und dabei zeigt sich, wie dünn die Bretter sind, die er zu bohren versucht. Bereits im Juli 1804, also in der vorindustriellen Zeit, fand eine von der Flutstärke sehr ähnliche Katastrophe dort statt. Gleiche Wetterlage, gleicher Verlauf. Der Autor hält zwar den Klimawandel für "menschengemacht", scheut sich aber das "Menschengemachte" am Ahrtalhochwasser zu erwähnen. Da wäre in erster Linie die Bebauung, die fehlenden Rückhaltebecken im Oberlauf der Ahr und vieles mehr. Und wenn Herr Broemme spekuliert, dass solche Katastrophen dort nun öfter auftreten werden, warum spricht er sich dann nicht gegen einen Wiederaufbau aus? In Sachsen hat man Menschen, die in Überflutungsgebieten gebaut hatten, nach dem Elbehochwasser entschädigt und umgesiedelt. Leider ist hier nicht der Platz für eine detaillierte Betrachtung. Ich konnte mich allerdings auch bei diesem Thema des Eindrucks nicht erwehren, dass es dem Autor gar nicht um eine sachgerechte Diskussion geht.

Es folgt ein recht langes Kapitel zur "Migrationskrise". Auch dort wiederholt der Autor Argumente aus der politischen Blase der Regierenden. Ansätze aus Dänemark oder Italien passen ihm nicht, obwohl diese im Gegensatz zur deutschen Herangehensweise von Vernunft geprägt sind. Eigentlich müsste man doch von einem "Krisenmanager" erwarten können, dass er die Dinge zu Ende denkt. Dass der deutsche Weg inzwischen komplett ad absurdum geführt wurde, sieht Broemme zwar, er ist aber nicht in der Lage, daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Stattdessen wiederholt er die bekannten Phrasen aus der Politik, die uns erst in die heutige Lage geführt haben.

Bis 2029 soll Deutschland kriegstüchtig werden, heißt es aus der Politik, denn spätestens dann wird Russland uns angeblich überfallen. Es ist hier nicht der Platz um diesen Unsinn zu kommentieren. Obwohl der Autor oft in Russland war, begreift er das Land nicht. Mit seinen politischen Scheuklappen scheint es ihm unmöglich, sich in die Lage Russlands zu versetzen. Dazu reicht ein vergleichender Blick auf die politische Landkarten von 1990 und 2014. So wie es für die USA rote Linien gibt, existieren diese auch für Russland. Seit dem vom Westen 2014 organisierten Putsch in der Ukraine und der danach einsetzenden Bestrebung, die Ukraine in die NATO zu integrieren, waren Russlands rote Linien überschritten. Würden Mittelstreckenraketen in der Ukraine stationiert, hätte Russland faktisch keine Vorwarnzeit mehr für seine Ballungsräume und politischen Zentren. Nur Hasardeure können annehmen, dass sich eine Atommacht das gefallen lässt. Diese Bedrohung ist die Ursache des Ukrainekrieges. Der Autor versteht das leider nicht.

Am Ende seines Buches beschäftigt sich Broemme noch einmal mit der Corona-Zeit und beklagt die fehlende Aufarbeitung, die allerdings aus seiner Sicht anders aussehen würde als man es sich erhofft. Ihm geht es vor allem um eine bessere Vorbereitung auf künftige Pandemien. Schließlich befasst sich der Autor noch mit anderen Bedrohungen wie zum Beispiel einem Blackout, ohne allerdings zu bemerken, dass die Wahrscheinlichkeit dafür mit der völlig misslungenen Energiewende enorm gestiegen ist.

Aus meiner Sicht enthält das Buch eine Reihe von guten Ratschlägen für Krisensituationen. Leider aber ist der Autor politisch so festgelegt, dass es ihm trotz seiner Krisenerfahrungen an einem vernünftigen und sachgerechten Blick auf bestimmte Zusammenhänge mangelt. Und einige der von ihm für möglich gehaltenen Krisen werden mit ziemlicher Sicherheit so nicht eintreten. Russland wird uns nicht überfallen, denn was hätte es davon? Deutschland wird weder verglühen, noch im Meer verschwinden. Realismus und Vernunft sind aus dem politischen Deutschland leider fast verschwunden. Dieses Buch ist dafür übrigens auch ein Beleg.



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Veröffentlicht am 16.10.2025

"… gegen Konfliktscheu und für … Gestaltungsmacht"

Macht
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Linke Ideologien zerstören schon geraume Zeit in Deutschland den Leistungsgedanken und führend zunehmend zu einem kaum vorstellbaren Realitätsverlust bei vielen Menschen. Der Autor steht einigermaßen fassungslos ...

Linke Ideologien zerstören schon geraume Zeit in Deutschland den Leistungsgedanken und führend zunehmend zu einem kaum vorstellbaren Realitätsverlust bei vielen Menschen. Der Autor steht einigermaßen fassungslos da, wenn ihm junge Menschen erklären, sie wollen mit Macht nichts zu tun haben, denn sie wäre toxisch. Gleichheitswahn und die Ablehnung des Wirtschaftssystems führen nun mal entweder zu einem aktiven ideologischen Kampf oder zum Rückzug ins Private.

Auch Menschen, die Macht ablehnen, üben sie ganz selbstverständlich ständig aus. Oder sie versuchen es wenigstens. Interessen wollen durchgesetzt werden, gelegentlich auch gegen den Willen anderer. Im Buch gibt es ein Kapitel, das diese Strukturen beleuchtet. Kapitel 7 beschreibt, wie Macht horizontal und vertikal eingesetzt wird. Vertikal bedeutet: In einer Hierarchie, also dort, wo viele Menschen Machausübung fast ausschließlich verorten. Horizontal hingegen bedeutet: in einer Gruppe Gleichgesinnter oder auf einer Ebene Gleicher. Seltsamerweise verbinden viele Menschen solche Situationen nicht mit einer Machtausübung, weil sie dort mit Macht nicht direkt, sondern nur indirekt konfrontiert werden. Aber Menschen in Gruppen merken oft, dass es dort Leute gibt, die etwas gleicher als die anderen sind, besser vernetzt, also mit mehr Unterstützern. Und damit in einer Machtposition.

Dieses Kapitel ist eines der besseren, denn das Buch bewegt sich leider nicht durchgehend auf diesem Niveau. Gelegentlich schweift der Autor zu weit ab. Oder aber er verfehlt den eigentlichen Kern seiner Aussage. Im Großen und Ganzen aber handelt es sich um einen gut geschriebenen und leicht verständlichen Text, der aber auch zeigt, wie weit die deutsche Gesellschaft inzwischen vom Kurs abgekommen ist. Wohlstand halten viele, vor allem junge Menschen, für gottgegeben, denn sie sind nichts anderes gewohnt. Sie schaffen es nicht mehr, diesen für sie normalen Zustand mit Arbeit und Leistung zu verbinden. Und zu Arbeit und Leistung zählt nun einmal die Ausübung von Macht zur Gestaltung von Prozessen.

Ist es nicht geradezu lächerlich, dass der Autor einige Pirouetten drehen muss, um bestimmten Leuten (die vermutlich sein Buch gar nicht lesen werden) zu erklären, dass Macht nicht "böse" ist. Woanders lacht man sich tot über diese Anstrengung, denn Macht ist etwas ganz Natürliches. Sie gehört zum menschlichen Wesen und ermöglicht erst die Strukturierung der menschlichen Gesellschaft. Ohne Macht gäbe es Chaos. Das nicht zu begreifen, ist eine Folge und gleichzeitig Ausdruck einer wachsenden Realitätsverweigerung.

Selbst wenn man keine Belehrung zur Macht und ihrer Ausübung braucht, weil man sich der menschlichen Realität nicht verweigert, ist dieses Buch in vielerlei Hinsicht erleuchtend, denn sein Autor gibt sich viel Mühe alle Aspekte des Themas zu beleuchten. Zwar hätte ein wenig mehr Straffheit dem Text gut getan, aber dennoch ist er sehr lehrreich.

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