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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.10.2025

"Ich musste es tun. Es war das Beste für uns alle."

Rätselhaftes Saint-Rémy
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Krimis sollten keine Überlänge besitzen. Dieser aber tut es. Und obwohl er in der Provence handelt, ist er in Wirklichkeit ein Kammerspiel mit einer sehr beschränkten Anzahl von Tatverdächtigen. Ein Archäologe ...

Krimis sollten keine Überlänge besitzen. Dieser aber tut es. Und obwohl er in der Provence handelt, ist er in Wirklichkeit ein Kammerspiel mit einer sehr beschränkten Anzahl von Tatverdächtigen. Ein Archäologe wird in einer Ausgrabungsstätte mit einem aufgesetzten Kopfschuss hingerichtet. Weil die Spurenlage sehr dürftig ist, muss Capitaine Roger Blanc andere Methoden anwenden, um den Bösewicht zu ermitteln. Und das macht die Handlung eben so lang.

Im Gegensatz zu anderen Lesern fand ich das Buch dennoch nicht langweilig. Gelegentlich zieht es sich etwas, dafür muss der Autor dann plötzlich ein ungeahntes Tempo vorlegen, vermutlich weil er selbst gemerkt hat, dass sein Text ausufert. Die Lösung liefern ein Sonnenhut und ein wissenschaftlicher Artikel, der, kaum beachtet, erklärt, dass man bei einem aufgesetzten Kopfschuss nicht unbedingt Blutspuren an der Schusshand haben muss. Im Zusammenhang mit dem komplexen Beziehungsgeflecht, dass Blanc vorher mühsam ermittelt hat, kann er daraufhin den Täter durch ein geschicktes Verhör überführen.

Allerdings liefen im Hintergrund über Jahre so viele geschickte Manipulationen ab, zu denen eigentlich nur Frauen fähig sind. Während sich die Motivlage für den Täter als völlig banal herausstellt, spielen zahlreiche Ereignisse aus der Vergangenheit in diesen seltsamen Fall hinein, die zu verstehen nicht ganz so einfach ist. Am Ende wurde auch der Täter zu seiner Tat manipuliert.

Sicher mag es in Zeiten, wo alles schnell gehen muss, für manchen Zeitgenossen schwer sein diese recht komplexen Zusammenhänge zu durchschauen und zu ertragen. Rademacher aber vermag es, sie gut und flüssig zu erzählen. Wozu allerdings seine permanenten französischen Flüche gut sein sollen, hat sich mir wie in den anderen Bänden nicht wirklich erschlossen. Vielleicht denkt er, dass ein wenig Folklore den Leser nach Frankreich führen würde. Ich gehöre zu den Lesern, denen das mit der Zeit auf die Nerven gefallen ist, wenngleich es mich nicht so gestört hat, dass ich das Buch deswegen abwerten würde. Mich hat es gut unterhalten. Trotz seiner Überlänge.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Ein Buch wird Opfer des eigenen Marketings und der Sehnsucht nach dem Übersinnlichen

Vorsehung
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Eine alte Dame geht auf einem Flug durch die Reihen, zeigt mit dem Finger auf bestimmte Personen und erklärt ihnen wie und wann sie sterben werden. So wird das Buch beworben. Und zwar sehr erfolgreich. ...

Eine alte Dame geht auf einem Flug durch die Reihen, zeigt mit dem Finger auf bestimmte Personen und erklärt ihnen wie und wann sie sterben werden. So wird das Buch beworben. Und zwar sehr erfolgreich. Milliarden Menschen glauben an irgendeinen Gott. Warum sollte also eine alte Frau nicht auch Fähigkeiten besitzen, die über das Gewohnte hinausgehen? Und dann lesen Leute dieses Buch und sind enttäuscht. Ein Wunder ist das nicht, sondern das Produkt ihrer esoterischen Erwartungshaltung, die sie natürlich abstreiten werden. Sie sagen vielmehr, das Buch hätte eine gute Grundidee, aber die Autorin hat nichts daraus gemacht.

Kurz vor dem Ende dieses überlangen Romans findet man dann folgende Ernüchterung: "Ich kann mich nur aufrichtig entschuldigen und dies klarstellen: Ich bin keine Hellseherin. Ich bin eine trauernde, pensionierte Aktuarin, die auf einem Flug eine psychische Krise durchlitt." Ein Aktuar ist ein Mathematiker, der Tarife für zum Beispiel Lebensversicherungen berechnet.

Natürlich hätte von Anfang an klar sein sollen, dass es keine Hellseherei gibt. Aber mancher Zeitgenosse lässt sich gerne verwirren. Vielleicht ist da ja doch was zwischen Himmel und Erde … Naja, und so weiter.

Da ist nichts.

Wer es mit dem Übersinnlichen nicht so hat, der greift zu pseudowissenschaftlichen Rettungsringen, zum Beispiel zur Chaostheorie, ohne sie überhaupt verstanden zu haben. Der Schmetterling auf dem Cover, dessen Flügelschlag in Tausenden Kilometern Entfernung einen Taifun auslösen kann. Wer einen solchen Unfug glaubt, sollte demnächst mit dem Niesen vorsichtig sein. Er könnte für ungeahnte Katastrophen verantwortlich sein.

Interessant an diesem Buch sind die Folgen dieser angeblichen Wahrsagungen. Sie machen je nach Todesdatum Leute entweder nervös oder leichtsinnig. Wer mit dreißig gesagt bekommt, dass er mit 94 stirbt, muss sich ja nicht mehr fürchten früher ins Gras zu beißen und kann entsprechend riskant leben. Wessen Todesdatum jedoch in naher Zukunft liegen soll, wird extrem vorsichtig werden. Dieses Verhalten macht den eigentlichen Inhalt dieses ziemlich in die Länge gezogenen Romans aus. Es geht also keineswegs um irgendeine Vorsehung, sondern um menschliches Verhalten, durchexerziert an einigen Beispielen aus dem Flieger. Und die Autorin ist eine hervorragende Kennerin der menschlichen Psyche.

Anfangs treffen vier der Prognosen auch tatsächlich ein, was die Panik der anderen Betroffenen deutlich erhöht. Sie machen sich auf die Suche nach der Todesdame und finden sie schließlich auch. Und Timmy, der mit sieben Jahren ertrinken sollte, wird mit 17 Olympiasieger im Schwimmen. Vielleicht weil seine Mutter ihn zum Babyschwimmen brachte.

Worte sind Taten. Und Taten haben Folgen.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage"

Crime im Heim
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Wieso gibt sich eine Autorin ein Pseudonym, das sogleich aufgeklärt wird? Vielleicht wollte Tessa Korber nicht, dass ihr Roman "Das Leben im Großen und Ganzen" in irgendeinem Zusammenhang mit diesem bemüht ...

Wieso gibt sich eine Autorin ein Pseudonym, das sogleich aufgeklärt wird? Vielleicht wollte Tessa Korber nicht, dass ihr Roman "Das Leben im Großen und Ganzen" in irgendeinem Zusammenhang mit diesem bemüht lustigen "Krimi" gebracht wird. Eigentlich ist das gut so, auch wenn man sich dann natürlich fragt, warum sie dieses seltsame Buch über ein „progressives“ Seniorenheim überhaupt verfasst hat. Nichts an diesem "Krimi" hat auch nur annähernd mit der Wirklichkeit zu tun. Und spannend ist dieses Werk schon gar nicht. Albern würde eher zutreffen.

Vielleicht sollte es eine Parodie werden. Nur was soll hier auf die Schippe benommen werden? Das Alter? Seniorenheime? Durchgeknalltes Verhalten alter Menschen? Ich bin völlig ahnungslos.

Die Autorin stellt ein paar Figuren zusammen, die alle völlig übersteigert dargestellt werden. Danach bedient sie alle Klischees, die man sich in diesem Zusammenhang ausdenken kann. Wenn das Humor sein soll, dann ist er wenigstens typisch deutsch: weit entfernt von Feinsinn und nahe an den Stellen, wo der Deutsche weiß, dass er jetzt lachen soll. Vielleicht wollte Ida Tannert genau dieses Publikum erreichen. Ob ihr das gelungen ist, kann ich nicht beurteilen. Mich hat sie dagegen enttäuscht, denn ich hatte "Das Leben im Großen und Ganzen" mit Genuss gelesen. Mit "Crime im Heim" hat sie ihre Marke beschädigt, würde man wohl in der Wirtschaft sagen. Pseudonyme helfen dagegen nicht. Wenn man eine ernstzunehmende Autorin sein möchte, sollte man sich solche Seitensprünge besser verkneifen.

Die Geschichte zu erzählen, lohnt nicht. Sie wird im Klappentext ausreichend angedeutet. Vielleicht klingt das erst einmal ganz interessant, aber leider fehlt der Story völlig die Spannung. Sie plätschert so dahin und endet auch ohne Überraschung. Meine Bewertung ist eher freundlich.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Solide, aber nicht übermäßig spannend

Lavendel-Wut
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Da ich keine weiteren Bücher dieser Autorin kenne, vermag ich nicht einzuschätzen, ob dieser Band eine Ausnahme oder die Regel ist. Spannend ist dieser Krimi jedenfalls nicht. Dafür aber vorhersehbar, ...

Da ich keine weiteren Bücher dieser Autorin kenne, vermag ich nicht einzuschätzen, ob dieser Band eine Ausnahme oder die Regel ist. Spannend ist dieser Krimi jedenfalls nicht. Dafür aber vorhersehbar, denn im Laufe der Ermittlungen gehen die Verdächtigen aus, wenn es denn überhaupt welche gab. Was also bleibt, ist eine Figur, die scheinbar zufällig ganz am Anfang eingeführt wird, aber im Weiteren erst einmal keine Rolle mehr spielt.

Menschen haben den bedauernswerten Drang, viele Dinge bis zum Irrsinn ausleben zu wollen. Es reicht manchem Zeitgenossen nicht, dass er einmal am Tag einen hohen Berg mit seinem Rennrad bezwingt. Nein, er muss es drei Mal von jeweils verschiedenen Seiten schaffen, damit er in einen Klub kommt, der keine wirkliche Bedeutung besitzt. Einer dieser Verrückten wird bei einem solchen Versuch offenbar von der Straße geschleudert und landet mit einem Genickbruch abseits von ihr.

Und also ermittelt die Polizei, was in Frankreich offenbar mit Zuständigkeitsproblemen behaftet zu sein scheint. Lange Zeit ist nicht einmal klar, ob es sich tatsächlich um Mord oder eher um einen Unfall mit Fahrerflucht handelt. Das Opfer jedenfalls hat allerdings eine kriminelle Vorgeschichte, die erst im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt wird. Das alles geschieht etwas langatmig, aber immer noch so, dass sich das Buch angenehm liest. Die Autorin neigt dazu, Triviales auszudehnen, offenbar gesteuert von ihrer Liebe zum Ort der Handlung.

Auch Geschichten aus dem Privatleben der Hauptfigur dieser Reihe weisen eher den Charakter einer Seifenoper aus. Auch hier greift der Hang zum Trivialen mehr als der Hang, Spannung zu erzeugen.

Kurz gesagt: Das ist eher ein solider Krimi ohne große Überraschungen.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Bucky geht baden

Strandgut
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In seiner Jugend gelang es Bucky zwei Soul-Stücke aufzunehmen, die inzwischen nach einem halben Jahrhundert dort vergessen sind. Anders in England. Dort gibt es plötzlich ein Festival, zu dem Bucky eingeladen ...

In seiner Jugend gelang es Bucky zwei Soul-Stücke aufzunehmen, die inzwischen nach einem halben Jahrhundert dort vergessen sind. Anders in England. Dort gibt es plötzlich ein Festival, zu dem Bucky eingeladen wird. Warum erst jetzt? Mit quälenden Gelenkschmerzen bricht Bucky nach Europa auf. Beim Auschecken lässt er seine Schmerztabletten im Flieger zurück und leidet seitdem noch mehr als sowieso schon. Und das alles für den Gesang zweier Lieder, den man von ihm in England erwartet.

Der Plot strotzt von Ungereimtheiten. Myers versucht das mit einer gewissen unterschwelligen Rührseligkeit wieder wettzumachen. Und offenbar gelingt ihm das auch bei vielen Lesern. Mit "Offene See" hatte Myers einen wirklich hervorragenden Einstand in Deutschland. Aber danach verirrte er sich mit eher seltsamen Geschichten, die schließlich in einem monströsen Roman über "Cuddy" gipfelten. Vielleicht hat er sich besonnen und kehrt nun zum Anfang zurück, denn diese Geschichte ähnelt ein wenig seiner "Offenen See". Aber sie ist bei Weitem nicht so gut wie der Erstling. Vor allem fehlt es ihr an Glaubwürdigkeit. Stattdessen stupst dieser Roman den Leser an, sich "das Richtige" dabei zu denken. Bei mir hat das nicht geklappt. Ich empfand die ganze Geschichte als recht absurd, wenngleich Myers wie immer hervorragend erzählen kann. Das macht dann vieles wieder gut, löst aber den Mangel an nachvollziehbaren Inhalt nicht auf.

Als zweite Person tritt Dinah auf. Sie gehört offenbar zu den Organisatoren des Festivals und ist etwa 20 Jahre jünger als Bucky. Ihr Familienleben ist eine einzige Katastrophe, die sie mit täglichem Baden in der kalten Nordsee erträgt. Und mit einem Lied von Bucky. Was für eine Geschichte.

Natürlich kommen sich die beiden während der paar Tage in England näher. Doch einen Neuanfang wird es nicht geben, wenngleich Myers (oder besser der Klappentext) das irgendwie suggeriert. Buckys Arthrose wird durch Winterbaden nicht verschwinden. Und vermutlich hat er auch nicht mehr lange zu leben. Wo also ist hier die Hoffnung?

Auch wenn die ganze Geschichte mich nicht überzeugt hat, so glänzt Myers auch hier wieder mit seiner Erzählkunst, bei der man auch den Übersetzer nicht auslassen darf, denn sie so ins Deutsche zu übertragen, ist schon große Kunst.

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