Mädchenkönig, Königsmädchen?
The Lost Girl KingIrgendwie konnte man sich vermutlich nicht ganz einigen, wie dieser seltsame Titel zu übersetzen ist. Also hat man ihn einfach aus dem Original übernommen. Komischerweise gibt es doch aber im Englischen ...
Irgendwie konnte man sich vermutlich nicht ganz einigen, wie dieser seltsame Titel zu übersetzen ist. Also hat man ihn einfach aus dem Original übernommen. Komischerweise gibt es doch aber im Englischen eine Queen und einen King. Wieso also Girl King? Irgendwie passt das in diese seltsame Zeit, in der gewisse Leute alles durcheinanderbringen möchten. Im Pressetext gibt es den verlorenen Mädchenkönig, im Buch (Kapitel 30) das Königsmädchen, das am Ende heimkehrt. Verstehe das wer will.
Die Geschichte selbst verläuft nach bekannten Vorgaben. Zuerst wird das Harry-Potter-Schema angewandt. Hier müssen die Protagonisten nicht durch eine Wand im Bahnhof rennen um in eine magische neue Welt zu gelangen. Vielmehr gibt es im guten alten Irland eine Stelle, wo die Schwerkraft besiegt ist und ein Wasserfall von unten nach oben fließt. Es müsste also korrekt Wassersteig heißen, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Da muss man jedenfalls durch, wenn man in die Phantasiewelt der Autorin gelangen möchte.
Dort hat sie nun freie Hand und kann abstrakt wieder dem Harry-Potter-Schema folgen und sich eine Welt nach ihren Vorstellungen ausdenken. Das tut sie dann auch zur Genüge. In diesem Land herrscht ein böser Zauberer, der es doch glatt geschafft hat, die Sonne an eine Kette zu legen. Auch hier wollen wir mal nicht kleinlich sein und nicht auf die Schmelztemperaturen von Ketten aus Metall hinweisen. Und weil die Sonne nun mal festgehalten wird, steht auch angeblich in diesem Land der Phantasie die Zeit still. Wieder wollen wir nicht kleinlich sein und es vermeiden, darauf hinzuweisen, dass man die Sonne nicht festhalten muss, denn sie ist ein Fixstern. Um zu verhindern, dass es Tag und Nacht gibt, müsste man die Erdrotation zum Stillstand bringen. Aber selbst dann würde die Zeit nicht stillstehen.
In den Märchen aus Zeiten der Gebrüder Grimm ging es zwar auch gelegentlich etwas phantastisch zu, aber das hielt sich in einem gewissen für alle erkennbaren Rahmen. Apropos Märchen – im Folgenden benutzt die Autorin dann das bekannte Märchenschema vom Prinzen, der eine Prinzessin befreien muss, um ihre Liebe zu erlangen. Hier nun dreht die Autorin zeitgemäß die Rollen um. Eine Schwester muss ihren Bruder befreien, der nicht begreifen wollte, dass die Naturwissenschaften überwindbar sein sollen.
Das Mädchen besitzt den Mut früherer Prinzen und vereint in sich kommunikative Fähigkeiten, die ewig streitsüchtige Männer zusammenführt, was schließlich zum Erfolg beiträgt. Eine moderne Heldin halt. Sie befreit nicht nur ihren Bruder, sondern auch noch ihre Großtante, die der Mädchenkönig ist. Aus welchen Gründen auch immer braucht nämlich der örtliche Bösewicht neben seiner Kette für die Sonne auch einen Anker dafür. Und das muss ein Mensch sein, der dann König in diesem Reich wird. Ein Herrscher ohne Macht und ohne Erinnerungen. Und da dieser Mensch hier ein Mädchen ist, heißt er eben Mädchenkönig. Auch hier wollen wir nicht kleinlich sein.
Man verzeihe mir die Ironie. Wenn man den ganzen Unfug aus dieser Phantasiewelt akzeptiert, erzählt die Autorin eine spannende Geschichte in flüssiger und gekonnter Weise, wozu auch die Übersetzerin beitrug. Ich vertrete allerdings den seltsamen Standpunkt, dass man Kindern in jungen Jahren nicht zu viel Unsinn zumuten, sondern besser etwas zu ihrer Allgemeinbildung beitragen sollte.