Profilbild von Eburiden

Eburiden

Lesejury Profi
offline

Eburiden ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Eburiden über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.01.2020

Akte X - War wohl nix

Die drei ??? und der dreiTag (drei Fragezeichen)
0

[Gelesen als Printausgabe. Hier leider nicht auswählbar.]

Die drei ??? und der dreiTag ist ein Special aus dem Jahr 2011: Ein Schreibprojekt vierer DDF-Autoren, gepackt in drei Bücher in einem Schuber ...

[Gelesen als Printausgabe. Hier leider nicht auswählbar.]

Die drei ??? und der dreiTag ist ein Special aus dem Jahr 2011: Ein Schreibprojekt vierer DDF-Autoren, gepackt in drei Bücher in einem Schuber – ohne eine Fallnummer. Ziel des Projekts war es, eine Ausgangssituation zu haben, die sich zu drei komplett unterschiedlichen Fällen entwickelt. Faktisch stoßen DDF in allen dreien auf dieselben Entscheidungspunkte, entscheiden sich aber anders. Oder der Entscheidungspunkt taucht so spät auf, dass die Entscheidung für den Fall keine Relevanz mehr hat. In allen dreien finden sich dieselben Elemente, die aber eine jeweils völlig andere Bedeutung für den Fall haben. Mal ist das eine egal und das andere super wichtig und mal andersherum.

Es fällt mir schwer, das Projekt als Ganzes zu bewerten, sodass ich vor allem auf die einzelnen Bücher eingehen werde. Schreibprojekte bzw. -experimente finde ich an sich immer eine gute Idee, vorausgesetzt, dass sie gut umgesetzt sind.

Hier eine kurze Übersicht meines Gesamteindrucks:

Positiv:

- Ein Dreierschuber außerhalb von Jubiläen
- Mehrere Autoren arbeiten zusammen
- Interessante Idee, aus einer Grundidee 3 komplett verschiedene Geschichten aufzubauen
- Witzige Idee, die Bände statt „Band 1, Band 2 Band 3“ „Band J, Band P und Band B“ zu nennen (1. Detektiv Justus Jonas, 2. Detektiv Peter Shaw, Recherchen und Archiv/3. Detektiv Bob Andrews).
- Leseprobe zum Band „High Strung“ aus der Top Secret-Reihe (bis dahin unveröffentlichte Fälle aus den USA).


Negativ:

- Wirklich überzeugend ist nur Band B
- Prolog in allen drei Büchern exakt derselbe
- Wirkt wie „Reizwortgeschichten“, da bestimmte Begriffe überwiegend künstlich platziert wirken und in jedem Band vorkommen. Zudem gibt es einen Witz, der 1:1 in jedem Band vorkommt.
- Band J = 1, Band P = 3, Band B = 2. Natürlich habe ich an die Nummern der Detektive gedacht und so versehentlich 1, 3, 2 gelesen.


Nun möchte ich auf die einzelnen Bücher eingehen:

Band J - Der Fluch der Sheldon Street – Hendrik Buchna:

Dieser Band hat mich am meisten enttäuscht. Hendrik Buchna ist kein schlechter Schriftsteller, andere Bände von ihm habe ich gern gelesen. Doch dieser wirkte absolut lust- und lieblos verfasst.

Durch die ganze Geschichte hinweg herrscht eine aggressive, feindselige Grundstimmung, auch bzw. gerade unter den drei Detektiven. Es wirkt zu dick aufgetragen und untypisch für Justus, Peter und Bob.

Es wird sich Horrorelementen bedient, was mir zu krass für ein DDF-Buch vorkam.

Der Fall an sich ist nicht schlecht, schleppt sich aber anfangs sehr langatmig und wird dann viel zu schnell erzählt.

Die Bedeutung der Graffiti ist viel zu weit hergeholt, einfach gestrickt und wirkt lächerlich.

Es ist „Justus‘ Buch“, doch es ging in diesem Band nicht mehr um Justus, als in anderen DDF-Büchern. Im Gegensatz zu den anderen beiden dreiTag-Büchern ermittelt er hier aber kurzzeitig alleine, während Peter und Bob zusammen unterwegs sind. Man kriegt von ihnen aber genauso viel mit wie von Justus.


Band P - Fremder Freund – Ivar Leon Menger, John Beckmann:

Dieser Band wirkt merklich weniger aggressiv und überzogen als Band J. Zumindest erst, denn die Entwicklung des Falls als simples, überdrehtes „Beziehungsdrama“ ist dann doch sehr enttäuschend.

Es gibt eine Anspielung (bzw. einen Wink mit dem kompletten Gartenzaun …) auf Enid Blytons Fünf Freunde, die zwar lustig gemeint ist, aber als subtile Anspielung mit der Beschreibung von Georges Namen, ihren Haaren und ihres Interesses am Detektiv spielen wesentlich besser gelungen wäre als zusätzlich ausgiebig darauf herumzureiten, damit auch der letzte ohne Ahnung auf jeden Fall versteht, dass sich hierbei auf die Fünf Freunde bezogen wird. Also eine unnötig langgezogene Szene ohne Aussage für die Geschichte.

Der Epilog ist hier sehr amüsant und gefällt mir gut.

Peter steht in diesem Band schon arg auf dem Schlauch. Justus‘ Verhalten ist sehr unlogisch: Erst freut er sich riesig über den Erwerb eines alten Novalux-Projektors, den er anschließend mir nichts, dir nichts verkauft, als läge ihm nichts daran. Dass Bob auch gleich für den Verkauf ist, sieht dem Zögerer und Zweifler nicht ähnlich.

Der komplette Anfang ist absolut irrelevant für die weitere Geschichte (außer Zusammentreffen mit Hedy) und plätschert einfach so vor sich hin.

Peter kommt hier zwar auch nicht deutlich häufiger vor, doch der Fall dreht sich unweigerlich um ihn. Und man erlebt ihn „privat“ in seiner Freizeit, wenn Bob und Justus nicht dabei sind.
Leider sind beide Fälle, J und P, recht oberflächlich.


Band B – Im Zeichen der Ritter – Tim Wenderoth:

Ehrlich gesagt, bin ich froh, diesen Band als letztes gelesen zu haben, denn er hat meine Stimmung wieder deutlich aufgeheitert. Natürlich waren Tim Wenderoth durch den Rahmen des Projekts Grenzen gesetzt, doch im Rahmen seiner Möglichkeiten hat er einen spannenden, komplexen Fall gezaubert, den ich nach den Reinfällen mit Band J und P nicht mehr erwartet habe.

Es finden sich einige klassische DDF-Elemente wieder, die hier im Gegensatz zu den anderen beiden Bänden nicht so gezwungen wirken. Die Geschichte entwickelt einen eigenen, natürlichen Fluss, in dem sie die „Reizwörter“ plausibel und unauffällig mit dem Fall verknüpft. Ein Element, das mir persönlich bei DDF-Büchern sehr wichtig ist, ist, dass man etwas über interessante Themenbereiche lernt. Hier in diesem Band ist das Thema Tempelritter.

Die Auflösung des Falls ist schrecklich und traurig zugleich, erreicht aber nicht diesen Horrorcharakter wie eine bestimmte Szene in Band J.

In diesem Band ist immer mal wieder Humor auf intelligente Weise verwoben. Der Gag steht nicht unbedingt wortwörtlich da, man muss über die gesprochenen Worte kurz nachdenken, um den Witz zu verstehen. Das passt meiner Meinung nach sehr gut zu einer Detektivgeschichte.

Das Thema absolut getroffen hat Wenderoth dadurch, dass Bob dank umfassender Recherchen zum Helden der Geschichte wird, da der Fall ohne seine Entdeckung nicht so richtig aufgeklärt hätte werden können.

Eine Anspielung auf Band J und P bildet einen runden Epilog.

Passend zum Krimi-Trend, handelt es sich bei diesem Fall hier um einen „Cold Case“, also einen ungeklärten Fall, der vor 27 Jahren stattgefunden hatte, auf den sich aktuelle Ereignisse zu beziehen scheinen. Und die Lösung kommt überraschend.

Am Ende dieses Bandes findet sich eine Leseprobe aus dem Top Secret-Fall High Strung – Unter Hochspannung. (Warum auch immer man in den Band, in dem vorne „Band 2“ steht, eine Leseprobe integriert und nicht in Band 3.)

High Strung wurde 1990 von G.H. Stone (Gayle Lynds) in den USA verfasst, erschien dort aber nie.

Das Hörspiel zu diesem Fall kenne ich seit Erscheinen, also seit 2011, das Buch dazu habe ich bisher noch nicht gelesen. Die Leseprobe liest sich auch, obwohl das Buch hier erst 2011 erschienen ist, wie ein älteres DDF-Buch. Für mich als Nostalgiker eine tolle Sache. Ich erinnere mich allerdings daran, dass man dem Hörspiel diesen nostalgischen Charakter absolut nicht anmerkt und es sich anhört wie ein (2011) aktueller Fall. Ich kann mir aufgrund der Leseprobe gut vorstellen, dass mit diesem Fall sowohl den älteren Fans (Buch) als auch den jüngeren Fans (Hörspiel) gut gedient wurde.


Fazit: Die Idee des DDF-Experiments ist lobenswert, aber die Umsetzung scheiterte leider vor allem an der Oberflächlichkeit zweier von drei Fällen. Wären die anderen beiden auf demselben Niveau wie Band B von Tim Wenderoth geschrieben, wäre das hier eine fantastische Box geworden. Leider kann ich den Schuber nur den Hardcore-Fans empfehlen, die alles gelesen haben wollen. Allen anderen empfehle ich lediglich Band B – wobei der leider ohne den Rahmen der Wiedererkenn-Elemente („Reizwörter“) an Charme einbüßt. Alles in allem ist der Schuber ein Special, das nach hinten losging. Specials gerne, aber bitte nicht so undurchdacht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.01.2020

Ein literarischer Krimi

Der Richter und sein Henker
1

Als Krimi- und Dürrenmattfan war dieses Buch für mich ein Muss, obwohl ich es weder als Pflichtlektüre in der Schule lesen musste, noch Literatur studiert habe. Da ich von Dürrenmatt vor allem Dramen kannte, ...

Als Krimi- und Dürrenmattfan war dieses Buch für mich ein Muss, obwohl ich es weder als Pflichtlektüre in der Schule lesen musste, noch Literatur studiert habe. Da ich von Dürrenmatt vor allem Dramen kannte, wusste ich nicht, was mich hier erwartet und auch nach der Lektüre ist die Literaturgattung für mich schwer einzuordnen (irgendwas zwischen Novelle und Krimi), die literarische Qualität des Buches ist mir dafür umso klarer.

Ein kleiner Ort in der Schweiz. Ein Polizist wird in seinem Auto ermordet aufgefunden. Er trägt schicke Kleidung und scheint sich in nobler Gesellschaft befunden zu haben, eher er ermordet wurde. Diesen Hinweis benutzt Kommissar Bärlach, um den Fall aufzuklären. Doch: auf eine überraschende Wendung folgt die nächste. Das letzte Drittel der Geschichte ist besonders rasant und es ist eine große Freude, sich die kunstvoll verstrickten Zusammenhänge nach und nach von Friedrich Dürrenmatt aufdecken zu lassen.

Auf deutsche Leser wirken manche Wörter oder Schreibweisen ein wenig eigenartig; das liegt weniger am Alter des "Kriminalromans", als an der Tatsache, dass Dürrenmatt selbst Schweizer war und die in der Schweiz spielende Geschichte so authentischer und für die Schweizer zu sowas wie einem "Heimatkrimi" wird. Die Charaktere haben volkstümlichen Charakter und es werden Berner Eigenheiten aufs Korn genommen. Als Deutscher ohne besonderes Hintergrundwissen zur Schweiz ist das nicht ganz so einfach nachzuvollziehen. Ich befürchte, dass wir so von der künstlerisch eingesetzten Ironie nur einen Teil verstehen.

Im Anhang des Buches finden sich, was ich als besonderes Goodie empfinde, originale Rezensionen zu dem Kriminalroman aus Zeitungen der Jahre 1952-54. Dahinter finden sich mehrere Aufsätze, die sich ebenfalls mit diesem Werk Dürrenmatts beschäftigen. Beides fand ich sehr interessant, zum einen um die Wirkung in der damaligen Zeit nachzuvollziehen und zum anderen, weil die darin enthaltenen Details zum größeren Verständnis der Lektüre beigetragen haben und ein paar einer wirrer, abstrakten Gedanken bzw. Ahnungen durch präzise, fachmännische Worte durch die zeitgenössischen Rezensenten auf den Punkt gebracht wurden.

Die dramatischen Effekte und das Absurde- was sich beides in klassischen Kriminalromanen normalerweise nicht findet - sind mir durchaus aufgefallen, aber dadurch, dass ich es als Freizeitlektüre gelesen und nicht großartig darüber sinniert habe, wäre mir beinahe abhanden gekommen, was einer der alten Rezensenten treffend anmerkt: "[...] ein Bild unserer Zeit, die jedes Ethos einem ins Absurde gesteigerten Nützlichkeitsdenken und -handeln unterordnet."
Ich denke, daran zeigt sich auch, was Dürrenmatts Kriminalroman von klassischen Vertretern dieser Gattung unterscheidet: Er kritisiert, v.a. im Gewand des Absurden, er bringt dramaturgische Effekteund philosophische Ansätze und er versucht, den Umständen der damaligen Zeit geschuldet, aus dem Kriminalroman (der damals literarisch wenig angesehen war) ein literarisch hohes Gut zu schaffen - was auf der anderen Seite zu wenig glaubhaften Handlungen führt, verglichen mit "echten" Kriminalromanen.

Dieses Buch ist aus literarischer Sicht großartig und, obwohl es kein Drama ist, ein "klassischer Dürrenmatt". Aber, obwohl ein abgehalfterter, kranker Kommissar die Hauptrolle spielt, es Tote, Mörder und ein komplexes Verbrechen sowie eine intelligente Aufklärung gibt, ist es nicht das, was man sich normalerweise unter einem Kriminalroman vorstellt. Wer nur an "normalen" Krimis interessiert ist, der sollte die Finger von diesem Buch lassen, denn es würde die Erwartungen njcht erfüllen. Wer aber an Dürrenmatt und der hohen Kunst der Literatur interessiert ist, der wird seine Freude an diesem Kunstwerk haben.

Normalerweise ändere ich am Tolino das vom Verlag vorgegebene Layout von Schriftart und -größe etc., doch bei diesem Buch ist es sogar ohne Änderung recht angenehm.

Wer nach dieser Lektüre auf den Geschmack von Schweizer Krimis gekommen ist, dem seien die Bücher von Friedrich Glauser empfohlen. Diese bzw. deren Hauptcharakter gaben wohl auch die Vorlage für Dürrenmatts Kommissar Bärlach.

Weitere "Kriminalromane" von Friedrich Dürrenmatt sind: Der Verdacht (Nachfolgeband zu "Der Richter und sein Henker"), Das Versprechen, Justiz, Der Pensionierte. Alle ebenfalls beim Diogenes Verlag erschienen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.01.2020

Spannende, kompakte Hintergrundinfos

Asterix. 100 Seiten
0

[Gelesen als Ebook.]

Da ich derzeit Asterix digital (als Ebook) neu entdecke, und zufällig über dieses Buch gestolpert bin, dachte ich, es könne nicht schaden, sich auch mal mit den Hintergründen von ...

[Gelesen als Ebook.]

Da ich derzeit Asterix digital (als Ebook) neu entdecke, und zufällig über dieses Buch gestolpert bin, dachte ich, es könne nicht schaden, sich auch mal mit den Hintergründen von Asterix zu befassen.

Und in der Tat habe ich durch dieses Buch viel Interessantes erfahren und wurde dazu angeregt, mein eigenes Asterix-Leseverhalten und meinen Umgang mit Wissen über die Antike (ich habe mehrere Jahre Latein und Altgriechisch in der Schule gehabt und beide Fächer anschließend eine Weile studiert) zu reflektieren. Tatsächlich habe ich nach der Lektüre begonnen, die Comics mit anderen Augen - und v.a. aufmerksamer - zu lesen.

Für mich war die Lektüre dieses Buches auf der einen Seite also sehr wertvoll. Auf der anderen Seite hat der Autor immer wieder seine Kritik auf wertende, auf mich unsachlich wirkende Weise eingebracht, was besonders im letzten Teil des Buches eskaliert. Er scheint sich dabei mehr über die Leser als über die Comics lustig zu machen, was für mich einen etwas unangenehmen Charakter hatte.

Das Buch nennt immer wieder Quellen aus den Comics, was schön ist, wenn man dort nochmal nachlesen will, wie das eigentlich nochmal genau war. Es macht Lust darauf, ältere Bände wieder auszugraben.

Hinten findet sich eine Liste mit interessanten Literaturtipps zum Thema - auf die Werbung für weitere Bücher des Verlags folgt, die inkl. Leseproben 10% des Ebooks ausmachen. Sinnlos ist, ganz am Ende, also auch nach den Tipps für weiterführende Lektüre, ein "über dieses Buch" zu bringen, das sich wie ein Klappentext liest Genau derselbe Text war im Onlineshop als Buchbeschreibung zu lesen.

Obwohl mich die Art des Autors am Ende genervt hat, möchte ich dieses Buch dennoch denjenigen Asterix-Fans empfehlen, die mehr über ihren Helden erfahren möchten, ohne viel recherchieren oder mehrere Bücher wälzen zu müssen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.01.2020

Noch brutaler als der Vorgänger

Projekt Orphan
0

Even Smoak, der "Nowhere-Man" und ehemaliger Auszubildender im ominösen, staatlichen Orphan-Programm, ist bereits im ersten Band der Reihe selbständig und immer per RoamZone erreichbar, für die nächste ...

Even Smoak, der "Nowhere-Man" und ehemaliger Auszubildender im ominösen, staatlichen Orphan-Programm, ist bereits im ersten Band der Reihe selbständig und immer per RoamZone erreichbar, für die nächste Person, die dringend seine Hilfe benötigt.

Er stolpert in einen Fall, in dem junge Mädchen ausgetrickst, entführt und als Lustsklavinnen verkauft werden und setzt sich zum Ziel, das aktuelle Opfer zu retten und natürlich die Strippenzieher auszuschalten. Es scheint so einfach, doch dann entpuppt sich der Fall als größer als gedacht. Und zu allem Überfluss gerät Evan aufgrund einer winzigen Unachtsamkeit seinerseits in Gefangenschaft, die alte Gegner auf den Plan ruft, ihn unnötig von der Rettung des Mädchens abhält und noch nicht einmal etwas mit seinem Fall zu tun hat. Ziemlich lästig also.

Die Gefangenschaft nimmt übermäßig viel Raum im Roman ein, die zahlreichen Fluchtversuche lassen ab einem gewissen Punkt die Spannung sinken und es wird beinahe zäh, bis wieder etwas passiert, das die Handlung voranbringt.

Obschon der Vorgängerband bereits ziemlich brutal war, so ist dieser Band ungleich brutaler. Hurwitz verwendet eine faszinierende, präzise und erbarmungslose Sprache, die besonders in Kampfszenen wunderbar spannend wirkt, allerdings heftig wird, wenn es um die Art und die Beschreibung von Verletzungen und Tötungen geht. Even lässt sich nicht unterkriegen, und wo gehobelt wird, fallen Späne.

Dieser Band birgt eine unglaubliche Wendung, die nicht nur Evan, sondern auch die Leser verstört und ein wenig verdutzt und überfordert zurücklässt. Ich finde es gut gelöst, dass Even - genau wie eben die überraschten Leser - nicht weiß, wie er mit der neuen Situation umgehen soll. Ich bin gespannt, wie er es im Folgeband verarbeiten wird. Zumindest wird hier noch einmal deutlich, dass aus Evan durch das Orphan-Projekt keineswegs eine emotionslose Kampfmaschine geworden ist, ganz genau so, wie sein ehemaliger Mentor Jack es sich für ihn gewünscht hat.

Evan muss es in diesem Band mit verschiedenen Gegnern aufnehmen, von denen jeder auf seine Weise ziemlich schräg ist. Seine Identität als Nowhere-Man läuft Gefahr, publik zu werden und er gerät in die Not, nicht Jäger, sondern Gejagter zu sein.

Es macht Spaß, Evans logischen Folgerungen zu folgen und von seinen "Agenten-Tricks" zu erfahren, die einen selbst mit offeneren Augen die Umwelt betrachten lassen. Die beschriebene Brutalität ist nichts für schwache Nerven.
Aufgrund der zu lang gezogenen Gefangenschaftsszene, in der es länger nicht vorwärts geht bzw. Even wiederholt zurückgeworfen wird, gefällt mir dieser Band etwas weniger als der Vorgänger. Nichtsdestotrotz freue ich mich darauf, bald Band 3 zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.01.2020

Nicht ihr bestes Werk

Mord im Spiegel
0

Miss Jane Marple ist kränklich und erhält von ihrem Arzt ein "Medikament", von dem man sich sehr gut vorstellen kann, das es ihr zusagt: Sie solle sich mit einem Mord beschäftigen, weil ihr das doch immer ...

Miss Jane Marple ist kränklich und erhält von ihrem Arzt ein "Medikament", von dem man sich sehr gut vorstellen kann, das es ihr zusagt: Sie solle sich mit einem Mord beschäftigen, weil ihr das doch immer so viel Freude bereite und dies ihr guttäte.

Wie auf Geheiß geschieht bald darauf tatsächlich ein Mord in der näheren Umgebung: Ausgerechnet die Frau, die Miss Marple neulich nach einem Sturz so freundlich bei sich aufgenommen hatte, wird auf einem Fest der bekannten Regisseurin und Schauspielerin Marina Gregg durch einen Gift-Cocktail feige ermordet.War diese arme Frau tatsächlich das Ziel oder hatte es der Täter eigentlich auf Mrs. Gregg abgesehen, die ihren Cocktail scheinbar selbstlos dem späteren Opfer überlassen hatte nachdem dessen eigener Cocktail sich durch ein Versehen auf dem schönen Abendkleid ergoss.

Um die Szene des verschüttet werdenden Cocktails herum haben Zeugen einen äußerst erschreckten Ausdruck auf Mrs. Greggs Gesicht beobachtet. Hat sie etwa den Mörder gesehen?

Mich hat der Krimi ein wenig enttäuscht, ehrlich gesagt. Miss Marple war hier definitiv nicht die Hauptperson, die Handlung plätscherte teilweise nur so vor sich hin (besonders im mittleren Abschnitt) und die Geschichte vermittelt den Eindruck, als sei Agatha Christie beim Verfassen des Buches verbittert darüber gewesen, dass sich die Zeiten geändert haben. Das vorliegende Buch stammt aus dem Jahre 1962; Christe war also bereits 72 Jahre alt, hatte 2 Weltkriege und jede Menge gesellschaftliche Veränderungen miterlebt. Sie versucht, ihre Vorwürfe an die moderne Zeit durch ein wenig Humor aufzulockern (wie z.B. durch Miss Marples Eigensinnigkeit und ihre Haltung gegenüber ihrer nervigen Haushälterin), aber für meinen Geschmack kam das Bedauern über die weibliche Emanzipation, moderne Geräte, moderne Wohn- und Lebensformen usw. zu stark rüber, als dass ich darüber hinwegsehen könnte. Miss Marpel selbst bezeichnet sich in dem Band als konservativ nd spricht teilweise das aus, was als Haltung der Autorin mitzuschwingen scheint. Jedoch bin ich mir nicht sicher, ob Christie damals nicht auch Miss Marple schon zu offen für die neue Welt war - aber das ist Spekulation.

Der Fall selbst entwickelt sich im letzten Drittel des Buches noch sehr interessant und ermöglicht eine überraschende Wendung. Auch Miss Marples Haltung gegenüber der Moderne scheint sich gegen Ende des Buches zu lockern und eine Entwicklung durchlebt zu haben, das fand ich hochinteressant!


"Mord im Spiegel" war sicherlich nicht Agatha Christies bestes Werk. Die Auflösung des Falls ist interessant, aber der Weg bis zur Auflösung eher langatmig und zäh. Die Sprache ist trotz des Alters des Buches relativ unumständlich zu lesen, allerdings kommen ein paar Begriffe vor, deren damalige Bedeutung man eventuell nachschlagen muss, um den Sinn vollumfassend zu begreifen. Die Charaktere waren alle unterschiedlicher Natur, aber die wenigsten wurden so ausführlich beschrieben, dass man sie sich lebhaft vorstellen konnte (damit meine ich weniger das Aussehen als die Antwort auf die Frage: "Was für eine Art Mensch ist das?"). Christie-Fans sollten dieses Buch sicherlich gelesen haben, aber solchen, die es noch werden wollen, würde ich dieses Buch sicher nicht zum Einstieg empfehlen, sondern eher ältere Bände.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere