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Veröffentlicht am 19.01.2020

Ein Funke, der einen Flächenbrand auslöst

Der Attentäter
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Der Erste Weltkrieg – grausamer und nachhaltiger hätte das 20. Jahrhundert kaum beginnen können, ein Ereignis, das das ganze Jahrhundert prägen sollte. Die Gründe für den Ausbruch desselben waren mannigfaltig, ...

Der Erste Weltkrieg – grausamer und nachhaltiger hätte das 20. Jahrhundert kaum beginnen können, ein Ereignis, das das ganze Jahrhundert prägen sollte. Die Gründe für den Ausbruch desselben waren mannigfaltig, doch gilt das Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin, Sophie, am 28. Juni 1914 in Sarajevo als dasjenige Ereignis, das diesen ersten industriell geführten Krieg letztlich ausbrechen ließ. In seinem 512-seitigen historischen Thriller „Der Attentäter“, erschienen im November 2019 bei Bastei Lübbe, lässt Ulf Schiewe die letzte Woche vor diesem Anschlag Revue passieren und nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine spannende Reise.
Obgleich das Ende und der Höhepunkt dieser Woche bekannt sind, liest sich dieser Thriller von Anfang bis Ende hoch spannend, was vor allem der atmosphärisch dichten Erzählweise des Autors sowie seiner ausführlichen Recherche zu verdanken ist. Mit seinem klaren, schnörkellosen Schreibstil lässt sich das Buch zudem flüssig lesen, sodass man sich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren kann.
Geschildert werden die Ereignisse auf drei Ebenen: Zum einen ist da die Reise des Thronfolgerpaares, deren Höhepunkt der Aufenthalt in Sarajevo ist. Neben historisch belegten Fakten wie dem Besuch eines Manövers in Bosnien und in Sarajevo, erhalten die Leser/innen durch fiktive Szenen Einblicke in das Privatleben der kaiserlichen Familie, was dieser Leben einhaucht. Ein weiterer Erzählstrang erweckt die Attentäter selbst zum Leben. Von Führungspersönlichkeiten des serbischen Geheimbundes „Schwarze Hand“ rekrutiert, handelt es sich bei diesen um historisch belegte Personen, die aufgrund ihrer detaillierten und lebendigen Beschreibung trotz der grausamen Tat sehr menschlich erscheinen. Als größtenteils 19-Jährige sehen sie sich durch die österreichische Regierung und ihre eigene Krankheit veranlasst, ihrem Leben einen letzten Sinn zu geben und in die Annalen der Geschichte einzugehen. Dieses lässt ihre Tat auf der einen Seite nachvollziehbar erscheinen, wirft aber auch die Frage auf, ob sie sich über die (möglichen) Folgen derselben im Klaren waren. Nicht zuletzt zeigt ihre Geschichte auch Parallelen zu heutigen (Selbstmord-)Attentätern auf, was den historischen Ereignissen immerwährende Aktualität verleiht. Am meisten von der Historie entfernt sind schließlich die Schilderungen rund um die Vertreter der Staatsmacht. Mit Rudolf A. Markovic, Major beim österreichisch-ungarischen Geheimdienst in Sarajevo, hat Ulf Schiewe hier einen lebensnahen Protagonisten erschaffen, der zwar versucht, in die historischen Geschehnisse einzugreifen und mit historischen Persönlichkeiten glaubhaft interagiert, der es aber auch nicht schafft, den Lauf der Geschichte „umzuschreiben“. Nichtsdestotrotz stellt sich hier die Frage, ob das Attentat hätte verhindert werden können – wird der Regierung doch tatsächlich im Nachhinein vorgeworfen, nicht für ausreichende Sicherheitsmaßnahmen gesorgt zu haben. Gleichzeitig verdeutlichen diese Schilderungen, wie viele Zufälligkeiten und Verkettungen unglücklicher Umstände unsere Geschichte prägen – und geben dem Roman die letzte Würze.
Eingeteilt ist der Roman in sieben Kapitel, jedes einem Tag der Unglückswoche im Juni 1914 gewidmet. Jedem Kapitel sind, passend zum jeweiligen Tag, originale Zeitungsartikel vorangestellt, die teilweise einen Blick über das Erzählte hinauswerfen und für neue Denkanstöße sorgen. Gerahmt ist das Ganze von einem Prolog und einem Epilog. Anmerkungen des Autors, in denen das weitere Schicksal der Attentäter sowie Recherchenotizen erörtert werden, ein Glossar sowie ein Personenverzeichnis, in dem fiktive Charaktere extra gekennzeichnet sind, ergänzen das Werk. Eine Karte von Sarajevo in der Buchinnenklappe ermöglichen es, den Weg der Attentäter mitzugehen.
Insgesamt präsentiert Ulf Schiewe mit „Der Attentäter“ einen historischen Thriller, der überaus spannend zu lesen und ebenso lehrreich ist. Von mir gibt es eine 100%-ige Leseempfehlung – ohne Wenn und Aber.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2020

Die ach so sozialen Medien

Im Netz des Lemming
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In seinem fünften Lemming-Roman greift Stefan Slupetzky ein aktuelles Thema auf: Mobbing und Meinungsmache in den digitalen Medien. Erschienen ist der 200-seitige Kriminalroman „Im Netz des Lemming“ im ...

In seinem fünften Lemming-Roman greift Stefan Slupetzky ein aktuelles Thema auf: Mobbing und Meinungsmache in den digitalen Medien. Erschienen ist der 200-seitige Kriminalroman „Im Netz des Lemming“ im Januar 2020 bei Haymon.
Leopold „Lemming“ Wallisch wird Zeuge, wie sich der Freund seines Sohnes, Mario, von einer Brücke vor eine U-Bahn stürzt. Was ist der Grund für diesen Suizid? Als dann auch noch Berichte zu dieser Schreckenstat im Internet kursieren und jeder Hinz und Kunz seinen Senf dazugibt, gerät Lemming schnell ins Visier der Internetgemeinde - und ein regelrechter Shitstorm bricht über ihm los. Mit Hilfe seines Freundes, Chefinspektor Polivka, begibt er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Und bald schon scheinen die beiden im World Wide Web gefangen zu sein.
Um es vorweg zu schreiben: Der Roman liest sich wunderbar flüssig und kurzweilig. Die Sprache ist eingängig und verhehlt auch nicht die Wiener Wurzeln des Autors. Die Internet-Sprache wird herrlich aufs Korn genommen, wenn Chat-Abkürzungen, O Em Dschi!, ausgeschrieben werden oder Lemming den Shitstorm der Einfachheit halber mit „Scheißsturm“ übersetzt. Dieses sorgt beim Lesen für viele Lacher.
Der Fall an sich – der Suizid eines elfjährigen Jungen – ist alles andere als lustig. Das hat mich vor dem Lesen auch etwas kritisch sein lassen. Aber trotz aller Bedenken hat Slupetzky, was den Fall des Jungen betrifft, stets den richtigen Ton getroffen. Zwar ist alles witzig, weil satirisch verpackt, aber die Dramatik, die hinter Marios Schicksal steckt, geht niemals verloren. Durch den engen zeitlichen Rahmen der Handlung – sie umfasst vier Tage – wird pointiert und zugespitzt dargestellt, welchen Einfluss soziale Medien auf den einzelnen Menschen und sein Schicksal haben.
Ein Merkmal der Satire ist die Übertreibung. Klar. Doch hat der Autor hier m.E. das eine oder andere Mal doch zu viel des Guten gewollt. Auch wenn der „Lemming“ mit seinen über fünfzig Jahren vielleicht nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist, erscheint mir sein Unwissen in Bezug auf die digitalen Medien und ihre Gefahren doch sehr unglaubwürdig. Wie er und sein Mitstreiter sich verkleiden, um auf der Straße nicht erkannt zu werden, oder ein Viertel nach dem anderen trinken, konnte mich ebenfalls nur anfangs erheitern. Irgendwann werden viele Scherze einfach langweilig.
Stehen zu Beginn des Geschehens noch Mario und sein Schicksal als Mobbing-Opfer im Zentrum, wird nach und nach der Fokus auf weitere Missstände in der (österreichischen) Gesellschaft gelenkt. Teils ist dieses verständlich, werden doch in den Medien Meinungsmache betrieben und durch Fake News gezielt Falschinformationen verbreitet. Allerdings sagt mir gerade die Fülle an politischen Themen nicht sehr zu, da vieles angerissen, jedoch wenig vertieft wird – durchaus ein Spiegel unserer Gesellschaft, jedoch eben kein tiefgreifender. Leider gerät dadurch auch Marios Schicksal ein wenig ins Hintertreffen. Ob gewollt oder nicht, mich hat das beim Lesen gestört.
Auch der Showdown am Ende hat mein Lesevergnügen ein wenig geschmälert. Slupetzkys Versuch, nach einem doch eher unblutigen Geschehen etwas mehr Action in die Handlung einzubauen, schrammt meiner Meinung nach haarscharf an Klamauk und Slapstick vorbei – eine Tendenz in Büchern, mit der ich wenig anfangen kann.
Insgesamt fühlte ich mich von „Im Netz des Lemming“ gut unterhalten, vollends überzeugen konnte mich dieses Buch jedoch nicht, denn dafür fehlt es einfach an Tiefe – und gerade sie hätte ich bei dieser Thematik erwartet. Schade.

Veröffentlicht am 12.01.2020

„Die Wahrheit muss ans Licht.“

Der unschuldige Mörder
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Vom Limes-Verlag beworben wird Mattias Edvardsson 464-seitiger Spannungsroman „Der unschuldige Mörder“ als „der neue packende Roman“ dieses Schweden. In Deutschland erschienen ist er jedoch erst im Anschluss ...

Vom Limes-Verlag beworben wird Mattias Edvardsson 464-seitiger Spannungsroman „Der unschuldige Mörder“ als „der neue packende Roman“ dieses Schweden. In Deutschland erschienen ist er jedoch erst im Anschluss an den Überraschungserfolg von „Die Lüge“ – im November 2019, also knapp drei Jahre nach der schwedischen Originalausgabe.
Die Zeitungskrise macht auch vor Schweden nicht halt. Und sie trifft den 32-jährigen Zackarias Levin wie aus dem Nichts. Fortan ohne Lohn und Brot, besinnt er sich auf seine Wurzeln. In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts studierte er in Lund „Literarisches Schreiben“. Nun ist es an der Zeit, das Gelernte anzuwenden. Sein Projekt: Er möchte das Verschwinden des Erfolgsschriftstellers Leo Stark zum Thema machen. Dieser hegte damals eine enge Beziehung zu Zackarias‘ Freundeskreis, bis er eines Tages spurlos verschwand. Zwar wurde seine Leiche nie gefunden, doch wurde Zacks Kommilitone Adrian wegen Mordes zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt. Kaum macht sich der ambitionierte Autor an die Recherchen, taucht auch schon Stacks Leiche auf.
In diesem Werk steht ein Verbrechen im Zentrum, das aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. So wird das Geschehen, was mir sehr gut gefallen hat, auf zwei Ebenen geschildert. Zum einen sind da die Ereignisse in der Gegenwart, hier im Jahr 2008. Zack recherchiert die Hintergründe des Verbrechens, nimmt zu seinen früheren Bekannten Kontakt auf, lässt sie ihre Sicht der Dinge erzählen und wird schließlich in die aktuellen polizeilichen Ermittlungen, die sich im Anschluss an das Auffinden von Stacks Leichnam ergeben, involviert. Die zweite Ebene bildet der Roman, den Zack im Anschluss an seine Arbeit veröffentlich hat. Einzelne Kapitel desselben wechseln sich beständig mit der Gegenwart ab und greifen Recherchiertes auf, sodass sich aus beidem schließlich ein Gesamtbild ergibt. Durch die regelmäßigen Perspektivwechsel und das häppchenweise Präsentieren von Erkenntnissen, jede/r in diesem Roman scheint etwas zu verbergen zu haben, baut der Autor einen Spannungsbogen auf, der den Roman mit wechselnder Intensität latent durchzieht. Außerdem werden Leserinnen und Leser auf eine bestimmte Fährte geführt, die sich am Ende allerdings als falsch erweist, was das Ende des Romans wie eine Bombe einschlagen lässt. Insofern fühlte ich mich beim Lesen gut unterhalten. Leider werden jedoch am Ende nicht alle offenen Fragen geklärt, und die endgültige Aufklärung kommt recht plötzlich.
Gerade die Schilderungen aus der Studienzeit beinhalten viele Informationen über den Prozess des Schreibens an sich, was mir recht gut gefallen hat: Ist Schreiben eher erlernbares Handwerk oder etwas, was man nur bedingt lernen kann? Welchen Umfang sollte ein gutes Buch haben? Wie gehe ich mit Sprache um? Was passiert bei einer Schreibkrise? Außerdem gewähren sie einen lebendigen Eindruck in die Studienzeit. Allerdings nehmen hier sexuelle bzw. Liebesbeziehungen einen m.E. zu großen Raum ein, was das Lesen teilweise doch sehr langatmig werden lässt – erstrecht wenn man sich am Ende resümiert, wie viele dieser Informationen für den Fortgang der Handlung wirklich von Bedeutung sind.
Die Zahl der Charaktere ist überschaubar, und sie werden auch durchaus lebendig dargestellt; jedoch lassen sie eine innere Entwicklung missen. Selbst mit Anfang Dreißig verhalten sie sich kaum anders als in ihren Studienjahren. Insbesondere Zacks Verhältnis zu seiner Mutter, bei der er wegen seiner Arbeitslosigkeit wieder wohnt, erscheint mir sehr unreif. Aber auch der Bestsellerautor Leo Stark ist so exzentrisch dargestellt, dass ich seine Figur für eher unrealistisch halte und mir beim Lesen das eine oder andere Mal die Lust verging, mehr über ihn zu erfahren.
Edvardssons Sprache ist insgesamt flüssig zu lesen; der „Roman im Roman“ liest sich stellenweise etwas „affektierter“, literarischer, was dem geschuldet ist, dass Zack versucht, das im Studium Erlernte umzusetzen, und die beiden Handlungsebenen auch sprachlich voneinander absetzt.
Mit großen Erwartungen bin ich an diesen Roman herangegangen, konnte mich „Die Lüge“ doch im Großen und Ganzen überzeugen. „Der unschuldige Mörder“ indes konnte diese leider nicht erfüllen: Edvardsson thematisiert zu viele Nebensächlichkeiten, führt nicht alle losen Fäden zusammen, und auch den Figuren konnte ich nicht viel abgewinnen: ein Roman, der unterhält und den man lesen kann, aber eben nicht lesen muss.

Veröffentlicht am 06.01.2020

Die Welt der Kunst – so schön und doch so grausam

Kohlenwäsche
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"Als wäre es weniger kriminell, wenn man wohlhabende Menschen oder Menschen mit Neidfaktor aufs Kreuz legte." (S. 196) – Dieser Satz geht Frederike Stier von der Essener Kripo durch den Kopf, als sie tiefer ...

"Als wäre es weniger kriminell, wenn man wohlhabende Menschen oder Menschen mit Neidfaktor aufs Kreuz legte." (S. 196) – Dieser Satz geht Frederike Stier von der Essener Kripo durch den Kopf, als sie tiefer in die Sphären der Kunstkriminalität eindringt. Und es stimmt für viele: Wen kümmert es schon, wenn Reiche sich gegenseitig übers Ohr hauen? Doch, es kümmert jemanden, nämlich eben oben genannte Frederike.
Diese wird nämlich an einen Tatort gerufen: An der orangefarbenen Rolltreppe auf der Zeche Zollverein in Essen, die zur Kohlenwäsche führt, wird der Leichnam des hoch gehandelten Aktionskünstlers Claude Freistein gefunden. Mittels Drahtschlinge erdrosselt, liegt der Verdacht einer Exekution nahe. Als kurz darauf auch noch der Kunsthändler Westerburg gefoltert und ermordet aufgefunden wird, steht fest: Hier muss es sich um ein Verbrechen größeren Ausmaßes handeln. Trotz zahlreicher Widrigkeiten macht sich die Kommissarin auf die Jagd nach dem Mörder, die ihr selbst fast das Leben kostet.
Erschienen ist dieser 320-seitige Regionalkrimi von Thomas Salzmann, der über die Grenzen des Ruhrgebiets hinausführt, im November 2019 bei Emons.
Frederike Stier ist eine skurrile Ermittlerin, der man auf den ersten Blick vielleicht nicht wirklich viel zutraut: Schwer herzkrank mit einem Hang zum ungesunden Leben und vom Leben gebeutelt, ist sie bei ihren Kolleg/innen nicht hoch angesehen. Eigentlich legt man ihr eher Steine in den Weg, als dass man sie unterstützt. Lediglich ihr Kollege Kowalczyk hilft ihr nach bestem Wissen und Gewissen. Als sie nicht mehr weiter weiß, lässt sie sich krankschreiben und macht sich allein mit unorthodoxen Mitteln auf Verbrecherjagd. Inwiefern dieses glaubwürdig erscheint, mögen die Leser/innen entscheiden, für Nervenkitzel und auch Spaß sorgt dieses allemal.
Der Roman spielt im Herzen des Ruhrpotts, in Essen. Nach dem Zusammenbruch der Kohlewirtschaft musste sich das Revier neu orientieren. Die Zechen stehen heute als Symbol für eine ganze Region. Wo einst Kohle gefördert wurde, widmet man sich heute der Kunst oder der Freizeitgestaltung. Dieses bietet dem Erzähler auch Anlass für die eine oder andere kritische Bemerkung, die erahnen lässt, dass diese Umstrukturierung doch nicht ganz so einfach vonstattengeht: „Auch wenn die Zeche Vergnügungen und Kultur bot, war dies doch ein Tanz auf Gräbern.“ (S. 20)
Von tiefgreifender Recherche seitens des Autors zeugen die zahlreichen Informationen, die man über Kunsthandel, -fälschung und –kriminalität erhält. Wie eingangs schon erwähnt, werden Letztere oft als Kavaliersdelikte betrachtet, hier aber wird deren ganze Dimension, wenngleich aus dramaturgischen Gründen komprimiert, dargestellt. Zudem regen gerade die Darstellung und der Werdegang des Künstlers Freistein dazu an, der Frage nachzugehen, was eigentlich Kunst ist … und was eben Kommerz.
Sehr gut gefallen haben mir die Informationen zu verschiedenen Künstlern, was mir im Fall von Monet auch einigen Wissenszuwachs beschert hat. Ebenfalls dem kleinen Ausflug in das Essener Museum Folkwang konnte ich viel abgewinnen.
Dieser Kriminalroman ist von Anfang bis Ende spannend zu lesen, lediglich das Ende erschien mir – trotz der logischen Auflösung – ein wenig langatmig. Andere, actionreichere Passagen können jedoch dafür entschädigen. Salzmanns Sprache ist flüssig und schnörkellos zu lesen, allerdings hätte ich mir gerade bei Dialogen ein wenig mehr Lokalkolorit in Form von „Ruhrpottslang“ gewünscht. Dieses wäre dem Ruhrgebietsflair sehr zuträglich.
Alles in allem hat es mir großen Spaß gemacht, diesen Krimi zu lesen und diese kleine Reise in die Welt der Kunst und des Kohlereviers zu unternehmen. Mit Frederike Stier hat Thomas Salzmann außerdem eine originelle, zynische und auch gewiefte Ermittlerin geschaffen, von der mehr zu lesen mir große Freude bereiten würde. So empfehle ich dieses Buch sehr gerne zur Lektüre weiter.

Veröffentlicht am 05.01.2020

Freiheit!

Juni 53
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Der 17. Juni – 36 Jahre lang Nationalfeiertag in der Bundesrepublik Deutschland als Gedenken an den Volksaufstand in der DDR 1953, heute fast vergessen. An dieses Ereignis erinnert Frank Goldammer in seinem ...

Der 17. Juni – 36 Jahre lang Nationalfeiertag in der Bundesrepublik Deutschland als Gedenken an den Volksaufstand in der DDR 1953, heute fast vergessen. An dieses Ereignis erinnert Frank Goldammer in seinem 368-seitigen historischen Kriminalroman „Juni 53“, erschienen im Dezember 2019 bei dtv.
Gerade an diesen geschichtsträchtigen Tagen wird – nun schon zum fünften Mal – Max Heller von der Dresdener Kripo an den Ort eines grausamen Verbrechens gerufen: Im VEB Rohrisolation findet man in einem Behälter – mit Glaswolle gestopft wie eine Gans – den Leichnam des ehemaligen Firmeneigentümers, Martin Baumgart. Außerdem gilt ein weiterer Mitarbeiter, Gerd Kruppa, als vermisst. Doch man macht dem Kripobeamten die Ermittlungen nicht leicht; die Mitarbeiter des MfS sähen am liebsten ein politisches Motiv für den Mord, um Querulanten und Aufständische inhaftieren zu können. Dennoch geht der parteilose Heller seinen eigenen Weg und stößt dabei auf Widerstand. Ebenfalls privat steht er vor großen Problemen. Haben er und seine Familie in der noch jungen DDR eine Zukunft? Soll er bleiben oder gehen?
Mich persönlich hat beim Lesen eher das historische Ambiente als der Kriminalfall an sich angesprochen. Wie für die DDR-Politik typisch, wird der Täter erst einmal in den Reihen der politischen Gegner gesucht. Doch auch Bezüge zur noch nicht lange zurückliegenden nationalsozialistischen Vergangenheit werden hergestellt, es werden viele Verdächtige und Motive angeführt, sodass sich der ganze Fall unübersichtlich gestaltet. Hier hat der Autor eindeutig des Guten zu viel getan, um den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Manchmal ist weniger eben doch mehr. Überzeugen und überraschen indes kann die Lösung des Falls, was für manche Widrigkeiten beim Lesen entschädigt und mich dann doch befriedigt zurückgelassen hat.
Sehr eindrücklich ist die Atmosphäre der noch jungen sozialistischen Republik eingefangen: Die Menschen stöhnen ob der schwierigen Versorgungslage und der immer weiter steigenden Arbeitsnormen, die kaum noch ein Mensch erfüllen kann. Auch freie Wahlen fordern die Bürger, sodass die Lage schließlich eskaliert und der Aufstand vom 17. Juni blutig niedergeschlagen wird. Der Ton der Parteibonzen ist rau und unterscheidet sich nur wenig von dem der Nationalsozialisten, Befragungen von Verdächtigen werden kombiniert mit Folter und haben einzig das Ziel, Geständnisse zu erpressen. In diesem Ambiente fällt es Heller schwer, objektive Ermittlungen zu betreiben – vor allem, da Ranghöhere und Mitarbeiter zum großen Teil hinter der Regierung stehen oder zumindest versuchen, sich mit dem Regime zu arrangieren. Doch auch in die Familien treibt die Politik einen Keil, wie man dem Verhältnis Hellers zu seinem Sohn Klaus entnehmen kann; Letzterer steht voll und ganz hinter dem Staat, was zu einer zunehmenden Entfremdung führt. Hauptmann Bech, der sich immer wieder in die Ermittlungen einschaltet, verkörpert den linientreuen MfS-Mitarbeiter, der die Ermittlungen eher erschwert als unterstützt. Darüber hinaus gibt es in diesem Buch parallel die Menschen, die einfach nur versuchen, ihre Nische zu finden, verkörpert z.B. durch Hellers Mitarbeiter Odenbusch, der als junger Ehemann weiß, dass er sich mit den gegebenen Umständen abfinden muss, möchte er sich in diesem Staat eine Zukunft aufbauen. Und ja, natürlich begegnen uns ferner Personen, die der Partei eindeutig ablehnend gegenüberstehen – und dieses teuer bezahlen, was besonders bitter aufstößt, wenn es sich dabei auch noch um Menschen handelt, die schon unter den Nazis zu leiden hatten. Alles in allem präsentiert hier Goldammer ein Bild des jungen Staates, das mit all seinen Grausamkeiten und Beschönigungen realistisch und detailliert gemalt ist – und das eben nicht in Vergessenheit geraten sollte.
Das Ende des Buches legt nahe, dass es noch weitere Bände dieser Reihe geben wird. Dieses stimmt mich ein wenig nachdenklich bzw. kritisch, da ich persönlich für die Figur Heller keine Zukunft in der DDR sehe, sollte er sich der Staatsmacht nicht anpassen, was wiederum schade wäre.
Insgesamt sei zusammengefasst, dass Frank Goldammer mit „Juni 53“ einen Kriminalroman vorlegt, der zeitgeschichtlich hoch interessant und authentisch ist und somit ein Stück deutscher Geschichte lebendig werden lässt, das man nicht oft genug erinnern kann. Auch wenn mich der Kriminalfall an sich nicht völlig überzeugen konnte, empfehle ich das Buch gerne zur Lektüre weiter.