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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.12.2018

Morden in Münster

Kälter als die Angst
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Mit „Kälter als die Angst“ präsentiert Christine Drews ihren mittlerweile fünften Band rund um das Ermittlerduo Charlotte Schneidmann und Peter Käfer. Der Münster-Krimi ist im Dezember 2018 bei Bastei ...

Mit „Kälter als die Angst“ präsentiert Christine Drews ihren mittlerweile fünften Band rund um das Ermittlerduo Charlotte Schneidmann und Peter Käfer. Der Münster-Krimi ist im Dezember 2018 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 304 Seiten.
Nach ihrer Scheidung versucht sich Katrin Ortrup gemeinsam mit ihren beiden Söhnen ein neues Leben aufzubauen. Doch das Glück währt nicht lange: Bald erhält sie mysteriöse Drohbriefe. Werden diese anfangs nur bedingt ernst genommen, ändert sich dieses, als Carla Delbrück erschlagen wird. Sie nämlich wohnte jahrelang in Katrins neuer Wohnung. Als sich dann auch noch herausstellt, dass vor Jahren im Nachbarhaus ein ähnlicher Mord wie der an Carla geschah, spitzt sich die Lage zu.
Mit einem Prolog, in dem ein Verbrechen geschildert wird und der unter die Haut geht, schafft es die Autorin gleich zu Beginn, einen Spannungsbogen aufzubauen, der sich nach und nach steigert und bis zum Ende anhält. Gemeinsam mit dem Ermittlerteam wird man auf falsche Fährten und in Sackgassen geführt, sodass man permanent grübelt, was wohl hinter dem Mord und den Drohbriefen stecken mag. Das Ende ist sehr überraschend, aber dennoch logisch und nachvollziehbar. Die eine oder andere kleine Frage bleibt am Ende zwar offen, dieses tut dem Lesegenuss jedoch keinen Abbruch.
Drews erzählt ihren Roman aus drei Perspektiven: aus der Sicht des Täters, der eines ehemaligen, geläuterten Gefängnisinsassen und der des dominierenden Er-Erzählers, welcher die Ermittlungsarbeiten nachzeichnet. Besonders gefallen hat mir beim Lesen, dass die Gedanken des Ex-Häftlings „ein Buch im Buch“ darstellen.
Die Charaktere sind detailliert, lebensnah und durchaus vielschichtig gezeichnet. Viele scheinen nicht diejenigen zu sein, die zu sein sie vorgeben. Gerade Letzteres leitet die Lesenden immer wieder in die Irre, führt zu Nervenkitzel und Überraschungsmomenten.
Katrin Ortrup ist einigen sicher schon bekannt aus Drews Roman „Schattenfreundin“. Auch im weiteren Verlauf des Romans gibt es immer wieder Anspielungen auf Schneidmanns und Käfers ältere Fälle, doch dürfte dieses auch für Neueinsteiger/innen in die Reihe kein Problem darstellen, da diese für den aktuellen Fall von wenig Relevanz sind. Zusätzlich machen sie Lust, auch zu den älteren Bänden zu greifen.
Drews Sprache ist eingängig und flott zu lesen, was gemeinsam mit dem durchgehenden Spannungsbogen für ein flüssiges und aufregendes Leseerlebnis sorgt. Ich jedenfalls mochte während des Lesens den Roman kaum aus der Hand legen.
Wie es sich für einen Regionalkrimi gehört, ist auch das vorliegende Werk gespickt mit Lokalkolorit. Dieses wird gekonnt in die Handlung eingeflochten und zeugt davon, dass die Autorin mit dieser westfälischen Stadt vertraut ist.
Mit „Kälter als die Angst“ konnte Christine Drews mich wieder einmal überzeugen, und ich warte schon gespannt auf weitere Münster-Krimis mit diesem sympathischen Ermittlerduo. Ein Buch, das ich allen Liebhabern deutscher Kriminalliteratur einfach nur ans Herz legen kann.

Veröffentlicht am 28.11.2018

Und du, wann stirbst du wohl?

Deine letzte Stunde
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Carlos Monteros Thriller „Deine letzte Stunde“ ist im November 2018 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 448 Seiten.
Raquel tritt eine Stelle als Vertretungslehrerin im Galizischen Novariz an. Was ...

Carlos Monteros Thriller „Deine letzte Stunde“ ist im November 2018 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 448 Seiten.
Raquel tritt eine Stelle als Vertretungslehrerin im Galizischen Novariz an. Was sie nicht weiß: Ihre Vorgängerin wurde ertrunken aufgefunden. War es Mord oder Selbstmord? Wurde sie gar von den Schüler/innen in den Tod getrieben? Als sie selbst mit Morddrohungen konfrontiert wird, beginnt die junge Lehrerin, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei gerät sie in einen Sumpf aus Lug und Trug, bis sie schließlich selbst in Lebensgefahr gerät.
Der Thriller beginnt spannend und atmosphärisch dicht mit dem Auffinden einer Leiche. Dann allerdings plätschert die Handlung erst einmal vor sich hin, bis der Roman etwa ab der Mitte wieder an Spannung zulegt. Das Ende ist fulminant und durchaus dramatisch, der Todesfall wird aber leider nur unzureichend nachvollziehbar aufgelöst. Der Autor führt zudem immer wieder belanglose Nebenschauplätze an, die für den Kriminalfall an sich keine Rolle spielen und den Spannungsbogen unterbrechen. Durch mehrfache Wendungen gelingt es jedoch, die Leser/innen zum Miträtseln und sich Gedankenmachen zu animieren.
Die Charaktere sind plastisch beschrieben, die spanischen Namen waren für mich anfangs ein wenig verwirrend. Wirklich warm werden konnte ich während des Lesens mit niemandem, vor allem nicht mit der Protagonistin, da sie mir über weite Strecken doch sehr naiv, widersprüchlich und unreif vorkam. Auch eine Entwicklung der Figuren ist nicht erkennbar.
Der Autor greift mit seinem Roman aktuelle Themen auf: (Cyber-)Mobbing in der Schule, Drogen, Missbrauch und das fehlerhafte Umgehen mit Finanzen. Meiner Meinung nach wirkt der Roman dadurch sehr überladen, vor allem wegen der mangelnden Ausführung dieser Problematiken, die z.T. praktisch en passant erwähnt und fast als normal angesehen werden.
Monteros Sprache ist leicht, modern und flott zu lesen. Der Roman ist größtenteils aus der Ich-Perspektive in der Gegenwart verfasst, was im Allgemeinen eine Identifikation mit den Protagonist/innen erleichtert. An einigen Stellen gelingt es auf diese Art dem Verfasser auch, die Leser/innen in das Geschehen hineinzuziehen und mit der Protagonistin mitleiden zu lassen. Gelegentliche Perspektivwechsel lenken den Fokus wenigstens zum Teil auf das Leben und die Probleme der Jugendlichen. Zeitweilig ist das Buch sehr dialoglastig.
Das Cover ist ein Hingucker, vermittelt es auf seine altertümliche Sicht in ein Klassenzimmer doch so etwas wie Grauen.
Insgesamt lässt sich der Roman rasch lesen, Aktualität und Brisanz des Themas fesseln durchaus, jedoch habe ich mich beim Lesen doch sehr an der Naivität der Protagonisten und der Oberflächlichkeit gestört. Außerdem fehlte mir aufgrund dessen über lange Strecken einfach der Thrill. Einige wirklich gut beschriebenen Passagen zu Beginn und im letzten Drittel sowie der sich langsam aber sicher entwickelnde Spannungsbogen in der zweiten Hälfte des Thrillers zeigen, dass Montero durchaus Potenzial hat, konnten mich dennoch nicht überzeugen. Meiner Meinung nach ein Thriller, den man lesen kann, jedoch nicht muss, und der sich inhaltlich eher an ein jüngeres Publikum wendet.

Veröffentlicht am 25.02.2019

In magna necessitate sumus. Wir sind in großer Not.

Der Gesang der Bienen
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Ralf H. Dorweilers historischer Roman „Der Gesang der Bienen“ ist im Februar 2019 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 480 Seiten.
Anno Domini 1152: Der Zeidler Seyfried führt mit seiner kleinen Familie ...

Ralf H. Dorweilers historischer Roman „Der Gesang der Bienen“ ist im Februar 2019 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 480 Seiten.
Anno Domini 1152: Der Zeidler Seyfried führt mit seiner kleinen Familie ein einfaches, aber glückliches Leben im Münstertal. Doch wird diese Beschaulichkeit jäh zerstört, als seine als Heilerin tätige Frau, Elsbeth, als mit dem Teufel im Bunde zum Tode verurteilt wird. Für Seyfried gibt es nur eine Möglichkeit, das Leben seiner Frau zu retten: Er macht sich auf den Weg zum Rupertsberg, um bei Hildegard von Bingen ein Leumundszeugnis zu erbitten. Doch diese ist in Sorge um ihre Klosterneugründung und stellt an den Zeidler fast unlösbare Bedingungen.
Ich selber lese eher selten historische Romane, jedoch hat das Auftreten der Heiligen Hildegard von Bingen mich zum Griff zu dieser Lektüre veranlasst. Und ich wurde nicht enttäuscht: Von Anfang an liest sich der Roman spannend wie ein Krimi, lässt Leserinnen und Leser tief in die Welt des Mittelalters eintauchen und wartet mit interessanter Sachkenntnis auf.
Im Zentrum dieses Romans stehen die 16 Tage, die dem Zeidler verbleiben, seine Frau vor dem Schafott zu bewahren. Diese werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Neben den Abenteuern des Reisenden gibt es immer wieder Wechsel zum Schicksal seiner Frau im Kerker und seiner Kinder, die er auf der Burg Gottfrieds von Staufen zurücklassen musste. Die Zeit ist für die Familie geprägt von dramatischen Ereignissen, oft zweifelt man beim Lesen an einem guten Ausgang, um dann durch eine unvorhergesehene Wendung wieder Hoffnung zu schöpfen – nur um etwas später doch erneut mit den Charakteren bangen zu müssen. So kommt man beim Lesen kaum zur Ruhe und fliegt förmlich durch die Seiten. Das Ende des Romans ist für meinen Geschmack zwar ein wenig zu „schön“, dieses tat dem Lesegenuss jedoch keinen Abbruch.
Trotz aller Spannung sorgt Ralf H. Dorweiler auch für Wissenszuwachs beim Lesen: Sehr detailliert wird über das Zeidlerhandwerk berichtet, und die Szenen auf der Burg lassen das Ritterleben realistischer erscheinen, als man es von verbreiteter Ritterromantik gewohnt ist. Insbesondere die Darstellung der Heiligen Hildegard und des Rupertsbergs sowie des Disibodenbergs haben mich beeindruckt und zeugen von einer guten Recherche des Autors.
Die Charaktere sind lebensnah und plastisch gestaltet, was zum Mitleiden und –fühlen einlädt. Immer wieder tritt auch eine Vielschichtigkeit zutage, was insbesondere für Hildegard von Bingen gilt, die auf den ersten Blick zwar als schroff und abweisend, also unchristlich, erscheint, sich dann aber als weitschauende, intelligente, ihren Mitmenschen zugewandte Frau entpuppt.
Dorweilers Sprache ist flüssig zu lesen, an manchen Stellen fast schon poetisch und eine gut leserliche und verständliche Mischung aus Alt und Neu. Besonders gut gefallen haben mir die mittelalterlichen Ausdrücke wie z.B. Begine und Refektorium. Auch an der einen oder anderen Stelle eingefügte lateinische Zitate bzw. Wendungen kamen bei mir sehr gut an.
Am Ende des Buches befindet sich unter dem Titel „Dramatis personae“ ein Personenglossar, welches die Orientierung beim Lesen erleichtert. Besonders gefällt, dass historisch belegte Persönlichkeiten markiert sind. Dieses regt die Leser/innen dazu an, sich ggf. mit bestimmten Personen weiter zu beschäftigen.
Das Buchinnere ist aufwändig gestaltet, fast schon angelehnt an mittelalterliche Buchmalerei, und zu jedem Kapitelbeginn tauchen Abbildungen von Bienen auf. Die Bibel-, Hildegard- und antiken Zitate, die die Kapitel einleiten, sind ein Schatz an Wissen, und die Versalien am Beginn haben fast schon etwas von mittelalterlichen Initialen.
Das Buchcover zeigt eine mittelalterliche Szene des Zeidlerhandwerks und passt somit sehr gut zum Buch, bildet mit Gestaltung und Geschichte also eine harmonische Einheit.
Insgesamt präsentiert Ralf H. Dorweiler mit „Der Gesang der Bienen“ einen wirklich spannenden und lehrreichen historischen Roman, der das Mittelalter wieder aufblühen lässt und Leserinnen und Leser in seinen Bann zieht. Von mir gibt es deshalb eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 04.02.2019

Die Krähe lässt sich nicht die Flügel stutzen.

Blinde Rache
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„Blinde Rache“ von Leo Born bildet den Auftakt zu einer Thrillerserie rund um die unkonventionelle Frankfurter Ermittlerin Mara Billinsky. Das Taschenbuch ist im Dezember 2018 bei Bastei Lübbe erschienen ...

„Blinde Rache“ von Leo Born bildet den Auftakt zu einer Thrillerserie rund um die unkonventionelle Frankfurter Ermittlerin Mara Billinsky. Das Taschenbuch ist im Dezember 2018 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 464 Seiten.
Mara Billinsky arbeitet nach längerer Abwesenheit wieder in ihrer Heimatstadt Frankfurt. Durch ihr Auftreten und ihr Verhalten stößt sie bei ihren Kollegen auf Unverständnis: Mit Tattoos, Piercings, schwarzem Outfit und Sarkasmus eckt sie immer wieder an. Schnell hat sie ihren Spitznamen weg: die Krähe. Wen wundert es da, dass ihr eine fast unlösbare Aufgabe gestellt wird? Sie wird mit der Klärung eines schrecklichen Mordfalls im kroatischen Verbrechermilieu beauftragt. Doch bald schon liegt der Verdacht nahe, bei diesem Verbrechen handele es sich um den Auftakt zu einer Mordserie. Als sie bei ihren Ermittlungen auf der Stelle tritt und immer wieder aneckt, wird ihr der Fall schließlich entzogen. Doch das hindert sie nicht daran, auf eigene Faust weiter zu ermitteln.
Der Thriller beginnt gleich spannend mit der Schilderung eines Folter- und Mordverbrechens. Unwillkürlich fragt man sich beim Lesen, wer wohl dahinterstecken und was wohl das Motiv zu diesem grausamen Verbrechen sein mag. Wie von einem Thriller, der im Milieu der Banden- bzw. organisierten Kriminalität spielt, nicht anders zu erwarten, geht es auch im weiteren Verlauf eher brutal zu. Die Foltermethoden haben es wirklich in sich. Dennoch dominiert während des Lesens die Spannung, voyeuristische Elemente werden vom Autor gemieden; beim Lesen zermartert man sich unwillkürlich das Hirn, um auf eine Lösung zu kommen. Das Ende des Romans hat es dann endgültig in sich: Nach einer überraschenden Wendung und einem nervenzerreißenden Showdown werden die Morde zwar aufgeklärt, aber den Leser/innen stellen sich einige moralische Fragen. Auch wenn die Mordopfer sehr unangenehme Zeitgenossen waren, bleibt die Frage nach den Grenzen sowie dem Recht und Unrecht der (Selbst-)Justiz.
Neben der eigentlich zentralen Mordserie spielen noch zwei weitere Verbrechen eine Rolle, die teils aber nicht endgültig geklärt werden. Dieses animiert die Lesenden, sich auf weitere Bände dieser Serie zu freuen. Gleiches gilt für die abschließende Offenlegung von Maras Schicksal.
Immer wieder richtet der Autor den Blick auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft, wenn er z.B. Einblicke in Hannos Jugendzentrum und das Schicksal der dortigen Jugendlichen gewährt oder das Thema „(Zwangs-)Prostitution“ thematisiert.
Borns Sprache und Stil sind flott und flüssig zu lesen. Perspektivwechsel und an passenden Stellen eingefügte fragmentarische, kurze Sätze verleihen dem Lesen Tempo; Gleiches gilt für die eher kurzen Kapitel, die oft mit einem Cliffhanger enden. So mag man beim Lesen das Buch kaum zur Seite legen. Besonders gut ist es dem Autor gelungen, die dunkle Seite der Bankenmetropole Frankfurt darzustellen. Auch dieses sorgt für eine Aufrechterhaltung des Spannungsbogens und zugleich für eine bedrückende Atmosphäre.
Mara Billinsky ist bestimmt ein streitbarer Charakter, jedoch erfährt man beim Lesen immer wieder häppchenweise Details aus ihrer Vergangenheit, die es nachvollziehbar machen, wieso sie so ist, wie sie ist, nämlich eine Einzelgängerin, die wenig Wert darauf zu legen scheint, wie sie bei anderen ankommt. Sie ist aber dennoch, wie auch die anderen Charaktere, vielschichtig gezeichnet, was mir persönlich sehr gut gefällt. Einblicke in die Psyche der Handlungsträger erleichtern eine Identifikation mit denselben, Selbstreflexionen derselben lassen sie wandelbar und entwicklungsfähig erscheinen. Dieses gilt vor allem auch für Maras Partner Jan Rosen.
Insgesamt legt Leon Born mit „Blinde Rache“ einen äußerst spannenden, teils bedrückend und stets rasant zu lesenden ersten Teil einer Thrillerreihe vor, den ich selbst am liebsten in einem Rutsch durchgelesen hätte. Auf jeden Fall hat mich das Buch neugierig auf die Nachfolgebände gemacht, denen ich mich bei Gelegenheit ebenfalls widmen werde. Ich kann diesen Thriller allen Freund/innen der deutschen Thrillerliteratur nur wärmstens empfehlen.

Veröffentlicht am 17.04.2019

Was würde ich dafür geben, alles wieder auf Anfang zurücksetzen zu können …

Der Pakt – Bis dass der Tod uns scheidet
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Michelle Richmonds Thriller „Der Pakt – Bis dass der Tod euch scheidet“ wurde im Februar 2019 vom Diana-Verlag herausgebracht und umfasst 560 Seiten.
Alice und Jake, ein beruflich durchaus erfolgreiches ...

Michelle Richmonds Thriller „Der Pakt – Bis dass der Tod euch scheidet“ wurde im Februar 2019 vom Diana-Verlag herausgebracht und umfasst 560 Seiten.
Alice und Jake, ein beruflich durchaus erfolgreiches Paar, er Therapeut, sie Anwältin, wollen heiraten. Ihr Wunsch: Die Ehe soll halten – wenn möglich ein Leben lang. Da erhalten sie an ihrem Hochzeitstag die Möglichkeit, dem „Pakt“ beizutreten – einer exklusiven Gruppe, die ebendieses verspricht. Während sie anfangs noch begeistert sind, versprechen Grundregeln wie gemeinsames Reisen, kleine Aufmerksamkeiten und das immerwährende Füreinanderdasein doch wirklich ewiges Glück, begegnen sie bald den Schattenseiten dieses Abkommens, denn Regelüberschreitungen werden ausnahmslos verfolgt.
In einem Gespräch über ihr Buch gibt Michelle Richmond an, unter anderem von Werken wie Orwells „1984“, Kafkas „Der Prozess“ und Texten über Sekten inspiriert worden zu sein. Wenngleich Vergleiche gerade mit den ersten beiden Werken natürlich hoch gegriffen sind, sind Parallelen nicht zu leugnen: Eine lückenlose Überwachung, obskure Gerichtsprozesse, bei denen niemand so wirklich weiß, worum es eigentlich geht, wessen er oder sie angeklagt ist, und die radikalen Ansichten einer Gemeinschaft, die totale Loyalität und Verschwiegenheit fordert, sorgen auch in diesem Roman für eine durchgängig düstere und beklemmende Grundspannung.
Recht geschickt spielt die Autorin mit Grundängsten der Menschen: Isolation und Bloßstellung lassen die Strafen, die Vergehen gegen den Pakt zur Folge haben, in der Tat „drakonisch“ erscheinen. Allerdings hätte ich mir gerade bei Jakes Gefangenschaft, die in einigen Bereichen Praktiken totalitärer Systeme gleicht, mehr Tiefgang und Subtilität gewünscht. Auch das Ende des Romans kann den guten Ansätzen leider nicht gerecht werden, erscheint es mir doch sehr pathetisch.
Die Zahl an Charakteren ist überschaubar, jedoch bleiben alle, bis auf Jake, aus dessen Sicht das Geschehen durchweg in der Ich-Form geschildert ist, wenig greifbar. Dieses gilt vor allem für die Protagonistin Alice.
Sprachlich ist der Roman flott und leicht zu lesen, die zumeist kurzen Kapitel, die oftmals mit einem Cliffhanger enden, sowie überraschende Wendungen gerade gegen Ende tragen zu einem kurzweiligen Lesevergnügen bei.
Der Roman bietet, nicht zuletzt auch durch Jakes Berichte über seine Sitzungen mit Patienten, zahlreiche Anlässe darüber nachzudenken, was man tun kann und muss, um eine durch und durch harmonische Ehe zu führen, wobei auch Blicke über den Tellerrand hinaus auf das Leben im Allgemeinen geworfen wird. Der Grundtenor: Es gibt einfach keinen leichten Weg – eine Sichtweise, die absolut realistisch ist. Die Schlussszene an sich erinnerte mich an das alttestamentliche Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; auch hier also reichlich Stoff zum Nachdenken.
Das düstere Cover mit dem laufenden Paar passt gut zum Inhalt des Buches, geht es doch auch hier um eine Flucht in mehrfacher Hinsicht, am offensichtlichsten um die vor einer allem Anschein nach allgegenwärtigen Macht.
Obgleich dieser Thriller sehr guter Ansätze beinhaltet, wiegt die oben von mir genannte Kritik für mich doch so schwer, dass ich diesem Buch „nur“ 3,5 von fünf Sternen gebe. Nichtsdestotrotz ist dieses ein Thriller, der lesenswert ist und Freund/innen subtiler Spannung einiges zu bieten hat. Von mir gibt es unterm Strich eine klare Leseempfehlung.