Cover-Bild Das Vermächtnis unsrer Väter
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22,00
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  • Verlag: Kein & Aber
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Seitenzahl: 336
  • Ersterscheinung: 10.09.2019
  • ISBN: 9783036958088
Rebecca Wait

Das Vermächtnis unsrer Väter

Jenny Merling (Übersetzer)

„Er war sich nicht sicher, wie viele andere um ihn herum die absolut falsche Entscheidung getroffen hatten und dann damit leben mussten. Für immer gebrandmarkt von ihrer eigenen Schuld, von der nur sie wussten.“

Auch nach zwanzig Jahren erscheint der kleinen Inselgemeinde in den schottischen Hebriden das grausame Verbrechen unbegreiflich. Als der einzige Zeuge der Tat plötzlich wieder auf der Insel auftaucht, sorgt das für viel Aufregung. Verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle kehren zurück und mit ihnen die Befürchtung, dieser junge Mann könnte noch eine Rechnung offen haben.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.02.2020

So schrecklich und doch so alltäglich

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Manchmal stößt man durch Zufall auf Romane, die weniger bekannt, nichtsdestotrotz aber sehr lesenswert sind. So ging es mir mit „Das Vermächtnis unsrer Väter“ von Rebecca Wait. Erschienen ist dieser 336-seitige, ...

Manchmal stößt man durch Zufall auf Romane, die weniger bekannt, nichtsdestotrotz aber sehr lesenswert sind. So ging es mir mit „Das Vermächtnis unsrer Väter“ von Rebecca Wait. Erschienen ist dieser 336-seitige, nachdenklich stimmende psychologische Roman im September 2019 bei Kein & Aber.
Es ist ein Tag wie jeder andere, als John zu seiner Schrotflinte greift und fast seine ganze Familie und sich selbst auslöscht. Der einzig Überlebende: sein Sohn Tommy, der etwas später seine Heimat, die fiktive Hebrideninsel Litta, verlässt. Zwanzig Jahre später kehrt er zurück und reißt damit auf dem kleinen Eiland alte Wunden auf.
Hätte das Unfassbare verhindert werden können? Welche Schuld haben Verwandte, Freunde, Bekannte auf sich geladen?
Was treibt einen Menschen zu solch einer Tat? Welchen Anteil hat die Veranlagung? Welchen die Sozialisation?
Und schließlich: Wie lebt es sich als einziger Überlebender nach einem solchen Schicksalsschlag?
Dieses alles sind Fragen, denen die Autorin nachspürt – freilich ohne, und das macht das Buch so glaubhaft, zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen.
Niemand empfängt ihn mit offenen Armen, als Tommy nach langjähriger Abwesenheit zurückkehrt. Sein Onkel, Malcolm, empfängt ihn distanziert, doch keineswegs feindselig. Hilflosigkeit ist wohl das beste Wort, diese erste Begegnung seit langem zu beschreiben. Angeregt durch diese erneute Begegnung, reflektiert er seine eigene Rolle. Anders indes die ehemalige Nachbarin, Fiona. Sie verhehlt nicht, dass sie Tom am liebsten sofort wieder loswürde. Doch was ist es, was sie treibt? Schlummert tief in ihr nicht doch ein schlechtes Gewissen? Der Roman lässt keinen Zweifel daran, dass vieles noch nicht aufgearbeitet wurde. Und vor allem ist da die Furcht der Inselbewohner/innen, doch etwas übersehen zu haben.
Auch Johns und Tommys Kindheit lässt die Autorin immer wieder in gedanklichen Rückblenden Revue passieren. Der zweite Teil dieses dreiteiligen Romans ist gar Tommys Mutter, Katrina, gewidmet. Alle Beteiligten hatten es nicht leicht im Leben. Doch reicht dieses allein aus, das Unglaubliche zu erklären?
Tommy selbst hadert seit seinem Kindheitstrauma mit seinem Leben. Immer wieder bemerkt er Züge der Unbeherrschtheit an sich, die er auch von seinem Vater kennt. Diese machen ihm Angst. Woher rühren sie? Sein Aufenthalt auf Litta schließlich weckt Erinnerungen in ihm, die ihm den Eindruck vermitteln, selbst die Tat seines Vaters provoziert zu haben. Und dann ist da noch die Frage: Warum hat ausgerechnet er überlebt?
Es sind vor allem die nicht vorhandenen Antworten auf die Fragen, die diesen Roman lesenswert machen, zum Nachdenken anregen und ihn von der schnellen Meinungsmache, die in unserer Gesellschaft herrscht, unterscheiden. Manchmal stehen wir mitten im Alltag vor dem Unfassbaren … und wissen einfach keinen Rat.
Mit der kleinen fiktiven Hebrideninsel hat Wait eine eindrucksvolle, stimmige Kulisse geschaffen: Die Landschaft ist karg, das Klima unwirtlich, die Menschen sind einsilbig und kämpfen ums Überleben. Dieses Drama vor gerade diesem Hintergrund macht das Buch noch einmal so ergreifend.
Rebecca Wait hat ihren Roman in einer klaren, ruhigen Sprache ohne jeden Pathos verfasst. Vor allem dieses Alltägliche, die ruhigen Töne machen das Geschehen m.E. bedrückend. Die Dialoge zwischen Malcolm und Tommy versinnbildlichen die Sprachlosigkeit, die eine solche Tragödie bei den Betroffenen hinterlässt. Die unterschiedlichen Perspektiven regen die Leserschaft dazu an, sich mit den Charakteren zu identifizieren und in sich zu gehen: Wo sehe ich persönlich das Ausschlaggebende? Kann man es überhaupt festmachen?
Wer meint, schnelle Antworten auf schwierige Frage bekommen zu müssen, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden. Ebenfalls Liebhaber/innen offensichtlich dramatischer Szenen werden wenig Freude habe. Wer es aber eher still mag, auch einmal über sehr unangenehme Themen des menschlichen (Zusammen-)Lebens nachdenken möchte und die Konfrontation mit der rauen Wirklichkeit nicht scheut, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.

Veröffentlicht am 03.02.2020

"Das Vermächtnis unsrer Väter" - Angst und Schuld auf Lebenszeit.

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Vor zwanzig Jahren geschah auf auf einer Hebrideninsel ein erschütterndes Verbrechen. Niemand hat es damals kommen sehen und dann war es plötzlich zu spät. Katrina Baird, ihr Ehemann John, ihre einjährige ...

Vor zwanzig Jahren geschah auf auf einer Hebrideninsel ein erschütterndes Verbrechen. Niemand hat es damals kommen sehen und dann war es plötzlich zu spät. Katrina Baird, ihr Ehemann John, ihre einjährige Tochter Elisabeth und der zehnjährige Nicholas wurden tot in ihrem Haus aufgefunden. Ein Blutbad mitten auf dieser sonst so beschaulichen, kleinen Insel, auf der einfach jeder jeden kennt. Der einzige Zeuge und Überlebende dieses Verbrechens ist der achtjährige Thomas, der sich verängstigt im Kleiderschrank versteckt hielt. Doch, was genau ist passiert? Wer hat die Familie angegriffen? Oder war es doch ihre eigene Schuld? Ein Nachbar? Ein Unbekannter?

"Hätte Katrina überlebt, hätte sie hinterher gesagt, was Menschen in solchen Fällen immer sagen: das es ein Tag gewesen sei wie jeder andere. Alles ganz normal. Vielleicht hätte sie auch gesagt, wie seltsam es doch war, dass man Normalität immer erst wahrnahm, wenn sie nicht mehr da war…"

Der Junge kam zu seinem Onkel, doch alles sollte nie wieder so werden wie es war… Ist ja klar, nach dem, was ihm widerfahren ist. Er hat seine Familie verloren, sein Zuhause und grausame, quälende Gedanken und Erinnerungen zurückbehalten. Die Zeit verging, Thomas verließ die Insel und alle schienen es nach und nach langsam zu vergessen. Doch nach zwanzig Jahren Absenz kehrt Thomas wieder zurück, so als hätte er noch eine Rechnung zu begleichen. Alte Erinnerungen werden wach. Schuldgefühle, Angst und Verunsicherung machen sich bei den Inselbewohnern breit und einige wären froh, wenn er schnellstmöglich wieder verschwinden würde. Wissen sie etwa mehr als ihnen lieb ist?

"Ich dachte die ganze Zeit, ich will unbedingt mit dir über meinen Vater reden. Aber ich glaube, es geht mir eher um meine Mutter. [..] Ich meine, ich weiß, wie sie zu mir war, aber ich hab keine Ahnung, wie andere sie gesehen haben."

Rebecca Wait hat mich mit ihrem Roman "Das Vermächtnis unsrer Väter" recht euphorisch gestimmt. Was zunächst als ganz ruhiger, 'normaler' Roman beginnt, wird nach und nach düsterer, nimmt plötzlich eine Wendung, nimmt Fahrt auf und man hat das Gefühl einen Krimi zu lesen. Und dann kommt die Zeit, die Verdrängung, die Menschlichkeit. Thomas kehrt wieder zurück und mit ihm kommt alles noch einmal ins Rollen. Er wohnt bei seinem Onkel, trifft einige andere Inselbewohner und diese sind verwundert, haben Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte und alte Wunden werden wieder aufgerissen. Sie versuchen den Tod und das was damals geschehen ist als Gesprächsthema zu vermeiden und doch bleibt es schwierig.

Wait gibt vielen Bewohnern eine Stimme, ein jeder ihrer Protagonisten hat seine Eigenarten und diese zwischenmenschliche Kommunikation, die Skepsis und die Beobachtungen machen diesen Roman für mich total faszinierend. Mit jeder weiteren Seite merkt man, dass es bereits im Vorfeld einige Anzeichen für die Tat gab, dass Schuld und Vorwürfe auch Jahre überdauern können und dass 'dieses Vermächtnis' zahlreiche Risse und Abgründe in dieses doch so fragile Inselleben ziehen kann und sich damit beinahe alles ändert. Ich möchte jetzt auch gar nicht so viel verraten, denn was wirklich geschehen ist und welche Gründe und Anzeichen es gab und was die Inselbewohner sonst noch so tuscheln, fürchten und verschweigen, sollt ihr dann schon noch selber herausfinden. Die Mischung aus Familiengeschichte, Liebe, Schuld, Verdrängung und Flucht/Veränderung finde ich aus dieser Perspektive sehr spannend geschildert. Ich habe mich lange mit den einzelnen Charakteren auseinandergesetzt, mit meinen bisherigen Begegnungen verglichen und von ihnen sowie vom Setting eine genaue Vorstellung gehabt. Das macht diese Geschichte so greifbar, so abgrundtief bewegend und irgendwie schwingt dann doch auch so ein Hauch menschliche Naivität mit bzw. die Frage ob Schein eben auch Sein ist oder ob man vieles einfach übersehen möchte, weil es so einfach einfacher ist. Mich jedenfalls haben diese Gedanken noch lange begleitet und die Aufmerksamkeit für das, was um mich herum geschieht, verstärkt, mich skeptischer gemacht, sensibilisiert und das, obwohl es eben nur ein fiktiver Roman ist.

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Veröffentlicht am 11.02.2020

Folgen eines traumatischen Kindheitserlebnisses

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Das Thema ist leider immer mal wieder aktuell – ein Familienangehöriger tötet zu Hause Angehörige und anschließend sich selbst. Doch welche Folgen hat es, wenn ein Kind als einziges überlebt und mit diesem ...

Das Thema ist leider immer mal wieder aktuell – ein Familienangehöriger tötet zu Hause Angehörige und anschließend sich selbst. Doch welche Folgen hat es, wenn ein Kind als einziges überlebt und mit diesem Trauma sein Leben fortführen muss, sich sogar mitschuldig fühlt? Diesen Fragen geht die Autorin am Beispiel von Tommy nach, dessen Familie vom eigenen Vater ausgelöscht wurde, als er acht Jahre alt war. Zwanzig Jahre später kehrt er an den Ort des Geschehens auf einer winzigen schottischen Insel zurück, wo ihm die Bewohner und sein Onkel aus unterschiedlichen Gründen reserviert gegenübertreten.
Allein die atmosphärische Darstellung von Tommys bedrückender Vergangenheit vor dem passend gewählten Hintergrund einer rauen schottischen Insel ist der Autorin gut gelungen. Der Leser wird angeleitet, sich mit verschiedenen möglichen Erklärungen des früheren Verbrechens auseinanderzusetzen – war es eine spontane Tat; liegt die kriminelle Veranlagung in der Familie begründet, weil auch schon Tommys Großvater gewalttätig gegenüber Frau und Kindern war; wieviel Mitschuld tragen die Personen aus dem Umfeld, hätten sie Vorzeichen erkennen und die Tat verhindern können? Die Romanfiguren sind allesamt psychologisch interessant. Der Protagonist Tommy ist gut dargestellt. Es wird gelungen herausgearbeitet, dass ein solch traumatisches Kindheitserlebnis einen Menschen ein Leben lang verfolgt und belastet.
Für Leser von psychologischen Spannungsromanen.

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Veröffentlicht am 01.02.2020

Das Buch hat seine Längen, aber es lohnt sich dran zu bleiben, der Schreibstil ist richtig gut!

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1994: Es ist ein ganz normaler Tag auf einer kleinen schottischen Insel. Der letzte normale Tag für deren Bewohner. Denn am Abend des Tages bringt John Baird seine gesamte Familie um, seine Frau, den 10-jährigen ...

1994: Es ist ein ganz normaler Tag auf einer kleinen schottischen Insel. Der letzte normale Tag für deren Bewohner. Denn am Abend des Tages bringt John Baird seine gesamte Familie um, seine Frau, den 10-jährigen Sohn, die 1-jährige Tochter und sich selbst. Nur der 8-jährige Sohn Tommy überlebt. Niemand weiß, warum, niemand weiß, warum John das getan hat, aber alle wissen, dass die Insel nie mehr so sein würde, wie zuvor.

Tommy kehrt 20 Jahre später auf die Insel zurück und wirbelt alles durcheinander. So viele Geheimnisse und Schuldgefühle drängen an die Oberfläche und konfrontieren die Bewohner mit all dem, was sie 20 Jahre lang versuchten zu vergessen.


Der Anfang ist echt der Hammer, lest selbst: „Hätte Katrina überlebt, hätte sie hinterher gesagt, was Menschen in solchen Fällen immer sagen: dass es ein Tag gewesen sei wie jeder andere. Alles ganz normal.“ (S. 7) – Es geht noch ein bisschen weiter, aber ich kann leider nicht ewig zitieren. Ich liebe solche Anfänge. Man bekommt so viele Informationen und so viele Fragen gleichzeitig.
Anschließend lernt man die Familie kennen und merkt schon, dass irgendetwas nicht stimmt. Alle schleichen um John herum, doch warum? Ist er gewalttätig? Man erlebt den Tag aus der Sicht der Mutter, des 8-jährigen Tommy und einer Nachbarin. Es ist ein Tag wie jeder andere. Doch am nächsten Tag begleitet man den Arzt der Insel zum Haus der Familie und er findet die blutüberströmten, grausam zugerichteten Leichen. Erst eine weitere Stunde später trifft die Polizei ein und findet Tommy.
Man trauert um die Familie und mir sind die Tränen in die Augen gestiegen. Das lag an der Art des Erzählens. Man hat auf so wenigen Seiten, alle kennengelernt und mochte sie. Sie waren alle so sympathisch, dass man es gar nicht begreifen kann, dass sie jetzt einfach tot sind. Und der arme Tommy, ich will mir gar nicht vorstellen, was er durchmachen musste.
Trotzdem stellt man sich direkt ganz viele Fragen, vor allem auch die, warum ausgerechnet Tommy überlebt hat. Warum er und nicht zum Beispiel die gerade erst ein Jahr alte Schwester?

In der Gegenwart weiß man lange nicht, was man von Tommy halten soll. Ein sehr großer Teil ist aus der Sicht seines Onkels Malcom erzählt, der ihn damals bei sich aufnahm. Man erfährt, wie schwierig es für den traumatisierten Tommy war und wie schwer es für Malcom und seine Frau Heather mit ihm war. Seit Jahren gab es keinen Kontakt und plötzlich ist Tommy wieder da, ganz ohne Vorwarnung. Was will er? Was hat er die ganzen Jahre über getan? Abgesehen von Malcom wird auch aus der Sicht von Tommy erzählt und aus der der damaligen Nachbarin Fiona.

Es gibt viele Rückblenden und man erfährt Stück für Stück mehr darüber, wie das Familienleben war, was andere mitbekommen haben und Warnzeichen, die rückblickend betrachtet Warnzeichen waren, aber damals einfach übersehen oder nicht ernstgenommen wurden.

Der Schreibstil ist etwas ganz anderes. Es wird immer alles von außen erzählt, niemals aus der Ich-Perspektive. Der Erzähler weiß viel mehr als wir, verrät aber nie etwas, nur ab und an kleine Krümel. Aber weil diesen drei Charaktere, Malcom, Tommy und Fiona gefolgt wird und man deren Erinnerungen erfährt und auch Dinge, die sie erst nach dem Tod der Familie herausbekommen haben, setzt sich das Puzzle langsam zusammen.
Der zweite Teil ist ausschließlich aus Katrinas Sicht und man erfährt, wie das mit ihr und John angefangen hat und auch, dass es schon sehr früh anfing zu kriseln, vor allem wegen Johns Art.

Der dritte Teil ist dann wieder aus der Sicht der drei zuvor genannten Charaktere.

Das tolle an diesem Stil ist, dass man das Gefühl hat, alle Charaktere sehr schnell sehr gut zu kennen. Das fängt schon mit dem Anfang des Buches an. Man lernt die Familie kennen und lieben und dann sind sie plötzlich tot und das trifft einen. Ebenso wie einen später die Erinnerungen der Charaktere manchmal treffen. Sie alle fragen sich, inwieweit sie Schuld an dem haben, was geschehen ist und ob sie etwas übersehen haben, ob sie mehr hätten tun können und müssen. So wie Tommy, der sich selbst dafür hasst überlebt zu haben.

Die Auflösung fand ich sehr gut, sie war für mich stimmig, wenn auch tragisch. Denn eine Person hat damals wirklich Schuld auf sich geladen, auch wenn sie der Überzeugung war das Richtige zu tun oder sich das zumindest die letzten 20 Jahre eingeredet hat, dass das der Grund für ihre Handlungen war.
Es ist sowieso schwierig nach so einer Tragödie die Schuldfrage zu stellen. Man erfährt so viel in diesem Buch über die Hintergründe und unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen, dass einem klar wird, dass diese Sache vielleicht wirklich hätte verhindert werden können, aber eben nur möglicherweise. Wenn dieses oder jenes Zeichen erkannt, oder anders interpretiert worden wäre, oder eben diese eine Person auch anders gehandelt hätte. Man fragt sich wann man hätte eingreifen müssen und können. Vielleicht schon in der Kindheit von John und Malcom, vielleicht als das erste Mal disharmonische Töne aufgefallen sind. Wann ist der richtige Zeitpunkt sich einzumischen? Kann man das überhaupt guten Gewissens oder macht man vielleicht alles noch schlimmer? Man kann es einfach nicht wissen und übrig bleibt allein die Schuld, ob nun berechtigt oder nicht.


Fazit: Dieses Buch ist wirklich richtig gut. Es ist keine leichte Kost und kein locker flockiger Roman. Es geht um ernste Themen und das auf eine, wie ich finde wirklich tolle Art. Man merkt nicht immer direkt, worum es gerade geht, aber je weiter man liest, desto klarer wird, dass alle Charaktere mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben. Sie alle denken, sie hätten vielleicht mehr tun oder die Morde verhindern können. Tommys Rückkehr wühlt das für alle wieder auf, auch für ihn selbst, da er dieses Trauma nie verwunden hat. Die große Frage ist immer das „Warum“ und ganz am Schluss erfahren wir das „Warum“, oder zumindest was das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht hat.
Ich liebe den Schreibstil. Ich fand das so toll! Ich bin einfach ein Fan von dieser Art des Erzählens. Ich weiß, viele mögen das nicht, aber ich schon. Ich habe dadurch oft das Gefühl, wie hier, die Charaktere besser kennenzulernen, als durch Ich-Erzähler. Ich mag diese Vorgriffe auf die Handlung und wie man zwischen Gegenwart und Vergangenheit springt, ohne den Leser zu verwirren. Man bleibt einfach dran.

Ich kann das Buch wirklich empfehlen, allerdings hat es seine Längen. Nicht immer ist direkt ersichtlich, warum eine Szene jetzt wichtig ist. Erst kurz vor Schluss, als die Puzzle-Teile an ihren Platz fallen, wird es einem klar.

Von mir bekommt es 4 Sterne, aber es ist wirklich heftig emotional.

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