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Veröffentlicht am 05.12.2022

Sommer mit Emmi

Emmi lügt
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Die sehr hübsche, durchaus realitätsnahe und überaus einfühlsame Geschichte – gewiss nicht nur für Teenager - beginnt damit, dass der vierzehnjährige Justus-Jonas (ja, er heißt in der Tat wie jener Junge ...

Die sehr hübsche, durchaus realitätsnahe und überaus einfühlsame Geschichte – gewiss nicht nur für Teenager - beginnt damit, dass der vierzehnjährige Justus-Jonas (ja, er heißt in der Tat wie jener Junge aus den 'Drei Fragezeichen'!), schüchtern und von geringem Selbstwertgefühl geplagt, vor ein paar Mädchen aus seiner Klasse in ein Damenbekleidungsgeschäft flüchtet – und dort von einem Ladendetektiv geschnappt und des Diebstahls einer Sonnenbrille bezichtigt wird! Völlig zu Unrecht, denn Justus tut so etwas nicht! Doch weder der Detektiv noch die flugs herbeizitierten, getrenntlebenden Eltern glauben ihm, was den Jungen zutiefst verletzt, mehr noch vielleicht, als die ungerechtfertigten Anschuldigungen. Gerade seine Eltern sollten ihn doch wohl kennen, nicht wahr? Die Strafe folgt auf dem Fuße und ist empfindlich, niederdrückend und natürlich gänzlich unfair: der Segeltörn mit seinem einzigen Freund Freddie in der letzten Woche der drögen Sommerferien, für ihn der einzige Lichtblick, wird ihm gestrichen. Da muss man sich schon ein wenig wundern über die wenig sensiblen Eltern, die kein allzu großes Interesse an ihrem Sohn und leider keine Ahnung von dem haben, was in ihm vorgeht, was ihn bedrückt. Es ist dies ein Eindruck, den ich bis zum Ende des Romans nicht revidiert habe, wovon ich aber auch nicht glaube, dass die Gleichgültigkeit seiner Erzeuger allzu große Bedeutung für Justus hat.
Wie dem auch immer sei, als Justus wenig später dem Mädchen begegnet, mit dem er auf dem Überwachungsvideo verwechselt wurde und das ihm, flüchtig betrachtet, tatsächlich ähnelt, zumal sie eine ähnliche Jacke wie die seine trug und ebensolche blonde Locken auf dem Haupte trägt, ist die Sache klar! Der ansonsten zurückhaltende Justus beschuldigt jenes Mädchen, das eben jene Emmi aus dem Titel ist, rundweg und fordert sie auf, die Sache seinen Eltern gegenüber klarzustellen, damit wenigstens der Segelurlaub gerettet ist.
Und damit beginnt eine ganz bezaubernde Geschichte voller bunter Bilder und ebensolchen Wörtern, erfunden oder tatsächlich existierend, die Emmi so sehr liebt, voller Phantasie, voller Träume und unverhoffter Erlebnisse, die man amüsiert, gerührt, aber auch betroffen und nachdenklich stimmend verfolgt – und in der Justus dank des Mädchens Emmi, der Wortesammlerin, das so ganz anders ist als alle Mädchen, die er kennt und insgeheim auch fürchtet, das ihn aufrüttelt, zornig macht und ihn damit aus seinem Dornröschenschlaf weckt, eine unerwartete Wandlung erfährt. Klar, an Emmi muss man sich auch als Leser erst einmal gewöhnen! Ihr Hinhalten verwundert nicht wenig, denn immer wieder gelingt es ihr, ihr Eingeständnis des Ladendiebstahls Justus Eltern gegenüber herauszuzögern; sie stellt seltsame Bedingungen, lässt den scheuen Jungen gar für sich 'arbeiten'. Ganz schön unverfroren, mag man als Leser denken! Dazu noch erzählt sie Geschichten, die offensichtlich frei erfunden sind, was Justus nur deshalb hinnimmt, weil er dringend und unbedingt mit Freddie die letzte Ferienwoche verbringen möchte, wobei auch die Angst mitspielt, der Freund könnte statt seiner einen anderen Klassenkameraden mitnehmen.
Doch ohne es eigentlich zu merken beginnt Justus allmählich, Freude an den langweiligen Ferien zu haben, Freude an dem Zusammensein mit dem selbstbewussten Mädchen, das über einen ihn wider Willen faszinierenden Einfallsreichtum verfügt, ihn regelrecht mitzieht, in Abenteuer verwickelt, vor denen er zurückgeschreckt wäre früher, als er Emmi noch nicht kannte, und ihm nicht zuletzt klarmacht, dass man, um Freunde zu finden, auch mal selber die Initiative ergreifen muss, anstatt gesenkten Hauptes am Rande zu stehen und sich einzureden, dass man für die anderen unsichtbar sei. Self-fulfilling prophecy? Fürwahr!
Aber nun, der Weg zur Erkenntnis ist manchmal steinig – und gelegentlich muss man über seinen eigenen Schatten springen. Das fällt Justus enorm schwer und ist erst dann möglich, als er nach einem heftigen Streit mit Emmi zufällig erfährt, dass das forsche Mädchen auch seinen Kummer mit sich herumträgt, den es bislang tapfer überspielt hatte. Und plötzlich versteht er, dass sie ihre 'Lügen', wie er ihre so amüsanten wie phantasievollen Geschichten nannte, brauchte, um einen Status quo aufrechtzuerhalten, auf den sie keinen Einfluss hatte und der längst zerbrochen war. Ja, und dann macht er ihr und gleichzeitig sich selbst das schönste Geschenk, das man sich vorstellen kann! Er schenkt ihr sein Vertrauen auf eine Art, die den kurzen, so liebenswerten Roman, den ich mit so viel Freude gelesen habe, zu einem wunderbaren Abschluss bringt und alle Hoffnungen für eine bunte und beglückende Zukunft in sich trägt....

Veröffentlicht am 05.12.2022

Eindringliche Botschaften gegen himmelschreiendes Unrecht

Unsre verschwundenen Herzen
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Die Welt, in der Celeste Ngs dritter Roman 'Unsere verschwundenen Herzen' (im amerikanischen Original 'Our Missing Hearts') spielt, ist erschreckend! Nach einer wirtschaftlichen Krise, auf die nicht näher ...

Die Welt, in der Celeste Ngs dritter Roman 'Unsere verschwundenen Herzen' (im amerikanischen Original 'Our Missing Hearts') spielt, ist erschreckend! Nach einer wirtschaftlichen Krise, auf die nicht näher eingegangen wird, die wie das bei Krisen nun einmal so ist, zu heftigen Unruhen führte und einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung die Lebensgrundlage entzog, ist vermeintlich Ruhe eingekehrt. Wie ist das geschehen, fragt man sich. Nun, es wiederholte sich etwas, das sich schon viele Male zuvor in der Geschichte der Menschheit ereignet hat – man fand einen Schuldigen, dem man die ganze Malaise aufbürdete, organisierte eine demagogisch clevere Hetzkampagne und verkündete gleichzeitig, dass man unbedingt wieder zurück müsse zu den Traditionen und Tugenden, die das Land – in vorliegender Geschichte die Vereinigten Staaten von Amerika – einst groß gemacht hatten. PACT wurde gegründet, der 'Preserving American Culture and Tradition Act'! Das klingt harmlos genug, denn schließlich ist es doch durchaus löblich, die eigene Kultur und die alten Traditionen hochzuhalten, nicht wahr? So mögen sich die Amerikaner, wie viele andere Völker vor ihnen, denen man mit solchen und ähnlichen Parolen eine Diktatur aufgedrückt hatte, die nur vordergründig das Leben der Menschen verbesserte, gedacht haben. Aber wie das Diktaturen nun einmal so an sich haben, war es nun vorbei mit der Freiheit! Jeder begann jeden zu bespitzeln, das Denunziantentum feierte also fröhliche Urständ – und scheint ohnehin im Menschen angelegt zu sein. Man muss es nur von staatlicher Seite sanktionieren. Jeder, der nicht ins System passt, hat Repressalien zu befürchten, jeder, der es wagt, eine Meinung zu äußern, die konträr ist zum verordneten Denken, genauso.
Aber kommen wir nun zu dem Roman, der mich ob seiner erschreckenden Realitätsnähe gehörig durchgeschüttelt hat und der mich auch noch nach beendeter Lektüre verfolgt, geradezu heimsucht! Die Hauptperson ist der 12jährige Junge Noah, der sich allerdings Bird nennt. Öffentlich darf er das zwar nicht mehr, dennoch bleibt er bei dem Namen. Bird ist Bird – und ich denke, das passt so, vor allem, nachdem man allmählich mehr erfährt über ihn und sein Heranwachsen mit den unzähligen Märchen und Geschichten seiner Mutter. Er lebt mit seinem Vater, einem ehemaligen Harvard-Dozenten, in einer winzigen Wohnung im Studentenheim in Cambridge. Ein sehr eingeschränktes Leben freilich, das von den ständigen Weisungen des Vaters geprägt ist, den Kopf geduckt zu halten, so wenig zu sagen, wie möglich, sich vorwiegend zu Hause aufzuhalten, unsichtbar zu sein in einem Wort. Es könnte brenzlig werden, wenn Bird, auf welche Art auch immer, auffallen würde. Der Grund dafür ist zum einen die Tatsache, dass seine Mutter chinesischer Abstammung ist – es sind also hier die Chinesen, die als Sündenböcke für alles Böse, das dem Land und seiner Bevölkerung widerfahren ist, herhalten müssen. Anklänge finden sich ja leider auch in der Realität, allzumal die Amerikaner eine Tradition haben, wenn ich das einmal so nennen möchte, im Wittern antiamerikanischer Aktivitäten. Man denke nur an die unselige Kommunistenhatz des vom Verfolgungswahn gepeinigten Senators McCarthy in den späten 40er und frühen 50er Jahren... Und zum anderen ist Birds Mutter, Margaret, vor einigen Jahren ins Visier der PACT-Hüter geraten und sah sich schließlich gezwungen, sich von Mann und Sohn zu trennen, um vor allem den Jungen zu schützen. Eine besonders perfide Maßnahme, die man ersonnen hatte, um aufmüpfige Eltern gefügig zu machen, ist es nämlich, ihnen in Nacht- und Nebelaktionen die Kinder wegzunehmen, um sie in systemtreuen Familien, Kinderheimen oder wo auch immer unterzubringen.
Es ist dieses Verbrechen, das den Hintergrund der Handlung bildet, das sie trägt und gegen das sich Unbekannte, Mutige, solche mit Zivilcourage mit merkwürdigen, doch stets aufsehenerregenden Aktionen zur Wehr setzen. Immer geht es darum, 'die verschwundenen Herzen' zurückzubringen, ein Synonym für all die gestohlenen Kinder. Diese Zeile aus einem völlig missinterpretierten Gedicht Margarets, somit auch der Hauptgrund für ihr letztliches Verschwinden, wurde zum Slogan derjenigen, die das Unrecht bekämpfen, im Untergrund, unerkannt. Schließlich macht sich Bird, der mit offenen, wenn auch bemüht niedergeschlagenen Augen durch sein reduziertes Leben schleicht, entschlossen auf die Suche nach seiner Mutter, über die sich sein Vater beharrlich ausschweigt. Was hat es mit ihrem Verschwinden wirklich auf sich, warum hat sie, die er so schmerzlich vermisst und an die er wunderschöne Erinnerungen bewahrt hat, die ihm einen Hauch jener Geborgenheit vermitteln, die er bei Margaret immer verspürte, ihn verlassen? Während er sie in New York sucht, begreift er langsam das Ungeheuerliche, in das sich eine ganze Nation erstaunlich willig fügt. Und als er dann seine zunächst seltsam verändert erscheinende Mutter endlich findet, die beiden zögernde Schritte aufeinander zu machen und Margaret immer weiter erzählt, von sich selbst, von Bird, von der Krise und dem, was danach kam, wächst ein neues Verständnis in ihm, Verständnis für seine Mutter, für das, was sie, die nie politisch war, bevor man sie an den Pranger stellte, bewegt und was sie kompromisslos und mit größtem Engagement verfolgt, nämlich all die verschwundenen Herzen, die ihren Eltern gestohlenen Kinder ausfindig zu machen. Er versteht, dass diese Kinder zurückgebracht werden müssen – und er vertraut seiner Mutter, die in einer so spektakulären wie für sie gefährlichen Aktion die unterwürfige Nation aufrütteln möchte. Botschaften dieser Art setzen sich in den Köpfen fest, werden weitergegeben – bis, und darauf hofft Margaret, eine Lawine ins Rollen kommt, die den Riss in dem System aus subtilem Terror, offenen Grausamkeiten, Denunziantentum und himmelschreiendem Unrecht, der haarfein ja bereits da ist, der Diktaturen von Beginn an anfällig dafür macht, zu einem riesigen Spalt machen und eines Tages das Ganze einfach zum Einstürzen bringen wird...
Summa summarum: Mit 'Unsere verschwundenen Herzen' habe ich etwas Außergewöhnliches, nämlich etwas außergewöhnlich Gutes gelesen! Etwas, das beileibe nicht alle Tage seinen Weg zu mir findet und das ich deshalb als Perle bezeichnen möchte. Es hält durchgängig sowohl inhaltlich als auch sprachlich sein hohes Niveau, hat beachtliche Tiefe, wenn man denn imstande ist, sie zu erkennen, gibt Denkanstöße, macht betroffen und nachdenklich, klingt nach, ist also genau das, was ich von einem anspruchsvollen Roman erwarte und worauf ich nach vorhergehender Lektüre der beiden ersten Romane der Autorin gehofft hatte. Dieser hier ist sogar noch besser, noch intensiver. Und trotz des beängstigenden – weil vorstellbar und, wie bereits erwähnt, schon dagewesen – Themas empfinde ich diesen Roman als ein einziges Lied der Hoffnung. Was für eine mächtige Parabel, in der harte Realität mit feinster, zartester Poesie einhergeht. Unvergleichlich! Genau wie alle Protagonisten, ausnahmslos, hervorragend sind, Leuchtpunkte in einer dunklen Welt. Ich bin begeistert – und das ohne jede Einschränkung!

Veröffentlicht am 28.11.2022

'Eine erbärmlich pittoreske Stadt'

Spurlos in Neapel
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Neapel ist der Hauptschauplatz dieses eigenartigen Romans, der nicht linear erzählt wird, sondern vielmehr in Fragmenten. Rückblicke wechseln sich ab mit einer Spurensuche, die zunächst vorsichtig, tastend ...

Neapel ist der Hauptschauplatz dieses eigenartigen Romans, der nicht linear erzählt wird, sondern vielmehr in Fragmenten. Rückblicke wechseln sich ab mit einer Spurensuche, die zunächst vorsichtig, tastend beginnt, um schließlich zu einer Besessenheit zu werden. Ob sie zum Erfolg führt, muss jeder Leser für sich entscheiden.
Franco Supino lässt seinen Erzähler, der, wenn man eines der beiden dem Roman vorangestellten Zitate richtig interpretiert, dass es nämlich 'kein anderes als das autobiographische Erzählen' gibt, er im Grunde selber ist – worüber allerdings der Autor allein Aufschluss geben kann -, mit Erinnerungen an die Besuche seiner Kindheit im Dorf seiner Eltern nahe Neapel beginnen und wechselt dann in die Gegenwart.
Wieder ist der namenlose Erzähler in Italien, vorgeblich zunächst, um sich dort einen Maßanzug bei einem der Schneider anfertigen zu lassen, für die die Großstadt am Golf von Neapel, über die, ebenfalls als Zitat der Geschichte vorangestellt, der Schriftsteller James Baldwin einst schrieb, dass er 'nichts von eurer Stadt verstanden' hätte, berühmt ist. Und je weiter ich mich mit der Lektüre vorantastete, umso klarer wurde mir, was der Amerikaner meinte! Sie ist nicht zu verstehen, diese 'erbärmlich pittoreske Stadt', erscheint wie ein schmutziger Moloch, in dem das Verbrechen fröhliche Urständ feiert – eine Seite, die von Touristen freilich geflissentlich übersehen wird, für die es bei 'pittoresk' ohne das dazugehörige Attribut bleibt. Das vielbeschworene Flair kann man wohl nur mit reichlich Limoncello abgefüllt fühlen, das Pittoreske nur durch die rosarote Brille sehen!
Der Erzähler lässt den Leser vorwiegend die dunkle, die verwahrloste Seite Neapels sehen – was Wunder, denn schließlich hat er sich vorgenommen, einen gewissen Antonio Esposito, alias O'Nirone aufzuspüren, seines Zeichens farbiger Spross des Camorra-Clan Esposito, von dem man bis zum Ende nicht erfährt, ob er – zwar fiktiv, aber realen Vorbildern nachempfunden - weiterhin sein Unwesen treibt und mit seinen Krakenarmen noch immer in allen nur denkbaren und gewinnbringenden verbrecherischen Geschäften steckt. Viel, aber wiederum über die gesamte Erzählung verstreut, lernt man über einzelne Vertreter der Familie, über ihre Machenschaften und die offensichtliche Unfähigkeit des Staates, sie zu unterbinden. Und immer wieder taucht O'Nirone auf, als Kind, als Heranwachsender, der, obwohl es dem Erzähler gefällt, ihn mit der Physiognomie des 'edlen Wilden' Freitag aus 'Robinson Crusoe' auszustatten, für mich ein Mensch ohne Gesicht und dazu noch mit einem verschwommenen Profil geblieben ist.
Der zunehmende Drang des Erzählers, den letzten Abkömmling der Espositos aufzuspüren, dessen Herkunft unklar bleibt, obschon es gewisse Hinweise darauf gibt, die aber unbestätigt bleiben, verwundert, findet aber keine Erklärung – es sei denn man stolpert bei genauem Lesen über einen Satz, den der Journalist Donato, einer unter mehreren, von denen der Erzähler Auskunft über die Espositos, vor allem natürlich über O'Nirone, erhofft, warnend an den rast- und ruhelosen Erzähler richtet, dass es 'kein harmloses Spiel' ist, 'seine Biographie in einem fremden Leben zu suchen'. Der Erzähler auf der Suche nach sich selbst? Auch darauf gibt es Hinweise, wenn er den Leser teilhaben lässt an seinen Erinnerungen an eine Zeit, als er mit allen – unfairen und egoistischen – Mitteln den Umzug der Familie aus der Schweiz, in der er aufgewachsen ist, in das in seinen Augen elende, erbärmliche und ihm fremde Heimatdorf der Eltern verhindern wollte, was ihm auch gelang! Ihm und einem folgenschweren Erdbeben, das das Haus, das sich die Arbeitsmigranteneltern in der Heimat gebaut hatten, unbewohnbar machte... Zurück blieben – Schuldgefühle? Die die Identitätsfindung erschwerten oder gar unmöglich machten? Man weiß es nicht!
Und welche Parallelen der Erzähler ausgerechnet zu einem nicht auffindbaren Camorra-Spross sah, entzieht sich meinem Verstehen, allzumal letzterer selbst keine erkennbaren Identitätsprobleme hatte; er war nach den Regeln und Riten der Camorra erzogen worden, die er fraglos annahm. Und von denen er auch nie Ambitionen hatte, sich loszusagen. Meine Lesart ist, dass Antonio Esposito sich über seine Identität vollkommen im Klaren ist, egal, wo seine Wiege stand!
Auf den Punkt bringt meine ambivalenten Gefühle in Bezug auf diesen Roman ein oft zitierter Satz von Bertolt Brecht, den man auch gerne mit dem streitbaren und polemischen Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki in Verbindung bringt, beendete dieser doch jede Sendung seines 'Literarischen Quartetts' damit – und ich meine Ausführungen: 'Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen'

Veröffentlicht am 27.11.2022

Bambell sucht seinen Platz im Jenseits

Eine Woche nachdem Herr Bambell gestorben war, klopfte es an seiner Haustür
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Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wie könnte das dann ausschauen? Es ist und bleibt eine Glaubensfrage! Eine, die gläubige Menschen, solche, die eine Religionszugehörigkeit haben, jeweils unterschiedlich ...

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wie könnte das dann ausschauen? Es ist und bleibt eine Glaubensfrage! Eine, die gläubige Menschen, solche, die eine Religionszugehörigkeit haben, jeweils unterschiedlich beantworten. Paradies, Himmel, Hölle, Fegefeuer, Nirwana, die ewigen Jagdgründe, ein Kreislauf von Sterben und Wiedergeborenwerden, Seelenwanderung – oder das vollkommene Nichts? Mit dem Tod endet alles Leben, nicht nur das irdische? Jede Seele geht auch im Jenseits den Weg weiter, den sie im Erdendasein gegangen ist? Dann wäre der Tod nicht der große Gleichmacher, sondern es fände wieder eine Selektion statt? Seit Anbeginn der Menschheit haben sich die Völker ihre Vorstellungen gezimmert, Philosophen aller Jahrhunderte haben darüber nachgesonnen, aber naturgemäß keine endgültige Antwort finden können auf die vielleicht größte, wichtigste Frage, die sich während des Lebens eines jeden Menschen, so möchte ich behaupten, stellt. Und selbst diejenigen, die ein Leben nach dem Tod rundweg negieren, haben sich darüber Gedanken gemacht, ansonsten wären sie nicht zu ihrer Schlussfolgerung gekommen, dass da einfach nichts ist, nicht sein kann, nachdem man gestorben ist.
In dem Roman mit dem langen Titel, über den ich an dieser Stelle ein paar Betrachtungen anstellen möchte, begegnet der Leser einem Nihilisten, dem Herrn Bambell, der sich nicht an seinen Vornamen erinnern mag oder kann (später erfährt man, dass er Jakob heißt). Auch den eigenen Tod leugnet er, ein ganzes Jahr lang, und als er ihn sich endlich durch äußere Umstände bedingt eingestehen muss, ist er dabei genauso stur und unbelehrbar wie zu Lebzeiten, als er ein langweiliges, sehr unbedeutendes Dasein gefristet hatte, in dem er sich allem verweigerte, wie es im Laufe der Lektüre den Anschein hat, das ihm Freude und Erfüllung hätte bringen können. Nun sieht er sich gefangen in einer Art Zwischenraum, kann nicht zurück und nicht voran. Dank einer jungen Frau, Julia, die sich als Medium bezeichnet und in der Tat den halsstarrigen Verstorbenen sehen kann, gelangt er auf eine weitere Ebene, auf die er aber auch nicht zu gehören scheint. Dort sieht er mal verschwommen, mal klar, mal schwebt er und mal benutzt er seine Beine, wird dabei aber kontinuierlich langsamer, was ein gewisser Cornelius, den Bambell im Reich der Toten beziehungsweise in einem winzigen Teilbereich davon antrifft, in dem sich Geister aufhalten oder besser, gefangen sind, die zu Lebzeiten alles leugneten, an nichts glaubten, andere Menschen weitgehend mieden, so wie er und Bambell selbst, damit erklärt, dass 'ein Wimpernschlag … einer Woche bei den Lebenden' entspricht. Welche Funktion der Autor jenem Cornelius in der Geschichte, mit der ich, so kurz sie auch ist, meine liebe Mühe und Not hatte, eigentlich zugewiesen hat, ist mir bis zum Ende unklar geblieben, denn der 'Chef', oder was immer Cornelius in dem Stückchen Jenseits ist, in das einer wie Bambell passt, drückt sich in Rätseln aus, spricht knappste Sätze, die ich mit vielen Fragezeichen versehen habe, gibt Antworten auf Bambells Fragen, die zu jenen in keinem Bezug stehen.
Aber genauso ist die gesamte Erzählung aufgebaut: knapp, karg, dürre Worte, kryptisch. Man muss sich seinen Weg hindurch bahnen, so wie die Hauptfigur Bambell, der aber wenigstens zu verstehen scheint, dass er nach seinem irdischen Leben, so, wie er es nun einmal gelebt hatte, seinen Platz im Jenseits zugewiesen bekommen hat – ebenso einsam und eingesperrt, wie im Diesseits! Dass es aber auch für die Seelen der Verstorbenen weitergeht und dass er genauso wie im Leben auch im Tod eine Wahl hat, dämmert ihm langsam, nachdem er auf einem Treffen mit Julia, die inzwischen ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilt, beharrt hat und das Cornelius ihm, nicht wissend, was er mit dieser toten Seele anfangen soll, auch gewährt. Ihr vertraut der Eigenbrötler, sie ist seine eigentliche Richtungsweiserin, obschon auch sie sich einfach nicht klar ausdrücken kann – ein Manko, wie ich finde, das die gesamte Geschichte durchzieht!
Nun, der Autor hat einen Entwurf seiner eigenen Vorstellung vom Jenseits oder besser einem Leben nach dem Tode angeboten, die von der meinen genauso abweicht, wie ich mit Gewissheit nicht zu denen gehöre, die wirklich etwas anfangen können mir diesem Roman der Andeutungen und des Rätselaufgebens. Dennoch beschäftigt mich des Autors Vision, wenn es denn tatsächlich die seine ist. Wovon allerdings auszugehen ist, denn, um Generoso Picone zu zitieren, 'es gibt kein anderes als das autobiographische Erzählen'. Es könnte so sein, oder so ähnlich, oder vollkommen anders oder womöglich ist das große, das allumfassende Nichts die Antwort. Wer weiß das schon! Niemand hat je über seine Erfahrungen im Jenseits (Anderwelt ist ein passender Ausdruck, trifft auch die Welt, die der Autor fabuliert hat) berichten können! Die Frage aber wird bestehen bleiben, solange es Menschen gibt...

Veröffentlicht am 27.11.2022

Eine Entdeckung mit Folgen

Der Herr der Meere
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Suli, der entzückende Protagonist der Geschichte, die sich im Übrigen erfreulicherweise durch besonders liebenswerte Charaktere auszeichnet, ist zu Beginn der Serie 'Der Herr der Meere', dessen erster ...

Suli, der entzückende Protagonist der Geschichte, die sich im Übrigen erfreulicherweise durch besonders liebenswerte Charaktere auszeichnet, ist zu Beginn der Serie 'Der Herr der Meere', dessen erster Band Gegenstand meiner Betrachtungen ist, etwa 12 Jahre alt. Er gehört zum Volk der Faraner, eines von sechs Meeresvölkern, von denen keines dem anderen gleicht und die in den unterschiedlichen Ozeanen unseres Planeten beheimatet sind. Das Reich Faranon befindet sich am Korallenriff vor Australien im Südpazifik, ist bunt und lädt regelrecht zum Verweilen ein. Seine Bewohner gehen, wie die Menschen auch, einem geregelten Tagesablauf nach, üben Berufe aus, die Kinder gehen zur Schule, man lebt in Familienverbänden – alles wirkt in seiner Fremdartigkeit dennoch irgendwie vertraut, und damit sind die besten Voraussetzungen gegeben, dass junge Leser sich sofort wie zuhause fühlen und keinerlei Eingewöhnungsschwierigkeiten haben.
Nach dem Tod seiner Großmutter wird der elternlose Suli von dem Heilerehepaar Adin und Kara Neron aufgenommen, in denen er liebevolle Ersatzeltern findet. Gleichzeitig bekommt er eine Schwester, Bonka, ein neugieriges und aufgewecktes Mädchen, mit dem man buchstäblich Pferde stehlen kann. Man kümmert sich mit großer Fürsorge umeinander, geht rücksichtsvoll und tolerant miteinander um und kennt keine größeren Probleme. Ein wunderbares Leben, fürwahr!
Doch eines schönen Tages gerät Sulis Welt und mit ihr das geregelte Leben in den sieben Hügeln des Königreichs Faranon tüchtig ins Wanken! Und ausgerechnet der kleine Suli, mit dessen Wachstum es nicht so recht vorangehen will, bringt mit einem unheimlichen Fund – um nicht zu viel verraten zu wollen – die Sache ins Rollen, die am Ende der Geschichte zu einer Lawine angewachsen sein wird, die nur Sulis Reise in den Eispalast zum mächtigen König Eburon, dem Herrn aller Meeresvölker, aufhalten kann. Das wenigstens hofft der Leser, wenn er sich – vorläufig, denn es sind, wie man erfährt, eine ganze Reihe von Folgebänden geplant – schließlich von Suli und dem Reich der Faraner verabschieden muss.
Und genau hier liegt die Crux des Ganzen! Kaum hat man sich eingelebt in dem farbenfrohen Unterwasserreich, erfreut sich an den phantasievoll ersonnenen kleinen Bewohnern des Riffvolkes und verfolgt mit zunehmender Spannung die unerklärlichen Vorfälle und deren Entwicklung, da ist die Geschichte auch schon zu Ende, bricht einfach ab, den Leser mit jeder Menge Fragen, aber nur wenigen Antworten zurücklassend. Zwar werden einige wenige Punkte geklärt, aber das, worum es eigentlich geht, die Ursache dafür, dass das Paradies am Korallenriff Risse und Scharten bekommen hat, bleibt in der Schwebe, man ist ihr im Grunde keinen Zentimeter näher gekommen. Das mag angehen, wenn ein erklärender, auflösender Folgeband nur noch auf seine Veröffentlichung warten würde, so aber wird wohl mancher Leser, so wie ich, das Buch nicht recht befriedigt zuklappen.
Die hübsche, auch für jüngere Kinder leicht zu lesende Erzählweise der Autorin und die vielen kleinen Einzelheiten aus dem Leben in den sieben Hügeln der Faraner, die deren Staat wunderbar plastisch erscheinen lassen und dennoch genügend Raum lassen für die Imagination der Leser, mag zwar ein gewisser Trost sein, kann aber an meinem Gesamteindruck kaum etwas ändern. Ich verstehe schon, dass es von Verlagen festgesetzte Seitenzahlbeschränkungen gibt, doch in Anbetracht dessen wäre es vielleicht sinnvoll, in jedem Falle aber für mich wünschenswert gewesen, die vielen Detailschilderungen weniger ausführlich zu halten und dafür die Handlung selbst zügiger voranschreiten zu lassen, am Ende dann nicht nur eine Zäsur zu setzen, sondern einen vorläufigen Abschluss, der fürs Erste zufriedenstellende Antworten gibt. Es hätte der Spannung keinen Abbruch getan und die Vorfreude auf einen hoffentlich zeitnahen Folgeband mit Sicherheit gesteigert! - Nichtsdestotrotz betrachte ich M. C. Marchs Unterwasserabenteuer als lesens- und empfehlenswerte Lektüre für junge und nicht mehr ganz so junge Leser und werde ganz gewiss die Augen aufhalten nach einer Fortsetzung, die den reizenden kleinen Suli seinen Auftrag hoffentlich bravourös zum Abschluss bringen lässt....