Profilbild von EmiliaAna

EmiliaAna

Lesejury Star
offline

EmiliaAna ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmiliaAna über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.11.2021

Fehlende Spannung, langweilige Handlung, misslungene Charaktere

Klippentod
0

Eine jüngere Frau, wahrscheinlich irgendwo zwischen 30 und 40 – Genaueres erfährt man nicht in diesem reichlich langen und langatmigen Roman - , sucht Hilfe bei dem Protagonisten der Geschichte, einem ...

Eine jüngere Frau, wahrscheinlich irgendwo zwischen 30 und 40 – Genaueres erfährt man nicht in diesem reichlich langen und langatmigen Roman - , sucht Hilfe bei dem Protagonisten der Geschichte, einem ehemaligen Polizeibeamten aus London, der sich in das Dorf Cadgwith an der Cornischen Küste zurückgezogen hat und sich jetzt als Maler versucht. Obwohl sie verzweifelt klingt am Telefon, gewährt der frühpensionierte Cop ihr diese Hilfe nicht. Vielleicht, weil er sie nicht ernst nimmt, vielleicht, weil er einfach seine Ruhe haben möchte, denn dem alten Beruf hat er endgültig Adieu gesagt. Hätte er sie doch nur angehört, denn am nächsten Tag wird Victoria, besagte jüngere Frau, tot am Fuße der Klippen gefunden. Alle, vorneweg die hier als unfähig, borniert und alles andere als arbeitsam geschilderte Polizei, gehen von einem tragischen Unfall aus, gar von einem Selbstmord, zumal die Tote zeitlebens seelisch nicht recht ausbalanciert war, wie man sich in dem tratschsüchtigen Dorf erzählt.
Nicht so ihre Freundin Mary, die in Cadgwith den Dorfladen und eine kleine Pension führt. Victoria, so ist sie überzeugt, wäre nie und nimmer auf die Klippen gestiegen, wäre der Kante niemals nahe gekommen, denn sie hatte Angst vor dem Meer, das hier mit stürmischer Wucht gegen das felszerklüftete Ufer schlägt. Mary wendet sich nun ihrerseits hilfesuchend an Simon Jenkins, den aus dem Dienst ausgeschiedenen Ermittler, der sich ohnehin Vorwürfe macht, weil er Victoria abgewimmelt hat, anstatt sie anzuhören, und dieser verspricht ihr widerstrebend und halbherzig, Nachforschungen anzustellen, denn auch er glaubt nicht daran dass der Tod der, so wird gemunkelt, moralisch fragwürdigen Victoria, auf die man im Ort geringschätzig herabblickte, weil sie angeblich den braven Männern den Kopf verdrehte, etwas anderes als ein Unfall war. Als dann aber die Antiquitätenhändlerin Barbara aus dem Nachbarort zu Tode kommt, was auch die Polizei diesmal keinem Unfall zuschreiben kann, gerät er ins Zweifeln...
So weit, so gut. Und man kann sich auf eine spannende Tätersuche mit unverhofften Wendungen und einer möglichst überraschenden Auflösung freuen – möchte man meinen! Doch nichts da! In epischer Breite wird der Leser mit nicht endenwollenden Beschreibungen einmal der entfesselnden oder, je nach dem, trügerisch ruhigen See, zum anderen des Himmels, der Farben, des Ortes, der Landschaft, ohne dass diese bei mir ankommen, ohne dass sie Bilder vor meinen Augen auferstehen lassen. Zuviel des Guten, viel zu viel, die Geschichte, die einfach nicht recht beginnen, nicht in Gang kommen möchte und vielleicht auch nicht soll, immer wieder ausbremsend.
Leider blickt man auch immer tiefer in das zerrissene und – wie die Küste vor Cadgwith – zerklüftete Seelenleben der Hauptfigur, erfährt von seinen Schuldgefühlen, weil er bei einem Polizeieinsatz seine Freundin und Kollegin Moira nicht hatte retten können, zusehen musste, wie sie bei dem von ihm verursachten Autounfall, den er mit schweren Verletzungen und bleibender Schädigung der Wirbelsäule gerade so überlebte, vor seinen Augen im Flammenmeer umkam. Ja, ich möchte die handelnden Personen in einem Krimi, überhaupt in jedem guten Roman, gerne kennenlernen, möchte mir ein Bild von ihnen machen, sie verstehen können, egal, ob sie als Sympathieträger angelegt sind oder als deren Gegenteil. Doch was zu viel ist, ist zu viel! Immer und immer wieder muss der Leser mit Jenkins dessen Traumata durchleben, immer wieder in seinen Selbstzweifeln und seiner immer nerviger werdenden Wankelmütigkeit und Unentschlossenheit baden. Obendrein hat der Autor ihn mit einer Gehbehinderung ausgestattet, die einhergeht mit stärksten Schmerzen. Und so liegt er mal bewegungsunfähig und halb ohnmächtig auf dem Sofa, mal hüpft und klettert er in den Felsen herum. Auto fahren kann er nicht mehr, dafür hat er sich aber ein Boot zugelegt. Ein wahres Chamäleon also? Ganz und gar unglaubwürdig ist er, eine Kunstfigur ohne Saft und Kraft, die unnatürlich handelt und spricht; die Dialoge, die er mit den wenigen Menschen, mit denen er es zu tun hat, führt, allen voran mit Mary, die er gegen seinen Willen zu mögen begonnen hat, sind ein Graus, so gestelzt wie abgehakt, so nichtssagend wie langweilig.
Mary auf der anderen Seite ist auch nicht viel besser! Aus Cadgwith stammend hat sie viele Jahre in Deutschland gelebt, das sie dann fluchtartig verlassen hat, um ihrem psychopathischen Freund zu entgehen, muss nun aber feststellen, dass man seiner Vergangenheit nicht entrinnen kann. Wie ein Deus ex machina taucht nämlich, ausgerechnet, als ihr Leben wieder eine Zukunft zu haben beginnt und sie im Begriff ist, sich neu zu verlieben – eben in jenen zaudernden, zögernden, zerrissenen, alles andere als zupackenden Ex-Polizisten -, der Kontrollfreak aus Köln auf, stalkt sie und bedroht sie. Eine gefährliche Situation also, und Mary hätte allen Grund Angst zu haben, sich auf jeden Fall in acht zu nehmen. Doch verhält sich die junge Frau – obwohl, so jung kann sie nicht mehr sein, aber auch in Bezug auf sie erfährt man nichts Genaues -, so unverständlich, unlogisch, in keiner Weise nachvollziehbar, wie der dauerleidende Künstler. Sie weigert sich, ihr Haus abzuschließen, denn das tut man nicht in Cadgwith, will davon, die Polizei einzuschalten, nichts wissen – und setzt sich auf die Bank vors Haus und genießt die Sonne, völlig im Reinen mit sich selbst. So große Angst hat sie, erfährt man – und wundert sich dann, dass sie diese Angst so mir nichts, dir nichts, einfach ausblenden, beiseite schieben, gar komplett vergessen kann....
Neben den ausufernden, nicht enden wollenden Naturbeschreibungen, die mutmaßlich darauf zielen, Authentizität und Atmosphäre zu schaffen, bei mir aber nicht ankommen, mich ungehaltener machen, je weiter der Roman voranschreitet, sind vor allem die Figuren, die die Handlung besiedeln, der große Schwachpunkt dieses Romans, den ich beim besten Willen nicht als Krimi bezeichnen kann, eher als eine Art zusammengewürfeltes, inkonsequentes Crossover. Von liebenswert sind sie weit entfernt, sowohl die Dörfler als auch die Zugezogenen und ich musste mich dauerhaft wundern über die immer wieder auftauchende Bezeichnung 'Krüppel' für Jenkins, die ständigen Beleidigungen des Mannes, der einen Stock braucht, um sich vorwärts zu bewegen. Mit Vorurteilsfreiheit ist es offensichtlich nicht weit her in und um Cadgwith...
Ich brauche keine Action und auch keine brutalen, dezidiert beschriebenen Grausamkeiten, wenn ich mir einen Krimi als Lektüre aussuche. Aber Spannung, Logik, einen roten Faden, überzeugende, unbedingt nachvollziehbare Charaktere brauche ich sehr wohl. Nichts davon finde ich in 'Klippentod' – selbst wenn sich gegen Ende der über 500 Seiten langen Geschichte der Autor zu erinnern scheint, dass er hier einen Krimi schreiben wollte. Aber selbst diese spannenderen Seiten sind viel zu sehr in die Länge gezogen und ich muss mich ein ums andere Mal wundern über die komplette Unfähigkeit, Unschlüssigkeit, ja geradezu Verpeiltsein des vormaligen Polizisten einer Spezialeinheit! Als er schließlich mühsamst in die Gänge kommt wie ein eingerosteter Motor, hätte er mit seiner Langsamkeit – und diese ist keineswegs seiner Behinderung, die im Übrigen genauso wenig überzeugt wie er selber, geschuldet – um ein Haar alles vergeigt, was zu vergeigen war!
Nein, ihm möchte ich in keinem weiteren Roman, sofern dieses Buch zwischen allen Genren der Beginn einer Reihe sein sollte, wiederbegegnen, ihm nicht und auch den anderen Bewohnern oder ungebetenen Besuchern des Ortes Cadgwith nicht, mit denen ich, bis auf eine einzige Ausnahme, nicht das Geringste anfangen konnte. Dass der Autor seinem schlappen Helden, der bis zum Ende ohne Gesicht geblieben ist, jenen optimistisch-gelassenen ehemaligen oder auch immer noch gelegentlich aktiven Fischer Luke zur Seite stellte, war seine, leider einzige, Sternstunde – und viel zu wenig, um dem Roman schließlich doch noch etwas abgewinnen zu können!

Veröffentlicht am 31.10.2021

Was der Glaube vermag...

Himmelfahrt mit Hyperspeed
0

So verschroben wie der Name des kleinen Ortes – Schrobengrün! -, irgendwo in der deutschen Provinz, ist auch dessen protestantischer Pfarrer, dessen Tätigkeit sich weitgehend auf die Durchführung von Beerdigungen ...

So verschroben wie der Name des kleinen Ortes – Schrobengrün! -, irgendwo in der deutschen Provinz, ist auch dessen protestantischer Pfarrer, dessen Tätigkeit sich weitgehend auf die Durchführung von Beerdigungen beschränkt und der ansonsten eine ruhige Kugel schiebt. Seine einzigen Sorgen richten sich auf gelegentliches Sodbrennen, das ihm seiner Meinung nach der Kartoffelsalat beschert, der anlässlich der für den kleinen Ort recht häufigen Leichenschmausfeiern serviert und ihm von seinen angejahrten Schäfchen regelrecht aufgezwungen wird. Eine weitere Prüfung ist Konfirmand Ronny, der einzige Jugendliche im Ort übrigens, der sich das kirchliche Fest antun möchte, nicht aus Frömmigkeit freilich, sondern weil er erwartet, von der Verwandtschaft zu seinem Ehrentage reichlich beschenkt zu werden. Ronny ist eine rechte Nervensäge, wie das Pubertierende nun mal sein können, und der Konfirmandenunterricht ist eine Tortur für Pfarrer Gregor Dümpel – ein Name, der duchaus passend ist für den schwächlichen jungen Mann, der mit der Hektik eines normalen Lebens so gar nicht klar kommt. Dass er sehr bald in ein wildes Abenteuer hineingezogen werden würde, das ihn in so mancher Hinsicht bis in die Grundfesten seines blassen, doch von profunder Gläubigkeit geprägten Seins erschüttern sollte, kann er an jenem besonderen Nachmittag, als er sich mit Unlust auf den Unterricht mit dem gelangweilten Ronny vorbereitet, nicht ahnen! Und hätte er es gewusst, hätte er sich ganz gewiss von der riesigen alten Orgel ferngehalten, aus der ein seltsames, durchdringendes Piepsen kam. Dass die Orgel sich denn auch noch als Raumschiff enttarnen würde, von einem geheimnisvollen Volk aus den Tiefen des Alls auf der Erde geparkt, das sich anschickte, ihn mitsamt dem mit seinem Smartphone verwachsenen Konfirmanden in den Weltraum zu katapultieren – na, wer kann denn so etwas für möglich halten?
Einige Zeit bevor Dümpel und Ronny auf das Piepsen in der Kirche aufmerksam wurden, hatte bereits die leidenschaftliche Archäologin Chloe mitten im peruanischen Dschungel, sie ihrerseits auf der Suche nach Spuren der sagenhaften Menda, einer sehr alten, völlig unerforschten Kultur, ein sehr ähnliches Erlebnis. In einer Tempelruine, die sich dann doch tatsächlich ebenfalls als Raumschiff herausstellte! Jedoch ist sie aus ganz anderem Holze geschnitzt als der sensible Pfarrer, dem schon der eigene Schatten Unbehagen einzuflößen scheint. Keine Herausforderung ist zu groß für sie, ihre Wissbegierde ist stärker als alle Furcht. Doch was da draußen im All auf sie zukommen würde, hätte auch sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können! Ansonsten hätte sie womöglich – aber sicher ist das nicht, wie man bei genauerem Kennenlernen der flotten, die Handlung ungemein bereichernden Chloe mutmaßen mag – die Finger gelassen von den Krügen, die sie gefunden hatte und die offensichtlich nicht leer waren!
Um die Sache abzukürzen – während Dümpel und Teenager Ronny mit der alten Orgel 'mit Hyperspeed', wie es der Buchtitel bereits verrät, ins All unterwegs sind, ist Chloes Raumschiff, der alte Tempel aus dem dichtesten Urwald des südamerikanischen Kontinents, längst unsanft vor Ort gelandet und in die Fänge des Bösewichts Rogol N'Ansan vom Volk der tumben, aber fürchterlich brutalen und gnadenlosen Andur, die die gesamte ferne Galaxie, in der sich die Geschiche abspielt, tyrannisieren, geraten. Sehr bald treffen die drei Raum- und in gewissem Sinne auch Zeitreisenden wider Willen unter ernsten und gefährlichen, aber nichtsdestotrotz den Leser erheiternden Umständen aufeinander und versuchen, von nun an gemeinsam, dahinterzukommen, was ihnen da eigentlich widerfahren ist und was der Sinn hinter dem Unglaublichen ist, das sie zu sehen und zu hören bekommen. Denn einen Sinn muss das Ganze haben, irgendjemand oder irgendetwas muss zwei ganz gewöhnliche, wenn auch nicht gerade alltäglichen Gegenstände zu Raumschiffen umfunktioniert haben und gewollt haben, dass sie ihrer Bestimmung, was immer diese auch sein mag, zugeführt werden!
Nun denn, das Abenteuer kann seinen Lauf nehmen, für die draufgängerische Chloe, den zögerlichen Pfarrer und den aufmüpfigen, stets schrecklich hungrigen Konfirmanden, der sehr bald seine – schmerzhaften – blauen Wunder erleben wird ob seiner Gefräßigkeit! Und was für eine Geschichte entfaltet sich da vor den Augen des Lesers! Voller origineller Einfälle, voll spannender wie gefährlicher Situationen, bestückt mit den merkwürdigsten Gestalten, skurrilen Lebensformen, witzigen Dialogen, irrer Technik, so ausgefeilt und im wahrsten Sinne des Wortes außerirdisch, dass ich als Leser ohne technisches Vorwissen oder gar Verständnis und sowieso, gelinde gesagt, ungeübt in Sachen Science Fiction, Mühe hatte, einigermaßen mitzukommen, zu verstehen, was sich da eigentlich zutrug und was die Hightech-Apparate überhaupt bewirken sollten. Das aber störte meinen Spaß an der turbulenten, geistreichen, geradezu genialen Geschichte, der ich darüberhinaus viel Tiefe und Weisheit attribuieren möchte, in keiner Weise. Die drei Hauptfiguren sind so grundverschieden, wie sie mit all ihren Eigenheiten einnehmend und überzeugend sind. Die Wandlung des zimperlich-zögerlichen und zu Beginn blassen und konturlosen Pastors ist überraschend, aber sehr glaubwürdig und befriedigend. Sein tiefer Glaube gerät zwar gewaltig ins Wanken während seiner halsbrecherischen Himmelfahrt duch das erstaunlich vielseitige, kunterbunte und phantasiereiche Universum des Autors Mikael Lundt, aber er ist so ehrlich, so tief und gefestigt, dass er nicht nur allen Stürmen trotzt, sondern sogar noch fester wird.
Und wenn der verschrobene Pfarrer aus Schrobengrün, in dem am Ende nichts mehr so sein wird wie am Anfang des fröhlich-nachdenklichen Science-Fiction-Romans, schließlich sogar zum Helden und Retter des Universums oder der Galaxie – so recht habe ich das nicht mitbekommen und es ist auch gar nicht so wichtig – wird, dann erfreut das nicht nur die Leser sondern auch seine Mitstreiter, zu denen sich gleich bei ihrer Ankunft auf einer heruntergekommenen Raumstation, auf der sich allerhand übles Gelichter tummelt, auch noch der hilfsbereite und teamfähige Formenwandler, Händler und Profiteur Kheel hinzugesellt hat!
Summa summarum: mein erstes Science-Fiction-Abenteuer (tatsächlich, denn dieses Genre habe ich zuvor noch nie zu meinem Lesestoff gemacht!) war ein durchschlagender Erfolg! Ich habe mich ohne Abstriche durchweg aufs Beste unterhalten gefühlt, konnte es, einmal – und mit einigen Vorbehalten – begonnen, nicht mehr aus der Hand legen und fand es bei allem Humor, der immer im Hintergrund lauerte, spannend von Anfang bis Ende und so voller sprühender Einfälle, dass ich ganz gewiss künftighin genauer hinsehen werde, sollte mir mal wieder ein Roman dieses Genres über den Weg laufen. Zumal, wenn er aus der Feder des Mikael Lundt stammt!

Veröffentlicht am 31.10.2021

Entzaubertes Urlaubsparadies

Stürmische Algarve
0

Sowohl die Protagonistin, die in dem hier zu besprechenden Kriminalroman bereits in ihrem vierten Fall ermittelt, besser gesagt, an offiziellen Ermittlungen beteiligt ist, als auch der Handlungsort waren ...

Sowohl die Protagonistin, die in dem hier zu besprechenden Kriminalroman bereits in ihrem vierten Fall ermittelt, besser gesagt, an offiziellen Ermittlungen beteiligt ist, als auch der Handlungsort waren mir zu Beginn der Lektüre unbekannt. Weder war ich je im westlichsten Land Europas noch verspürte ich das Verlangen, dort meinen Urlaub zu verbringen, was sich im Übrigen auch nach beendeter Lektüre nicht entscheidend geändert hat.
In eine Serie erst spät einzusteigen, ist erfahrungsgemäß nicht immer einfach und selten eine gute Idee, also ging ich mit einer gewissen Skepsis zu Werke – unbegründet, wie sich bald herausstellte, denn weder braucht man Vorwissen zu den handelnden Personen, noch baut der Roman handlungsmäßig auf den Vorgängerbänden auf. Nicht in dem Maße jedenfalls, dass man das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben, dass wichtige Versatzstücke fehlen! Recht schnell kann man sich ein Bild machen von Anabela Silva, die weite Teile der Geschichte auch aus der eigenen Perspektive erzählt, nämlich immer dann, wenn sie selbst direkt am Geschehen beteiligt ist.
Als Tochter portugiesischer Gastarbeiter in Hannover aufgewachsen und eigentlich Journalistin, verdient sie sich im Land ihrer Väter ihren Lebensunterhalt als Dolmetscherin, häufiger noch als Übersetzerin, kümmert sich gemeinsam mit der überforderten Mutter um den demenzkranken Vater, was während der gesamten Handlung ein nicht unwichtiges Thema ist, und ist ansonsten mit dem attraktiven Kommissar Joao verbandelt, wobei diese Beziehung vorerst hintanstehen muss. Gelegentlich, wie auch in „Stürmische Algarve“, werden Anabelas Dienste von der Polizei in Anspruch genommen, denn sie hat den unschätzbaren Vorteil so vieler Gastarbeiterkinder, sie beherrscht nämlich zwei Muttersprachen. Damit kommt sie an der vom Tourismus geprägten und von eben diesem Tourismus lebenden Algarve ganz gut über die Runden, was man von vielen ihrer Landsleute nicht behaupten kann, die in der Regel mehreren Jobs nachgehen, um ihre Familien versorgen zu können.
Die Autorin erspart sie uns nicht, die Schattenseiten des Urlaubsparadieses am Atlantik, der krasse Gegensatz zu den Reichen und – mit viel Nachhelfen! - Schönen aus dem wohlhabenderen Europa, selbstredend auch aus China und Russland, die sich in Luxusresorts tummeln und die grenzenlose freie Zeit, über die sie verfügen, mit kostspieligen Beschäftigungen totschlagen müssen, wenn sie nicht gerade danach trachten, ihren Reichtum zu vermehren. Ein Miteinander der Einheimischen und der Touristen gibt es nicht, erstere sind ausschließlich dazu da, letzteren ihr Luxusleben noch behaglicher zu machen!
So meine erste Begegnung mit der gepriesenen, ob ihrer Schönheit sicher zu Recht bewunderten Algarve! Es gefällt mir, dass die Autorin es nicht bei der bezaubernden Kulisse belässt und sich ansonsten weitgehend auf den Kriminalfall, besser gesagt, die Fälle, wie sich zeigen wird, konzentriert, sondern immer wieder Einblicke gibt in die harten Realitäten der Einheimischen, die die reichen Müßiggänger genauso wenig sehen, wie die allermeisten Pauschalurlauber, wahrscheinlich auch nicht sehen wollen oder sich schlicht und einfach nicht dafür interessieren. Lokalkolorit soll sich doch bitteschön nur auf die farbenfrohen Fassaden allenthalben beziehen, ein tieferer Blick könnte ja die Urlaubsfreude trüben!
Jenen tieferen Blick gewährt lobenswerterweise die Autorin Carolina Conrad in ihrem Portugalkrimi, und noch dazu wartet sie mit einer mysteriösen, spannenden, überraschenden Geschichte auf, die, hätte Anabela Silva nicht von Anfang an, also bereits nachdem sie die Leiche einer österreichischen Camper-Touristin auffindet – ihrerseits nicht (mehr) zu den reichen Tagedieben gehörend, aber nichtsdestoweniger von der eigenen Geldgier zu Fall gebracht -, ein ungutes Gefühl gehabt, das sie nicht ignoriert sondern dem sie nachgeht, vielleicht niemals aufgedeckt oder gar aufgeklärt worden wäre. Und was da allmählich zu Tage tritt, ist wirklich haarsträubend, zeugt von einem Zynismus, der seinesgleichen sucht, um an dieser Stelle nur so viel über die Handlung zu verraten...
Auch die Art und Weise, wie die Ermittler zu Werke gehen, wie sie Hand in Hand arbeiten, gemeinsam mit der sich angenehm zurückhaltenden und der Polizei zu keinem Zeitpunkt überschlau ins Handwerk pfuschenden Amateurin Anabela, wie jeder seinen Teil, sein Wissen, seine Informationen beiträgt, um Licht in die rätselhaften Todesfälle zu bringen und um schließlich Schlimmeres zu verhüten, sprach mich überaus an. Engagiert und dennoch unaufgeregt, stets professionell packten sie ihre Nachforschungen an, auch wenn zwischen ihnen nicht immer Eintracht herrscht, auch wenn sie Verdächtige verhören müssen, denen sie am liebsten an die Kehle gegangen wären. Sogar dann, wenn ihnen der unfähige, irrationale und nicht sehr helle Staaatsanwalt, genannt 'der Mönch' und ganz gewiss keine Zierde seines Berufsstandes, vielmehr eine wahre Plage, unsinnige Anordnungen erteilt oder seine Mitarbeit verweigert.
Und da spreche einer von dem unbezähmbaren, impulsiven, bei jeder Gelegenheit übersprudelnden südländischen Temperament! Nun, die Mitwirkenden im Algarve-Krimi haben sich sehr wohl unter Kontrolle, vielleicht aber sind sie auch gelassen genug, um hinzunehmen, was sie nicht ändern können, um zu wissen, wann sich die Aufregung lohnt und wann es vernünftiger und nervenschonender ist, die Ohren auf Durchzug zu stellen....
Fazit: „Stürmische Algarve“ ist ein Krimi, den ich gerne gelesen habe, der alles hat, was zu einem guten Kriminalroman gehört: eine plausible, spannend erzählte Geschichte, die sich durchaus genauso auch im wahren Leben hätte zutragen können, sehr glaubhafte Charaktere, deren Interaktionen für die nötige Ablenkung, gleichzeitig auch Vielfalt sorgen, eine ansprechende, ja spektakuläre Kulisse, die zum Glück keine bloße Staffage ist, sondern durch die Einblicke in die mannigfachen Probleme, die sie verbirgt, dem Roman eine besondere, eine realistische Note verleiht, Authentizität also – für mich immer ein Kriterium für einen guten Roman, gleich welchen Genres. Dieser vierte Band der Algarve-Reihe war somit gewiss nicht mein letzter!

Veröffentlicht am 30.10.2021

Verbrechen hinter schöner Fassade

Tod am Canal Grande - Ein Fall für Jackie Dupont
0

Jackie Dupont, die Protagonistin des hier zu besprechenden Krimis oder Cosy Crime oder Mischung aus Krimi und Spionageroman, sehr wahrscheinlich aber eher einer nicht ernst gemeinten Persiflage auf letztere, ...

Jackie Dupont, die Protagonistin des hier zu besprechenden Krimis oder Cosy Crime oder Mischung aus Krimi und Spionageroman, sehr wahrscheinlich aber eher einer nicht ernst gemeinten Persiflage auf letztere, ist sicherlich eine ungewöhnliche Frau. Überhaupt und speziell für die Zeit, in der die Autorin ihre turbulente Geschichte spielen lässt. Wir schreiben nämlich das Jahr 1921 – und derart eigenwillige und unabhängige Frauen, die sich weder vor Tod und Teufel, noch gar vor der mit allen Rechten ausgestatteten Männerwelt fürchteten, waren damals dünn gesät, wurden, wenn sie sich schon erdreisteten, ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen, nicht ernst genommen und trafen allenthalben auf Mauern der Indignation.
Nicht so Jackie, draufgängerische Privatdetektivin mit unwiderstehlichem Hang zu Juwelen und darüber hinaus mit unklarer Vergangenheit! Die macht gerade, was sie will und zeigt den Männern, wo es lang geht, oder, um sich eines hübschen Bildes zu bedienen, wo Barthel den Most holt. Durchweg! Es gibt nichts, worin sie es nicht zur Meisterschaft gebracht hätte, nichts, was sie nicht besser wüsste oder beherrschte, auf jeden Fall aber zumindest genau so gut wie die zwar präpotenten, aber eigentlich – bis auf eine Ausnahme freilich, wie der Leser früh genug herausfinden wird - schwächlichen Männer, mit denen sie es zu tun hat! Unheimlich, eine solche Frau, nicht wahr? James Bond und Sherlock Holmes, ein bisschen auch Hercule Poirot, in Personalunion – und keine Spur von der zwar möglicherweise blitzgescheiten, aber nach außen hin devoten, sich an die gesellschaftlichen Normeln und Verhaltensregeln ihrer Zeit haltenden üblichen Vertreterin ihres Geschlechts!
Liest man ihre, immer wieder in die Handlung eingestreuten, Tagebucheinträge, so wird mehr als ersichtlich, falls es dazu noch einer Bestätigung bedürfte, dass die – natürlich unwiderstehlich attraktive und schicke! - Heroine vor Selbstbewusstsein nur so strotzt! Also sollte, um endlich zu dem Roman, wie ich ihn der Einfachheit halber nenne, zu kommen, die Aufklärung eines, vorerst nur vermuteten Mordes an einer zu fettem Wohlstand gekommenen Engländerin mit zweifelhafter, auf alle Fälle aber recht elender Vergangenheit, und schließlich der tatsächlichen Tötung einer der wichtigeren Charaktere der Handlung, eigentlich ein Klacks sein. Ist es natürlich auch, wie man sich bald überzeugen kann, nachdem eine irritierende Nebenhandlung, die vom Wesentlichen ablenkt und für gehörige Unruhe unter den Beteiligten sorgt – eben jener Spionagepart -, endlich als das entlarvt wird, was sie ist, nämlich von Anfang bis Ende ein einziger Fake, wie man so gerne auf Neudeutsch sagt, ins Spiel geworfen von jemandem – wer das ist, muss man dann schon selbst herausfinden – aus purer Langeweile, wie mir scheint, oder als cleverer Schachzug, woran ich denn doch zweifle, oder einfach, um Unruhe zu stiften. Ein gewisser Menschenschlag, genauso, wie ein einschlägiger Berufsstand, tut das ja gerne....
Noch ein paar Bemerkungen zu den Herren der Schöpfung, die wir hier antreffen: da ist zum einen der unverschämt gutaussehende und ebenso unverschämt reiche englische Adlige Christopher, genannt Kit, seines Zeichens der Verlobte oder gar Ehemann der Schönen, wie er selber vermutet, denn er hält die verwegene Jackie für seine angeblich mit der Titanic versunkene Angetraute Diana, deren immensen Reichtum er nach ihrem tatsächlichen oder nur gefakten (schon wieder dieses Unwort!) Tod erbte und dem seinen, ohnehin schon beträchtlichen, beifügte. Ein bisschen wirr, das Ganze, aber sei's drum! Christopher also hält sich derzeit in Venedig auf, soll dort, im Auftrag des Patriarchen der Lagunenstadt, dem schönen und gar nicht so reinen und unbefleckten Kardinal Truffino, einem weiteren Protagonisten, ein wertvolles Gemälde restaurieren. Man sieht, auch Christopher hat neben seinem Reichtum und überdies einer unrühmlichen Vergangenheit, derer er sich aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aufs Ehrlichste schämt, noch gewisse andere Talente!
Aber zurück zu den restlichen Männern, von denen vor allem der brandgefährliche, skrupellose und brilliante Laszlo Baron von Drachenstein eine Rolle spielt, dereinst auf mysteriöse Weise mit Jackie verbandelt, und bei dessen Erscheinen Kit in Gedanken nach einem Bildhauer ruft, so schön und perfekt proportioniert ist er! Ja, der Deutsche wird dem guten Duke noch schwer zusetzen.... Genauso übrigens wie Jackies Onkel Daniel, der andere Teil der Detektei Dupont & Dupont, vordergründig jovialer Amerikaner, der aber selbstredend einiges zu verbergen hat und still und heimlich sein eigenes Süppchen kocht. Und wenn Christopher gehofft hatte, aus ihm die wahre Identität Jackies/Dianas herauskitzeln zu können, wird er noch seine blauen Wunder erleben....
Nicht vergessen werden sollte der englische Konsul in Venedig, Sir Alfred Purcell, bei dem Duke Christopher Quartier bezogen hat. 'Very british' ist er, doch, man ahnt es schon, in keiner Weise derjenige, den man hinter seiner aufrechten, zwar charmanten, aber doch stocksteifen Fassade vermuten würde. Sir Alfreds Gefährtin, eine exilierte russische Baronin oder Prinzessin, und seine beiden, seelisch wohl nicht recht ausbalancierten, Kinder müssen ebenfalls erwähnt werden, denn auch sie spielen ihre Rolle in dem Durcheinander, das sich vor den Augen des Lesers entfaltet und nach vielen gefährlichen Zwischenfällen schließlich doch noch entwirrt wird. Dies auf eine Art und Weise, die, man kann es nicht leugnen, in Atem hält, der es an Tempo und unvorhersehbarem Hakenschlagen nicht mangelt.
Die Lösung des Rätsels ist so überraschend wie weithergeholt und mich überhaupt nicht überzeugend – doch, eingedenk der starken Vermutung, dass die Autorin (auch?) in ihrem dritten Band um Jackie Dupont gewisse Genres auf die Schippe nimmt und gelegentlich ins Absurde treibt, wohl in Ordnung. Unterhaltend und mit viel Situationskomik gespickt ist „Tod am Canal Grande“ allemal, und gewinnt nicht nur durch einnehmende Schilderungen der venezianischen Lokalitäten, sondern nicht zuletzt durch einen sympathischen kleinen Protagonisten namens Sargent, dem cleveren Hündchen und Detektivpartner der so bezaubernden wie undurchsichtigen, Juwelen liebenden Detektivin und Superfrau, der vermeintlichen Jackie. Wie gesagt, was Genaues weiß man nicht. Es wird auch nicht aufgeklärt. Ist wohl so etwas wie ein running gag.... Jedenfalls, Sargent einzubauen war eine nette Idee, sorgt für heitere Momente und gibt der Geschichte unter zu vielen Reichen und Schönen mit ihren Luxusproblemen, fern von jeglicher, ziemlich sicher nicht rosaroten Realität der Zeit, in der sie spielt, ihre besondere Note!

Veröffentlicht am 30.10.2021

Schwierige Ermittlungen mit Überraschungen

Unbezähmbare Gezeiten
0

Von Zeit zu Zeit, freilich nicht oft, stoße ich auf ein Buch, das mich innehalten lässt, von dem ich schon nach wenigen Seiten weiß, dass es des Lesens wert ist, dass es auch über die Lektüre hinaus bei ...

Von Zeit zu Zeit, freilich nicht oft, stoße ich auf ein Buch, das mich innehalten lässt, von dem ich schon nach wenigen Seiten weiß, dass es des Lesens wert ist, dass es auch über die Lektüre hinaus bei mir bleibt. Das ich deshalb langsam und mit Bedacht lese, weil es kein schnelles Durchlesen und dann Abgehaktwerden verdient. „Unbezähmbare Gezeiten“ ist so ein Roman, ein kluger, ein langsamer, ein im besten Sinne altmodischer Krimi, mit einem Ermittler, der ganz allmählich ein Gesicht bekommt, dessen nachdenkliche und ganz und gar unspektakuläre Herangehensweise an einen Fall, der zu Anfang überhaupt keiner zu sein scheint, ich mag.
Er ist ein unauffälliger Mann, dieser Jörgensen aus Kiel, der bereits seiner Verrentung entgegen geht, niemand, der sich durch waghalsige Aktionen auszeichnet oder seine eingebildeten Supermannqualitäten, mit denen ihn der Autor dankenswerterweise auch nicht ausgestattet hat, beweisen muss, niemand, bei dem die Gedankenblitze Funken sprühen. Dafür überzeugt er mich durch seine Menschlichkeit, seine Höflichkeit im Zusammenspiel mit den Personen – allesamt gut gelungen in ihrer Unterschiedlichkeit, ihrer Individualität, ob sympathisch oder nicht -, mit denen er es im Laufe seiner bedächtigen Ermittlungen zu tun bekommt, und nicht zuletzt durch seinen liebevollen Umgang mit seiner Frau Sabrina, die man am Rande ein wenig kennenlernt, denn ein Blick ins Privatleben des ruhigen Polizisten wird dem Leser auch gewährt. Gerade genug, um den Protagonisten auch abseits seiner beruflichen Arbeit wahrzunehmen. Und da gibt es, so darf man feststellen, keinen Bruch zwischen dem Kommissar und dem Privatmann Jörgensen, der Mann ist einfach authentisch – hier wie dort!
Eine ganz wunderbare Figur hat der Autor mit diesem seinem Kieler Kommissar geschaffen - durchaus dem soliden, stets auf dem Boden bleibenden Inspektor Battle der Meisterin Agatha Christie vergleichbar -, von dem man sich wünscht, ihm wiederzubegegnen. An einen wie ihn kommt keiner der heldenhaften und draufgängerischen, in der Regel auch noch spektakulär gut aussehenden Inspektoren, Kommissare, Privatermittler, oder wie auch immer sie sich nennen, mit ihrem hyperaktiven Gerenne und Gehaste heran, die mich in viel zu vielen der Krimis, die heutzutage ersonnen oder vielmehr zusammengeschustert werden, langweilen oder sogar richtig ärgern!
Bei aller Unaufgeregtheit, die nicht nur dem Kommissar sondern der gesamten Geschichte eigen ist, ist der Krimi doch spannend und rätselhaft, von Anfang an, genauer gesagt, nachdem klar ist, dass der vermeintliche Drogentod des Studenten und Sohn eines stadtbekannten, hochgeachteten Wohltäters und einer beherrschten und immer verständnisvollen Pastorin, Johannes Gilmer, in Wirklichkeit Mord war, spürt man eine unterschwellige Gefahr, von der man lange nicht mit Gewissheit sagen kann, von wem sie ausgeht und wem sie gilt. Die Nebel beginnen sich erst dann langsam zu lichten, als eine zweite Leiche gefunden wird, mit der weder Jörgensen noch der Leser rechnen konnte. Die schließliche Auflösung kam für mich überraschend, obwohl sie, hätte ich genauer hingeschaut, zu vermuten gewesen wäre! Doch auch der Kommissar hat die Hinweise, auf die er in der Wohnung des getöteten jungen Mannes gestoßen ist, nicht als solche deuten können, nicht einmal, nachdem ihm seine gebildete Ehefrau eines der beiden Bücher, mit denen sich Gilmer junior allem Anschein nach intensiv beschäftigt hatte, Platons 'Politeia', genauer erklärt hatte.... Damit nicht genug, hätte das zweite Buch, T.S.Eliots 'Murder in the Cathedral', den entscheidenden Hinweis liefern können, hätten denn ich als Leser und Jörgensen selbst die richtigen Schlüsse gezogen – und in Zusammenhang gebracht mit dem, was man zu diesem Zeitpunkt bereits über Johannes Gilmer wusste. Was freilich wenig genug war und bis zum Ende, das nicht recht befriedigend, aber realistisch ist und somit haargenau zu dem Rest des Krimis passt, auch nicht viel mehr wird. Der unglückselige junge Mensch, auf der Suche nach sich selbst, dessen kurzes Leben so abrupt beendet wurde, der keine nachdrücklichen Spuren hinterlassen hat und dem niemand wirklich nachzutrauern scheint, bleibt ein Unbekannter. Und das, sehen wir es positiv, lässt viel Spielraum für eigene Interpretationen! Letzteres tut, so möchte ich behaupten, im Übrigen der gesamte Krimi mit dem kryptischen Titel, den der Leser allerdings, hat er denn die Geschichte aufmerksam gelesen und darüber hinaus mitgedacht, durchaus in Beziehung zur Handlung setzen kann.
D.H.Ambronn traut, das muss man schon sagen, dem Leser einiges zu, serviert ihm nichts auf dem silbernen Tablett, führt ihn nicht am Gängelband durch seinen Roman und scheint vielmehr davon auszugehen, dass er seinen eigenen Weg findet, dabei den gelegentlichen Wegweisern folgt oder sich seine eigenen zimmert. Nichts ist plakativ an der Geschichte, das offensichtlich Erscheinende kann täuschen und man muss schon sehr genau hinschauen auf seiner Reise durch diesen nicht umfangreichen, aber dennoch sehr komplexen und gescheiten Kriminalroman, der in seiner auf den ersten Blick einfachen und gemächlichen Art tiefgründiger ist als die immer gleiche Krimikost mit ihren Blendeffekten, hinter denen sich gähnende Leere verbirgt, die man heutzutage – oft aufs Geschickteste vermarktet - vorgesetzt bekommt. Und so wünsche ich den „Unbezähmbare(n) Gezeiten“ eine geneigte Leserschar, einer solchen, die der plumpen und atemlosen Action überdrüssig und eher dem feinen, subtilen Kammerspiel zugeneigt ist!