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Veröffentlicht am 27.11.2024

Annemarie Schwarzenbach

ANNEMARIE
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Eine ganz außergewöhnliche Graphic Novel hat das spanische Autorenduo María Castrejón und Susanna Martín hier vorgelegt. Das kurze Leben der Schweizer Fotojournalistin und Autorin Annemarie Schwarzenbach ...

Eine ganz außergewöhnliche Graphic Novel hat das spanische Autorenduo María Castrejón und Susanna Martín hier vorgelegt. Das kurze Leben der Schweizer Fotojournalistin und Autorin Annemarie Schwarzenbach wird nicht nur in Graphic Novel üblichen Skizzen dargestellt, sondern auch in Fotos, Textauszügen, Briefen etc. aus einer feministisch geprägten Sicht. Einige der gezeichneten Bilder sind detailgetreu ihren Fotografien nachempfunden. Das macht es sehr spannend, in diesem Buch auf Entdeckungsreise zu gehen. Auch verändert sich die Art der Darstellung, von hübschen Zeichnungen, die ohne Text auskommen und z.B. Einblicke in die Kindheit geben, bis zu teils verstörenden und drastischen Bildern, die Annemarie in den Fängen ihrer Sucht zeigen.

Wir begleiten Annemarie von ihrer Heimat der Schweiz zum Studium nach Paris; nach Berlin, wo sie erneut mit Erika und Klaus Mann viel Zeit verbringt und ihre Drogensucht den Anfang nimmt. Fotos und Texte entstehen in Russland, dem Orient, den USA und im Kongo. Sie, die aus einer reichen Industriellenfamilie stammt, versucht immer wieder den Ausbruch und widmet sich zum Beispiel der Dokumentation der Wirtschaftskrise im Süden der USA. Ihre Depressionen und ihre Rückfälle in die Drogensucht schwächen die androgyne Annemarie, die mit nur 34 Jahren an den Folgen eines schweren Fahrradunfalls verstirbt.

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Love-Scammer, Tattoos und Mythologie

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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Drei Personen:

Juno, Performancekünstlerin und Tänzerin, "eine Weltraumsonde, die man zu Jupiter hinaufgeschossen hatte, damit sie alles von ihm aufzeichne." (S. 197)

Jupiter, kranker Schriftsteller ...

Drei Personen:

Juno, Performancekünstlerin und Tänzerin, "eine Weltraumsonde, die man zu Jupiter hinaufgeschossen hatte, damit sie alles von ihm aufzeichne." (S. 197)

Jupiter, kranker Schriftsteller und Junos Ehemann, der "mit seiner Gravitationskraft die Erde von Asteroideneinschlägen schützt". (S. 145)

Benu, ein Love-Scammer aus Nigeria. "Ein Satellit, der verloren gegangen war." (S. 103)


Während sich Junos Alltag um den kranken Ehemann, Proben, Geldsorgen und Tanzen dreht, flüchtet sie sich nachts in die Chats mit Betrügern, sogenannten Love-Scammern, die nach einiger Zeit des verliebten Chattens Geld fordern und häufig genug auch erhalten. Juno spielt ihre ganz eigenen Spielchen mit diesen Internet-Lovern; sie erfindet sich in diesen Gesprächen neu und fällt doch jeden Morgen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit Benu jedoch, tauscht sie sich über einen langen Zeitraum aus.


Martina Hefter hat diese Geschichte in einer leicht zu lesenden Sprache verfasst, die aber durch eine Vielzahl von mythologischen und astronomischen Anspielungen Tiefe erhält. Neben den für fast allen Haupt- und Nebenfiguren verwendeten Namen aus verschiedenen Mythologien steht der profane Alltag. Die Angst vor dem Älterwerden und dem Sterben wird thematisiert und immer wieder durch die Erwähnung des Filmes "Melancholia" (2011) von Lars von Trier im Roman eingebaut. In diesem Film wird die Erde durch die Kollision mit einem anderen Planeten vernichtet.


Hier nur ein paar Beispiele für die sprechenden Namen: Juno ist u.a. die römische Göttin der Fürsorge. Jupiter ist der größte Planet unseres Sonnensystems und gleichzeitig der oberste Gott der römischen Mythologie. Als Benu wurde ein altägyptischer Totengott bezeichnet. Plutos, den Juno als gut verdienenden Mann erkennt und kennenlernt, ist in der griechischen Mythologie die Personifikation des Reichtums.


Die Geschichte war einerseits ganz interessant, andererseits müsste ich mich noch viel intensiver mit den Anspielungen befassen. Dafür fehlt mir gerade etwas die Lust. Man kann den Roman sicherlich auch so lesen, aber ich denke, dass einiges verloren geht. Die Autorin fasst an einer Stelle selbst zusammen, um was es in diesem Text geht, der sicherlich auch viel von ihr persönlich enthält: "Es ist dieser Text hier. [...] manchmal schreibt sie auch abends oder nachts. Einen Text über Tattoos, den Planeten Melancholie, über ältere Frauen, Love-Scammer, Nigeria." (S. 129)

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Der letzte Sommer

Kostbare Tage
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Mein erster Besuch in der Kleinstadt Holt, Colorado. Leider verlief er nicht so angenehm, wie in Crosby, Main. Auch Haruf hat - wie Elizabeth Strout - eine fiktive Kleinstadt zum Handlungsort seiner Romane ...

Mein erster Besuch in der Kleinstadt Holt, Colorado. Leider verlief er nicht so angenehm, wie in Crosby, Main. Auch Haruf hat - wie Elizabeth Strout - eine fiktive Kleinstadt zum Handlungsort seiner Romane gemacht. Hier kreuzen sich die Lebenswege und Schicksale der unterschiedlichsten Menschen. Im Zentrum dieses Romans steht Dad Lewis, der es in Holt mit seiner Eisenwarenhandlung zu einigem Wohlstand gebracht hat. Seine kostbaren Tage sind jedoch gezählt, denn eine Krebserkrankung zerrt ihn langsam aus. Seine Tochter reist zur Unterstützung an, sein Sohn, mit dem er sich vor Jahrzehnten wegen dessen Homosexualität zerstritten hatte, bleibt unauffindbar. Eine weitere wichtige Rolle spielt Reverend Rob Lyle, der mit seinen Ansichten in Holt aneckt und dessen Sohn ebenfalls darunter leidet. Viele weitere vom Leben gebeutelte Figuren treten auf und wieder ab. Einige jedoch verfolgen Dad Lewis bis in seine letzten Träume.

Haruf ist ein genauer Beobachter und viele Szenen wirken authentisch und sind berührend, überzeugen beim Lesen, aber keine Figur war mir sympathisch. Auch hatte dieses Buch eine deprimierende Grundstimmung, das mag ich derzeit gar nicht. Vielleicht hätte es zu einem anderen Zeitpunkt anders gewirkt. Allerdings gibt es für mich auch keinen wirklichen Spannungsbogen in der Handlung. Man fühlt sich als stille Beobachterin bei diesen krisenhaften Zusammenkünften und Gesprächen und bleibt auf Abstand.

Die wörtliche Rede bleibt ohne Anführungszeichen, daran muss man sich gewöhnen. Wenn man sich aber erst eingelesen hat, übersieht man es praktisch. Den Lesefluss hat es nach einigen Seiten nicht mehr behindert und Dank der flüssigen Sprache liest sich das Buch recht schnell.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nochmal auf den Weg nach Holt machen werde.

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Mein treuer alter Gefährte

Adressat unbekannt
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Zwei Männer betreiben in San Francisco eine erfolgreiche Galerie. Der Jude Max Eisenstein ist alleinstehend, geht aber in der Familie von Martin Schulse ein und aus wie ein enger Verwandter und ist jeden ...

Zwei Männer betreiben in San Francisco eine erfolgreiche Galerie. Der Jude Max Eisenstein ist alleinstehend, geht aber in der Familie von Martin Schulse ein und aus wie ein enger Verwandter und ist jeden Sonntag zum Essen eingeladen. 1932 zieht die Familie Schluse zurück nach Deutschland, die Kinder sollen dort zur Schule gehen. Wir lernen die beiden Männer ab diesem Zeitpunkt kennen, durch Briefe, die sie sich über den Atlantik schicken. Innerhalb kürzester Zeit verändert sich der Ton zwischen den einst so engen Freunden drastisch.

Auf nur 63 Seiten mit 17 Briefen und einem Telegramm über einen Zeitraum von Mitte November 1932 bis Anfang März 1934 wird eine Geschichte erzählt, die zeigt, wie die um sich greifende NS-Gesinnung wirkte. "Du findest ein demokratisches Deutschland vor, ein Land mit einer tief verwurzelten Kultur, in dem der Geist einer wunderbaren politischen Freiheit aufzublühen beginnt." (S. 8) Diese Annahme findet Max bereits nach wenigen Briefen widerlegt. Wie sich die Geschichte bis zu ihrem überraschenden Schluss entwickelt, ist spannend und erschütternd zugleich zu lesen. Ein unglaublich treffender Titel, der noch besser zeigt, um was es hier geht, als der Originaltitel (Address unknown), den hier geht es um die Menschen hinter der Adresse.

Ein beeindruckendes Zeitdokument, denn die Erstveröffentlichung erschien 1938. Ein schmales Büchlein, das man sich als Schullektüre wünscht. Unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 10.11.2024

Háldin und der Rentierhirte

Als wir im Schnee Blumen pflückten
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Zu Beginn des Romans tauchen viele Figuren auf, die sich erstmal an die richtige Stelle setzen müssen. Dafür habe ich ein paar Kapitel und Notizen gebraucht. Dann aber entwickelt der ungewöhnliche Roman ...

Zu Beginn des Romans tauchen viele Figuren auf, die sich erstmal an die richtige Stelle setzen müssen. Dafür habe ich ein paar Kapitel und Notizen gebraucht. Dann aber entwickelt der ungewöhnliche Roman einen Sog und ich habe ihn sehr gerne gelesen.

Das romantische Cover wird gleich zu Beginn gebrochen, denn die schon recht betagte Máriddja ist an Krebs erkrankt. Ihr Mann Biera vermutet bei ihr beginnende Demenz, weil sie nichts erzählen will. Gleichzeitig lernen wir das junge Ärztepaar Kaj und Mimmi kennen, die ebenfalls in den Norden Schwedens ziehen. Kaj hat gerade seine Mutter verloren und fühlt sich an seinem neuen Wohnort von dem aufdringlichen Nachbarskind belästigt. Máriddja hat alle Hände voll zu tun, die Behörden von ihrem kleinen Haus fernzuhalten, denn tatsächlich ist es Biera, der an Demenz erkrankt ist und der immer mehr in der Vergangenheit lebt und um seine kleine Schwester und deren Sohn trauert.

Das hört sich alles nicht so spannend an und war zu Beginn auch etwas verwirrend. Bald rückt aber alles an seinen Platz und einiges wird schnell klar, anderes erst später. Das putzige Verhalten von Máriddja zum Beispiel erschließt sich erst später.

Der Roman besticht durch die Darstellung der Folgen der Zwangsumsiedlungen der Samen aus dem Norden in den Süden des Landes. Das hat sicherlich zum Erfolg des Buches in Schweden beigetragen. Der Text ist voll mit Begriffen, Traditionen und Mythen der Samen. Ein kleiner Anhang wäre da nicht schlecht gewesen, denn zu Beginn dachte ich bei einigen Wörtern, es wären Eigennamen, dabei waren es die Ausdrücke für Verwandtschaftsbeziehungen. Daneben hat der Text viele humorvolle Stellen, wobei es manchmal schon haarscharf an der Grenze zum Albernen war. So vertraut sich Máriddja recht bald der "Dame" von der Telefonvermittlung an und bespricht mit ihr alle Kümmernisse, ihr Name ist Siri und diese antwortet manchmal doch etwas "hölzern".

Insgesamt eine nette Geschichte, die durch den Bezug zum Schicksal der Samen, auch die Autorin ist übrigens eine Sami, interessant ist.

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