Profilbild von ErikaOnTour

ErikaOnTour

Lesejury Profi
offline

ErikaOnTour ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit ErikaOnTour über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.11.2016

Naja

Der frühe Wurm hat einen Vogel
0

Im Rahmen von neun Kurzgeschichten nimmt uns Michael Niavarani mit auf eine abstruse Reise in das Land der Märchen, Probleme der ersten Welt und setzt sich mit quantenphysikalischen Besonderheiten auseinander.

Wie ...

Im Rahmen von neun Kurzgeschichten nimmt uns Michael Niavarani mit auf eine abstruse Reise in das Land der Märchen, Probleme der ersten Welt und setzt sich mit quantenphysikalischen Besonderheiten auseinander.

Wie auch schon in „Vater Morgana“ besticht das vorliegende Werk durch Niavaranis Gespür für Worte und Pointen. Kennt man ihn von der Bühne fällt es nicht schwer eine mögliche Intonation des Künstlers beim Lesen ins Ohr zu bekommen.

Dabei fehlt dem Buch leider das Gespür für eine stimmige Gesamtkomposition. Zwar vermögen einzelne Geschichten die LeserInnern zum Schmunzeln, Lachen oder Nachdenken anregen andere jedoch ziehen sich wie alter Kaugummi.

Den vorgestellten Charakteren wohnt zumeist eine gewisse Liebenswürdigkeit inne und viele von ihnen teilen die Eigenschaft unfreiwillig oder freiwillig komisch zu sein, was noch für den einen oder anderen herzhaften Lacher sorgen mag.

Insgesamt aber wirkt das Werk als habe der Autor aneinandergereiht was ihm gerade so eingefallen ist und habe das ganze schließlich am Lektorat vorbeigemogelt. Das ist schade sind doch einzelne Geschichten wahre Highlights.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Zwei Frauen auf ihrem Weg

Konzert für die Unerschrockenen
0

Da müht man sich ab, ist vielleicht sehr intelligent, begabt, außergewöhnlich, doch am Schluss mündet das Leben in Unscheinbarkeit. Und viel Erinnerung. (S.80)

Anna fliegt nach London zur Beerdigung ihrer ...

Da müht man sich ab, ist vielleicht sehr intelligent, begabt, außergewöhnlich, doch am Schluss mündet das Leben in Unscheinbarkeit. Und viel Erinnerung. (S.80)

Anna fliegt nach London zur Beerdigung ihrer Großtante Leah. Leah war eine jüdische Cellistin, die in ihrem Leben viel herumgekommen ist und ihr spätes zu Hause in London fand.

Anna wohnt in der Schweiz. Trotz der großen Entfernung hat sie ihre Großtante oft und regelmäßig besucht, vor allem in den letzten Jahren vor Leahs Tod. Nach dem Begräbnis überlässt ihr der Sohn der Verstorbenen deren Tagebücher. Diese sind auf Deutsch verfasst, eine Sprache, die die Großtante im Laufe ihres Lebens immer seltener verwendet hat.

Durch die Tagebücher erhält Anna einen neuen Einblick in das Leben von Leah und sie gewinnt ein neues Verständnis für ihr eigenes Leben und ihren eigenen Schmerz.

Bettina Spoerri erzählt die Geschichten zweier Frauen, die getrennt durch die Zeit unterschiedliche Lebensumstände vorfinden und dennoch mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Während Leah in den Wirren des Krieges die halbe Welt bereist und erleben muss wie jüdische Freunde und Verwandte dem Nationalsozialismus zum Opfer fallen, lebt Anna in unserer Gegenwart ein beschauliches Leben.

Zu Leahs Lebzeiten zerbricht eine ganze Weltordnung um dann mühevoll in vielen Jahrzehnten wieder aufgebaut zu werden. Dennoch sind es vorrangig Themen, die sich um die Liebe und ihre Familie drehen, die Eingang in ihr Tagebuch finden.

Gerade diese persönliche Sicht auf Leahs Leben hilft Anna auf ihre eigenen Themen zu reflektieren und aufzuarbeiten.

Spoerri hat ein Buch mit sympathischen Charakteren geschaffen, deren persönliche Krisen uns nahe gehen, weil wir viele davon aus unserem eigenen Leben kennen. Erfrischend ist, dass sie eine andere Geschichte der jüdischen Großtante erzählt als die des Umgangs mit dem Nationalsozialismus. Vielmehr erzählt die Autorin uns von den persönlichen Krisen und Erfolgen im Leben Leahs.

Ein nachdenkliches, ruhiges Buch von zwei Frauen auf ihrem Weg.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Das menschliche Scheitern

immeer
0

Eva ist mit Monn am Meer, er will mit ihr Urlaub machen und sich um sie kümmern, aber sie scheint zerrissen zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart. Immer wieder taucht Eva in ihre Erinnerungen ein ...

Eva ist mit Monn am Meer, er will mit ihr Urlaub machen und sich um sie kümmern, aber sie scheint zerrissen zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart. Immer wieder taucht Eva in ihre Erinnerungen ein oder führt Gespräche über ihre Umgebung mit Fliegen.

Eva hat Jan verloren, Jan mit dem sie so viel verband. Ihr Leben scheint aus den Fugen geraten zu sein, aber vielleicht war es auch zuvor nicht im Lot.

Vásárhelyi erzählt eine Geschichte von Liebe und Verlust, von den Verletzungen die Menschen einander zufügen und von der Grausamkeit des Lebens. Sie schont weder Charaktere noch LeserInnen sondern zeigt uns, dass es nicht immer ein Happy End gibt und nicht alle Menschen aus ihrem Schicksal gestärkt hervorgehen.

Sie erzählt eine Geschichte, die das Leben so oder so ähnlich schreiben hätte können. Fern von den hellen Momenten an die wir alle glauben wollen, stoßen uns die Charaktere gleichermaßen ab, wie wir sie glücklich sehen möchten.

Ein erfrischend schonungsloser Blick auf das menschliche Scheitern.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Als wir 15 waren

Die Tiefen deines Herzens
0

Leni und Felix sind Freunde, seit sie Kinder sind. Seit Felix Mutter die Familie verlassen hat ist er Mädchen gegenüber abweisend und bleibt auf Distanz. Bis auf Leni. Sie ist seine beste Freundin, seine ...

Leni und Felix sind Freunde, seit sie Kinder sind. Seit Felix Mutter die Familie verlassen hat ist er Mädchen gegenüber abweisend und bleibt auf Distanz. Bis auf Leni. Sie ist seine beste Freundin, seine Stütze, sein Kumpel oder seine Schulter zum Ausweinen.

Als am Abend bevor Leni in die Sommerfrische zu ihrer Tante aufbricht, mehr aus dieser Freundschaft wird, verändert sich ihr Verhältnis zueinander drastisch.

Doch auch die Sommerfrische auf einer verschlafenen Insel bringt Leni die Liebe mit. Plötzlich steht sie zwischen zwei Jungen und ist im Begriff sich selbst zu verlieren.

„Die Tiefen deines Herzens“ beginnt wie ein leichter, sommerlicher Jugendroman. Antje Szillat schafft sympathische Charaktere und beschreibt sehr stimmig die Gefühle, die junge Menschen angesichts der ersten Liebe erfassen können.

Den Zwiespalt in den Leni gerät, als sie meint sich zwischen Liebe und Freundschaft entscheiden zu müssen, stellt die Autorin sehr stimmig dar. Dabei hat sie viel Achtsamkeit für das Erschaffen der Szenerie aufgebracht und entführt die LeserInnen in eigene Erinnerungen an jugendliche Sommer am Meer, mit dem Duft von Salz und Freiheit in der Nase.

Ein interessantes Element, dass schon aus „Solange du schläfst“ bekannt ist, ist der plötzliche Umschwung zum letzten Viertel des Buches hin. Dieses Überraschungsmoment passiert auch in diesem Buch genau dann, wenn die LeserInnen nicht damit rechnen.

Somit werden in „Die Tiefen deines Herzens“ so gut wie alle LeserInnenwünsche erfüllt, Liebe, Freundschaft, Spannung, Trauer und Hoffnung.

Ein sehr schönes Buch, für junge und jung gebliebene LeserInnen.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Zieht rein

Noir
0

Nino ist gerade 4 Jahre alt, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen und er selbst nur knapp dem Tod entrinnt.

Durch den Unfall verändert sich bei Nino etwas, einmal an der Schwelle des ...

Nino ist gerade 4 Jahre alt, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen und er selbst nur knapp dem Tod entrinnt.

Durch den Unfall verändert sich bei Nino etwas, einmal an der Schwelle des Todes, ist er nun in der Lage den Tod anderer Menschen zu sehen. Eine äußerst fragwürdige Gabe. Als junger Erwachsener hat Nino mittlerweile auch seinen eigenen Tod gesehen und wird dadurch zunehmend verstört und auch ängstlich, da er sich selbst mit 24 Jahren sterben sieht. Verzweifelt auf der Suche nach Erkenntnis und einem möglichen Ausweg gerät er in metaphysische Kreise, deren Ziele nicht nur auf den ersten Blick zwielichtig erscheinen.

Nuyen erschuf einen erfrischen anderen Roman in der großteils gleichgeschalteten Landschaft von Jugendbüchern. Ein sympathischer, männlicher Protagonist, auf der Suche nach sich selbst, führt die LeserInnen durch eine fremde Welt des Okkulten, die scheinbar unsichtbar neben unserem Alltag besteht.

Sie verzichtet auf die typische Rollenverteilung in Gut und Böse. Die Charaktere sind authentisch mit all ihren Fehlern und den Abgründen in die sie sich mitunter begeben dargestellt. Nuyen wirft einen schonungslosen Blick auf den menschlichen Ehrgeiz und dessen Neugier, die zu den verabscheuungswürdigsten Taten verleitet.

Die Autorin besticht durch einen mystisch gefärbten Schreibstil, der nicht verschachtelt und daher flüssig zu lesen ist. Noir ist ein ernster Roman, der durch mystische Elemente einen dunklen Zauber erschafft, dem sich die LeserInnen kaum entziehen können.