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Veröffentlicht am 11.05.2026

Bestärkend, aber mit vielen Wiederholungen

Die revolutionäre Kraft des Fühlens
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In diesem Hörbuch erzählt die Autorin von ihrer eigenen Erfahrung bei der Bewältigung ihrer Essstörung, Angststörung und Depression, auf Basis derer sie ein Modell entwickelt hat, dem sie Allgemeingültigkeit ...

In diesem Hörbuch erzählt die Autorin von ihrer eigenen Erfahrung bei der Bewältigung ihrer Essstörung, Angststörung und Depression, auf Basis derer sie ein Modell entwickelt hat, dem sie Allgemeingültigkeit zuschreibt. Wir alle hätten eine Urwunde, die daraus resultiere, dass in unserer frühen Kindheit manche unserer Persönlichkeitseigenschaften nicht positiv bestärkt worden seien und wir somit nicht als Ganzes angenommen worden seien. Daraus resultiere das innere ungeliebte Kind, im Gegensatz zum inneren geliebten Kind, in dem die von anderen als positiv angenommenen Eigenschaften gesammelt seien. Es geht nach ihrem Ansatz also darum, sich selbst anzunehmen mit allen, positiv wie bisher negativ bewerteten, Eigenschaften, so wieder ganz zu werden und dadurch auch schädliche Verhaltensweisen wie Süchte, Überessen usw. loslassen zu können.

In vielem ist das Buch sehr bestärkend gestaltet und wiederholt immer wieder Sätze wie "Mit uns ist nichts verkehrt". Das kann insbesondere für Menschen, die das gerade brauchen, sicherlich sehr wohltuend sein.

Wenn man sich aber schon viel mit Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt hat, ist nicht so viel Neues dabei. Dazu kommt, dass die Autorin auch so tut, als ob sie diesen Ansatz komplett neu selbst entwickelt hätte, obwohl es zu so gut wie allem schon seit längerem etablierte psychologische und psychotherapeutische Konzepte gibt (z.B. zur Schattenarbeit, zur Teilearbeit, zum inneren Kind), die sie als Quellenangaben nennen hätte können und sollen.

Mich persönlich hat auch der Universalismus genervt, mit dem sie spricht und mit dem sie so tut, als ob wir alle auf jeden Fall genau gemäß ihres Ansatzes funktionieren, Probleme haben und diese heilen können würden. Mich selbst mit viel beruflicher und persönlicher Erfahrung in diesem Bereich hat dieses Buch also nicht erreicht, ich finde es in vielem zu reduziert, generalisierend und wiederholend.

Es gibt auch einige praktische Übungen, wobei ich nicht mit allen davon etwas anfangen konnte und manche überhaupt nicht anschlussfähig an mein eigenes Erleben und empfinden waren. Das ist aber natürlich individuell. Für diese empfehle ich, wenn man das Buch als Hörbuch hört, sich schon vorab Zettel und Stift zurechtzulegen.

Gesprochen ist das Hörbuch auf eine Art, die zu dieser Art Buch passt. Da es aber viele Schleifen und Wiederholungen beinhaltet, empfiehlt sich möglicherweise insbesondere für ungeduldige Menschen mit wenig Zeit das geschriebene Buch, denn bei diesem lässt sich schneller das Wesentliche herausfiltern.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Was der Autor über den Sinn des Lebens denkt

Lebensursache: Tod
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Das Buch "Lebensursache: Tod" von Matt Morgan trägt den Untertitel "Was wir von Menschen lernen können, die eine zweite Chance bekommen haben". Auch der Text auf der Rückseite des Buches erweckt den Eindruck, ...

Das Buch "Lebensursache: Tod" von Matt Morgan trägt den Untertitel "Was wir von Menschen lernen können, die eine zweite Chance bekommen haben". Auch der Text auf der Rückseite des Buches erweckt den Eindruck, dass es primär um die Menschen gehen würde, die einen Herzstillstand überlebt haben und welche Einsichten und Weisheiten sie nun in ihrem neu geschenkten Leben daraus mitnehmen.

Wer sich aufgrund der Ankündigungen so ein Buch erwartet, so wie ich das getan habe, der wird vielleicht von den tatsächlichen Inhalten enttäuscht sein. Ich war es jedenfalls. Denn um die Erkenntnisse der porträtierten Menschen geht es nur sehr am Rande, oft hat der Autor gar nicht intensiv mit diesen nach ihren Wiederbelebungserlebnissen gesprochen.

Ja, es geht schon um die Fälle der Menschen, die einen Herzstillstand hatten und zurück ins Leben geholt werden konnten, allerdings hauptsächlich aus der Sicht des Intensivmediziners selbst. Und man lernt so einiges Interessantes bei der Lektüre, zum Beispiel, dass jemand erst sicher tot ist, wenn er "warm und tot" ist, und insbesondere in extremer Kälte manche Menschen schon mehrere Stunden ohne Herzschlag überlebt haben und danach erfolgreich und ohne bleibende Gehirnschäden wiederbelebt werden konnten. Auch erfährt man sonst so einiges aus dem Alltag und der Tätigkeit eines Intensivmediziners, das ist durchaus interessant.

Wirklich mühsam habe ich aber die Erzählweise gefunden: die Kapitel beginnen mit einer interessanten Geschichte eines Menschen, der einen Herzstillstand überlebt hat - und mittendrin wird abgebrochen oder unterbrochen und es geht um irgendwelche Belanglosigkeiten aus dem Leben des Autors selbst, bei denen sich oft ein Zusammenhang zu den erzählten Geschichten nur mühsam herstellen lässt.

Während man also zum Beispiel in Spannung darauf wartet, endlich mehr über die eigentliche Geschichte zu lesen, muss man über die Erfahrungen des Autors mit seiner Vasektomie lesen, als es ihm peinlich gewesen sei, seinen Samen in einem durchsichtigen Behälter transportieren zu müssen.

Auch wenn es darum geht, wie wir Sinn im Leben finden können, werden weitaus öfters einfach die Gedanken des Autors dazu erzählt als die tatsächlichen Erkenntnisse der Wiederbelebten. Ich habe mich beim Lesen oft über die Selbstzentriertheit, die narzisstisch-eitlen Tendenzen und das ständige Abschweifen des Autors geärgert, so sehr, dass insgesamt in Bezug auf das Thema Sinn-Finden im Leben nur wenig bei mir hängen geblieben ist.

Am interessantesten waren noch die medizinischen Darstellungen davon, wie es zu den plötzlichen Herzstillständen gekommen ist sowie ein Deutlich-Machen der Bedeutung des Erlernens der Herzmassage als Erstmaßnahme, die einen großen Unterschied für die Überlebenschancen nach einem Herzstillstand machen kann.

Es ist insgesamt also ein Buch, das wesentlich mehr Potential haben hätte können, wenn der Autor sich mehr auf die Geschichten seiner Patientinnen und Patienten konzentriert hätte, diesen wirklich zugehört und sich selbst und sein eitles Ego zurückgestellt hätte, um Raum für die Geschichten der anderen Menschen und ihren neu gefundenen Lebenssinn zu schaffen. So war es eine vergebene Chance und ein Buch, dessen Beschreibung und Marketing in die Irre führt.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

"Nun bin ich wieder abgeschweift"

Das Mosaik der Frauen
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Vorab: eigentlich war ich ein Fan des im Jahr 1946 in Damaskus geborenen und seit 1971 in Deutschland lebenden Schriftstellers Rafik Schami. Ich habe schon einige seiner anderen Bücher, z.B. "Eine Hand ...

Vorab: eigentlich war ich ein Fan des im Jahr 1946 in Damaskus geborenen und seit 1971 in Deutschland lebenden Schriftstellers Rafik Schami. Ich habe schon einige seiner anderen Bücher, z.B. "Eine Hand voll Sterne", gelesen und seine poetische, geschichtenerzählende Schreibweise geliebt. Deshalb war ich sehr gespannt auf sein neues Buch "Das Mosaik der Frauen", das auch äußerlich wunderschön gestaltet ist. Leider ist dieses Buch aber eine Enttäuschung und ich kann ihm mit viel Wohlwollen nur 3 knappe Sterne geben.

Warum? Der Titel, den ich für diese Rezension gewählt habe, und der ein direktes Zitat aus dem Buch ist (S. 224, und viele weitere Stellen), sagt es schon: "Nun ich wieder abgeschweift". Dieses Buch will einfach zu viel auf einmal oder es wurde aus Rücksicht auf den etablierten Schriftsteller und den Respekt vor seinem Alterswerk kaum lektoriert.

Anders kann ich mir nicht erklären, dass in diesem Buch zwar an manchen Stellen noch die ursprüngliche Erzählkunst des Autors durchschimmert, sie sich aber insgesamt in viel zu vielen kleinen Lebensausschnitten unzähliger Menschen, die man durch die Knappheit nicht näher kennen lernt und mit denen man deshalb nicht wirklich mitfühlen oder sich für ihre Schicksale interessieren kann, garniert mit für mich nicht sonderlich humorvollen Witzeinlagen, allgemeinen Lebensweisheiten und Anekdoten verliert.

Schon am Anfang muss man sich in Geduld üben, bevor die eigentliche Erzählung beginnt: wir lernen erst einmal auf dutzenden Seiten den Schriftsteller kennen, dem die Hauptfigur, ein sich im Krankenhaus befindlicher älterer Syrer, seine Geschichte von den Frauen, die ihn geprägt haben, erzählt. Frauengeschichten sind es viele, von der Mutter und der Schwester über die Ehefrau, Freundinnen bis zu diversen Bekanntschaften und bei manchen ist es nur eine Kleinigkeit, die er als Weisheit aus dem gemeinsamen Kontakt mitgenommen hat. Wirklich nahe kommt einem dabei, wie gesagt, kaum eine der Figuren, dazu sind es viel zu viele.

Noch dazu beschränkt sich das Buch nicht einmal auf den Mann und die ihn prägenden Frauen, sondern wie nebenbei werden noch kurz die Geschichten von Hinz und Kunz und sonstwem angerissen, sodass insgesamt gefühlt sicher von 50 Menschen erzählt wurde, ohne dabei wirklich in die Tiefe zu gehen.

Interessant waren für mich der historische Hintergrund der Entwicklung der Länder im Nahen Osten in den letzten Jahrzehnten, das Aufzeigen, wie auch Bürgerbewegungen mit ursprünglich hehren Zielen oft zu genauso schrecklichen Diktaturen werden, wenn sie an der Macht sind, sowie diverse kulturelle Einblicke in ein Syrien, das so eine reiche und vielfältige kulturelle und religiöse Geschichte hat. Auch das hätte man über in ein Buch mit mehr Fokus und Tiefe noch besser einbetten können. Positiv ist aber doch, dass deutlich wird, wie viel Respekt und Achtung der Autor Frauen insgesamt entgegenbringt.

Insgesamt kann ich dieses Buch dennoch vorwiegend langjährigen Fans von Rafik Schami empfehlen, um es mit seinen anderen Büchern vergleichen zu können. Wer den Autor aber noch nicht kennt, dem rate ich dazu, zu einem seiner anderen Werke zu greifen, da in diesen sein zweifellos vorhandenes Erzähltalent viel besser rauskommt.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Umfassend und fundiert

Wie Frauen länger leben
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Möchten Sie sich richtig ausführlich, wissenschaftlich fundiert und tiefgründig mit weiblicher Gesundheit und Langlebigkeit befassen und dabei einiges an medizinischem Wissen erwerben? Dann könnte dieses ...

Möchten Sie sich richtig ausführlich, wissenschaftlich fundiert und tiefgründig mit weiblicher Gesundheit und Langlebigkeit befassen und dabei einiges an medizinischem Wissen erwerben? Dann könnte dieses Hörbuch etwas für Sie sein. Die Ärztin und Spezialistin für Frauengesundheit Dr. Sandra Eifert hat keine Mühe und Ausführlichkeit gescheut, um dieses Thema umfassend zu behandeln.

Zuerst einmal geht es um die Faktoren, die Frauen gesundheitlich von Männern unterscheiden und die ihnen in Bezug auf Langlebigkeit viele Vorteile bringen. Denn auch an den Statistiken sieht man: während noch etwas mehr Jungen als Mädchen geboren werden, gleicht sich das Geschlechterverhältnis etwa um den 50. Geburtstag um und je weiter man ins hohe Alter kommt, desto mehr steigt der Frauenanteil: bei den über 85-jährigen sind es dann schon zwei Drittel, bei den über 100-jährigen noch mehr. Das hat unter anderem mit dem zweiten X-Chrosomosom zu tun, über das Frauen im Gegensatz zu Männern verfügen, außerdem mit dem hormonellen Schutz bis zur Menopause und mit einigem mehr.

Außerdem behandelt das Buch aber auch sehr ausführlich diverse Krankheiten des Alters bei Frauen, und ihre Risikofaktoren sowie Möglichkeiten der Prävention. Am Ende vieler Kapitel finden sich eingestreut Lebensgeschichten über 100-jähriger Frauen, die sehr interessant und inspirierend sind und in ihren Gemeinsamkeiten zeigen, wie wichtig eine positive Lebenseinstellung, ein ruhiger, entspannter Lebensstil bei gleichzeitig Beibehalten von Neugierde und Aktivität und insgesamt eine gesunde Lebensführung sind.

Am Ende geht es dann noch um verschiedene Praktiken gesunden Alters, auch im interkulturellen Vergleich, etwa in Japan, China, Südamerika, Nordeuropa oder bei uns. Sehr interessant, zu sehen, wie sich die Bewertung und die Zugänge zum Thema höheres Alter kulturspezifisch stark unterscheiden.

Es handelt sich insgesamt also um ein sehr komplexes, ausführliches Buch, für das man sich viel Zeit nehmen sollte. Insbesondere die Kapitel, in denen es um Krankheiten geht, sind auf sehr hohem Niveau erzählt, auch sprachlich, und setzen die Kenntnis einiger auch lateinischer Fachausdrücke und insgesamt ein gutes Verständnis für Medizin voraus. Wer sich mit diesen Themenbereichen noch nicht viel beschäftigt hat, wird diese Kapitel möglicherweise überfordernd finden. Auch kommt es im Buch immer wieder zu Wiederholungen. Das kann grundsätzlich für die Merkfähigkeit förderlich sein, und bei der Lektüre des Buches kann man zusammenfassende Infokästchen oder ähnliches ja überspringen, wenn man meint, schon alles zu wissen.

Ich habe das Buch allerdings als Hörbuch gehört und da habe ich mit der Zeit diese vielen Wiederholungen mühsam gefunden und mir etwas mehr inhaltliche Straffung gewünscht. Insofern würde ich bei diesem speziellen Buch auch eher die Lektüre des Print-Exemplars als das Hören des Hörbuches empfehlen, auch wenn es ansonsten durchaus angenehm gesprochen ist.

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Veröffentlicht am 05.05.2026

Über Opferhaltung und Hilflosigkeit

Ein verlassenes Haus
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"Ein verlassenes Haus" ist das Debüt der Autorin Lisa Wölfl. Das Buch beginnt stark, man ist gleich in der Geschichte drinnen, in dem inneren Monolog der Ich-Erzählerin Sonja, die sich vom Minister für ...

"Ein verlassenes Haus" ist das Debüt der Autorin Lisa Wölfl. Das Buch beginnt stark, man ist gleich in der Geschichte drinnen, in dem inneren Monolog der Ich-Erzählerin Sonja, die sich vom Minister für Wirtschaft und Arbeit im Fernsehen beschimpft fühlt, als er in ihren Augen über den fehlenden Arbeitswillen arbeitsloser Menschen herzieht.

Sonja ist 48 Jahre alt, lebt zusammen mit ihrem Mann Harald, Teenagertochter Katharina und Sohn Sebastian, der im Volksschulalter ist, in Niederösterreich, und ihre Probleme sind zahlreich. Sie hasst ihren älter werdenden Körper und vergleicht ihn mit dem Bild eines verlassenen Hauses: "Mein Körper ist ein verlassenes Haus. Die Kinder sind ausgebrochen und haben dabei die Fenster zerschlagen. Mein Boden ist morsch. An der Wand Graffiti, im Keller Drogenbesteck. Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich bekomme kaum Besuch von schwindeligen Investoren. Ich gehe an meinem eigenen Schimmel kaputt." (S. 27)

Diese Metapher zieht sich an verschiedenen Stellen durch das Buch und wiederholt sich mehrmals. Zu Sonjas Selbsthass kommt noch dazu, dass das Geld nie reicht und man ständig das Konto überziehen und dafür Gebühren zahlen muss, auch im Haushalt bleibt ständig was liegen und es ist nie wirklich aufgeräumt und sauber. Dabei arbeitet ihr Mann Harald viele Stunden in einer Baufirma, wird als Leiharbeiter aber schlecht bezahlt. Sonja selbst arbeitet Teilzeit recht unmotiviert als Verkäuferin in einem Bioladen und kümmert sich sonst um die Kinder. Noch mehr ins Wanken gerät das eh schon brüchige Lebensgerüst, als der Sohn zusammenbricht und Diabetes diagnostiziert bekommt, Sonja in die Notaufnahme eilt, ohne den Bioladen abzuschließen und dafür fristlos entlassen wird und das Geld noch knapper wird.

Bis hierher ist es ein einigermaßen realistisches Szenario einer Arbeiterfamilie, die am Kämpfen ist. Ab diesem Punkt beginnt sich allerdings Sonjas schon davor latent vorhandene Opfermentalität noch mehr zu zeigen. Einige Zeit arbeitet sie gar nichts, eine Putzstelle, die ihr das Arbeitsmarktservice vermitteln will, will sie nicht annehmen und sowieso hält sie so gut wie jede Tätigkeit für unvereinbar mit ihren Betreuungspflichten.

Der resultierende Geldmangel führt dazu, dass Harald, der eh schon körperlich wie psychisch durch Bandscheibenvorfall, Depressionen und Suizidgedanken schwer beeinträchtigt ist, zusätzlich zu seinem Vollzeitjob noch abends Taxi fährt oder Pizza zustellt und so gut wie gar nicht mehr zu Hause ist. Was wiederum zur Konsequenz hat, dass Sonja sich noch bemitleidenswerter fühlt, weil alle Belastung mit den Kindern auf ihr liege. Und dazu kommt noch die böse politische Stimmung, die sich im Lande immer mehr den rechten Partei zuneigt, die wiederum Sozialleistungen kürzen möchten.

Sonja fühlt sich an allen Ecken und Enden verfolgt und arm. Ein Gefühl dafür, was sie selbst an ihrer Situation ändern könnte, hat sie kaum - bis sich ihr ein Ausweg zeigt, als ihr eine Freundin die Möglichkeit vorstellt, für Geld Männer in Onlinepartnerbörsen im Chat möglichst lang hinzuhalten. Harald ist vehement dagegen, dass Sonja sowas macht, sie macht es trotzdem. Insgesamt ist das aber nur eine Nebenhandlung um Buch, in dem es hauptsächlich um das sehr zynisch geschilderte Elend dieser Familie geht, siehe z.B. auch diese Stelle, in der die Kinder nur mehr als Kostenfaktoren angesehen werden: "Immerhin war Katharina eine volle Woche mit Patricias Familie weg. Die Ersparnisse: Lebensmittel, Wasser, Strom, nerven. Vielleicht können sie im Sommer wieder gemeinsam verreisen. Diesmal zwei ganze Monate. Sebastian bringe ich bei Annalena unter. Für Kost und Logis kann er mit seinen Zeichnungen bezahlen. Dann können Harald und ich einander ungesehen umbringen." (S. 171)

Ja, man muss schon in der richtigen Stimmung sein für dieses dunkle, zynisch-sarkastische Buch mit so einer ausgeprägten Opfermentalität. Geschrieben ist es gut und unterhaltsam, die Figuren sind authentisch, denn solche Menschen, die alle Verantwortung für ihre Lage von sich weisen und nur den Staat oder andere dafür verantwortlich machen, gibt es ja genug. Falls die Botschaft sein hätte sollen, dass dieser Staat sich wieder mehr für Menschen in schwierigen Lagen einsetzen sollte, dann erreicht dieses Buch bei mir eher das Gegenteil. Wenn überhaupt, dann hatte ich noch Mitleid mit Harald, der durchaus wie ein tüchtiger und auch liebevoller Ehemann wirkte, sowie mit den Kindern, während Sonja mir mit ihrer Jammerei, Perspektiv- und Empathielosigkeit ziemlich unsympathisch war. Das ist dem Buch nicht anzulasten, nicht alle Charaktere müssen sympathisch sein, um authentisch zu sein.

Was den Inhalt angeht, finde ich einzig den Handlungsstrang mit dem Nebenjob in der Partnerbörse am Ende nicht gut über die Ziellinie gebracht, dafür einen Stern Abzug. So gebe ich insgesamt vier Sterne für ein gutes Debüt mit kleinen Schwächen.

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