Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.
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Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.
Auch deshalb gibt es mittlerweile einige Bücher am Markt, die versuchen, dieses komplexe und spannende Gebiet verständlich zu erklären. Dieses ist eines davon: hier haben sich ein Physikprofessor und seine Frau, eine Künstlerin, zusammengetan, um zu versuchen, die Grundlagen der modernen Physik in möglichst verständlicher Sprache darzustellen.
Herausgekommen ist ein sehr interessantes Buch, das mit wenig Mathematik und Formeln auskommt, aber sich immer noch auf einem eher hohen Niveau bewegt. Bevor es um die Quantentheorie selbst geht, wird ausführlich auf die Geschichte der Physik eingegangen und erzählt, welche berühmten Männer und Frauen (ja, auch davon gab es so einige, die im Buch auch Würdigung finden) durch welche Experimente auf verschiedene physikalische Naturgesetze gekommen sind. Sehr interessant für alle historisch Interessierten.
Wer sich aber rein für die Quantentheorie selbst interessiert, hat mit diesem umfangreichen Teil vielleicht nicht so viel Freude, auch wenn er durchaus hilfreich ist, um zu verstehen, welche bisherigen Annahmen diese über den Haufen geworfen hat.
Sehr lesefreundlich ist, dass das Buch kompliziertere Abschnitte, die für das nähere Verständnis nicht zwangsläufig erforderlich sind, in blau darstellt. So können diese von daran nicht interessierten Leserinnen und Lesern übersprungen werden. Weiters versuchen die Autoren, mit Hilfe von Graphiken und Abbildungen und durch die Beschreibung vieler Experimente, die Inhalte so verständlich wie möglich zu vermitteln.
Insgesamt ist es aber bei allen Versuchen, die Quantentheorie einfach darzustellen, dennoch ein Buch, das sich an gebildete Menschen richtet, die bereit sind, komplexen Denkmustern zu folgen und diese nachzuvollziehen. Ich habe einiges Neues gelernt, manches aber nicht komplett verstanden, dies ist aber wohl meinem mangelnden Vorwissen in diesem Gebiet anzulasten und nicht dem interessanten, aber schon anspruchsvollen Buch.
Bücher von Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern sind oft auf die eine oder andere Art speziell, das macht ja auch ihre besondere Qualität aus. "Vaim", das neueste Werk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers ...
Bücher von Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern sind oft auf die eine oder andere Art speziell, das macht ja auch ihre besondere Qualität aus. "Vaim", das neueste Werk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers aus dem Jahr 2023, reiht sich da ein.
Man schlägt das Buch auf und beginnt mit dem Lesen - und zack, ist man in einen nicht enden wollenden, immer weiter gehenden Gedankenstrom hineingezogen, ohne Kapitel, ohne Satzenden, befindet sich mitten im Kopf von Jatgeir, einem älteren Mann in Norwegen, der aus seinem Dorf, dem fiktiven "Vaim", mit seinem Boot "Eline", benannt nach seiner Jugendliebe, über den Fjord nach Bergen, hier nach seinem alten Namen Bjørgvin genannt, fährt, um Nadel und Faden zu kaufen.
Gar kein einfaches Unterfangen, denn Jatgeir ist ein wortkarger Mensch, der auch nicht gelernt hat, für sich einzustehen und sich durchzusetzen, und so muss er einen weit überteuerten Preis dafür bezahlen, und das sogar zwei Mal. Am Heimweg begegnet ihm dann plötzlich seine Jugendliebe Eline, die kurz entschlossen ihren bisherigen Partner verlässt und mit Jatgeir auf seinem Boot zu ihm nach Hause fährt, um seine Partnerin zu werden.
Soweit zur Handlung des ersten, längsten, von drei Teilen des Buches. Die anderen beiden werden von zwei weiteren Männern geschildert, wobei der Schreibstil sehr ähnlich bleibt und wir uns wieder in deren Köpfen befinden und ihren Gedankenströmen folgen.
Durch die endlosen Sätze und die Art, wie das Buch erzählt wird, entsteht ein Sog in die Köpfe dieser norwegischen Männer hinein. Ich hatte das Gefühl, direkt in ihrem Gehirn zu sitzen. Dafür ist es aber auch nötig, sich darauf einzulassen, denn natürliche Atempausen bietet diese Schreibweise nicht (abgesehen von den zwei Stellen, an denen die Erzähler wechseln und ein neuer Teil beginnt).
So, wie wohl menschliches Denken tatsächlich oft funktioniert, folgt ein Gedanke dem nächsten und dem nächsten und dem nächsten und dem nächsten...
Diese besondere Schreibweise schafft aber auch ein einmaliges Leseerlebnis, das lange nachhallt und ich auf diese Weise noch nie erlebt habe.
Eingebettet in das Buch findet sich auch einiges an Symbolik und Metaphern zu Wasser, Meer, Booten, Leben und Sterben, sowie in die nordische Landschaft eingebettete mystische Bezüge, die man bei Interesse individuell zu entschlüsseln versuchen kann.
Es ist ein tiefgründiges Werk, das in sich viele mögliche Deutungsebenen und damit auch viel interessanten Diskussionsstoff birgt. Ich kann es allen, die anspruchsvolle Literatur schätzen und bereit sind, sich auf eine manchmal durchaus fordernde, aber einzigartige Erzählweise einzulassen, nur empfehlen.
Sara Hussein hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Elias Babyzwillinge bekommen. Weil sie vor lauter Übermüdung kaum mehr funktionieren konnte, hat sie sich eine Neuroprothese zur Schlafverbesserung ...
Sara Hussein hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Elias Babyzwillinge bekommen. Weil sie vor lauter Übermüdung kaum mehr funktionieren konnte, hat sie sich eine Neuroprothese zur Schlafverbesserung in ihren Kopf einsetzen lassen. Ihr Mann hatte so etwas schon seit längerem und sie wollte mit ihm mithalten und auch für ihre Kinder eine wache, präsente Mutter sein können. Außerdem nutzt Sara schon lange, wie so viele von uns, das Internet und Social Media, hinterlässt überall ihre digitalen Spuren und wird auch im analogen Leben oft von Videokameras aufgezeichnet. Ist ja nichts dabei, das ist ja jetzt unser Leben, oder?
Bis all diese Kleinigkeiten Sara zum Verhängnis werden: auf der Rückreise von einer Konferenz in London fällt sie bei der Einreise in die USA bei der Sicherheitskontrolle auf. Eines kommt zum anderen: durch die Neuroprothese wurden Saras Träume ausgewertet und ihr wird vorgeworfen, eine Gefahr für ihren Mann zu sein. Der Algorithmus habe durch die Analyse ihrer Träume, gemeinsam mit anderen gesammelten und willkürlich gewichteten, gegen sie verwendeten Informationen aus ihrem Leben, einen zu hohen Risikowert ausgerechnet, deshalb müsse sie vorerst für drei Wochen zur eigenen und fremden Sicherheit in einem Zentrum "einbehalten" werden. Das sei kein Gefängnis, nur eine Sicherheitsmaßnahme, und ja auch erst einmal nur für drei Wochen. Dass Sara verzweifelt versucht, sich gegen die Einweisung zu wehren, verschlechtert ihren Risikowert weiter.
Schnell stellt sich heraus, dass sich das Einbehaltezentrum nur wenig von einem Gefängnis unterscheidet und die Insassinnen kaum Rechte haben. Es gibt ein langes Regelbuch, das jede auswendig lernen muss, zusätzlich können aber ständig willkürlich neue Regeln aufgestellt oder Privilegien entzogen werden. Verlangt wird absolute Unterwerfung unter das System und Gehorsam gegenüber den Aufsehern, doch auch dann wird kaum eine Frau nach den versprochenen drei Wochen entlassen, sondern der Aufenthalt wird immer wieder verlängert, auf unbestimmte Zeit.
Parallel dazu erleben wir eine Gesellschaft, die sich damit abgefunden hat, dass die Daten von Menschen überall ausgewertet und kommerziell und politisch genutzt werden. Viele finden es sogar gut, dass damit die Gesellschaft sicherer werde, weil zukünftige Verbrechen verhindert werden würden, wenn man Menschen festnehmen könne, bevor sie diese begehen würden. Das ungerechte und menschenverachtende System dahinter wird nur von wenigen erkannt oder angezweifelt. Das muss auch Sara nach ihrer Festnahme erfahren: alle glauben an das System und seine Gerechtigkeit. Wer inhaftiert wurde, mit der muss irgendetwas nicht stimmen. Ihr Mann wirft ihr vor, sich im Zentrum offensichtlich nicht kooperativ genug zu verhalten, sonst wäre sie ja schon längst wieder frei. Auch ihr Vater – ein marokkanischer Immigrant, der sein ganzes Leben lang gelernt hat, sich dem amerikanischen System anzupassen und sich unauffällig zu verhalten – meint, sie wäre wohl nicht unterwürfig genug aufgetreten, sonst wäre sie am Flughafen nicht festgenommen worden.
Da zeigt sich wieder, was wir auch aus der Realität kennen: bestehende Systeme werden nur sehr wenig hinterfragt und viele Menschen glauben, es gehe schon immer alles mit rechten Dingen zu, und es werde schon gerechte Gründe dafür geben, wenn jemand in einem Anhaltezentrum sitze: das psychologische Phänomen des Glaubens an eine gerechte Welt. Auch die Frauen, die neu in das Zentrum eingeliefert werden, glauben anfangs immer noch, dass sie sich mit Wohlverhalten eine schnelle Entlassung verdienen könnten und nur „die anderen“ die gefährlichen potentiellen Straftäterinnen seien, nicht sie selbst. So kommt es, auch verstärkt durch die ständige Überwachung, sehr lange zu kaum Solidarisierung unter den inhaftierten Frauen.
Das „Dream-Hotel“ von Laila Lalami ist eine kluge und erschreckende, sehr realistisch konstruierte Dystopie, die in einer nicht so fernen Zukunft spielt und unserer modernen Gesellschaft in vielem einen Spiegel vorhält. Abgesehen von der Träume aufzeichnenden Neuroprothese gibt es große technologische und gesellschaftliche Ähnlichkeiten zu der Zeit, in der wir uns schon jetzt befinden und in der große Unternehmen unsere Daten systematisch sammeln, aufbereiten, für ihre Zwecke nutzen und davon ausgehen, dass wir mit der Zustimmung zu ihren Nutzungsbedingungen schon so gut wie alle eigenen Rechte diesbezüglich aufgegeben hätten (wie es auch im Buch vorkommt).
Es ist also ein sehr kluges Buch, das nachdenklich darüber macht, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, aber auch, in welcher wir jetzt schon leben und welches enorme Risiko damit verbunden ist, unsere Daten gewinnorientierten Unternehmen zur Verfügung zu stellen – aber auch, wie schwierig es ist, aus diesem System auszusteigen: auch im Buch gibt es einzelne Aussteiger, aber diese müssen wie vor Jahrhunderten leben, um sicherzustellen, keine Daten von sich preiszugeben.
Geschrieben ist das Buch auf eine sehr spannende, aber auch beklemmende Art und Weise. Ich habe mich sehr mit der „einbehaltenen“ Sara und den anderen Frauen verbunden gefühlt, mit ihnen mitgefiebert, auf Entlassung gehofft und bin mit ihnen wütend über dieses zutiefst ungerechte System geworden. Die Lektüre hat also neben dem aufrüttelnden Faktor auch einen guten Unterhaltungswert.
Das Ende habe ich auch durchaus plausibel gefunden, auch wenn man inhaltlich aus einigen Themensträngen und aus dem Thema insgesamt noch ein bisschen mehr machen hätte können, deshalb in Summe 4 von 5 Sternen.
Der amerikanische Schriftsteller John Irving schreibt seit bald sechs Jahrzehnten Bücher. Sein Debüt "Lasst die Bären los" ist 1968 erschienen, weitere bekannte Werke sind z.B. "Gottes Werk und Teufels ...
Der amerikanische Schriftsteller John Irving schreibt seit bald sechs Jahrzehnten Bücher. Sein Debüt "Lasst die Bären los" ist 1968 erschienen, weitere bekannte Werke sind z.B. "Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder "Witwe für ein Jahr". Auch ich kenne den Autor und einige seiner Bücher schon seit mehreren Jahrzehnten. Vor diesem Hintergrund schreibe ich auch diese Buchrezension: als eine, die schon mehrere Werke von ihm gelesen hat, dadurch die Möglichkeit hatte, auch in dem neuesten Buch "Königin Esther" wiederkehrende Muster und Themen zu bemerken und die grundsätzlich dem Autor und seinem Werk wohlwollend gegenüber steht.
Wer den Autor kennt, weiß, wie er schreibt: sehr ausufernd, mit vielen Details und unkonventionellen Charakteren, die gesellschaftliche Normen durchaus in Frage stellen und sich ungewöhnlich verhalten. Themen wie das Recht auf Abtreibung, Waisenkinder, queere Liebe, sehr liberale Vorstellungen von Partnerschaft, Liebe und Sexualität, Ringen, Männer abseits der verbreiteten Schönheitsideale, die Stadt Wien und Charaktere, die selbst schriftstellerische Ambitionen haben, kommen in Werken von John Irving immer wieder vor. Wenn man sich mit der Biografie und Familiengeschichte des Autors beschäftigt, zeigen sich auch hier viele Verbindungen zu seinem persönlichen Leben auf: so hat der Autor selbst Geschwister, die homosexuell sind, Ringen war für ihn als junger Mann ebenfalls von großer Bedeutung und er scheint prägende Jahre in Wien verbracht zu haben.
"Königin Esther" führt nun viele diese Themen und offenen Fäden weiter und zusammen. Wir begegnen einer sehr unkonventionellen amerikanischen Familie Anfang des 20. Jahrhunderts, die "Au-Pair-Mädchen" für die Kinderbetreuung ihrer zahlreichen Töchter sucht. Die "Au-Pair-Mädchen" werden gut behandelt und Teil der Familie. Sie alle stammen aus Waisenhäusern, eines davon, das letzte Au-Pair-Mädchen für die jüngste Tochter Honor, wird Esther sein, die im Waisenhaus von Dr. Larch (diese sind aus "Gottes Werk und Teufels Beitrag bekannt") aufgewachsen ist, deren Mutter ermordet wurde, als sie ein Kleinkind war, und die weiß, dass sie jüdischer Abstammung ist.
Auch Esther wird ein Teil der Familie und sie wird sogar ein sehr unkonventionelles Arrangement mit Honor eingehen: da Esther eine Schwangerschaft und Geburt erleben, aber keine Mutter sein will, während Honor gerne ein Kind, aber keinerlei sexuelle Beziehung, hätte, vereinbaren die beiden Frauen, dass Esther für Honor ein Kind bekommt, das sie dieser überlässt: es wird der Junge Jimmy. Dieser wird, wie besprochen, von Honor und im Kreise der Verwandtschaft aufgezogen, während Esther sich nach einem kurzen Aufenthalt in Wien bald nach Israel begibt, um sich dort um "ihre jüdischen Angelegenheiten" in Zusammenhang mit dem Kampf für den neu entstehenden Staat Israel zu kümmern, jahrzehntelang.
Jimmy wird als junger Mann einige Zeit in Wien verbringen und währenddessen auf Anraten der Familie (um sich einer Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen) ebenfalls in einer sehr unkonventionellen Konstellation, gemeinsam mit einem lesbischen Paar aus den Niederlanden, Vater einer Tochter werden.
Welche Themen verhandelt dieses sehr umfangreiche Buch neben den oben erwähnten? Jedenfalls spielen die Anfangsjahre des modernen Israels und die Frage, ob und wodurch man jüdisch wird und welche Rolle biologische Abstammung vs. soziale Elternschaft spielen, eine große Rolle. Diese Themen waren für mich beim Lesen auch sehr interessant.
Zwischendurch hatte das Buch aber einige große Längen aufzuweisen, die für mich das Lesen insbesondere im Mittelteil etwas zäh gestaltet haben. Gefühlt eine Ewigkeit lang hält sich der junge Jimmy in Wien in einer WG auf und es geht die ganze Zeit gedanklich um Sex und um den von der Familie empfohlenen Plan, schnellstmöglich eine Frau zu schwängern - und das als in dieser Hinsicht völlig unerfahrener junger Mann. Überraschenderweise gelingt dieses Vorhaben dann aber dennoch auf Anhieb, so wie auch bei Esther Ende 30. Man darf hier und auch an so manchen anderen Stellen keinen zu hohen Anspruch an den Realismus des Beschriebenen anlegen.
Was hingegen Esther genau in Israel in Verbindung mit Hagana und Mossad macht, wird immer nur kurz angedeutet. Hierüber hätte ich gerne mehr erfahren, das wäre interessant für mich gewesen. Wären manche Stellen im Buch also ausführlicher erzählt, während einiges andere gekürzt worden wäre, hätte es mir insgesamt noch deutlich besser gefallen.
Dennoch ist es in Summe ein lesenswertes, unterhaltsames Buch mit liebenswerten Charakteren, das ich insbesondere den Fans von John Irving, die seine Schreib- und Erzählweise kennen und schätzen, empfehlen kann.
Lisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische ...
Lisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische Hebamme Aljona demnächst in den hohen Norden Russlands fahren will, ins Grenzgebiet bei Nikel, nahe dem Weißmeer. Dieselbe Gegend, aus der auch Lisa stammt, und in der immer noch ihre sehr alte Oma lebt, die ihr telefonisch mitteilt, dass sie wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. So entschließt sich Lisa, gemeinsam mit Aljona und mit der kleinen Babytochter Eva die Reise in die Gegend über dem Polarkreis anzutreten.
Wir befinden uns in der Gegenwart, nach dem Beginn der russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, also in einer Zeit, in der man nicht mehr so einfach von Deutschland direkt nach Russland fliegen kann. Wer nach Russland möchte, muss teure Flüge über die Türkei buchen oder - wie diese Frauen es machen - nach Helsinki oder ins Baltikum fliegen und von dort mit dem Bus weiter nach St. Petersburg fahren, von wo aus Züge weiter in den Norden fahren. Eine anspruchsvolle Reise mit einem kleinen Baby, auch wenn man Russisch kann. Zumindest muss Lisa aber als Frau im konservativen Russland der Gegenwart nicht fürchten, an die ukrainische Front geschickt zu werden. Es ist eine Zeit, in der auch wegen dieser Gefahr aus dem Ausland fast nur Frauen die Reise nach Russland wagen und diese sehen dann in Russland allgegenwärtig Plakate mit Propaganda für den Einsatz an der Front, denn dieser sei extrem gut bezahlt und nur dann sei man ein echter Mann, wird verbreitet.
Auch den Frauen wird eine klare Rolle zugeschrieben: die Verbesserung der enorm niedrigen Geburtenrate: in Werbespots vermitteln süße Kinder die Botschaft, wie schön es wäre, wenn es wieder mehr von ihnen geben würde. Homosexuelle Menschen wiederum werden im Russland der Gegenwart verfolgt: sie stehen ständig mit mindestens einem Bein im Gefängnis, denn "Propaganda für nicht-traditionelle Partnerschaften" ist unter der aktuellen Regierung strafbar geworden. Zwei Frauen in einer lesbischen Beziehung trauen sich auf der Straße kaum einander zu umarmen, denn das ist gesellschaftlich nur Verwandten oder Heterosexuellen gestattet. Unglaublich, wie schnell sich eine Gesellschaft, die noch vor gar nicht so langer Zeit das lesbische Frauenduo t.A.T.u. zum Eurovision Songcontext schicken konnte, nun in eine extrem konservative und autoritäre Richtung entwickelt hat!
Bei der Lektüre lernt man also wie nebenbei sehr viel über die Atmosphäre und das Leben im Russland der Gegenwart, aber nicht nur darüber: insgesamt gibt es drei Erzählstränge: den von Lisa, den von Aljona und den von Taja. Während Lisas und Aljonas Perspektiven in der jetzigen Zeit spielen, nimmt Taja uns mit in das Leben als junge Frau in Russland in der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: als alte Verbindungen und Privilegien nichts mehr galten, die Wirtschaft erst einmal zusammenbrach, viele Menschen im Rahmen von Privatisierung und Pyramidenspielen alles verloren, eine kurze Zeit der Anarchie, aber auch der Möglichkeit zur starken Gesellschaftskritik herrschte, aber auch viel Gewalt verbreitet war. Im hohen Norden mit all seinen klimatischen Einschränkungen und geringen wirtschaftlichen Perspektiven war das Leben noch eine Spur härter als in vielen anderen Regionen.
Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, ist das der Mutterschaft in ihren vielen Facetten: nicht nur Lisa als junge Mutter und Teil eines heterosexuellen Paares, sondern auch unkonventionelle Familienstrukturen, lesbische Liebe, Leihmutterschaft, Samenspende, künstliche Befruchtung und vieles andere sind Teil der Erzählung und werden differenziert und facettenreich betrachtet. Dabei ist insgesamt eine sehr spannende und gut lesbare Geschichte entstanden, bei der man wie nebenbei sehr viel lernt, zum Nachdenken angeregt wird und gleichzeitig bestens unterhalten wird.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich habe es mit viel Freude und Interesse gelesen. Die Einblicke in das Leben in der russischen Polarregion waren sehr interessant für mich und wirkten auch authentisch geschildert, von einer Autorin, die selbst aus dieser Region stammt. Die momentanen Entwicklungen in Russland machen sehr nachdenklich und zeigen auf, wie wichtig es ist, für Freiheit und Vielfalt in unserer Gesellschaft in Mitteleuropa einzutreten, solange das noch möglich ist.
Insgesamt kann ich dieses wichtige und gut geschriebene Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen. Auch für mich wird es sicher nicht das letzte Buch dieser großartigen Autorin gewesen sein.