Profilbild von Eternal-Hope

Eternal-Hope

Lesejury Star
offline

Eternal-Hope ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Eternal-Hope über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2026

Viele neue Blicke aufs Liefern

Liefern
0

Insbesondere in den urbanen Ballungszentren rund um den Globus sind sie überall präsent: die Männer, manchmal auch Frauen, auf ihren Fahrzeugen, die sich durch den Verkehr schlängeln und versuchen, möglichst ...

Insbesondere in den urbanen Ballungszentren rund um den Globus sind sie überall präsent: die Männer, manchmal auch Frauen, auf ihren Fahrzeugen, die sich durch den Verkehr schlängeln und versuchen, möglichst schnell warme Speisen oder frische Lebensmittel zuzustellen. Denn eine schnelle Lieferung sorgt für zufriedene Kunden und gute Bewertungen, und außerdem kann man dann rasch den nächsten Auftrag annehmen, denn viel bekommen sie pro Lieferung ja kaum bezahlt. Es ist eine prekäre wirtschaftliche Existenz, oft sozial wenig abgesichert, dem Verkehr, der Wetterlage und den Gefahren der Großstadt ausgesetzt, und unter ständigem Druck zu arbeiten, in der Hoffnung auf eine gute Bewertung und ein bisschen Trinkgeld.

Der Autor Tomer Gardi hat für diesen Roman jahrelang recherchiert. Gelungen ist ihm ein vielfältiges Kaleidoskop der universalisierbaren Erfahrungen rund ums Liefern. In diesem Episoden- oder Kollektivroman lernen wir verschiedene Charaktere rund um den Globus kennen, deren Leben zum Teil lose miteinander verflochten sind. Da gibt es Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist, während seine Partnerin Daniat und die gemeinsame Tochter es nach Deutschland geschafft haben. Der versucht, über Videotelefonate die Verbindung und ein bisschen Intimität mit Daniat aufrechtzuerhalten und seine bald jugendliche Tochter noch nie live gesehen hat, seit er sich von seiner schwangeren Partnerin trennen musste, um das Land zu verlassen. Um in Israel als Lieferfahrer arbeiten zu können, muss er erst einmal beim Vermittler Shai, der kräftig mitkassiert, einen gefälschten Account dafür kaufen, denn die Wartezeiten, um regulär als Fahrer aufgenommen zu werden, sind bei den Lieferdiensten lang und unkalkulierbar.

In Delhi wartet eine Familie aus einer besser gestellten Sozialschicht auf die bestellten Burger, die nicht kommen, weil die Fahrerin Sachin - eine mutige Alleinerziehende, die von ihrem Mann verlassen wurde und sich auf diese Weise durchschlägt - einen Unfall hat, der wiederum das Leben von Nina aus Deutschland, die gerade im Rahmen ihres Studiums ein paar Wochen in Indien verbringt, dauerhaft verändern wird.

Die bisher erwähnten Personen sind nur ein paar der vielfältigen Charaktere und Perspektiven, die dieses Buch prägen. So tauchen wir beim Lesen immer wieder tief in das Leben einer Person ein, begleiten sie in ihrem rasanten Lieferalltag mit ein bisschen Privatleben drumherum und beginnen, mit ihr mitzufühlen, bis es dann auch schon um die nächste Region und eine neue Perspektive geht... doch insgesamt einen sie alle die Herausforderungen dieser Tätigkeit, die rund um den Globus oft von Menschen am Rande der Gesellschaft ausgeübt wird.

Das bunte Kaleidoskop an Perspektiven, das dabei entsteht, zeigt sehr gut die Universalität der Erfahrung prekärer Arbeit in diesem Bereich auf, genauso wie Klassenunterschiede, die oft von den Mächtigeren ausgenützt werden, und aber auch, was die Arbeit für manche "Rider" und insbesondere "Riderinnen" noch schwieriger oder gefährlicher macht als für andere: beispielsweise für solche ohne legalen Aufenthaltsstatus oder für Frauen, die noch einmal mehr den Gefahren gewalttätiger Übergriffe ausgesetzt sind, wie sich z.B. hier an Sachins Beispiel in Delhi zeigt:

"Alle Riders wussten, welches die gefährlichen Orte waren, und keiner wollte dorthin. Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache, eine Art Russisch Roulette. Technisch war es möglich, eine Lieferung abzulehnen, und ab und zu tat Sachin das auch, wenn sie die Gefahr manchmal nicht ertragen konnte oder wenn sie spürte, dass Vivaan an dem Tag besonders verletzlich war und sie ihn nicht in noch größere Ängste stürzen wollte. Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punktabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue." (S. 99)

Interessant ist, dass sich in der Mitte des Buches ein längeres Kapitel findet, das der Autor im Gegensatz zum Rest des Buches ursprünglich in seiner Muttersprache Hebräisch verfasst hat und das für dieses Buch übersetzt wurde: dieses spielt in Istanbul und es geht unter anderem um Haartransplantationen, aber auch hier findet sich natürlich wieder ein Bezug zu den Riders und zu prekären Arbeitsbedingungen im Allgemeinen.

Insgesamt ist ein großes Kunstwerk entstanden, in dem es gelingt, so vielfältige und dabei oft universalisierbare Erfahrungen rund ums Liefern zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzuweben. Es ist aber durchaus ein anspruchsvolles Buch, das auch aufgrund der vielen Charaktere und Ortswechsel einiges an Aufmerksamkeit beim Lesen braucht. Geendet hat es für mich etwas abrupt und offen, hier hätte ich mir eine stimmigere Zusammenführung einiger offener Stränge gewünscht, aber das war vielleicht gar nicht die Intention des Autors.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und auch einige Wochen nach der Lektüre schwingt es bei mir emotional nach und hat meinen Blick auf die "Riders" und deren Lebensrealitäten stark erweitert. Ich kann das Buch allen, die bereit sind, Zeit und Energie in ein interessantes, aber durchaus forderndes Werk zu investieren, um ihre Perspektive aufs Liefern zu verändern, jedenfalls empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.03.2026

Interessanter Ansatz zur Neubetrachtung der eigenen Work-Life-Balance

Work Life Remix.
0

Die Autoren, zwei Männer und eine Frau, kennen sich noch aus dem Studium und betreiben seit Jahren erfolgreich die New-Work-Agentur "Intraprenör" in Berlin, mit der sie Organisationen zu modernen Arbeitsmodellen ...

Die Autoren, zwei Männer und eine Frau, kennen sich noch aus dem Studium und betreiben seit Jahren erfolgreich die New-Work-Agentur "Intraprenör" in Berlin, mit der sie Organisationen zu modernen Arbeitsmodellen beraten. Nun haben sie, basierend auf ihrer Leidenschaft zur Musik, dieses unkonventionelle Arbeitsbuch zur Neubetrachtung der eigenen Work-Life-Balance herausgebracht.

Durch das ganze Buch ziehen sich konsequent Metaphern aus der Musik: so heißen die Kapitel etwa Sound, Break, Mischpult, Remix oder Synthesizer. Inhaltlich beginnt es zuerst mit einer Einführung in Konzepte der New Work und den Einfluss aktueller Zeittrends und der Pandemie-Zeit.

Nach dem ersten Drittel des Buches geht es mit "Mischpult" praktisch weiter und die Einladung zur Analyse der eigenen Work-Life-Balance beginnt. Die Dimensionen, anhand denen diese analysiert wird, heißen "Raum" (hier geht es um Arbeits- und Lebensorte, einen oder mehrere oder mobiles Arbeiten), "Takt" (etwa die Grade an Freiheit und Selbstbestimmung bei der Einteilung der Arbeit oder des Alltags), "Arrangement" (Routinen und Struktur), "Bass" (Verpflichtungen und Abläufe) und "Echo" (Sozialkontakte und Resonanzquellen).

Dazu gibt es jeweils Tabellen, um sich einzuordnen und der eigenen Arbeit und dem eigenen Leben eine Stufe zuzuordnen. Basierend darauf kann dann in späteren Kapiteln analysiert werden, wie die jeweiligen Stufen zueinander passen und ob und welche Veränderungen man im eigenen Leben, beruflich wie privat, gerne vornehmen würde.

Dafür finden sich weiter hinten im Buch noch viele praktische Übungen, die in ähnlicher Form auch aus anderen Coachingformaten bekannt sind, z.B. ein Work-Life-Journal oder der Song des Tages, sowie, nach Analysekategorie eingeteilt, Ideen für kleine Schritte zur Veränderung des beruflichen und privaten Alltags.

Es ist ein ungewöhnlicher und neuartiger Ansatz, Arbeit und Leben auf diese Art und Weise zu betrachten. Das hat mir einerseits gefallen, weil es dadurch Möglichkeiten für ganz neue Blickwinkel darauf öffnet.

Andererseits hat es mir aber auch beim Lesen einiges an Konzentration abgefordert, dass die Musikmetaphern so omnipräsent waren - vielleicht hat das aber auch mit mir als Leserin zu tun, die mit der Musikwelt sicher weniger vertraut ist als die Autoren. Ich finde, man merkt dem Buch auch ein bisschen an, dass die Autoren vermutlich meistens mit Gruppen in Organisationen arbeiten und weniger mit Einzelpersonen.

Bei vielen der Übungen hatte ich das Gefühl, dass ich diese zwar alleine machen könnte, mich aber vom Buch nicht so richtig dazu eingeladen fühle, und sie angeleitet in einer Gruppe stärker ihre Wirkung entfalten würden. Gefehlt hat mir auch ein bisschen der tiefere Blick abseits der Strukturen, z.B. auf die Werte, die einen im Leben anleiten.

Insgesamt ist es aber jedenfalls ein originelles und interessantes Buch, das ich jenen empfehlen kann, die einen unkonventionellen und gleichzeitig analytischen Zugang schätzen und für sich selbst oder für die berufliche Arbeit mit Gruppen neue Tools zur Analyse und Veränderung der eigenen Work-Life-Balance suchen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.03.2026

Sehr unterhaltsam und gleichzeitig wissenschaftlich fundiert

Resilienz – Zwischen Coach und Couch
0

Dieses unterhaltsame und gleichzeitig wissenschaftlich fundierte Sachbuch beginnt gleich mit einem persönlichen Bekenntnis des Autors: er möge keine Ratgeber. Denn diese würden einem immer nur das gleiche ...

Dieses unterhaltsame und gleichzeitig wissenschaftlich fundierte Sachbuch beginnt gleich mit einem persönlichen Bekenntnis des Autors: er möge keine Ratgeber. Denn diese würden einem immer nur das gleiche über ein gesundes Leben erzählen: Allgemeinplätze, die jeder kenne, aber an die sich dann doch kaum jemand halten würde. Und so ist es sein Bestreben, ein unterhaltsames Buch zu verfassen, in dem man gleichzeitig wissenschaftlich fundiert und praxisnah viel Neues über Resilienz erfährt. Es ist ihm gelungen!

Als Klinische Psychologin kenne ich so einiges an Literatur in diesem Bereich. Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, denn es ist die perfekte Mischung aus interessanter Lektüre, bei der auch Fachpersonen noch so einiges Neues lernen können, Praxisnähe und Zugänglichkeit.

Zum Einstieg geht der Autor darauf ein, welche psychischen Erkrankungen es überhaupt gibt, wie diese diagnostiziert und eingeteilt werden, aber auch, wie stark diese jeweils durch Genetik, Epigenetik und Umweltfaktoren beeinflusst werden. Es wird deutlich, wie verbreitet psychische Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung sind und dass die allermeisten Menschen irgendwann in ihrem Leben selbst oder in ihrem nahen Umfeld mit diesem Thema konfrontiert werden. Aber auch, dass selbst eine Neigung zu einer psychischen Krankheit nicht ausschließt, dennoch insgesamt in vielen Bereichen ein glückliches Leben führen zu können, hierzu stellt der Autor ein sehr interessantes mehrdimensionales Modell vor.

Im Hauptteil des Buches geht es schließlich um die Faktoren der Resilienz, beginnend mit dem Ansatz der Positiven Psychologie (einschließlich der Kritik daran) über resilienzstärkende individuelle Charakter- und Signaturstärken (z.B. Fairness, Liebe, Humor,... hier gibt es auch einen Link zu einem kostenlosen Selbsttest im Internet) bis zum Sinnerleben, etwa dadurch, nicht nur ein glückliches Leben leben zu wollen, sondern etwa auch das Ziel zu haben, etwas beizutragen oder viele unterschiedliche Erfahrungen zu machen, um Weisheit zu erlangen. Auch das Leib-Seele-Problem und moderne Ansichten dazu, Stichwort Neurobiologie der Resilienz, sind Thema. Das Buch schließt mit vielen praktischen Tipps zum Thema psychisch gesund bleiben bzw. psychisch gesünder werden ab.

Es ist ein bestärkendes und positives Buch, das dabei unterstützt, sich selbst besser kennen zu lernen und zu überlegen, welche Faktoren man in sich trägt oder entwickeln möchte, um ein individuell gutes und möglichst gesundes Leben zu haben - aber auch voll mit Anregungen, andere Menschen dabei zu unterstützen. Eines der Bücher, die ich gerne dauerhaft in meinem Bücherregal als Begleiter haben möchte, um immer wieder mal nachzuschlagen.

Ich kann das Buch allen interessierten Fachkräften aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie, Medizin und Pflege wärmstens empfehlen. Aber auch gebildete Laien können mit diesem zugänglichen und interessant geschriebenen Buch sicher viel anfangen. Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.03.2026

Vom schwierigen Ankommen im Exil

Immergrün
0

"Immergrün" ist das Romandebüt von Ruth Olshan. Die Familie der Mutter der Ich-Erzählerin hat versteckt jüdische Wurzeln. Vor mehreren Generationen sei man zum Katholizismus konvertiert, um sich zu schützen. ...

"Immergrün" ist das Romandebüt von Ruth Olshan. Die Familie der Mutter der Ich-Erzählerin hat versteckt jüdische Wurzeln. Vor mehreren Generationen sei man zum Katholizismus konvertiert, um sich zu schützen. Im sowjetischen Litauen der 70er Jahre praktiziert man auch sowieso keinen Glauben. Doch die jüdischen Wurzeln stellen sich als Ticket in den "Westen" dar, Vida, die Mutter, darf gemeinsam mit ihrem jüdischen Mann und der vor kurzem auf die Welt gekommenen Tochter Ruth nach Israel auswandern. Die in Litauen zurückgelassene Oma tauft den Säugling heimlich noch schnell bei einem katholischen Pfarrer, sicher ist sicher. Dann lässt die Familie alles hinter sich und zieht nach Israel.

Doch so richtig kommt insbesondere die Mutter dort nicht an, das Geld ist immer knapp, für Gesangsunterricht wird sie meist nur in Naturalien bezahlt und überhaupt ist das Leben ganz anders als in Litauen: "Für meine nordische Mutter bedeutete Israel einen immensen Kulturschock. Die hohen Temperaturen, die hitzigen Gemüter der Menschen, die karge Wüstenlandschaft machten ihr zu schaffen. Wie sollte sie hier als Sängerin einen Job finden? Offensichtlich hatte niemand auf sie gewartet. Offensichtlich hatten auch alle anderen Zugereisten Goldgräberstimmung, Bratpfannen und Träume im Gepäck." (S. 41)

Dann wird es der Familie zu viel mit der Geldknappheit, in der sengenden Hitze und dem ständigen latenten Kriegszustand in Israel: "Als in der Nähe unseres Wohnhauses ein Bus explodierte, entschlossen sich meine Eltern, erneut die Koffer zu packen, ihre Hoffnungen in den heißen Wind zu schießen und in das andere gelobte Land zu fahren: nach Deutschland." (S. 47)

Die Familie zieht nach Westberlin, das fühlt sich zumindest klimatisch als auch geografisch viel näher an Litauen an, auch wenn man noch lange nicht in die alte Heimat reisen wird können. Leicht wird es auch dort nicht werden, denn auch in Europa hat niemand auf eine leidenschaftliche Sängerin mit Hang zum Luxus gewartet. Das Arbeitsamt macht Druck, die Mutter zur Altenpflegerin umzuschulen, was sie zuerst als unter ihrer künstlerischen Würde sieht und vehement ablehnt. Auch die Ehe der Eltern leidet unter den Belastungen. An die jüdische Community Berlins findet die Familie kaum Anschluss, zu wenig ist man in dieser religiösen und kulturellen Tradition verwurzelt, zu sehr unterscheiden sich die sozialen Hintergründe.

Und so wird es schließlich weitgehend eine Geschichte des Aufwachsens im Exil unter Armut und Entbehrungen, in einer immer mehr verwahrlosenden Wohnung, bei streitenden und schließlich sich trennenden Eltern und dann bei einer psychisch kranken, oft wochenlang apathisch im Bett liegenden Mutter (inklusive Suizidversuch und Psychiatrieaufenthalt), während regelmäßig das Jugendamt vor der Tür steht und die 14-jährige Tochter allein beim Sozialamt vorstellig wird und um Geld bettelt, damit in der Wohnung der Strom wieder eingeschaltet werden kann.

Dazu ein zweiter Erzählstrang, später in der Zukunft, nach dem Fall der Sowjetunion, als die Mutter gestorben ist und Ruth ihre Asche in einer Urne, gemeinsam mit der von deren Mutter, die am gleichen Tag drei Jahre davor verstorben ist, auf einem litauischen Friedhof vergraben will und sich dafür auf eine Reise durchs postsowjetische Litauen begibt.

Es handelt sich hier um einen autofiktionalen Roman, der auf der wahren Familiengeschichte der Autorin beruht. Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es liest sich leicht und flüssig und es ist interessant, zu erfahren, mit welchen Herausforderungen die Familie in ihren beiden gewählten Exilen zu kämpfen hat. Speziell die Figur der kleinen Ruth, die mit all diesen Herausforderungen aufwachsen muss, aber auch die der künstlerisch so begabten, feinsinnigen Mutter, die einen enormen sozialen Abstieg hinnehmen und ertragen muss, haben mich sehr berührt.

Interessant waren auch die Ausflüge ins Litauen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wo die Ich-Erzählerin versucht, sich mit ihrem wenigen Litauisch zurechtzufinden, da zwar nach wie vor zumindest die älteren Menschen im Land Russisch, ihre Muttersprache, sprechen, aber nicht mehr unbedingt alle die Sprache der ehemaligen Besatzungsmacht verwenden wollen. Auch sonst haben diese Ausschnitte mich neugierig auf das Land gemacht.

Am Ende bleibt eine berührende Familiengeschichte und der Eindruck einer Mutter-Tochter-Beziehung, in der die Mutter ihrer Tochter zwar so einiges, was diese sich gewünscht hätte, leider nicht geben konnte, aber zumindest deren Kreativität gefördert hat: "Nie hatte sie mir vorgeschlagen, etwas "Vernünftiges" zu studieren. Überhaupt hatte sie sich selten um meine Ausbildung gekümmert, es sei denn, es ging ujm Kreativität. Mit der Musiklehrerin in der Grundschule und meiner Deutschlehrerin im Gymnasium tauschte sie sich aus. Tatsächlich haben diese beiden Lehrerinnen mich stark beeinflusst und immer unterstützt." (S. 217)

Diesen Weg ist die Autorin auch gegangen, heute arbeitet Ruth Olshan als erfolgreiche Regisseurin und Autorin in Deutschland. Hier hätte es mich interessiert, noch ein bisschen etwas darüber zu erfahren, wie die Ich-Erzählerin nach dieser herausfordernden Kindheit diesen Weg geschafft hat.

Insgesamt ist es ein lesenswertes Debüt, das ich insbesondere jenen, die sich für autofiktionale Romane und Memoirs interessieren, empfehlen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.02.2026

Großartiges, wertschätzendes, praxisbezogenes Buch mit vielen Übungen

Abnehmen durch Annehmen. Unbewusste Gefühle verstehen – körperlichen Ballast loswerden
1

Bücher über das Abnehmen gibt es viele am Markt. Was macht dieses Buch besonders? Angezogen hat mich schon einmal der Titel "Abnehmen durch Annehmen" und dass es dabei nicht um Diät, Zwang oder Verzicht ...

Bücher über das Abnehmen gibt es viele am Markt. Was macht dieses Buch besonders? Angezogen hat mich schon einmal der Titel "Abnehmen durch Annehmen" und dass es dabei nicht um Diät, Zwang oder Verzicht gehen würde. Denn wie viele Menschen mit Herausforderungen im Bereich Gewicht habe ich schon vieles ausprobiert und auch die Erfahrung gemacht, dass rigide Diätregime für einen nachhaltigen Erfolg oft kontraproduktiv sind. Umso mehr angesprochen hat mich der psychologische Ansatz, der in diesem Buch vertreten wird.

Zuerst wird ausführlich, aber in gut verständlicher Sprache, erklärt, warum Stress - auch jener, der oft mit Abnehmversuchen verbunden ist - beim Abnehmen kontraproduktiv ist und es eine körperlich und psychisch entspannte Haltung braucht, um dem Körper zu signalisieren, nicht in Lebensgefahr zu sein und alles einbunkern zu müssen. Darauf aufbauend geht es viel um die psychologischen Faktoren emotionalen Essens. Es gibt wertvolle Hinweise und Checklisten, um beispielsweise zu üben, emotionalen Appetit von echtem Hunger unterscheiden zu lernen, und Übungen, um zu verstehen, welche Funktionen das eigene Übergewicht erfüllt, z.B. Schutz oder Unterdrückung von Gefühlen.

Im letzten Drittel des Buches gibt es ein praxisorientiertes 10-Tage-Programm mit vielen Übungen, um die eigenen Glaubenssätze und Muster zum Thema Übergewicht zu entdecken, zu transformieren und in eine entspanntere Haltung zum Thema Essen zu kommen, die hoffentlich auch das Abnehmen erleichtern kann. In diesem Teil gibt es zum Beispiel eine Einladung, einen Brief an sich selbst zu schreiben zum Thema, wie man sich fühlen möchte, wenn man abgenommen hat, was man nicht mehr erleben möchte und wovon man gerne mehr hätte, Achtsamkeitsübungen zum bewussten Beobachten, was man wirklich will, wenn man den Impuls zu essen verspürt, Körperübungen mit dem Ziel einer liebevolleren Betrachtungsweise des eigenen Körpers und vieles mehr. Die Übungen sind gut erklärt, sodass Menschen mit Erfahrung in Persönlichkeitsentwicklung diese auch selbst ohne professionelle Unterstützung gut durchführen können.

Am Ende des Buches geht es dann noch um den Umgang mit Saboteuren und Rückschlägen.

Zurück zu dem Thema, was dieses Buch besonders macht: die enorm liebevolle und wertschätzende Haltung, mit denen der Autor den Leserinnen und Lesern begegnet und die für sich gesehen schon ein schönes Rollenmodell für einen positiveren Umgang mit sich selbst ist. Das Buch fühlt sich wie eine herzliche Einladung dafür an, Frieden mit sich selbst und dem eigenen Körper zu machen, auf dieser Basis in die Entspannung zu finden, emotionales Essen loslassen zu können und dadurch abzunehmen. Ich kann es allen, die nach einem wertschätzenden psychologischen Ansatz zum Thema Abnehmen suchen, sehr ans Herz legen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere