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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.12.2024

Sprachgewaltig und so wichtig

When Women were Dragons – Unterdrückt. Entfesselt. Wiedergeboren: Eine feurige, feministische Fabel für Fans von Die Unbändigen
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“[Y]ou did not raise me to be an angry woman, [...] I was never allowed to be angry, was I? [...] Until, at last, I learned to stop denying myself.” (3)

When Women Were Dragons von Kelly Barnhill ...

“[Y]ou did not raise me to be an angry woman, [...] I was never allowed to be angry, was I? [...] Until, at last, I learned to stop denying myself.” (3)

When Women Were Dragons von Kelly Barnhill hat mich absolut überwältigt. Selten habe ich so viele zitierwürdige Stellen in einem Buch markiert oder einfach nur "Yes!" an den Rand geschrieben, weil die Sätze der Autorin so wunderschön, so treffend, so relevant sind.

Darum geht's:
In den 1950ern kommt es in den USA zu einem Phänomen, das als “dragoning” bezeichnet wird: immer mehr Frauen verwandeln sich scheinbar ohne ersichtlichen Grund in Drachen, verlassen ihre Familien und nutzen die neu gewonnenen Fähigkeiten, um Gebäude oder auch Ehemänner in Brand zu setzen. Die Geschehnisse werden von der Gesellschaft zunächst geleugnet und später öffentlich verurteilt.

Viel mehr kann ich dazu gar nicht schreiben, ohne wichtige Elemente der Geschichte zu verraten. Nur so viel: es ist ein Buch über das kreative Potenzial von Frauen, die sich gegen den patriarchalen Mythos auflehnen, aufgrund ihrer weiblichen Körper minderwertig zu sein. Es ist ein Buch, das zeigt, welche produktive Kraft entfesselt werden kann, wenn wir unserer Freude und unserer Wut freien Lauf lassen können, ohne dabei in Kategorien wie “zu kindlich” oder “nicht ladylike” gesteckt zu werden. Es ist auch ein Buch, das ganz klar deutlich macht, dass Feminismus eben nicht bedeutet, Verhalten, das mit traditionellen Geschlechterrollen assoziiert wird, aus Prinzip zu verurteilen - vielmehr geht es darum, eine echte Wahl zu haben und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und nicht zuletzt ist es ein Buch über Mutterschaft, Freundschaft und den Zusammenhalt unter Frauen, und das daraus resultierende schöpferische Potenzial.

Was mir neben der Geschichte besonders gefallen hat, war die lyrische, malerische Sprache, bei der jedes Wort mit Bedacht gewählt wurde. Ich hoffe sehr, dass das bei der deutschen Übersetzung nicht zu sehr verloren geht. Allen, die gerne auf Englisch lesen, empfehle ich das Original, aber auch die deutsche Ausgabe ist lesenswert.

Und damit diese Rezension eine runde Sache wird, lasse ich euch zum Schluss eine Frage da, die sich wunderbar auf den Anfang bezieht und die wir uns viel öfter stellen sollten: “Who benefits, my dear, when you force yourself to not feel angry?” (208)



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Veröffentlicht am 01.12.2024

Unheimlich präzise Beobachtung innerfamiliärer Strukturen

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
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Anna Brüggemanns Wenn Nachts die Kampfhunde Spazieren Gehen ist laut Cover ein „Roman über Mütter und Töchter“. Und das trifft es eigentlich schon richtig gut, denn alles, das passiert, lässt ...

Anna Brüggemanns Wenn Nachts die Kampfhunde Spazieren Gehen ist laut Cover ein „Roman über Mütter und Töchter“. Und das trifft es eigentlich schon richtig gut, denn alles, das passiert, lässt sich in irgendeiner Form auf die Beziehung zur Mutter oder aber auch zwischen den Schwestern zurückführen.
Den Roman zu besprechen fällt mir nicht ganz leicht, denn ich finde, dass das, was man beim Lesen empfindet, sehr viel Intimes preis gibt. Je nachdem, wie man die eigene Beziehung zur Mutter und vielleicht auch zu Schwestern erlebt hat, wird man ganz unterschiedlich auf das Buch reagieren. Und ob ich jetzt unbedingt meine familienbezogenen Traumata offenlegen möchte, weiß ich auch nicht… 😊
Ganz unabhängig davon lässt sich aber sagen, dass der Autorin ein wirklich guter Roman gelungen ist. Keine der drei Protagonistinnen bleibt verschont von einer knallharten Analyse ihrer Schwachstellen und Probleme, und während sich die Töchter mal mehr, mal weniger reflektiert mit ihren Traumata auseinandersetzen, so bleibt die Mutter bis zum Schluss auf einer sehr oberflächlichen Ebene und scheint sich gar nicht zu trauen, sich ihre Psyche mal genauer anzusehen – das macht sie nur bei Fremden, denn sie ist Psychologin.
Mich hat beeindruckt, wie genau Anna Brüggemann das komplexe Zusammenspiel der drei Empfindlichkeiten seziert und offenlegt und dabei ständig den Finger in der Wunde hat, ohne einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Und dennoch gelingt es ihr, zu zeigen, dass wir zwar anerkennen können, dass äußere Faktoren an unseren psychischen Problemen Schuld haben können, wir aber selbst Verantwortung übernehmen müssen, um uns und zukünftige Generationen von der Last des transgenerationalen Traumas zu befreien.
Der Roman bildet meiner Meinung nach gut ab, wie Traumabewältigung und generell Selbstreflektion und die Beschäftigung mit der eigenen psychischen Gesundheit in den unterschiedlichen Generationen stattfinden. Von den Boomern (Regina) über die Millenials (Wanda und Antonia) bis hin zu Gen Z (Celina) wird die Kommunikation immer ein Stück ehrlicher, offener, selbstreflektierter und dadurch letztendlich weniger schädlich. (Versteckte) Misogynie und Machtspiele nehmen ab, während Authentizität und Lebensfreude zunehmen.
Ich könnte noch sehr viel mehr dazu schreiben und tiefer in die Analyse der einzelnen Figuren gehen (besonders spannend finde ich zum Beispiel die Frage der Identitätskonstruktion und -aufrechterhaltung: Während Regina jedwede Kritik von sich abperlen lässt, konstruiert Wanda eine möglichst ideale aber komplett unauthentische Persönlichkeit und Antonia scheint auf alles Identitätsstiftende zu verzichten). Aber dann würde ich vermutlich schon zu viel vom Inhalt verraten müssen und das möchte ich natürlich nicht.

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Ich bin ein bisschen unentschlossen

The Games Gods Play – Schattenverführt
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Bei The Games Gods Play von Abigail Owen bin ich ziemlich hin und her gerissen. Ich denke schon länger darüber nach, wie gut ich es denn nun fand, und komme zu keinem endgültigen Schluss, weil ...

Bei The Games Gods Play von Abigail Owen bin ich ziemlich hin und her gerissen. Ich denke schon länger darüber nach, wie gut ich es denn nun fand, und komme zu keinem endgültigen Schluss, weil es für mich bei verschiedenen Faktoren sehr unterschiedlich punktet.
Gut gefallen hat mir der griechische Götter- und Sagenstoff, und dass hier auch (zumindest ab und an) Figuren aufgetaucht sind, die man nicht so gut kennt. Die verschiedenen Götter haben entsprechend ihrer “überlieferten” Charaktere gehandelt und sind im Großen und Ganzen diesen Eigenschaften treu geblieben. Leider blieb dies etwas oberflächlich, aber das kann man bei der Fülle an Figuren natürlich auch nicht anders erwarten.
Darüber hinaus wurde die Handlung meist ziemlich zügig vorangetrieben, was ich hier gut fand. Es war actionreich, aber dennoch so, dass man noch gut hinterherkam.
Neben den teils flachen Charakteren hat mich am meisten gestört, dass ich die Liebesgeschichte einfach nicht glaubwürdig fand. Sorry, aber was fand Lyra an Hades?? Er ist emotional fragwürdig und definitiv manipulativ.
Dass einige Plotelemente wie durch Zauberhand aufgelöst wurden lass ich mal durchgehen, es geht hier immerhin um Götter und da ist so ein deus ex machina-Moment durchaus mal ok.
Ihr seht, sowohl auf der pro als auch auf der contra Seite ist hier einiges zu finden. Wenn man berücksichtigt, dass die Zielgruppe wohl eher ältere Teens oder junge Erwachsene sind, fallen plotbezogene Schwächen vielleicht etwas weniger ins Gewicht. Allerdings fände ich es gerade bei einem jüngeren Zielpublikum wichtig, nicht schon wieder so eine “Alpha Male Red Flag” Figur als Love Interest zu haben.
Als Fazit also vielleicht: unterhaltsam aber nicht unproblematisch.

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Ungeschönt und ehrlich

Strong Female Character
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Strong Female Character von Fern Brady ist ein autobiografischer Bericht über das Leben als spätdiagnostizierte Autistin. Die Autorin bezeichnet sich widerwillig als “offen autistisch”, womit ...

Strong Female Character von Fern Brady ist ein autobiografischer Bericht über das Leben als spätdiagnostizierte Autistin. Die Autorin bezeichnet sich widerwillig als “offen autistisch”, womit sie meint, dass sie aus ihrer Diagnose kein Geheimnis macht und offen darüber spricht. Sie kritisiert, dass dieser Begriff suggeriert, dass Autismus in irgendeiner Weise schambehaftet sein sollte und man nur hinter vorgehaltener Hand darüber reden sollte (etwas, das im katholischen Schottland für einige Dinge zu gelten scheint…). Um die Lebensrealität autistischer Frauen sichtbar zu machen und das damit einhergehende Stigma zu bekämpfen, hat sie dieses Buch geschrieben. Authentisch und schonungslos erzählt Brady von Hintergründen, Symptomen und Herausforderungen autistischer Menschen und schildert dabei vor allem die Hilflosigkeit, die sie gefühlt hat, bevor sie die Diagnose, und damit endlich eine Erklärung, erhalten hat.

Auch wenn ich das Thema Neurodivergenz, und vor allem auch den Gender-Diagnose-Gap, schon länger verfolge, habe ich hier viel Neues gelernt und war mal wieder überrascht, wie wenig doch über die Bandbreite der Manifestation bestimmter Aspekte von Autismus bekannt ist - auch bei sogenannten Fachleuten.

Bücher wie dieses sind so wichtig, denn natürlich können wir uns zu vielen Themen Fachwissen anlesen (sofern es überhaupt verfügbar ist), aber es sind die Worte derer, die tagtäglich mit den Symptomen, dem Unverständnis ihrer Umgebung, und den Selbstzweifeln leben müssen, die uns begreifbar machen können, was das Leben als neurodivergente Person ganz konkret bedeutet. Und genau das gelingt Brady hier ausgezeichnet, denn auch wenn sie durchaus humorvoll schreibt, zweifelt man nicht daran, wie tiefgreifend die Auswirkungen des Autismus sind und wie sehr sie ihr Leben bestimmen. Die Art, wie sie schreibt, ist dabei sehr unverkrampft und zugänglich, was sicher die Hemmschwelle, sich mit dem Thema zu beschäftigen, niedrig hält und für viel Empathie sorgt. An dieser Stelle auch ein großes Lob an die Übersetzung von Doreen Reeck

Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung, egal wie detailliert ihr euch bisher mit dem Bereich der Neurodivergenz auseinandergesetzt habt, denn es bietet für jeden Kenntnisstand einen Mehrwert!

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Wunderbar wertvolles Sachbuch für Kinder

Wenn wir ins Gras beißen - Das Buch vom Tod für große und kleine Menschen
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Wenn wir ins Gras beißen... von Eric Wrede und Emily Claire Völker ist eines der besten Sachbücher für Kinder, das ich bisher gelesen habe. Als erstes beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie Informationen ...

Wenn wir ins Gras beißen... von Eric Wrede und Emily Claire Völker ist eines der besten Sachbücher für Kinder, das ich bisher gelesen habe. Als erstes beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie Informationen zwar kindgerecht, aber dennoch ehrlich vermittelt werden, und Kindern dabei zugetraut wird, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden - auch bei einem so schwierigen Thema wie dem Tod. Dabei wird ganz viel erklärt, eingeordnet und mit der Erfahrungswelt der Kinder verknüpft. Manch einer mag es vielleicht unangemessen finden, dass in einem Kinderbuch über verwesende Körper oder ähnliches gesprochen wird, aber ich finde genau das gut. Denn durch eine informationsbasierte Erklärung nimmt man den Vorgängen das Unheimliche und stellt sie als natürliche Prozesse da. Meiner Meinung nach ist das ein ganz zentraler Aspekt, um Kindern ein wenig von ihrer Angst zu nehmen.
Daneben gefallen mir die Illustrationen unheimlich gut. Nicht nur, dass sie ästhetisch ansprechend sind, sondern vor allem, dass hier wirklich divers gedacht wurde und ganze viele unterschiedliche Menschen repräsentiert sind. Verschiedene religiöse Hintergründe, unterschiedliche Hautfarben, individuelle (Kleidungs-)Stile und auch Krankheiten oder Behinderungen werden hier unkommentiert als Ausdruck einer diversen, inklusiven Gesellschaft gezeigt. Bei diesem Buch wirkt das sehr authentisch und nicht erzwungen, toll gemacht!
Insgesamt ein ganz wunderbares Buch, das sicher dabei helfen kann, mit Kindern unverkrampft über dieses sensible Thema zu sprechen.

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