Back to the 2000er
Jonah Goes Off ScriptJonah hat gerade einen Preis gewonnen und spielt eine Hauptrolle in "The wooden horse", einem Theaterstück (oder Musical) über Troja. Als Konkurrent Dexter eine Rolle im selben Stück bekommt, befürchtet ...
Jonah hat gerade einen Preis gewonnen und spielt eine Hauptrolle in "The wooden horse", einem Theaterstück (oder Musical) über Troja. Als Konkurrent Dexter eine Rolle im selben Stück bekommt, befürchtet Jonah um seinen Status. Außerdem leidet Jonahs Mutter unter der Alzheimer-Erkrankung des Vaters, was zusätzliche Problem verursacht.
Wie hat mir das Buch gefallen?
Erstmal: Diesmal finde ich den Titel, obwohl englisch, sehr einprägsam. Das Cover ist schön, ich guck das gerne an. Aber für die stellenweise düstere Thematik ist es etwas zu fröhlich.
Mein größtes Problem sind die Figuren. Ich habe lange kein Buch gelesen, bei dem ich eine Hauptfigur wirklich unsympatisch fand. Bei Dexter habe ich aber ständig Red Flags gesehen. Auch wenn das am Ende grob mit seiner Vergangenheit erklärt wird und Dexter sich entschuldigt, habe ich ein schlechtes Gefühl gehabt. Dexter ärgert Jonah ständig, übt Kritik an seinem Schauspiel, gibt ihm die Schuld, wenn dieser sich schlecht fühlt. Und Jonah ist eine Person, die sich, so habe ich das empfunden, gern unterordnet. Er beneidet viele Leute um deren Aussehen, hat ständig Angst, nicht gut genug zu sein. Er lässt sich aber gern von Dexter leiten und beschützen. Am Ende macht auch Jonah eine Entwicklung durch. Aber ich fand die Dynamik der beiden nicht so gut.
Ich fühlte mich stellenweise zurückversetzt in die 2000er, als latent-toxistische Beziehungen im Bereich Boys Love romantisiert wurden.
Dazu kommt, dass die harmonischen Momente der beiden eher spärlich gesäht sind. Der Wechsel von Abneigung zum Freundschaft wird mit zwei Sätzen erklärt und wirklich unterstützen tun sie sich nicht. Dafür wirken die Neckereien eher verkrampft. Die Liebensszenen sind da, aber sie wirkten auf mich nicht stimmig.
Gut geworden ist das Kollektiv: Die Figuren am Theater, überwiegend queer, sind plastisch gestaltet und Jonah hat eine wirkliche Verbindung zu ihnen. Die Beziehung zu BFF Bash hätte etwas mehr sein können, aber ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Jede Figur hat ihre Eigenheiten, auch ihre eigene Sprache, ein paar Antipatie-Träger:innen gibt es auch. Und zwei Bösewichte, von denen einer für die Handlung nicht wichtig war, aber für die Erklärung der Figuren.
Einen großen Teil nimmt die Geschichte um Jonahs Vater ein. Dieser lebt zu Beginn bei der Mutter, 6 Stunden entfernt von London. Das Buch zeigt in einigen Momenten die Erkrankung, aber vor allem die Folgen für die Mutter. Ich fand das realistisch, mehr hätte gern sein können. Das Thema schafft einen gute Ausgleich zur Liebesgeschichte, hat sogar mehr Raum eingenommen als diese. Und es macht Jonah sympatisch. Der Kreis wird am Ende des Buches gut geschlossen, die Rolle des Vaters noch einmal aufgegriffen. Die Autorin arbeitet hier mit Musik als Anker, das war wirklich gut.
Das Thema Theater konnte mich nur halb abholen, was vor allem daran liegt, dass ich das fiktive Stück nicht kannte und mit der Vorlage nicht vertraut bin. Menschen, die sich mit der Sage um Troja beschäftigt haben, werden sicher mehr Spaß haben. Ich fand die Zitate am Anfang der Kapitel gut gewählt und mochte, dass das Buch am Ende dem eher "klassischen" Musical eine erneuerte Variante mit Publikum gegenüber stellt. Auch davon hätte ich gern mehr gesehen. Vom Theater-Umfeld selbst sieht man wenig. All die Gewerke werden nicht sichtbar, und trotz vieler Beschreibungen fehlte mir der Theater-Geist. Meistens sieht man die Figuren am Bühnenausgang Autogramme schreiben. Letztlich ist es aber eine Geschmacksfrage.
Die Dramaturgie ist ok. Obwohl das Buch 313 Seiten hat, passiert relativ wenig. Die Rivalität der beiden ist nicht so spritzig, weil die Figuren nicht gleichwertig sind. Dazu kommen zwei Ex-Freunde, die es für's Drama und den Hintergrund braucht, die aber rückblickend nicht notwendig gewesen wären. Denn ihre Handlungsstränge sind erstaunlich kurz.
Sehr schleppend machen das Buch auch die langen Beschreibungen von Personen und der Umgebung - es gibt Leute, die das mögen, ich mochte es nicht so. Außerdem gibt es einige Bandwurmsätze, bei denen ich den Überblick verloren habe. Die Übersetzung von Emilia Stemmler fand ich nicht immer gut. Über deutsch-englische Konstruktionen wie "Seid ihr ok damit, diese zu beantworten?" (29 %) oder "needy" (bedürftig) kann man streiten. Aber "Das Glitzerspry, mit dem sie sich übergossen hatte" (30 %), "Sein Gesagtes klang plötzlich viel zusammenhängender" (34 %) oder "jetzt können wir es mindestens sieben Werktage lang nicht adressieren" (71 %) war etwas holprig.
Was mir im Buch aufgefallen ist, dass sich die Figuren häufig betrinken. An einer Stelle wird das kritisch hinterfragt, aber es gibt einige Situationen, in denen Alkohol nicht notwendig gewesen wäre.
Die Liebesszenen sind nicht so explizit; warm, aber nicht heiß. Es fällt aber auf, dass die Figuren meistens mündlich aktiv werden. Dazu passt, dass die Autorin im Nachwort erwähnt, dass sie Panik vor Liebesszene gehabt hat. Aus meiner Sicht wären sie nicht nötig gewesen, aber für Leute, die keine detailreichen Beschreibungen haben wollen, ist das Buch gut.
Fazit
"Jonah goes off script" besticht mit dem Theater-Thema und hat mit dem Vater eine gute Nebenhandlung. Mit der Liebesgeschicht hatte ich aber Probleme. Daher für mich eher Flop.