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Veröffentlicht am 15.08.2018

Migration im 21. Jahrhundert

Ein unvergänglicher Sommer
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Anhand des Klappentexts und des Covers könnte man bei "Ein unvergänglicher Sommer" eine eher kitschige Geschichte erwarten. Aber das täuscht - genauso wie übrigens auch der Titel. Ich habe Isabel Allendes ...

Anhand des Klappentexts und des Covers könnte man bei "Ein unvergänglicher Sommer" eine eher kitschige Geschichte erwarten. Aber das täuscht - genauso wie übrigens auch der Titel. Ich habe Isabel Allendes neuestes Buch nicht als Liebesgeschichte gelesen, sondern als eine Geschichte über Migration. Jeder der drei Protagonisten hat hierbei seinen ganz eigenen Hintergrund. Im Blizzard des Januar 2015 treffen sie zusammen. Neben der Geschichte um die Leiche im Kofferraum wird nach und nach die Vergangenheit aller drei erzählt. Natürlich ist auch eine Liebesgeschichte enthalten, die aber überhaupt nicht kitschig ist und eher ein Nebenschauplatz ist.

Richard aus New York, Lucía aus Chile und Evelyn aus Guateamala werden durch einen Zufall zusammen geführt. Trotz aller Unterschiede bilden die eine Zweckgemeinschaft, um eine Leiche zu beseitigen. Die Geschichte rund um die Leiche mutet tragikomisch bis überzeichnet an, was in meinen Augen nicht gut zum Rest des Buches passt.
In Rückblicken erfahren wir immer mehr über die drei Protagonisten, die bisher alle ein Leben voller tragischer Umstände hinter sich haben. Wiederkehrendes Motiv ist die Migration, die jeden bereits durch mehrere amerikanische Länder geführt hat - vielleicht wäre "getrieben" das richtige Wort, denn wirklich richtig ankommen können alle drei bisher nirgendwo. Diese ganz unterschiedlichen Geschichten machten für mich den Reiz des Buches aus, zeigen sie doch, wie unterschiedlich Flucht und Migration verlaufen kann. Leider geht es nicht richtig in die Tiefe - viele Aspekte werden eher gestreift als genau analysiert - anders wäre es wohl bei drei Lebensgeschichten und diesem Seitenumfang nicht möglich. Hierdurch ist es dennoch ein sehr aktuelles Buch zu einem internationalen Thema, in dem die Autorin die menschliche Seite hinter einer oft polemisch geführten Debatte zeigt.

Mein Highlight waren die drei Lebensgeschichten - die Handlung in der Gegenwart fand ich im Vergleich etwas schwach. Trotzdem sehr lesenswert.

Veröffentlicht am 14.08.2018

Ziemlich wundervoll

Meine wundervolle Buchhandlung
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Petra Hartlieb beschreibt unterhaltsam bis launig, wie sie 2004 eine kleine Buchhandlung in Wien kauft und wie die ersten Jahre im Geschäft gelaufen sind. Die Autorin ist zwar schon vorher (mehr oder weniger) ...

Petra Hartlieb beschreibt unterhaltsam bis launig, wie sie 2004 eine kleine Buchhandlung in Wien kauft und wie die ersten Jahre im Geschäft gelaufen sind. Die Autorin ist zwar schon vorher (mehr oder weniger) in der Buchbranche tätig gewesen, verfügt aber über keine Ausbildung oder praktische Erfahrung im (Buch-)Handel. Dafür läuft es dann erstaunlich gut ... eigentlich schon unfassbar gut: das Geschäft brummt - entgegen allen Unkenrufen und Branchentrends. Petra Hartlieb selbst führt das auf enormes eigenes Engagement und eine gute Portion Glück zurück. Vermutlich hat sie damit auch recht, trotzdem war ich manchmal doch sehr erstaunt - es wirkte auf mich irgendwie zu einfach, evtl verkürzt.
Dabei beschreibt sie den Alltag und die Sorgen realistisch und ehrlich. Viele Teilaspekte kommen anekdotenhaft zur Sprache: die ungewohnte Rolle als Chefin, finanzielle Sorgen, Überstunden, Konkurrenz aus dem Internet, aber auch eine enorme Hilfsbereitschaft von Freunden, Bekannten und Unbekannten. Insgesamt ist es eine - für mich nicht immer ganz realistische - allzu heile Welt, die hier beschrieben wird ... wirkliche Probleme oder Negatives gibt es selten und wenn dann werden sie recht einfach überwunden. Das kann man als positives Denken bezeichnen und gut finden (möchte ich niemandem nehmen), aber auf mich wirkte das häufig etwas zu sehr von sich selbst überzeugt. Ich konnte die in meinem Hinterkopf schwelende Frage, ob ich Frau Hartlieb gerne als Chefin hätte, nicht abschließend beantworten.
Kleine Fragen blieben: 300 Umzugskartons wurden mühsam im Treppenhaus untergebracht - von Möbeln ist aber keine Rede. Und in Österreich kann man jemanden zum Buchhändler ausbilden ohne selbst eine Ausbildung im Fach oder zumindest langjährige Erfahrung zu haben?

Trotz allem: nett und unterhaltsam geschrieben.

Veröffentlicht am 13.08.2018

Kurze, komplexe Geschichte

Zwischen zwei Scheiben Glück
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Die Konstellation Sohn - Vater - Großvater ist interessant. Die kindliche Sicht auf den Nationalsozialismus ist gut beschrieben. Beides ist nicht wirklich neu, aber doch gut umgesetzt.
Die Auflösung ist ...

Die Konstellation Sohn - Vater - Großvater ist interessant. Die kindliche Sicht auf den Nationalsozialismus ist gut beschrieben. Beides ist nicht wirklich neu, aber doch gut umgesetzt.
Die Auflösung ist am Ende sehr sehr kurz. Vom Leser wird hier Interpretation gefordert. Ein bisschen hat mich gestört, dass das Schicksal des Vaters nur in Gerüchten wiedergegeben wurde.

Gerade durch die Kürze und das komplexe Ende, regt das Büchlein Jugendliche und Erwachsene zum Nachdenken an.

Veröffentlicht am 10.08.2018

Polen lässt sich mögen

Viva Polonia
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Steffen Möller lebt seit 1994 in Polen und hat sein erstmals 2008 erschienenes Buch "Viva Polonia" nun überarbeitet und neu herausgegeben.

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiographie und Beobachtung. ...

Steffen Möller lebt seit 1994 in Polen und hat sein erstmals 2008 erschienenes Buch "Viva Polonia" nun überarbeitet und neu herausgegeben.

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiographie und Beobachtung. Steffen Möller schreibt von seinem Leben in und mit den Polen. Dabei sagt er selbst, dass seine Charakterisierung Polens subjektiv ist - es ist nun mal auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein unterhaltendes Sachbuch, das aber dennoch Gehalt hat. Ich finde es ein interessantes Buch, das sowohl Polen-Kenner als auch Neulinge mit Gewinn lesen können.

Geschrieben ist das ganze sehr kurzweilig, intelligent und sympathisch.

Veröffentlicht am 04.08.2018

Als Willy Brandt Bundeskanzler war ...

Raumpatrouille
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Die großzügig gesetzten Geschichten (172 Seiten) von Matthias Brandts Debüt lesen sich flüssig und schnell. Der Autor beschreibt episodenhaft seine Kindheit in den 1970'ern in Bonn, wobei die Geschichten ...

Die großzügig gesetzten Geschichten (172 Seiten) von Matthias Brandts Debüt lesen sich flüssig und schnell. Der Autor beschreibt episodenhaft seine Kindheit in den 1970'ern in Bonn, wobei die Geschichten zeitlich nicht allzu stark verortet ist. Wäre das Buch auch interessant, wenn der Autor nicht der Sohn von Willy Brandt wäre? Ohne den Vater/Bundeskanzler, der über allem schwebt - meist ohne tatsächlich anwesend zu sein - wären das wohl eher belanglose Geschichten einer Kindheit. So fand ich aber das ungewohnte Umfeld mit anderen Politikern, Personenschützern etc. gepaart mit ganz alltäglichen Situationen durchaus interessant.