High Fantasy x Slow Burn
Der Hof der silbernen NachtNoch neunhundertelf erfolgreiche Aufträge trennen Niva Liorell von ihrem Ziel – der Freiheit für ihre Schwester. Bis Borwin ihr ein Angebot macht, das gefährlich, potenziell tödlich und zum Scheitern verurteilt ...
Noch neunhundertelf erfolgreiche Aufträge trennen Niva Liorell von ihrem Ziel – der Freiheit für ihre Schwester. Bis Borwin ihr ein Angebot macht, das gefährlich, potenziell tödlich und zum Scheitern verurteilt ist, dem sich die Lichtwandlerin jedoch nicht entziehen kann. Immerhin könnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Riennes Ketten sprengen und sich an ihrem Feind, dem König von Emberfall, rächen. Der Mann, der den Schwestern die Eltern, ihre Kindheit und eine selbstbestimmte Zukunft genommen hat.
Was sie dafür tun muss? Sich in den Silberhof einschleusen, das Vertrauen des allseits gefürchteten Dunkelelfen gewinnen, ihm Informationen entlocken und ihm ein mysteriöses Artefakt direkt vor der Nase wegschnappen. Ein Klacks … nicht. Denn obgleich Niva ein enormes, seltenes Talent dafür hat, ihre Gestalt mit ihrer Magie zu wandeln und in fremde Rollen zu schlüpfen, sie allerhand Zauber und Pulver kennt, die ihre Täuschungen perfektionieren, und sie für die einen oder anderen Tücken, die eine Anstellung am Hofe von Elarun mit sich bringt, einen Plan hat, ist sie noch immer eine Sonnenelfe, ein Wesen, das seine Kraft aus dem Licht zieht. Und in Valerian Kaelvanes Reich herrscht die Dunkelheit, regieren die Schatten, die viel zu oft Augen und Ohren besitzen …
Gemeinsam mit dem Seheräffchen Gimo, mit dem Gedanken an ihre Schwester und dem Wunsch nach Vergeltung macht sich Niva auf nach Emberfall – wird zu Milena Rosenthau – und ahnt nicht, dass sie in wenigen Wochen alles, was sie zu wissen glaubte, woran sie jahrelang festgehalten hat, loslassen muss. Dass Hass und Vorurteile von ihr abfallen werden, wie im Schlaf die sorgsam gewirkten Illusionen. Denn schon bald wird die Lichtmagierin mehr als nur ihr Leben riskieren – für den König des dunklen Landes, den Kriegstreiber, den Mörder …
„Verliere dich nie in deiner Rolle.“
„Der Hof der silbernen Nacht“ ist der Auftakt einer High-Fantasy-Dilogie, der mich von Anfang bis Ende mitgerissen hat. K. T. Steen schaffte es, mich mit ihrer mutigen und selbstlosen, nicht unfehl-, dafür nahbaren Protagonistin, der im Hintergrund entstehenden, jedoch zumindest in diesem Band nicht dominierenden Romance sowie dem komplexen Worldbuilding an die Seiten zu fesseln.
Gemeinsam mit Niva tauchen wir in die Düsternis der Dunkelelfen ein, erschmeicheln uns einen Platz als Schriftführerin am Silberhof, werden mit Fragen und Ungereimtheiten konfrontiert, mit tragischen Schicksalen und Offenbarungen, die sich mit derselben niederschmetternden Präzision in der Illusionistin festkrallen wie Zuneigung, Mitgefühl und Wärme. Denn je länger Niva im Silberschloss weilt, je stärker sie ein Teil der fragilen Schattengemeinschaft wird, je näher sie dem gnadenlosen Herrscher kommt und je mehr Fragmente – fehlende Teile – sie findet, umso angekommener fühlt sie sich.
Sie, eine Lichtelfe. Eine Lügnerin. Der Feind, den Valerian so unbedingt enttarnen will. Dabei darf Niva zu keiner Zeit vergessen, wer sie ist, darf ihr Ziel – für Rienne – nicht aus den Augen verlieren … wenn es sie auch ihr Herz und ihr Leben kosten könnte.
Mimt Valerian Kaelvane auch bemüht den harten Bad-Boy, lässt sich im voranschreitenden Verlauf erkennen, dass hinter der gleichgültigen, selbstsicheren und nahezu arroganten Fassade Schmerz steckt, Schuld. Vorsicht. Denn schon einmal war es Vertrauen, das ihm und seinen Getreuen zum Verhängnis wurde. Ein Fehler, der ihn seitdem aussaugt, ihm täglich in Erinnerung ruft, sich niemals wieder verletzlich zu machen …
Die Autorin erzählt in einem mitreißenden Ton, klar, vorstellbar, gespickt mit Gefühl und Witz. Kreierte eine einnehmende, wankelmütige Atmosphäre, die über das ganze Szenario eine Schwere legt, eine pulsierende Gefahr und Argwohn. Begleitet werden diese Eindrücke von Nivas Angst, enttarnt zu werden, der Möglichkeit, zu scheitern, und der Konsequenzen, die Versagen bedeuten würde. Da sich die Dynamik zwischen ‘Milena Rosenthau’ und ihrem neuen Chef nur langsam wandelt, sind die kleinen Veränderungen in der Haltung von Vale und seiner Schriftführerin, ihr zaghaftes öffnen, greifbar. Slow-Burn at the best.
Abgesehen von der wunderbaren Charakterzeichnung konnte mich vor allem das merklich durchdachte, detailliert dargelegte und interessante Worldbuilding begeistern – wir treffen auf verschiedene Wesen und Magie, besuchen einen Teil von Mirilor, spüren die Wunder uralter Artefakte, reisen durch Schatten und sehen, wie Illusionen lebendig werden. Steen lässt die Erklärungen zu einzelnen Gegebenheiten wie auch relevante Hintergründe und Politik stimmig in ihre Story einfließen, spart nicht an Humor und Aufregung, nicht an Spannung und Action, nicht an Geheimnissen und prickelnder Tension. Von puren Emotionen und Tragik bis hin zu Leid und Schuld, von den diversen Arten der Liebe zu Freundschaft bis hin zu Hass und Verrat – in diesem Buch wartet so viel, das es zu entdecken, in dem es sich zu verlieren gilt.
Zudem wird die Handlung von einigen Nebenfiguren bereichert – abgesehen von Taren und Gimo, die mir beide sehr ans Herz wuchsen, sind da Evelyne Caelius, Rienne und Aurélie. Auch andere, deren Rolle lange ungewiss ist, deren Ziele verborgen liegen, mischen mit und animieren dazu, aufmerksam zu bleiben. Denn wem kann man wirklich trauen, wenn es um Macht geht?
Die letzten Kapitel strotzen vor Überraschungen und Wendungen, vor Verlusten und Ausweglosigkeit, vor Hilfe aus ungeahnter Richtung und weiteren, alles infrage stellenden Erkenntnissen, während sich Niva Liorell in noch mehr, in neue Risiken stürzt und wir gespannt auf das Finale der Schattenlicht-Saga sein können.