Der Hunger nach Liebe, Sex, Macht, Aufmerksamkeit
Die LiebeshungrigenDie Protagonist:innen von Karine Tuils neuem Roman sind nicht nur hungrig nach Liebe, also vor allem „geliebt zu werden“, sondern auch nach Sex, die Macht, die damit einhergeht, Anerkennung, Erfolg, öffentliche ...
Die Protagonist:innen von Karine Tuils neuem Roman sind nicht nur hungrig nach Liebe, also vor allem „geliebt zu werden“, sondern auch nach Sex, die Macht, die damit einhergeht, Anerkennung, Erfolg, öffentliche Aufmerksamkeit. Dafür versammelt sie nicht nur die zwei Ehepartner, einen Anfang 60jährigen Ex-Präsidenten von Frankreich und seine Frau eine Schauspielerin Anfang 40, sondern auch die Ex-Frau des Präsidenten, welche als Schriftstellerin tätig ist, sowie einige Nebenfiguren wie einen tyrannischen Regisseur Mitte 40, eine naiv-kämpferische Tochter in ihren Zwanzigern und eine Anfang 30jährige C-Schauspielerin. Alle streben nach etwas in dieser Geschichte und man könnte meinen die Überschrift für diese erstrebenswerten Dinge sei „Liebe“, in ihren verschiedensten Ausprägungen.
Nicht ohne Grund werden oben zu den Figuren der Altersbereich genannt, denn Alter spielt in „Die Liebeshungrigen“ eine wichtige Rolle, weil in einigen Altersbereich es einfacher scheint, geliebt zu werden, für was auch immer. Eine hübsche, junge Frau wirkt einfach (im Sinne von problemlos) begehrenswert, auch ein älterer Mann, solange er Macht inne hat. Wird die Frau älter und weniger straff, wird sie in unserer heutigen Gesellschaft weniger begehrt werden. Verliert der ältere Mann seine Macht, ergeht es ihm ebenso. So taumeln die Figuren in Tuils Roman nicht nur umeinander, sondern auch alle auf ihre Weise um das Ziel der Liebe, wie diese auch für die jeweilige Person aussehen mag.
Tuil schafft es durch eine multiperspektivische Erzählstruktur, dass innerhalb einer Gruppe von Menschen, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen und entweder teilweise oder ganz in höheren Gesellschaftsschichten agieren, die Bedürfnisse und Zwänge - innere wie äußere - sehr glaubhaft darzustellen. Keine Figur bleibt dabei schablonenhaft. Selbst der tyrannische Regisseur, für den man direkt ein Bild im Kopf hat, ist tiefgründiger angelegt, als erwartet.
Hier hungert jede und jeder nach irgendetwas und wie sich dies von innen begründet sowie von außen sichtbar wird, schlüsselt Tuil mal intensiver mal als Schlaglicht auf. Dabei ist ein Hauptthema der Alkoholismus des Ex-Präsidenten neben sexistischer und sexualisierter Gewalt sowohl in der Welt des Films als auch im Privaten. Jede Figur erfährt auf ähnliche Arten Ablehnung und reagiert auf ihre ganz eigene Art darauf. So heißt es im Roman: „Der Schauspielberuf hat mit dem politischen Amt gemein, dass man mit Ablehnung zurechtkommen muss. [...] Die Sehnsüchte der anderen zu verkörpern, zu verführen, die ganze Zeit, ohne sich des Ergebnisses sicher zu sein - Gefallenwollen ist eine Kunst für sich.“
Wir blicken in „Die Liebeshungrigen“ hinter die Kulissen der Macht in verschiedenen Bereichen. Das ist hoch interessant und äußerst lesenswert. Auch habe ich sehr viel erfahren über gewisse Mechanismen und Vorgänge in den Bereichen Politik und Filmbranche. Ich habe das Buch eingesogen und hatte währenddessen und danach viel Diskussionsbedarf. Genau das kann und sollte ein sehr guter Roman erreichen.
4,5/5 Sterne