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Veröffentlicht am 27.04.2026

Der Hunger nach Liebe, Sex, Macht, Aufmerksamkeit

Die Liebeshungrigen
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Die Protagonist:innen von Karine Tuils neuem Roman sind nicht nur hungrig nach Liebe, also vor allem „geliebt zu werden“, sondern auch nach Sex, die Macht, die damit einhergeht, Anerkennung, Erfolg, öffentliche ...

Die Protagonist:innen von Karine Tuils neuem Roman sind nicht nur hungrig nach Liebe, also vor allem „geliebt zu werden“, sondern auch nach Sex, die Macht, die damit einhergeht, Anerkennung, Erfolg, öffentliche Aufmerksamkeit. Dafür versammelt sie nicht nur die zwei Ehepartner, einen Anfang 60jährigen Ex-Präsidenten von Frankreich und seine Frau eine Schauspielerin Anfang 40, sondern auch die Ex-Frau des Präsidenten, welche als Schriftstellerin tätig ist, sowie einige Nebenfiguren wie einen tyrannischen Regisseur Mitte 40, eine naiv-kämpferische Tochter in ihren Zwanzigern und eine Anfang 30jährige C-Schauspielerin. Alle streben nach etwas in dieser Geschichte und man könnte meinen die Überschrift für diese erstrebenswerten Dinge sei „Liebe“, in ihren verschiedensten Ausprägungen.

Nicht ohne Grund werden oben zu den Figuren der Altersbereich genannt, denn Alter spielt in „Die Liebeshungrigen“ eine wichtige Rolle, weil in einigen Altersbereich es einfacher scheint, geliebt zu werden, für was auch immer. Eine hübsche, junge Frau wirkt einfach (im Sinne von problemlos) begehrenswert, auch ein älterer Mann, solange er Macht inne hat. Wird die Frau älter und weniger straff, wird sie in unserer heutigen Gesellschaft weniger begehrt werden. Verliert der ältere Mann seine Macht, ergeht es ihm ebenso. So taumeln die Figuren in Tuils Roman nicht nur umeinander, sondern auch alle auf ihre Weise um das Ziel der Liebe, wie diese auch für die jeweilige Person aussehen mag.

Tuil schafft es durch eine multiperspektivische Erzählstruktur, dass innerhalb einer Gruppe von Menschen, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen und entweder teilweise oder ganz in höheren Gesellschaftsschichten agieren, die Bedürfnisse und Zwänge - innere wie äußere - sehr glaubhaft darzustellen. Keine Figur bleibt dabei schablonenhaft. Selbst der tyrannische Regisseur, für den man direkt ein Bild im Kopf hat, ist tiefgründiger angelegt, als erwartet.

Hier hungert jede und jeder nach irgendetwas und wie sich dies von innen begründet sowie von außen sichtbar wird, schlüsselt Tuil mal intensiver mal als Schlaglicht auf. Dabei ist ein Hauptthema der Alkoholismus des Ex-Präsidenten neben sexistischer und sexualisierter Gewalt sowohl in der Welt des Films als auch im Privaten. Jede Figur erfährt auf ähnliche Arten Ablehnung und reagiert auf ihre ganz eigene Art darauf. So heißt es im Roman: „Der Schauspielberuf hat mit dem politischen Amt gemein, dass man mit Ablehnung zurechtkommen muss. [...] Die Sehnsüchte der anderen zu verkörpern, zu verführen, die ganze Zeit, ohne sich des Ergebnisses sicher zu sein - Gefallenwollen ist eine Kunst für sich.“

Wir blicken in „Die Liebeshungrigen“ hinter die Kulissen der Macht in verschiedenen Bereichen. Das ist hoch interessant und äußerst lesenswert. Auch habe ich sehr viel erfahren über gewisse Mechanismen und Vorgänge in den Bereichen Politik und Filmbranche. Ich habe das Buch eingesogen und hatte währenddessen und danach viel Diskussionsbedarf. Genau das kann und sollte ein sehr guter Roman erreichen.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Kinahanglan manumdom = Wir müssen uns erinnern

Überreste
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Für alle, die es schon wieder vergessen oder nie gewusst haben: Im November 2013 zog der Super-Taifun Haiyan über die zentrale Inselgruppe der Philippinen mit einer Spitzgengeschwindigkeit von 315 km/h. ...

Für alle, die es schon wieder vergessen oder nie gewusst haben: Im November 2013 zog der Super-Taifun Haiyan über die zentrale Inselgruppe der Philippinen mit einer Spitzgengeschwindigkeit von 315 km/h. Noch einmal: 315 km/h! Es kamen über 7000 Menschen ums Leben, betroffen war vor allem die Stadt Tacloban. Nachdem man das Buch „Überreste“ von Daryll Delgado gelesen hat, fragt man sich, wie überhaupt jemand diesen tropischen Wirbelsturm hat überleben können. Schnell sind die kurzen Meldungen in unseren Nachrichten wieder vergessen, wenn von den Folgen der Klimakrise im globalen Süden berichtet wird. Solange nicht viele Touristen aus dem globalen Norden sterben, wie beim Tsumani 2004, bleibt es meist bei einer kurzen Meldung. Was so eine Umweltkatastrophe allerdings ganz konkret für die vor Ort lebenden Menschen bedeutet, dem geht Delgado, selbst in Tacloban geboren und aufgewachsen, in ihrem Debütroman nach.

Wir begleiten Ann, die in Tacloban aufwuchs, zurück in ihren Geburtsort, wenige Tage nachdem Haiyan diesen fast restlos zerstörte, um ihr nicht nur bei ihrer Arbeit für eine NGO über die Schulter zu schauen, sondern auch in ihre eigene Psyche hinein, denn Tacloban birgt für sie ganz persönliche Familiengeheimnisse, denen sie in diesem Zuge auf den Grund gehen will. Nur drei Tage hat sie finanziert bekommen, danach muss sie wieder abreisen. In diesen drei Tagen macht sie sich auf, Aussagen von Betroffenen zu sammeln, Orte, die sie von ihrer Kindheit kennt, aufzusuchen und das Ausmaß der Zerstörung zu begreifen.

Delgado rückt nicht nur die Geschichten der Betroffenen direkt nach der Umweltkatastrophe auf den Philippinen ins Zentrum ihres Romans, sondern auch die jüngere politische Historie der Philippinen an und für sich. Da die Eltern ihrer Protagonistin Ann in den 1970er/80er Jahren noch während der Diktatur Ferdinand Marcos‘ scheinbar eng mit dem Präsidentenpaar verbandelt war´, sich dann die Mutter jedoch plötzlich aus der Familie zurückzog, beschäftigt Ann ihre Familiengeschichte mit all ihren Geheimnissen bis heute.

Um dies besser verstehen zu können, hat der Verlag einen kurzen geschichtlichen Abriss zu den Philippinen im Anhang des Buches abgedruckt. Dieser Abriss ist unglaublich wertvoll, um die Hintergründe von Anns Familiengeschichte besser zu verstehen als auch um sich selbst weiterzubilden bezüglich dieses 7500 Inseln umfassenden Staates. Ebenso hilfreich sind die zahlreichen Anmerkungen hauptsächlich zu Besonderheiten der Sprache der um Tacloban ansässigen Waray-Bevölkerungsgruppe, da im Text viele Ausdrücke in der Waray-Sprache eingebaut sind. Außerdem enthält der Roman authentische Interviewmitschriften von vom Taifun Betroffenen, die allerdings direkt ins Deutsche übersetzt wurden, im Originalroman wohl aber sowohl in Waray als auch Englisch abgedruckt wurden.

Insgesamt muss ich sagen, dass dieser Roman inhaltlich von hohem Wert ist, um sich der Folgen des Klimawandels und den damit verbundenen Katastrophen, die sich direkt auf viele Menschen und besonders auf die Bevölkerung der Philippinen auswirken bewusst zu werden. Ich habe unglaublich viel gelernt im Rahmen dieser Lektüre.

Allerdings hatte ich meine Probleme mit dem ein oder anderen zusätzlich eingebauten Themengebiet, welche zum Plot des Romans gehörten. So erschien mir die Suche von Ann nach einer Verwandten eines Freundes der Familie sowie nach einer „Bestie“, welche in Tacloban ihr Unwesen treiben soll und mit diesem Freund zusammenhängt zu schwammig. Ich nehme an, hier soll die Bestie metaphorisch für Geheimnisse der Vergangenheit stehen, bekommt dann aber ein sehr physisches Auftreten. Für mich waren die Beweggründe von Ann nicht richtig greifbar. Zusätzlich taucht immer wieder im Zwiegespräch Ann Schwester Alice auf, die in den USA Psychologie studiert hat. Diese psychologisiert ständig an ihrer Schwester herum, was wahrscheinlich die Art der Autorin ist, um die psychologischen Folgen eines Traumas zu verdeutlichen. Auch war mir von Anfang an nicht so richtig klar, was eigentlich die Aufgabe der NGO ist, von der Ann entsandt wurde, und auch was eigentlich konkret Anns Aufgabe ist. Sie soll wohl eine Mappe zusammenstellen, die die Resilienz, die „Erholung“ von Menschen nach einem solchen Ereignis darstellt. Dafür bekommt sie nur drei Tage Zeit. Also sammelt sie Aussagen von Überlebenden, dies aber so kurz nach dem Ereignis selbst. Aber so richtig etwas darunter vorstellen, konnte ich mir bis zum Ende nicht. Auch erlebt Ann in den drei Tagen so viel, trifft so viele Menschen, dass es zumindest so wirkt, als ob das gar nicht schaffbar ist in dieser kurzen Zeit. Eindeutig noch nebulöser empfand ich jedoch die Geschichte um die Bestie und den Familienfreund. Leider konnten mich diese erzählerischen Entscheidungen nicht überzeugen und letztlich auch nicht gut mitnehmen, sodass ich gerade ab der zweiten Hälfte des Romans eher damit zu kämpfen hatte. So fragt ein alter Kindheitsfreund von Ann und ihr Begleiter durch das zerstörte Tacloban genau das, was ich mich als Leserin ebenso fragte und spricht mir aus der Seele: „Ann, ano gud, worum geht es hier eigentlich? Wozu die ganzen Fragen?“

Es handelt sich hier um einen thematisch wichtigen Roman, mit dem ich erzählerisch allerdings meine Probleme hatte. Trotzdem würde ich zu einer Lektüre raten, gerade auch aufgrund der ganz besonderen Gesamtzusammenstellung durch den Verlag und die sehr gute Übersetzungsleistung von Gabriele Haefs. Hier geht es um echte Menschen und ihre Schicksale, welche durch den Taifun maßgeblich geprägt wurden. Denn wie es Delgado im Roman benennt, gab „es um uns herum nur Finsternis […], Chaos, Tod und Verwüstung.“ Allein schon für all diese Toten und Überlebenden einer schrecklichen, letztlich menschengemachten bzw. zumindest menschenverstärkten Naturkatastrophe, die ein kollektives Trauma induziert hat, ist es wichtig, dass wir uns erinnern. Kinahanglan manumdom.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Große deutsche Literatur!

In Zeiten des abnehmenden Lichts
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Eugen Ruge erzählt (bekanntermaßen) in diesem Familienroman die Geschichte seiner eigenen Familie, fiktionalisiert und dabei unglaublich authentisch. Sehr klug verwebt Ruge dabei die in verschiedenen Jahren ...

Eugen Ruge erzählt (bekanntermaßen) in diesem Familienroman die Geschichte seiner eigenen Familie, fiktionalisiert und dabei unglaublich authentisch. Sehr klug verwebt Ruge dabei die in verschiedenen Jahren zwischen 1952 und 2001 spielenden Kapitel, welche - nicht immer aber häufig - aus jeweils einer anderen Figurenperspektive einer der handelnden Familienmitglieder erzählt werden. Dabei kommen wir häufiger zurück auf den 01. Oktober 1989 und gerade diese Kapitel sind die - von sowieso allen eindrucksvollen Kapiteln - die herausragendsten. Denn hier bekommt der Leser einen Einblick in verschiedene Facetten ein und derselben Szenerie. Ansichten zum weiteren Schicksal der DDR werden genauso beleuchtet wie persönliche Schicksale und Befindlichkeiten. Personen, die zunächst wenig Sympathie evozierten, bekommen eine unglaubliche Tiefe und werden in ihren Handlungen authentisch nachvollziehbar.

Mir gefällt an diesem Roman, dass er nicht den medialen "DDR-Einheitsbrei" der vergangenen 20 Jahre widerspiegelt, sondern durch den familiären Hintergrund eine große psychologische Tiefe erhält. Es werden Themen behandelt, die nicht schon bis über die Erträglichkeitsgrenze hinaus ausgeschlachtet wurden und man macht sich beim Lesen weniger bekannte Themen der Historie bewusst.

Insgesamt ist dies - durch seine Form aber auch den Inhalt - ein sehr abwechslungsreicher, kluger, kurzweiliger (!) und auch spannender Familienroman, welcher es schafft über 50 Jahre Geschichte hinweg, das Interesse Lesers zu wecken. So gibt es schlussendlich eine dringende Leseempfehlung meinerseits für diesen großen - und zu Recht mit dem Deutschen Literaturpreis ausgezeichneten - deutschen Familienroman.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Spannende Hard Science Fiction

Ich bin viele
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In Dennis E. Taylors Auftakt für eine ganze Romanreihe dreht sich alles um Bob... Klingt erstmal plump, ist es aber gar nicht unbedingt. Bob wirkt wie ein Alter-Ego des Autors und kommt Anfang 30jährig ...

In Dennis E. Taylors Auftakt für eine ganze Romanreihe dreht sich alles um Bob... Klingt erstmal plump, ist es aber gar nicht unbedingt. Bob wirkt wie ein Alter-Ego des Autors und kommt Anfang 30jährig auf einer SF-Convention durch einen Autounfall ums Leben. Glücklicherweise hat er kurz vorher einen Vertrag bei einer Kryonik-Firma unterschrieben, sodass er mehr als 100 Jahre später wieder "aufgetaut" werden und als eine Art "Künstliche Intelligenz mit Nerd-Persönlichkeit(en)" und mehrfach kopiert (dadurch auch unfreiwilligerweise mit verschiedenen Charakterzügen versehen) nun den Weltraum unsicher machen kann, um für die unvernünftigen Erdenbewohner neuen Wohnraum zu finden. Übrigens eine vollkommen falsche Überschrift des Klappentextes lautet: "Ein einzelner Mann steuert eine Raumschiffflotte"... Für diesen Blödsinn sollte es gleich einen Stern Abzug geben. Egal, für Bob wird DER Traum für jeden SF-Fan wahr.

So erzählt Taylor seine mit größeren zeitlichen Sprüngen von mehreren Jahren gestaltete Geschichte auch: nämlich für Fans geschrieben. Überall strotzt es nur so vor Anspielungen auf verschiedenste mediale Auswüchse der Science Fiction. Das könnte man jetzt ganz kitschigen Fanservice nennen. Ist es auch, aber es macht Spaß! Der Plot bleibt stets über die 450 Seiten hinweg knackig und kurzweilig sowie abwechslungsreich. Die technischen Aspekte sind dabei nachvollziehbar und auch interessant zu lesen.

Rundum ein gelungener Auftakt zu einer neuen SF-Romanreihe, der Lust auf mehr macht, wobei ich noch nicht abschätzen kann, ab welchem Band der Fanservice dann doch zu sehr auf die Nerven gehen wird ;)

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Ausschnitt eines (potentiell) interessanten Autorinnenlebens

Ein Engel an meiner Tafel
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In der vorliegenden Autobiografie schreibt Janet Frame, neuseeländische Autorin (1924 bis 2004), über eine Zeit in ihrem Leben zwischen den Lebensjahren 20 und 35. Hauptsächlich geht es um ihre "Schizophrenie" ...

In der vorliegenden Autobiografie schreibt Janet Frame, neuseeländische Autorin (1924 bis 2004), über eine Zeit in ihrem Leben zwischen den Lebensjahren 20 und 35. Hauptsächlich geht es um ihre "Schizophrenie" sowie ihre Anfänge als Autorin.

Wer also eine vollständige Autobiografie erwartet, wird hier leider enttäuscht. Über die Kinderheit erfährt der Leser nur andeutungsweise ein paar wenige Einzelheiten, die früher Zwanziger werden sehr verworren geschildert, erst zum Ende hin bekommt das Buch eine Struktur. Sprachlich zeigt sich die Autorin durchaus poetisch, ihr Faible für Lyrik scheint durch. Inhaltlich war für mich vor allem der Aspekt der falsch diagnostizierten Schizophrenie und die darauffolgenden Klinikaufenthalte interessant. Und zwar nicht im Sinne der bereits zuhauf existierenden Psychiatrie-Horrorgeschichten von vor mehreren Jahrzehnten, sondern vielmehr weil die Autorin ehrlich zugibt, die Diagnose aktive genutzt zu haben und nicht vorhandene schizophrenietypische Symptome simuliert zu haben, um Aufmerksamkeit zunächst von Ärzten und später von Mitgliedern der Literaturbranche zu bekommen. Leider betont sie, abgesehen von dieser Offenbarung, ihre Opferrolle im Psychiatriesystem.

Schade, dass nicht ein größerer Zeitraum dieses interessanten Autorinnenlebens abgedeckt wird mit dem Buch. Hier muss man leider seine Neugier bei Wikipedia stillen.

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