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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.12.2024

Von Brutalität und Hass hin zu Feingefühl und Liebe

Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte
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Kann ein Sohn, der seine Mutter abgrundtief hasst, diese in ihrer schwersten Zeit begleiten? Die Autorin setzt sich in ihrem recht kurzen Roman mit einem großen Thema auseinander. Das Verhältnis zwischen ...

Kann ein Sohn, der seine Mutter abgrundtief hasst, diese in ihrer schwersten Zeit begleiten? Die Autorin setzt sich in ihrem recht kurzen Roman mit einem großen Thema auseinander. Das Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem Sohn in äußerst präkeren Lebensumständen, mit einer belastenden Verganenheit und einer angedeuteten Zukunft.

Die Familie von Aleksy, ein 17jähriger, verhaltensgestörter Junge, stammt aus Polen und lebt mittlerweile in London. Seine von ihm gehasste Mutter überredet ihn zu einem mehrmonatigen Sommerurlaub in einem Dorf in Frankreich. Dort wird die zerrüttete Beziehung zwischen den beiden nun durch die finale Erkrankung der Mutter noch mehr auf die Probe gestellt.

Zunächst brutal und später immer feinfühliger erzählt die Autorin aus Sicht von Aleksy die Geschehnisse dieses Sommers nach. Immer wieder bekommen die Leser*innen einen Ausblick in die Zukunft Aleksys, wodurch ein zusätzlicher Spannungsbogen aufgebaut wird. Die größte Stärke dieses Romans stellt die Intensität und Authentizität, mit der sich die Autorin in den Kopf eines frustrierten, aggressiven, psychisch kranken und doch nicht ganz verlorenen Jugendlichen hineindenkt, dar. Dieses Buch nimmt nicht an Fahrt auf mit Fortschreiten der Lektüre. Nein, es startet unglaublich kraftvoll und wird dann immer ruhiger. Ein wirklich berührender, unkonventioneller Roman. Allein die besonders zu Beginn übermäßig stark genutzte bildhafte Sprache störte mich ein wenig. Ansonsten handelt es sich hierbei um einen definitiv lesenwerten Roman.

Veröffentlicht am 25.12.2024

"Was ist mit Bob?" - in Island und keine Komödie

Der Anhalter
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Wer den Film "Was ist mit Bob?" kennt, kennt die Ausgangssituation dieses Romans, jedoch in der lustigen Variante. Ein niederländischer Vater, der den Kontakt zu seiner Familie verloren hat, will mit einem ...

Wer den Film "Was ist mit Bob?" kennt, kennt die Ausgangssituation dieses Romans, jedoch in der lustigen Variante. Ein niederländischer Vater, der den Kontakt zu seiner Familie verloren hat, will mit einem außergewöhnlichen Urlaub auf Island sein Familienleben retten. Dieser Vater, Tiddo, ist zunächst Sympathieträger, da er ja ein heheres Anliegen hat. Zur Mischung hinzu kommt nun ein merkwürdiger Anhalter, den die Familie zum einen so schnell nicht mehr loswird und den zum anderen die Frau und der Sohn plötzlich viel liebenswerter finden, als den Ehemann und Vater. Alles läuft also schief.

Der Unterschied zum genannten Film ist jedoch nicht nur der Ernst der Situation sondern auch die psychologische Tiefe des Romans. Hier wird in den Gedankengängen des Ich-Erzählers Tiddo das langsame Zerfallen einer Familie durch Schicksalsschläge und Auseinanderleben dargelegt, das Unvermögen eines Mannes, seine Gefühle adäquat zu äußern und sein Abdriften in psychisch absonderliche Welten. Bald stellt sich die Frage, wer hier eigentlich der Störenfried ist.

Die Thematik des Romans ist nicht neu, jedoch die Szenerie, in die dieses Kammerspiel gebettet wird, fasziniert mich hier doch sehr. Die Landschaft Islands wird zum Katalysator für die Beziehungs- und Gefühlswelten der Protagonisten. Die Naturbeschreibungen sind intensiv und bildhaft. So wird dann der zunehmend nervige Hauptcharakter zur Nebensache.

Insgesamt ein guter bis sehr guter psychothrillerhafte Roman in der Einöde Islands.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Wichtiges Thema, zu unterfordernd umgesetzt. 2,5*

Halbmond über Heinde
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Sarina Hayat beschäftigt sich in ihrem Jugendroman mit dem Krieg in Syrien, der Flucht von dort und das Ankommen in einem fremden Deutschland aus Sicht einer 15- bzw. später 17-Jährigen Protagonistin. ...

Sarina Hayat beschäftigt sich in ihrem Jugendroman mit dem Krieg in Syrien, der Flucht von dort und das Ankommen in einem fremden Deutschland aus Sicht einer 15- bzw. später 17-Jährigen Protagonistin. Diese kommt als Waise in die niedersächsische Provinz und lernt sich dort in ein neues Leben zu integrieren.

Dieses 117 Seiten Büchlein nimmt sich viel vor. Neben der Skizzierung des oben genannten Konflikts geht es außerdem um viele andere angerissene Themengebiete, wie Fremdenfeindlichkeit, intramuslimische Konflikte im Irak, Freundschaften finden, erste Liebe, Traumatisierung, Gutbürgertum usw. usf.. Das ist ganz schön heftig für ein einziges Buch. Fast zwingend können in diesem begrenzten Umfang die angesprochenen Themen gar nicht tiefgründig behandelt werden. Sie werden (fast) kindgerecht vorgekaut, zusammengefasst, pointiert und mit moralisch einwandfreien Lösungen versehen. Das funktioniert sicherlich als gute Schullektüre, als Stichwortgeber für weitere geleitete Diskussionen. Als selbstständige Lektüre fehlt mir hier eine bessere Einbettung, eine ausgearbeitetere Geschichte. So wirkt der Roman eher wie ein Entfwurf für einen "ausgewachsenen" Roman. Viele Jugendbücher mit ernsten Themen sind durchaus auch für Erwachsene geeignet. Dies ist hier weniger der Fall. Da darf auch den Jugendlichen mehr Vertrauen bezüglich ihrer Aufnahmefähigkeit geschenkt werden.

Insgesamt handelt es sich um einen gut konstruierten, jedoch noch nicht ausgereiften Roman, der etwas mehr Emotionalität, Tiefe sowie Mut zu ungelösten Problemen gut zu Gesicht gestanden hätte. Dass sich an dieses (leider immer noch) aktuelle Thema in Form einer Umsetzung für Jugendliche herangewagt wurde, verdient definitiv Respekt. Ich vermute hier eine Zielgruppe von um die 13-Jährigen, weniger dem Alter der Protagonistin entsprechend Jährigen, welche ja im Hauptteil schon 17 Jahre alt ist. Ältere Jugendliche wären vermutlich ein wenig unterfordert.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Akute Krankheitserfahrung gut geschildert

Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon
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Martin Simons reiht sich ein in die Liste von Autoren, die eigene autobiografische Krankheitserlebnisse in Romanform packen und veröffentlichen. Hier zu nennen sind zum Beispiel David Wagner mit "Leben", ...

Martin Simons reiht sich ein in die Liste von Autoren, die eigene autobiografische Krankheitserlebnisse in Romanform packen und veröffentlichen. Hier zu nennen sind zum Beispiel David Wagner mit "Leben", Kathrin Schmidt "Du stirbst nicht" oder Anika Decker "Wir von der anderen Seite". Der Plot ähnelt sich: Eine akute Erkrankung bzw. Verschlechterung des Gesundheitszustandes tritt durch Leberversagen/Hirnblutung/Trombose ein und der Weg zur Genesung mit Rückblicken auf das eigene Leben wird geschildert.

Bei Simons ist es die Hirnblutung, die ihn kurz vor Weihnachten erwischt und auf die Stroke Unit befördert. In recht kurzen Kapiteln und auch insgesamt einem recht kurzen Roman beschreibt er seine Empfindung in diesem Zeitraum der Rekonvaleszenz. Dies macht er literarisch auf hohem Niveau. Mitreißen konnten mich das Buch und die Gedankengänge des Autors leider nicht so stark wie bei Schmidt oder Decker. Sind es die eher unsympathischen egozentrischen Einstellungen des Autors, die ihn und seine Geschichte weniger empathisch machen? Obwohl ich es für einen Pluspunkt halte, dass er ehrlich mit seiner Person umgeht.

Insgesamt ein gut bis sehr gutes Leseerlebnis, welches bei mir jedoch keine tiefergründigere Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod anregen konnte.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Ein wahrlich farbenreicher, wenn auch nicht farbenfroher Roman.

Das Leben ist ein Fest
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Die französische Autorin Claire Berest schafft in ihrem Roman sehr eindringlich, die überbordende und auch unheimlich verletzende Liebe zwischen der Malerin Frida Kahlo und dem "größten mexikanischen Maler" ...

Die französische Autorin Claire Berest schafft in ihrem Roman sehr eindringlich, die überbordende und auch unheimlich verletzende Liebe zwischen der Malerin Frida Kahlo und dem "größten mexikanischen Maler" Diego Rivera darzustellen. Hier geht es um nicht weniger als Liebe, Hass, Zärtlichkeit und Verletzungen, Schmerzen - seelischer wie auch körperlicher Art und allem dazwischen.

Mit einer vollmundigen Sprache passt sich die Autorin scheinbar auch stilistisch der Art von Frida Kahlo an. Hier gibt es keine Grautöne, sondern viele Farbnuancen des Lebens. Wobei mir da der französische Originaltitel "Rien n'est noir." (Nichts ist schwarz.) passender erscheint, als der deutsche "Das Leben ist ein Fest". Hier ist nichts ausschließlich schwarz, auch weil jede Kapitelüberschrift einer Farbnuance zugeordnet ist und damit den Inhalt des jeweiligen Kapitels vorausscheinen lässt. Hier orientiert sich die Autorin an das "Gemalte Tagebuch" von Kahlo selbst. Auch nutzt sie viele Zitate aus erhaltenen Briefwechseln von Kahlo und Rivera. Das ist sehr gut recherchiert und lässt den Text unglaublich lebendig werden. Man hat das Gefühl mit Frida im Bett zu liegen und zu leiden oder zu lieben (je nachdem). In den Anmerkungen am Ende des Buches wir darauf hingewiesen, dass die Zitate kursiv gedruckt sind. Das ist eindeutig. Was weniger eindeutig ist, ist der erste Teil des somit kryptisch werdenden Kommentars: "Bei den kursiv gesetzten Stellen handelt es sich um kleine Anspielungen der Autorin oder um fremdsprachige Ausdrücke oder um Zitate von Frida Kahlo und Diego Rivera." Ist nicht immer ein gesamter fiktionaler/fiktionalisierter Roman eine Anspielung der Autor*innen? Was soll das denn heißen? Nun gut, selbst wenn ich dies diskret überlese, kann ich explizit eine andere genutzte Wortwahl leider nicht überlesen: Im Buch tauche immer wieder die Wörter "Indianerin", "indianisch" etc. auf. Das kann man machen in einem aktuell verfassten Roman, aber meines Erachtens unter den Bedingungen, dass es sich entweder um belegte Zitate von historischen Figuren handelt, aus dem Kontext hervorgeht, dass dieses Wort gezielt genutzt wird, um eine gesellschaftliche Einordnung im Rahmen der damaligen Zeit zu geben oder durch eine Anmerkung im Nachwort einsortiert wird. Indianer ist die im Deutschen verbreitete Sammelbezeichnung für die indigenen Völker Amerikas mit bestimmten Ausnahmen und dabei eine Fremdbezeichnung durch die Kolonialisten. Ich finde es bedenklich und nicht zu ignorieren, wenn in einem heutigen Roman unkommentiert dieses Wort repliziert wird.

Im Großen und Ganzen hat mir der vorliegende Roman wirklich sehr gut gefallen. Ich hatte bisher nur rudimentäre Kenntnisse zu Frida Kahlos und Diego Riveras Beziehung bzw. dem Leben von Frida Kahlo. Zu Ersterem erfuhr ich sehr viel - zu Letzterem nebenher durch Rückblicke auch so einiges, was bei Bedarf vertieft werden kann. Also eigentlich eine 4 Sterne Bewertung. Im speziellen Fall jedoch mit Abstrichen in der Form. Demnach sehr gute 3 Sterne von mir für diesen außergewöhnlichen Roman über eine außergewöhnliche Frau sowie ihre außergewöhnliche Beziehung.