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Veröffentlicht am 05.11.2025

Macht und Unterwerfung

Sieben Jahre
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Die vielfach preisgekrönte SPIEGEL Bestseller-Autorin Tanja Kinkel hat mit “Sieben Jahre” ein beeindruckendes Werk geschaffen, das nicht nur historisches Geschehen, sondern auch menschliches Denken und ...

Die vielfach preisgekrönte SPIEGEL Bestseller-Autorin Tanja Kinkel hat mit “Sieben Jahre” ein beeindruckendes Werk geschaffen, das nicht nur historisches Geschehen, sondern auch menschliches Denken und Fühlen behandelt.

Im Mittelpunkt stehen zwei Mitglieder der Königlichen Familie, ab 1740 Friedrich II. (der Große), König in Preußen und sein vierzehn Jahre jüngerer Bruder Heinrich, dessen Blickwinkel den Roman bestimmt. Der Schutzumschlag des Buches ist im Stil der Zeit gestaltet, zeigt auf pastösem, sepiabraunem Hintergrund zwei Frauen in der Kleidung der Zeit, jedoch ohne Gesicht. Damit wird bereits angedeutet, welche Rolle Friedrich, aber auch sein Bruder Heinrich den Frauen zudachten.

Preußen ist unter Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm I. ein gut verwaltetes Königreich mit herausragendem Heer. Doch als Vater ist Friedrich Wilhelm I. ein brutaler Tyrann, der seine Kinder verprügelt. Als Friedrichs Homosexualität offenbar wird und er vor seinem Vater fliehen will, nimmt ihn dieser in Festungshaft und richtet seinen Liebhaber hin. Nur knapp entgeht Friedrich der Todesstrafe. Da ist Heinrich vier Jahre alt und versteht die Zusammenhänge noch nicht. Doch später wird er selbst neben seinem Bruder nicht nur Teile des Heeres befehligen, sondern auch seine gleichgeschlechtlichen Neigungen teilen. Die sexuelle Orientierung der Brüder ist ein Thema, das sich durch das ganze Buch zieht. So, wie Friedrich von seinem Vater als Zeichen der Unterwerfung zu einer Heirat gezwungen wurde, zwingt er nun Heinrich zu einer verhassten Ehe. Beide Männer verachten ihre Frauen, die sie ständig an ihre Demütigung erinnern und leben nicht einmal im selben Haushalt mit ihnen.

Als Friedrich 1740 König in Preußen wird, beginnt in Wien die Herrschaft Maria Theresias, die Friedrich zwar verächtlich als Gebärmaschine, wenig geistreich, stolz, aber als “einzigen Mann” im Geschlecht der Habsburger bezeichnet. Als 1756 Preußen ohne Kriegserklärung in Sachsen einfällt, ist das der Beginn des siebenjährigen Krieges, Preußen ist mit England verbündet, Österreich aber verfügt über die größere Streitmacht, denn seine Bündnispartner sind Frankreich, Russland und Schweden. Das Schlachten kann beginnen.

Tanja Kinkel schildert in sechs Abschnitten dieses herausragenden historischen Romans den Kriegsverlauf, aber vor allem das Verhältnis zwischen Friedrich, Heinrich und dem designierten Thronfolger Wilhelm. Friedrich liebt nur einen Menschen, seine ältere Schwester Wilhelmine, mit der er aufgewachsen ist. Als diese schwer erkrankt, denkt er, dass er sie dem Tod abspenstig machen kann, wenn er in seiner Schlacht siegt. Doch Wilhelmine verstirbt.

Heinrich wiederum liebt seinen vier Jahre älteren Bruder Wilhelm und bezeichnet ihn als guten Menschen, der keinen Angriffskrieg führen würde. Auch Wilhelm ist unglücklich verheiratet, hat aber Kinder, die die Linie fortsetzen werden. Als Wilhelm das Kommando über einen Heeresteil übernimmt und in der Schlacht unterliegt demütigt ihn Friedrich öffentlich. Kurz darauf stirbt Wilhelm. Ab diesem Zeitpunkt hasst Heinrich seinen Bruder Friedrich abgrundtief.

Friedrich und Heinrich sind beide große Feldherren, jedoch mit anderer Taktik. Während Friedrich überzeugt ist, auch gegen die Warnung seiner Generäle in die Schlacht zu ziehen, ist Heinrich der eher defensive Stratege. Friedrichs Kriegsführung fügt der Armee bei Kunersdorf so hohe Verluste zu, dass er zeitweilig den Tod herbeisehnt. Heinrich wird Oberbefehlshaber des Heeres und überlegt an einer Stelle, ob man das Leben seines Bruders nicht gegen die Leben der vielen Soldaten, die vielleicht gerettet werden könnten, aufrechnen könne.

“Sieben Jahre” beleuchtet das Kriegsgeschehen aus einer menschlichen Perspektive, denn die Grundlage des Buches sind die historisch belegten Briefe der Brüder Heinrich und Friedrich. Friedrich, der zynisch schreibt, der Bruder möge seine Zeit nicht mit Nichtigkeiten- gemeint sind seine Amouren- vergeuden, sondern dem Staat dienen. Heinrich, der sich immer bewusst ist, dass er Friedrich Gehorsam schuldet und auch wenn er ihn hasst, muss er erkennen, dass er ihm immer ähnlicher wird. Tanja Kinkel erschafft aus historischen Figuren Menschen mit Bedürfnissen und Gefühlen, Geschichtszahlen werden zu Schicksalen. Nur in ihrer Liebe zur Musik gleichen die Geschwister einander.

Dieser epische Roman beleuchtet einen Ausschnitt aus der Zeit der Herrschaft Friedrichs des Großen und seiner Familie, aber deckt dadurch nicht das ganze Spektrum seiner Regentschaft ab. Auch Maria Theresia und die Verbündeten bekommen wenig Raum. Erst am Schluss des Buches hadert vor allem Heinrich mit den ungeheuren Opfern an gefallenen Soldaten, die dieser Krieg verursacht hat. Dennoch ist nur wenig Bedauern zu spüren. Auch Maria Theresia meint bloß, sie werde für die Soldaten beten. Wer dieses Buch liest, erkennt, dass die Herrschenden das einfache Volk immer als Kanonenfutter betrachtet haben und Menschlichkeit hinter den Kriegszielen zurückstand.

Als Nebenhandlung wird das Leben von Amalie, einer Schwester Friedrichs geschildert, die pro forma Äbtissin des Stiftes Quedlinburg war, aber ein freies Leben führte und sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlte. Die Lebensumstände des Volkes in der damaligen Zeit werden kaum geschildert, nur Hannibal, der Kammermoor, steht für einen eigenen Strang der Erzählung. Da damals die Herrschenden von Exoten begeistert waren und Menagerien errichteten, denen auch Mooren angehörten, diente Hannibal verschiedenen Mitgliedern des Königshauses. Da der Name des damaligen preußischen Kammermohren nicht überliefert ist, lieh sich Tanja Kinkel des Namen seines Zeitgenossen Angelo Soliman, dessen Haut nach seinem Tod präpariert und im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt wurde.

Am Beginn des schön mit Vor- und Nachsatzblättern und mit dreiseitigem Farbschnitt gestalteten Buches findet sich ein Personenverzeichnis, das die Orientierung erleichtert. Tanja Kinkel hat ein ausführliches Nachwort verfasst, das die geschichtlichen Zusammenhänge darlegt und ihre Quellen nennt. “Sieben Jahre” ist ein bemerkenswertes Buch, das die Lesenden Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erleben lässt, eine gelungene Buchpremiere, die durch ihre Ausführlichkeit besticht und es möglich macht, auf die Menschen hinter den Archiven zu blicken. Geschichtlich Interessierten mit ausreichenden Zeitbudget- das Buch ist im besten Sinne des Wortes gewichtig und umfasst 848 Seiten- kann ich diesen außergewöhnlichen, hervorragenden, gut und flüssig erzählten Roman absolut empfehlen.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Leichen lügen nicht, Spuren manchmal schon

Die Chemie des Verbrechens - Die Fährte
5

Mit “Die Chemie des Verbrechens- Die Fährte” hat die bekannte Autorin Sabine Weiss das erste Buch einer neuen Krimireihe um die forensische Kriminologin und Strafverteidigerin Dr. May Barven vorgelegt. ...

Mit “Die Chemie des Verbrechens- Die Fährte” hat die bekannte Autorin Sabine Weiss das erste Buch einer neuen Krimireihe um die forensische Kriminologin und Strafverteidigerin Dr. May Barven vorgelegt. Das ausdruckvolle Cover führt zu einer Ruine, die vor Jahren Schauplatz eines Mordes an einem jungen Mädchen, Ute, war.

May möchte sich als Rechtsanwältin selbständig machen, hat aber bisher nur mäßigen Erfolg. Erst als Ruben Rickleffs, ein bekannter Unternehmer, des Mordes bezichtigt wird, sieht May ihre Chance gekommen, denn Grundlage der Anschuldigungen ist eine DNA- Spur.
Wie ist diese an den Tatort gekommen und ist sie wirklich so eindeutig? Standen genug Marker für eine sichere Aussage zur Verfügung? May bezweifelt das und es gelingt ihr, mit Rickleffs einen Anwaltsvertrag zu schließen. Doch das Verfahren entwickelt sich anders als erwartet, erst Privatdetektiv Tarek kann neue Erkenntnisse finden. Langsam kristallisiert sich heraus, dass die Lösung dieses Verbrechens weit in der Vergangenheit liegen könnte.

In “Die Chemie des Verbrechens- Die Fährte” greift Sabine Weiss das aktuelle Thema Gen-Datenbanken auf und bringt den Lesenden die Fakten anhand eines Beispiels über einen Wolfsriss näher. Obwohl man viel über den DNA- Beweis liest, der als Königsbeweis gilt, kann diese Spur auch aus ganz anderen Gründen am Tatort gefunden werden. Genau auf diesen Aspekt arbeitet May Barven in ihrer Prozessstrategie hin. Sowohl die Familie von Ruben als auch andere, noch nicht bekannte Verwandte könnten für dieses Verbrechen in Frage kommen und May versucht alles, mögliche verdächtige Personen aufzuspüren. Ein heikles Unterfangen, bei dem Sie und Tarek in Gefahr geraten. Die Schwester des Opfers, Beate, die die tote Ute damals gefunden hat, scheint Informationen zurückzuhalten, ebenso fällt der Verdacht auf die damaligen Freunde des Opfers, denn der Ablauf des Treffens vor achtzehn Jahren, bei dem der Mord geschah, ist weiterhin unklar….

Sabine Weiss spricht in ihrem Roman das Problem an, dass mit irreführenden Beweisen möglicherweise ein Unschuldiger als Täter angeklagt wird. Sie nimmt nicht nur Rubens hartherzige Eltern, sondern vor allem die Presse ins Visier, die sich wie die Geier auf Utes Eltern und Beate stürzen, als klar ist, dass es in diesem Cold Case einen neuen Verdächtigen gibt. Utes und Beates Eltern haben den Fall ins Rollen gebracht, denn sie besitzen einen Schal mit einer verräterischen Spur. Gut zeigt Sabine Weiss auf, welche Belastung es für Angehörige bedeutet, mit der Ungewissheit zu leben, wie ihr Kind zu Tode gekommen ist.

May Barven wird als klug und ehrgeizig beschrieben, zerrissen zwischen Familie und Beruf. Da das Geld knapp ist, braucht May unbedingt einen Erfolg in einem spektakulären Fall, daher tut sie alles, um die Vertretung von Ruben vor Gericht zu übernehmen. Der Roman schildert lebensnah, mit welchen Schwierigkeiten und Rückschlägen sie zu kämpfen hat, ohne die Hilfe von Privatdetektiv Tarek hätten prozessrelevante Erkenntnisse gefehlt. Tarek selbst ist nach einer schweren Kindheit zu einem Freund von Ruben geworden und hat ein großes Herz. Sehr gut wird die Clique der Ermordeten gezeichnet, Jugendliche, die gut darin sind, Bosheiten zu erfinden und ihre Bedürfnisse ohne Rücksicht auszuleben. Bis zum Schluss des Buches tappt man als Mitratender im Dunklen, wer der Täter dieses abscheulichen Verbrechens ist. Allerdings bleiben auch einige Handlungsstränge offen, die vielleicht im zweiten Band der Reihe aufgegriffen werden.

In klarer, lebendiger und bildhafter Weise stellt Sabine Weiss die Protagonisten vor und Twists, die allerdings einige Fragen nicht beantworten, sorgen immer wieder für neue Blickwinkel. So bleibt der Spannungsbogen bis zum Schluss erhalten, diese flüssige Erzählung macht das Thema Forensik auch für Laien verständlich. Wer Interesse hat, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und gleichzeitig einen spannenden Kriminalroman lesen möchte hat genau zum richtigen Buch gegriffen.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Bei guter Haushaltsführung Mord

Mord in besserer Gesellschaft
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Die bekannte britische Autorin Josie Lloyd hat mit “Mord in besserer Gesellschaft” einen Cosy Crime Roman vorgelegt, der in eine Welt der Reichen und Schönen entführt. Schon auf dem stimmungsvollen Cover ...

Die bekannte britische Autorin Josie Lloyd hat mit “Mord in besserer Gesellschaft” einen Cosy Crime Roman vorgelegt, der in eine Welt der Reichen und Schönen entführt. Schon auf dem stimmungsvollen Cover ist Miss Beeton abgebildet, die wider Willen in einem Mordfall ermittelt.

Alice Beeton ist in einem englischen Herrenhaus aufgewachsen, geerbt hat ihr Bruder. Sie betreibt nun eine Vermittlungsagentur für Hausangestellte in London und hat sich damit einen guten Ruf erworben. Mit an Bord ist auch Freundin Jinx, glamourös und mit vielen guten Kontakten, wo hingegen Alice eher der bodenständige Typ ist. Als eine betuchte Kundin, Camille Messent, dringend eine neue Hauswirtschafterin sucht, sitzt gerade Enya bei Alice im Büro für ein Bewerbungsgespräch, für Alice die perfekte Kandidatin. Doch im Hause Messent ist nicht alles wie es scheint….

Josie Lloyd hat mit Alice eine sehr freundliche, zugängliche und tüchtige Frau geschaffen, die Krimis liebt und ihren Hund daher Agatha getauft hat, natürlich nach Agatha Christie. Dieser Hund begleitet sie überall hin, auch in das Haus der Messents, als Enya dort tot aufgefunden wird. Nun ermittelt Alice undercover als Haushälterin, alle Haushaltsmitglieder, Camille, ihr Mann Alex und auch die Sekretärin sind verdächtig. Bedauernswert ist Tochter Laura, um die sich in dieser Familie niemand kümmert. Alice findet immer wieder Spuren, unterstützt von guten Freunden gelingt es ihr, den Tatort zu untersuchen. Denn ihrer Meinung nach hat die Polizei den Fall zu schnell an eine höhere Dienststelle abgeben müssen. Nun stellt es sich als Glücksfall heraus, dass ihr Bruder Jasper, der ständig in Geldschwierigkeiten ist, das Herrenhaus für eine besondere Veranstaltung zur Verfügung stellen kann. Denn hier geht es um die Lösung eines internationalen Kriminalfalles und genau im Elternhaus von Alice soll die Falle zuschnappen.

Ein heimlicher Star des Buches ist die Hündin Agatha, die nicht von der Seite ihrer Herrin weicht, zumindest nicht freiwillig. Sie lockert die Geschichte immer wieder auf und man kann Alice gut verstehen, die der Hündin ihre ganze Liebe schenkt. Denn obwohl die Agentur gut läuft, hat Alice immer wieder Pech. Ihre Wohnung wird zerstört und bei ihren Ermittlungen zu Enyas Ableben gerät sie selbst in große Gefahr. Dennoch findet der Roman ein positives und versöhnliches Ende und selbstverständlich löst Alice diesen spektakulären Kriminalfall.

“Mord in besserer Gesellschaft” ist ein spannendes Buch, das man ganz entspannt lesen kann. Der Schreibstil ist phantasievoll, flüssig und bildhaft, alle Protagonisten werden pointiert und kurzweilig beschrieben, man kann sich gut in die Situation von Alice einfühlen. Da Alice gerne kocht und bäckt finden sich oft Rezepte im Text, die den Lesenden die englische Küche näher bringen, leider sind nicht alle Bezeichnungen auch im Deutschen gebräuchlich. Das Buch lebt von liebevoll gezeichneten Charakteren und natürlich, wie könnte es anders sein, von Agathas “Wuff”. Fans von Miss Marple und Hercule Poirot haben hier genau zum richtigen Buch gegriffen, das ich für entspannte Stunden gerne empfehle.

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Veröffentlicht am 27.10.2025

Deine? Meine? Unsere!

Die Streitsaurier
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Mit “ Die Streitsaurier” hat die bekannte Autorin Annette Langen ein fröhliches Kinderbuch vorgelegt, die farbenfrohen und großteils ganzseitigen Illustrationen stammen von Gloria Jasionowski. Schon auf ...

Mit “ Die Streitsaurier” hat die bekannte Autorin Annette Langen ein fröhliches Kinderbuch vorgelegt, die farbenfrohen und großteils ganzseitigen Illustrationen stammen von Gloria Jasionowski. Schon auf dem Hardcover dieses hochwertigen und großformatigen Buches sind die beiden Saurier, das Miracelrex und der Superosaurus abgebildet, doch worum streiten sie?

Im Stillen Ozean ist es gar nicht still, plötzlich taucht eine Insel auf und beide Saurier behaupten: “Das ist meine Insel”. Da kann man sich natürlich nicht einigen, wer der Bessere ist. Wer ist stärker, wer ist größer? Doch als plötzlich die Insel verschwindet und beide Saurier im Meer treiben, erkennen sie, dass nur Zusammenhalt Erfolg bringt.

Dieses Buch überzeugt mit kindgerechten, kurzen Texten, es gibt sogar eine eigene Sauriersprache und am Schluss des Buches ein kleines Wörterbuch dazu. Allerdings steht die Übersetzung auch gleich im Anschluss im Text. Hervorzuheben sind die phantasievollen Illustrationen, die die Aufmerksamkeit der Kinder an der Geschichte aufrecht erhalten. Das Buch ist humorvoll und manchmal werden auch die Erwachsenen schmunzeln, wenn Kinder versuchen, wie die Saurier zu sprechen oder ihre Wettbewerbe nachzustellen. Auch spricht das Buch die Kinder oft direkt an, dadurch wirkt die Geschichte lebendig. Das Buch wird ab vier Jahren empfohlen, aber auch ältere Kinder werden hier gerne mitlesen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Streit und erst als die beiden Saurier in Not sind, erkennen sie, dass sie im selben Boot sitzen, in der Geschichte am selben Baumstamm hängen. Und nun bemerken sie, dass Streiten gar nicht schlau ist.

Das Buch schildert in witziger Form, wie Streit entsteht, eine ideale Situation, um mit Kindern über Auseinandersetzungen zu sprechen. Konfliktlösungsstrategien darf man sich aber nicht erwarten, sondern die Erkenntnis, dass gemeinsam alles leichter geht. Diese lustige Geschichte macht gleich gute Laune und die vielen großen Illustrationen heben das Buch wohltuend von anderen Kinderbüchern ab. Ich habe die Geschichte mit meinem vier Jahre alten Enkel gelesen und wir können sie allen kleinen und großen Leseratten gerne empfehlen.

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Veröffentlicht am 25.10.2025

Scheinreich- Eine Wiener Geschichte über Liebe, Lust, Lüge und Leid

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Die bekannte, mit vielen Preisen ausgezeichnete Autorin Vea Kaiser hat mit ihrem neuen Roman “Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels” ein Bild von Wien von den neunzehnhundertachtziger Jahren bis ...


Die bekannte, mit vielen Preisen ausgezeichnete Autorin Vea Kaiser hat mit ihrem neuen Roman “Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels” ein Bild von Wien von den neunzehnhundertachtziger Jahren bis in die Jetztzeit gezeichnet. Der gediegene Schutzumschlag des Buches zeigt einen Luster der Wiener Manufaktur Lobmeyr, der so in Hotels auf der ganzen Welt hängen könnte. In diesem Roman hängt er in Wien im fiktiven Traditionshotel Frohner.

Angelika, Ende zwanzig, ist dort Buchhalterin. Jeden Tag sieht sie, die in einem Gemeindebau im roten Wien aufgewachsen ist, die Reichen und Schönen mit ihrem wie selbstverständlich herablassenden Benehmen und ungehobelten Manieren. Angelika ist eine Partymaus, trägt gerne Miniröcke und frequentiert neben Discos durchaus auch einmal mit ihrer Freundin Ingi den Branntweiner ums Eck. Doch in ihrer Arbeit ist sie sehr penibel und ehrgeizig, denn ihre Mutter, Hausmeisterin im Gemeindebau, hat ihr als Kind zwar keine Liebe gegeben, aber Prinzipien: Haltung bewahren und keine Fehler machen, dann könne niemand etwas sagen.

Auch der Hoteldirektor ist von Angelikas Fleiß beeindruckt. Gegen eine Manipulation der Buchhaltung könne sie Karriere machen. Aber Angelika wird schwanger, bekommt einen Sohn, Sebastian, hat einen notorisch unzuverlässigen Partner und das Geld ist knapp. Angelika sinnt auf Abhilfe, was der Direktor kann, kann sie auch.

“Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels” erzählt die Geschichte einer Frau, die sich mit den falschen Männern umgibt, die wenig Hilfe bieten und noch weniger Geld haben. Doch um Hilfe von den Großeltern von Sebastian anzunehmen, ist sie zu stolz. Dieser Roman ist eine Entwicklungsgeschichte von der Kindheit der vaterlos aufgewachsenen Angelika über die Kindheit ihres Sohnes bis zu seinem Erwachsenenalter. Immer wieder macht sich Angelika vor, dass sie sich ja nur einen Kredit gewähre, wenn sie Geld des Hotels auf ihre Privatkonten abzweigt. Die schwierigen ersten Jahre als Mutter - zwischen Glück und Verzweiflung- können die Lesenden ebenso mitverfolgen wie den steigenden Wohlstand der Familie mit Kauf einer Villa in der besten Gegend Wiens. Auch Sebastian entwickelt sich von einem schwierigen pubertierenden jungen Mann zu einem scheinbar äußert erfolgreichen Erwachsenen. Doch dann ist Sebastian wieder in finanziellen Schwierigkeiten…

Vea Kaiser hat einen gelungenen Kunstgriff gemacht, um ihre Geschichte zu erzählen, die auf einem wahren Kriminalfall beruht. Sie lässt die Autorin, vielleicht Vea Kaiser selbst, Angelika im Gefängnis besuchen und rollt so das Leben einer Frau auf, die alles für ihr Kind tun wollte, aber letztlich jedes Maß verloren und einen enormen Schaden verursacht hat. Besonders hervorheben muss man den typischen Wiener Lokalkolorit, der die Schilderungen der Sprache und des Lebens im Gemeindebau genau so authentisch wiedergibt wie die Bussi-Bussi-Welt der Reichen. Manchmal erscheint die Sprache derb, die Dialektausdrücke sind aber zu dieser Zeit durchaus gebräuchlich und werden auch im Anhang erklärt.

Der Roman bietet ausgeprägte Charaktere. Die Hauptfigur ist Angelika, die die gehobene Gesellschaft einerseits verachtet- wer einmal in der roten Wolle gefärbt wurde, wird das ein Leben lang nicht vergessen- andererseits aber gerne dazugehören möchte, vor allem um ihres Sohnes willen. Das scheint zu gelingen, doch auch hier nimmt das Leben unglückliche Wendungen. Alle anderen Figuren sind ebenso bezeichnend ausgearbeitet, Männer, die entweder nicht fähig oder willig sind, Verantwortung zu übernehmen. Angelikas Freundin Ingi steht für das Abrutschen ins Drogenmilieu, doch selbst in dieser Situation bleibt Angelika ihr gegenüber loyal. Trotz ihrer ausgeprägten Begabung für Zahlen fällt Angelika jedoch selbst auf Betrüger herein. Neben allen Problemen leidet ihre Mutter an fortschreitender Demenz, eine enorme Belastung und ein weiterer Faktor, der großteils nur ein fremdbestimmtes Leben ermöglicht.

Vea Kaiser schreibt lebendig und beobachtend, niemals wertend. Die Milieuschilderungen sind exakt gelungen und die Lesenden nehmen direkt an Angelikas Leben teil. Dennoch fokussiert sich das Buch weniger auf den Kriminalfall, sondern mehr auf Angelikas Mutterrolle, eine zwar sehr interessante Perspektive, die aber vielen Leserinnen aus eigener Erfahrung bekannt sein wird, wodurch für diese Gruppe vielleicht Längen entstehen könnten. Freude werden aber alle Wien- Liebhaber haben, denn Vea Kaiser erwähnt nicht nur die wichtigsten Wiener Sehenswürdigkeiten, sondern auch die oftmals heute noch existierenden Lokale und Kaffeehäuser, die Würstelstände, den Opernball und sogar die Branntweiner, wo man schon am frühen Morgen Alkohol bekommt. Nicht nur wegen dieses typischen Wien-Flairs bietet dieser vielschichtige Roman gute Unterhaltung, ist absolut lesenswert und ich empfehle ihn gerne weiter.

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