Macht und Unterwerfung
Sieben JahreDie vielfach preisgekrönte SPIEGEL Bestseller-Autorin Tanja Kinkel hat mit “Sieben Jahre” ein beeindruckendes Werk geschaffen, das nicht nur historisches Geschehen, sondern auch menschliches Denken und ...
Die vielfach preisgekrönte SPIEGEL Bestseller-Autorin Tanja Kinkel hat mit “Sieben Jahre” ein beeindruckendes Werk geschaffen, das nicht nur historisches Geschehen, sondern auch menschliches Denken und Fühlen behandelt.
Im Mittelpunkt stehen zwei Mitglieder der Königlichen Familie, ab 1740 Friedrich II. (der Große), König in Preußen und sein vierzehn Jahre jüngerer Bruder Heinrich, dessen Blickwinkel den Roman bestimmt. Der Schutzumschlag des Buches ist im Stil der Zeit gestaltet, zeigt auf pastösem, sepiabraunem Hintergrund zwei Frauen in der Kleidung der Zeit, jedoch ohne Gesicht. Damit wird bereits angedeutet, welche Rolle Friedrich, aber auch sein Bruder Heinrich den Frauen zudachten.
Preußen ist unter Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm I. ein gut verwaltetes Königreich mit herausragendem Heer. Doch als Vater ist Friedrich Wilhelm I. ein brutaler Tyrann, der seine Kinder verprügelt. Als Friedrichs Homosexualität offenbar wird und er vor seinem Vater fliehen will, nimmt ihn dieser in Festungshaft und richtet seinen Liebhaber hin. Nur knapp entgeht Friedrich der Todesstrafe. Da ist Heinrich vier Jahre alt und versteht die Zusammenhänge noch nicht. Doch später wird er selbst neben seinem Bruder nicht nur Teile des Heeres befehligen, sondern auch seine gleichgeschlechtlichen Neigungen teilen. Die sexuelle Orientierung der Brüder ist ein Thema, das sich durch das ganze Buch zieht. So, wie Friedrich von seinem Vater als Zeichen der Unterwerfung zu einer Heirat gezwungen wurde, zwingt er nun Heinrich zu einer verhassten Ehe. Beide Männer verachten ihre Frauen, die sie ständig an ihre Demütigung erinnern und leben nicht einmal im selben Haushalt mit ihnen.
Als Friedrich 1740 König in Preußen wird, beginnt in Wien die Herrschaft Maria Theresias, die Friedrich zwar verächtlich als Gebärmaschine, wenig geistreich, stolz, aber als “einzigen Mann” im Geschlecht der Habsburger bezeichnet. Als 1756 Preußen ohne Kriegserklärung in Sachsen einfällt, ist das der Beginn des siebenjährigen Krieges, Preußen ist mit England verbündet, Österreich aber verfügt über die größere Streitmacht, denn seine Bündnispartner sind Frankreich, Russland und Schweden. Das Schlachten kann beginnen.
Tanja Kinkel schildert in sechs Abschnitten dieses herausragenden historischen Romans den Kriegsverlauf, aber vor allem das Verhältnis zwischen Friedrich, Heinrich und dem designierten Thronfolger Wilhelm. Friedrich liebt nur einen Menschen, seine ältere Schwester Wilhelmine, mit der er aufgewachsen ist. Als diese schwer erkrankt, denkt er, dass er sie dem Tod abspenstig machen kann, wenn er in seiner Schlacht siegt. Doch Wilhelmine verstirbt.
Heinrich wiederum liebt seinen vier Jahre älteren Bruder Wilhelm und bezeichnet ihn als guten Menschen, der keinen Angriffskrieg führen würde. Auch Wilhelm ist unglücklich verheiratet, hat aber Kinder, die die Linie fortsetzen werden. Als Wilhelm das Kommando über einen Heeresteil übernimmt und in der Schlacht unterliegt demütigt ihn Friedrich öffentlich. Kurz darauf stirbt Wilhelm. Ab diesem Zeitpunkt hasst Heinrich seinen Bruder Friedrich abgrundtief.
Friedrich und Heinrich sind beide große Feldherren, jedoch mit anderer Taktik. Während Friedrich überzeugt ist, auch gegen die Warnung seiner Generäle in die Schlacht zu ziehen, ist Heinrich der eher defensive Stratege. Friedrichs Kriegsführung fügt der Armee bei Kunersdorf so hohe Verluste zu, dass er zeitweilig den Tod herbeisehnt. Heinrich wird Oberbefehlshaber des Heeres und überlegt an einer Stelle, ob man das Leben seines Bruders nicht gegen die Leben der vielen Soldaten, die vielleicht gerettet werden könnten, aufrechnen könne.
“Sieben Jahre” beleuchtet das Kriegsgeschehen aus einer menschlichen Perspektive, denn die Grundlage des Buches sind die historisch belegten Briefe der Brüder Heinrich und Friedrich. Friedrich, der zynisch schreibt, der Bruder möge seine Zeit nicht mit Nichtigkeiten- gemeint sind seine Amouren- vergeuden, sondern dem Staat dienen. Heinrich, der sich immer bewusst ist, dass er Friedrich Gehorsam schuldet und auch wenn er ihn hasst, muss er erkennen, dass er ihm immer ähnlicher wird. Tanja Kinkel erschafft aus historischen Figuren Menschen mit Bedürfnissen und Gefühlen, Geschichtszahlen werden zu Schicksalen. Nur in ihrer Liebe zur Musik gleichen die Geschwister einander.
Dieser epische Roman beleuchtet einen Ausschnitt aus der Zeit der Herrschaft Friedrichs des Großen und seiner Familie, aber deckt dadurch nicht das ganze Spektrum seiner Regentschaft ab. Auch Maria Theresia und die Verbündeten bekommen wenig Raum. Erst am Schluss des Buches hadert vor allem Heinrich mit den ungeheuren Opfern an gefallenen Soldaten, die dieser Krieg verursacht hat. Dennoch ist nur wenig Bedauern zu spüren. Auch Maria Theresia meint bloß, sie werde für die Soldaten beten. Wer dieses Buch liest, erkennt, dass die Herrschenden das einfache Volk immer als Kanonenfutter betrachtet haben und Menschlichkeit hinter den Kriegszielen zurückstand.
Als Nebenhandlung wird das Leben von Amalie, einer Schwester Friedrichs geschildert, die pro forma Äbtissin des Stiftes Quedlinburg war, aber ein freies Leben führte und sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlte. Die Lebensumstände des Volkes in der damaligen Zeit werden kaum geschildert, nur Hannibal, der Kammermoor, steht für einen eigenen Strang der Erzählung. Da damals die Herrschenden von Exoten begeistert waren und Menagerien errichteten, denen auch Mooren angehörten, diente Hannibal verschiedenen Mitgliedern des Königshauses. Da der Name des damaligen preußischen Kammermohren nicht überliefert ist, lieh sich Tanja Kinkel des Namen seines Zeitgenossen Angelo Soliman, dessen Haut nach seinem Tod präpariert und im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt wurde.
Am Beginn des schön mit Vor- und Nachsatzblättern und mit dreiseitigem Farbschnitt gestalteten Buches findet sich ein Personenverzeichnis, das die Orientierung erleichtert. Tanja Kinkel hat ein ausführliches Nachwort verfasst, das die geschichtlichen Zusammenhänge darlegt und ihre Quellen nennt. “Sieben Jahre” ist ein bemerkenswertes Buch, das die Lesenden Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erleben lässt, eine gelungene Buchpremiere, die durch ihre Ausführlichkeit besticht und es möglich macht, auf die Menschen hinter den Archiven zu blicken. Geschichtlich Interessierten mit ausreichenden Zeitbudget- das Buch ist im besten Sinne des Wortes gewichtig und umfasst 848 Seiten- kann ich diesen außergewöhnlichen, hervorragenden, gut und flüssig erzählten Roman absolut empfehlen.