Verdrängte Schuld
BerchtesgadenIn ihrem ersten Roman, “Berchtesgaden”, hat sich die bekannte Drehbuchautorin Carolin Otto der unmittelbaren Nachkriegszeit angenommen. Der Krieg ist zu Ende, das Führer- Hauptquartier auf dem Obersalzberg ...
In ihrem ersten Roman, “Berchtesgaden”, hat sich die bekannte Drehbuchautorin Carolin Otto der unmittelbaren Nachkriegszeit angenommen. Der Krieg ist zu Ende, das Führer- Hauptquartier auf dem Obersalzberg verwaist, die amerikanischen Besatzer übernehmen die Macht. Auf dem ausdrucksstarken Cover findet sich das gut gewählte Sujet einer jungen Frau in der Kleidung der damaligen Zeit.
Der Schauplatz des Romans ist Berchtesgaden im südöstlichen Zipfel Oberbayerns. Zwei junge Mädchen, Sophie und Magda, bestaunen das verlassene Haus von Albert Speer, Hitlers Architekten. So viel Wohlstand! Nach einigem Zögern beschließen die Mädchen zu plündern, wie so viele andere auch. Als Sophies geliebter Bruder Max das Beutegut sieht, wirft er der Familie Verrat vor, denn Max ist überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der SS. Spät wird Sophie mit den ungeheuerlichen Verbrechen der SS konfrontiert werden, die begangenen abscheulichen Untaten werden von Max lapidar damit gerechtfertigt, dass Krieg war und töten sein Geschäft. Seine Schilderungen werden das, was Sophie bereits als Schreibkraft beim amerikanischen Military Government erfahren hat, an Gräuel weit übertreffen. Max schreckt auch nicht davor zurück, Magda, die ihn bis zur Besessenheit liebt, auszunutzen.
Der Autorin ist es gelungen, ein detailliert recherchiertes Geschichtspanorama darzustellen, ein umfangreiches Quellenverzeichnis findet sich am Ende des Buches. In ihrem Nachwort betont Carolin Otto, dass viele ihrer Charaktere historisch belegt sind, so Dr. Kriss, von den Nazis zum Tode verurteilt, der unter amerikanischer Besatzung Bürgermeister von Berchtesgaden wurde. Mehrere historische Kriegsfotografinnen dienten als Vorbild für die Figur die amerikanischen Reporterin Meg, die erschütternde Bilder macht und in ihr Heimatland sendet, jedoch auch an Raubkunst Interesse hat.
Das Buch beschreibt, wie leicht Schuld verdrängt wird, wie sehr sich die Menschen nach dem Krieg die Normalität zurückwünschten. Sophie ist das Beispiel einer jungen Frau, die sich lange nicht mit dem Kriegsgeschehen auseinander gesetzt hat und die hoffnungsvoll und anfänglich auch naiv in die Zukunft blickt. Sie verliebt sich in den schwarzen GI Sam, der lieber als Sieger in Deutschland bleibt, als die Rassendiskriminierung in Amerika zu erleben. Dennoch verstößt die Beziehung gegen das Fraternisierungsverbot.
Der Halbjude Frank Rosenberg, aus Deutschland geflohen und nun als Besatzer zurückgekehrt, ist für die Verhöre der ehemaligen Nationalsozialisten zuständig. Nur wenige bekennen sich schuldig, die meisten Menschen berufen sich auf Befehlsnotstand. So wie fast alle Familien hat auch Frank eine Tote zu betrauern, allerdings hofft er, dass seine Nichte noch am Leben ist.
Auch die weiteren handelnden Personen sind lebensnah beschrieben. Magda ist mit Mutter und Tante vor den Russen geflohen; Ali, eine Schauspielerin, hat ein Verhältnis und ein Kind mit einem ranghohen deutschen Soldaten; Dr. Kriss versucht, das Leben für die Einwohner von Berchtesgaden zu verbessern.
So findet sich in den parallel laufenden, jedoch auch miteinander verwobenen Handlungssträngen des Buches die Schilderung der damaligen Lebensrealität, die Täter und Opfer, Mitläufer und weiterhin überzeugte Nationalsozialisten zusammenbringt.
Der Schreibstil von Carolin Otto ist beobachtend, erzählend, fast plakativ. Die Stofffülle des Buches und die Vielzahl der handelnden Personen bewirkt jedoch auch, dass die Lesenden zwar einen guten Überblick über die Nachkriegszeit in diesem Lieblingsort des Führers erhalten, allerdings gibt es nur einige Szenen, die tatsächlich berühren. Dennoch ist es die Intention des Romans, aufzuzeigen, wie leicht Unrecht verdrängt wird und wie schwierig die Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse auch heute noch ist. Leider bleiben im Roman viele Handlungsfäden unverknüpft, hier wäre ein zweiter Band wünschenswert.
Carolin Otto hat mit “Berchtesgaden” ein ausgezeichnet recherchiertes Buch geschrieben, das als Plädoyer für die Demokratie verstanden werden soll und das Geschehnisse wieder ins Gedächtnis ruft, über die zu schweigen unerträglich wäre.