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Veröffentlicht am 01.05.2026

Freundschaft und ein rätselhafter Rabe

Schon schwankte die Welt
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Wenn ich beschreiben müsste, welche Jahreszeit dieses Buch verkörpert, dann würde ich Frühling sagen, konkreter April, noch konkreter einer dieser Tage, an dem erst die Sonne scheint und es dann plötzlich ...

Wenn ich beschreiben müsste, welche Jahreszeit dieses Buch verkörpert, dann würde ich Frühling sagen, konkreter April, noch konkreter einer dieser Tage, an dem erst die Sonne scheint und es dann plötzlich hagelt und stürmt, nur damit danach die Sonne wieder unbekümmert hervorscheint. Als ungefähr so wechselhaft habe ich das Buch empfunden und ungefähr so denke ich auch jetzt darüber.

Aber einmal konkret: die Protagonistin Viktoria ist Mitte vierzig und hat, nachdem ihre Tochter Lara zum Studium ausgezogen ist, ihre Biologiepromotion wiederaufgenommen. Sie forscht zum Thema Kommunikation unter Raben. Ihre beste Freundin Helena spielt in ihrem Leben eine riesige Rolle, denn neben der besten Freundin ist sie quasi der zweite Elternteil von Lara. Der Vater spielt eigentlich kaum eine Rolle in Laras Leben und hat sich seiner Verantwortung mehr oder weniger entzogen. Durch einen Zufall lernt Viktoria den 25-jährigen Pollux bzw. Polly kennen und es entwickelt sich eine starke Anziehung und schließlich eine Beziehung zwischen den beiden. Aufgrund des Altersunterschieds sind Helena und Lara nicht gerade angetan von Viktorias neuer Beziehung. Und dann kommt noch der Rabe ins Spiel, den Viktoria vor Jahren von Hand aufgezogen hatte und ein rätselhaftes „Möbiusband“ vorbeibringt.

Mehr möchte ich zur Handlung nicht vorwegnehmen.

Die Autorin verwendet eine angenehme Sprache und das Buch ließ sich insgesamt sehr gut lesen. Die Kapitel waren auch schön kurz, was praktisch war, da ich das Buch in mehreren Häppchen gelesen habe. Toll fand ich, dass man die Innenperspektiven der verschiedenen Personen kennenlernen konnte. Die Autorin hat sehr interessant damit gespielt, jeweils die gleiche Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln (Personen) zu beschreiben.

Nun zu den Aspekten, die mir nicht ganz so gut gefallen haben: das Buch ist keine 200 Seiten lang, behandelt aber eine Fülle an Themen, die jeweils aber eher nur angerissen werden, darunter Freundschaft, unkonventionelle Familienmodelle, Aufwachsen ohne Vater bzw. mit einem gewalttätigen Vater, Queerness, Beziehungen mit großem Altersunterschied, Leben mit einem alkoholkranken Elternteil und tatsächlich noch einigen mehr. Zum Teil entwickeln sich zu den Themen Konflikte zwischen den Romanfiguren, die aber nicht wirklich durch Aussprachen gelöst werden. Ich halte die angesprochenen Themen alle für total wichtig, hätte mir aber eher weniger Themen und etwas mehr Tiefe gewünscht.

Das Rabenthema bleibt für mich zudem völlig rätselhaft. Das Möbiusband und der Rabe dienen eigentlich nur dazu, die Handlung bzw. den Konflikt voranzutreiben und haben keine eigenständige Bedeutung. Gleichzeitig bauscht die Autorin das Thema derart auf, dass man erst denkt, etwas über Raben zu lernen, nur damit es fast in eine Fantasy-/Science-Fiction-Richtung abdriftet, die gar nicht zu dem Buch passt.

Ich bin zwiegespalten, was das Buch angeht. Ich fand die Idee eigentlich ganz toll, aber am Ende war die Umsetzung für mich nicht überzeugend. Die Autorin werde ich dennoch im Blick behalten.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Ein Roman, der hinsieht, wo andere wegschauen

Da, wo ich dich sehen kann
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Der neue Roman von Jasmin Schreiber hat mich wirklich auf mehreren Ebenen begeistert und bedrückt.

Das Titelthema des Buches ist Femizid bzw. partnerschaftliche Gewalt. Inhaltlich geht es um die neunjährige ...

Der neue Roman von Jasmin Schreiber hat mich wirklich auf mehreren Ebenen begeistert und bedrückt.

Das Titelthema des Buches ist Femizid bzw. partnerschaftliche Gewalt. Inhaltlich geht es um die neunjährige Maja, der durch die Tötung ihrer Mutter durch ihren Vater der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie lebt nun nicht mehr in ihrer Heimatstadt Hamburg, sondern bei ihren Großeltern Brigitte und Per in einer Kleinstadt in Hessen und muss dort den Verlust ihrer Mutter und irgendwie auch den ihres Vaters, der jetzt im Gefängnis sitzt, verarbeiten. Eine wesentliche Rolle spielt auch Liv, die beste Freundin der getöteten Emma, also der Mutter von Maja. Der Roman beleuchtet die Lücke, die Emma durch ihren Tod hinterlässt und damit die Opferperspektive und (erfreulicherweise) nicht das Leben des Täters und Ehemannes Frank. Man erfährt, wie das Leben der Protagonisten weitergeht, wie es sich stabilisiert und welche Hürden es mit sich bringt.

Der Schreibstil von Jasmin Schreiber ist super flüssig und angenehm zu lesen. Die Pausen, die ich beim Lesen gemacht habe, waren dem teils schweren Inhalt geschuldet, aber nicht dem kreativen Schreiben. Kreativ, denn die Autorin bedient sich zum Teil anderer Textformen, die den Roman insgesamt realistischer erscheinen lassen. Neben den Kapiteln aus Sicht der verschiedenen Protagonisten und zum Teil auch der verstorbenen Emma gibt es Notrufprotokolle, gerichtliche Schreiben und E-Mails zu lesen, die aber einen deutlich kleineren Anteil ausmachen.

Die Autorin macht Physik in dem Buch zu einem schönen Randthema, die Leser*innen ihrer anderen Bücher werden das schon mit der Biologie kennen.

Ich würde dieses Buch wirklich jedem und jeder empfehlen. Nach diesem Buch fragt niemand mehr „Warum ist sie nicht gegangen?“. Das Thema wird auf die einzig richtige und wichtige Weise beleuchtet. Die Thesen bzw. Erkenntnisse zu Femiziden und partnerschaftlicher Gewalt sind von der Autorin an vielen Stellen in Dialoge eingearbeitet. Das wirkt auf mich zum Teil etwas gewollt, darüber sehe ich aber gerne hinweg, wenn dadurch Menschen, die sich nicht so viel mit partnerschaftlicher Gewalt beschäftigen, an das Thema herangeführt werden können.

Bei Majas Geschichte handelt es sich um eine fiktive Geschichte, aber nicht um eine, die nicht genau so passieren kann. Ich kann der Autorin daher nur gratulieren, dass sie die Geschichten so vieler Menschen erzählt und sichtbar macht, wie sehr partnerschaftliche Gewalt in unserer Gesellschaft verankert ist.

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