Freundschaft und ein rätselhafter Rabe
Schon schwankte die WeltWenn ich beschreiben müsste, welche Jahreszeit dieses Buch verkörpert, dann würde ich Frühling sagen, konkreter April, noch konkreter einer dieser Tage, an dem erst die Sonne scheint und es dann plötzlich ...
Wenn ich beschreiben müsste, welche Jahreszeit dieses Buch verkörpert, dann würde ich Frühling sagen, konkreter April, noch konkreter einer dieser Tage, an dem erst die Sonne scheint und es dann plötzlich hagelt und stürmt, nur damit danach die Sonne wieder unbekümmert hervorscheint. Als ungefähr so wechselhaft habe ich das Buch empfunden und ungefähr so denke ich auch jetzt darüber.
Aber einmal konkret: die Protagonistin Viktoria ist Mitte vierzig und hat, nachdem ihre Tochter Lara zum Studium ausgezogen ist, ihre Biologiepromotion wiederaufgenommen. Sie forscht zum Thema Kommunikation unter Raben. Ihre beste Freundin Helena spielt in ihrem Leben eine riesige Rolle, denn neben der besten Freundin ist sie quasi der zweite Elternteil von Lara. Der Vater spielt eigentlich kaum eine Rolle in Laras Leben und hat sich seiner Verantwortung mehr oder weniger entzogen. Durch einen Zufall lernt Viktoria den 25-jährigen Pollux bzw. Polly kennen und es entwickelt sich eine starke Anziehung und schließlich eine Beziehung zwischen den beiden. Aufgrund des Altersunterschieds sind Helena und Lara nicht gerade angetan von Viktorias neuer Beziehung. Und dann kommt noch der Rabe ins Spiel, den Viktoria vor Jahren von Hand aufgezogen hatte und ein rätselhaftes „Möbiusband“ vorbeibringt.
Mehr möchte ich zur Handlung nicht vorwegnehmen.
Die Autorin verwendet eine angenehme Sprache und das Buch ließ sich insgesamt sehr gut lesen. Die Kapitel waren auch schön kurz, was praktisch war, da ich das Buch in mehreren Häppchen gelesen habe. Toll fand ich, dass man die Innenperspektiven der verschiedenen Personen kennenlernen konnte. Die Autorin hat sehr interessant damit gespielt, jeweils die gleiche Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln (Personen) zu beschreiben.
Nun zu den Aspekten, die mir nicht ganz so gut gefallen haben: das Buch ist keine 200 Seiten lang, behandelt aber eine Fülle an Themen, die jeweils aber eher nur angerissen werden, darunter Freundschaft, unkonventionelle Familienmodelle, Aufwachsen ohne Vater bzw. mit einem gewalttätigen Vater, Queerness, Beziehungen mit großem Altersunterschied, Leben mit einem alkoholkranken Elternteil und tatsächlich noch einigen mehr. Zum Teil entwickeln sich zu den Themen Konflikte zwischen den Romanfiguren, die aber nicht wirklich durch Aussprachen gelöst werden. Ich halte die angesprochenen Themen alle für total wichtig, hätte mir aber eher weniger Themen und etwas mehr Tiefe gewünscht.
Das Rabenthema bleibt für mich zudem völlig rätselhaft. Das Möbiusband und der Rabe dienen eigentlich nur dazu, die Handlung bzw. den Konflikt voranzutreiben und haben keine eigenständige Bedeutung. Gleichzeitig bauscht die Autorin das Thema derart auf, dass man erst denkt, etwas über Raben zu lernen, nur damit es fast in eine Fantasy-/Science-Fiction-Richtung abdriftet, die gar nicht zu dem Buch passt.
Ich bin zwiegespalten, was das Buch angeht. Ich fand die Idee eigentlich ganz toll, aber am Ende war die Umsetzung für mich nicht überzeugend. Die Autorin werde ich dennoch im Blick behalten.